Anscheinend hat die populärwissenschaftliche US-Zeitschrift “Scientific American” (in Deutschland Spektrum der Wissenschaft) die Bedeutung der Blogosphäre für die wissenschaftliche Kommunikation erkannt: nicht nur kann man auf der Internetseite die einzelnen Artikel kommentieren (allerdings erst nach Registrierung), sondern in der Seitenleiste wird auch angezeigt, welches Blog bereits über den jeweiligen Artikel berichtet hat (“Who’s Blogging This”) bzw. welche SciAm-Artikel am häufigsten in Weblogs auftauchen (“Most Blogged”).
Zugegeben, das Feature funktioniert noch nicht optimal:
Die Links führen nicht zu den jeweiligen Blogbeiträgen, in denen über den Artikel geschrieben wurde, sondern auf die Startseite des Blogs
Die Links in der Rubrik “Who’s Blogging This” bleiben konstant, egal, welchen Artikel man gerade liest – worauf beziehen sie sich denn überhaupt?
Es ist nicht klar, auf welchen Zeitraum sich das “Most Blogged” bezieht.
Aber die Idee dahinter ist wichtig (ganz im Sinne von Ferdinand Thönnies “nur eine Tendenz, aber Tendenzen sind wichtig”): Man sieht direkt auf den Seiten der Zeitschriften (natürlich momentan nur der Onlineausgaben), welche Blogger sich auf dieses Thema beziehen (das Prinzip “Trackback” also). Ich bin gespannt, wann dieses Feature auch in deutschen Wissenschaftsmagazinen und -portalen auftaucht – und wann es auch hierzulande “Kommentar” statt “Leserbrief” heißen wird.
Seit dem viralen Video einer unbekannten “strippenden Stewardess” erfahren die Berufe des Piloten und der StewardessFlugbegleiter einen gewaltigen Aufmerksamkeitsschub und unzählige BloggerInnenspürender Frage nach, die alle Boulevardzeitungen sowie Spiegel Online stellen: “Wer kennt die strippende Stewardess?” Der Barig-Generalsekretär lässt sich zu dieser Angelegenheit mit den gelassenen Worten zitieren: “Ob bei Urlaubsreisen oder Geschäftsreisen, mit dem Fliegen sind immer sehr viele Emotionen verbunden.” Aber wie sieht der Alltag über den Wolken tatsächlich aus? Wie arbeitet es sich in den Cockpits der großen Passagiermaschinen? Die fünf folgenden Piloten-Blogs können darüber etwas erzählen.
Im Blog “Gedanken eines Fliegenden” bloggt ein Copilot aus Zürich anonym seine Erlebnisse im Cockpit . Es geht dabei um stürmische Ereignisse beim Einzug der Flugbesatzungen in ihr Nachtlager, Krisensituationen im Simulator, Deadheading, Schlafprobleme über Turmenistan, immer wieder Nespresso (hinsichtlich ihres Kaffeekults scheinen Piloten so eine Art Hacker der Luft zu sein) sowie nostalgische Erinnerungen an die gute alte Zeit des Luftverkehrs. Manchmal stößt man sogar auf philosophische Momente: “Afrika ist Gegenwart -, der Moment -, der Augenblick. Die Einwohner können es sich hier nicht leisten, sich mit der Vergangenheit zu befassen. Was zählt ist das Jetzt.” Leichte Abzüge gibt es wegen der Stereotypen, die immer wieder auftauchen, sei es im Umgang mit anderen Kulturen oder mit dem anderen Geschlecht. Andererseits könnte man das auch als ungefiltertes, authentisches Bloggen bezeichnen. Natürlich dürfen auch zahlreiche schöne Fotos aus dem Cockpit nicht fehlen, z.B. in dem Post über “Landschaften auf dem Weg nach Hongkong“. Und wenn man ganz genau hinsieht, entdeckt man zitierfähige Aphorismen über das Pilotenleben wie zum Beispiel den folgenden: “Ein guter Pilot hat eine Beziehung zu seiner Frau, vielen Stammkneipen in aller Welt, der Schlaflosigkeit, den unzähligen Kleinlebewesen in den Hotelbetten und natürlich zu seinem Steuerknüppel.” Noch ein Schönheitsfehler: auf dem Blog gibt es keinen Link zum RSS-Feed.
Auch der zweite Pilotenblogger ist männlich und aus der Schweiz, bloggt aber unter seinem vollen Namen und macht kein Geheimnis daraus, dass er für die Luftfahrtgesellschaft SwissAirbusmaschinen des Typs A319, A320 und A321 fliegt – hier wäre es interessant zu erfahren, wie der Arbeitgeber auf das Blog reagiert, ob Guy Gächter dafür Rückendeckung bekommt oder sich für seine Nebentätigkeit rechtfertigen muss. In den Beiträgen, die nicht nur selbst erlebte Alltagsepisoden umfassen (z.B. über das russische Fernsehprogramm), sondern auch viele Reflexionen über das Berufsbild des Piloten und der Flugbegleiter, über Nachrichten aus der Luftfahrt und über die eigene Fluggesellschaft sowie eine Auseinandersetzung mit der Berichterstattung über Flugzeugunfälle. Auch hier gibt es spektakuläre Luftaufnahmen, teilweise sogar als Panorama.
Die Checkliste unterscheidet sich von den beiden eben genannten Blogs nicht nur darin, dass hier ein deutscher, ja sogar bayerischer Copilot schreibt, sondern dass dieses Blog einer Zeitungsredaktion beigeordnet ist: “Checkliste ist ein Blog des Reutlinger General-Anzeigers, der einzigen selbstständigen Tageszeitung der Region Neckar-Alb mit Vollredaktion”, heißt es dazu im Impressum des Blogs. Dabei setzt die Zeitung auf mediale Synergieeffekte und will ausgewählte Kommentare der Nutzer auch in der Printausgabe veröffentlichen. Spannende Idee. Auch hier hat der Pilot einen Namen (Dieter Grewe) und sogar ein Gesicht. In diesem Blog findet man eine gute Mischung aus Meldungen aus der Luftfahrtindustrie und Erlebnissen aus dem professionellen Alltag eines Lufthansacopiloten – vom Linecheck bis zum. Als Fleißaufgabe hat der Hobbyfotograf ab und zu auch kleine Diashows zusammengestellt, zum Beispiel über einen Tokioaufenthalt:
Das Blog ist mit einem halben Jahr noch recht jung, ich hoffe aber, dass es Dieter Grewe soviel Spaß macht, dass er noch viele Jahre weiterbloggt. Allerdings: strippende Stewardessen waren auch hier Fehlanzeige.
Auch in den Wüstenspuren bloggt ein Schweizer Pilot (gibt es da ein Muster?). Allerdings ist hier einiges anders, denn der Protagonist Dide fliegt nicht etwa bei einer Schweizer Fluggesellschaft, sondern für Etihad, die nationale Fluggesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate. So hat man es hier nicht nur mit den üblichen Pilotengeschichten zu tun, sondern immer wieder geht es auch darum, wie es ist, mit seiner gesamten Familie in ein fernes Land zu ziehen um dort zu arbeiten. Also nicht nur Anflug auf Heathrow, sondern auch Weihnachten in Abu Dhabi, der kosmopolitischen Metropole mit gerade einmal 20 Prozent einheimischer Bevölkerung. Die teilweise sehr langen, aber nicht langatmigen, Beiträge machen dieses Blog zu einem absoluten Geheimtipp für alle, die einen Blick über den eigenen Tellerrand werfen wollen, aber von den üblichen eher oberflächlichen Bin-jetzt-mal-ein-halbes-Jahr-in-Australien-Blogs nicht so begeistert sind. Auch hier fehlt aber ein RSS-Link auf der Seite für das bequeme Abonnieren.
Kein deutsches Blog, sondern das Blog von “dave / Location: Phoenix, Arizona, United States”, der von seinem Alltag als Pilot (?) einer US-Luftfahrtsgesellschaft schreibt. Ich habe das Blog nicht nur wegen der vielen tollen Fotos mit in die Liste genommen, sondern auch weil es schon fast vier Jahre besteht und damit wohl zu den ältesten Pilotenblogs gehören dürfte. Außerdem schafft Dave es sehr gut, mit Angaben wie
Position: Seven miles above Wichita
Destination: KIND (Indy)
Alternate: KSTL (St. Louis)
Groundspeed: 590 mph (513 kts)
Altitude: 37,000 ft
eine Cockpitatmosphäre herzustellen. Hervorzuheben ist auch der angenehm flapsige Tonfall des Piloten sowie humoristische Einwürfe wie etwa “Yesterday, our groundspeed was so high eastbound that our wrist watches started running backwards, or as my co-pilot said, ‘We almost landed before we took off.’” Außerdem hat sich um dieses Blog eine regelrechte Fangemeinde entwickelt – sogar Lebensentwürfe werden davon beeinflusst, wie der folgende Kommentar von Regan zeigt:
I started reading your blog about a year ago and decided to become an F/A. I have been flying for 2 months now and have been blessed to see most of the U.S. along with Beijing, Amsterdam, and Tokyo. I am really in love with this job.
Und da sage noch jemand, Bloggen wäre irrelevant! Übrigens: auch hier fehlt der RSS-Link.
Außer Konkurrenz sind schließlich noch zu erwähnen: das Fliegerbrillenblog Eve and Bob sowie für Hardcore-Pilotenblogfans der Aggregator Blogging Pilots.
Dafür dass die Technologie “Trackback” erst fünfeinhalb Jahre alt ist, wurde bereits ziemlich oft ihr Tod verkündet. Im August 2002 wurde in der Weblogsoftware Movable Type Version 2.2 die Möglichkeit dieser automatisierbaren Verlinkung eingebaut. In der Praxis sieht das so aus: Angenommen ich verlinke in einem Blogbeitrag einen anderen Blogbeitrag auf einem Trackback-fähigen Weblog, dann sendet mein Weblog eine Benachrichtigung an dieses andere Blog, das dann in dem von mir zitierten Post z.B. einen Kommentar anlegt mit einem kurzen Textauszug aus meinem Blogbeitrag sowie einem Link dazu. Auf den ersten Blick eine geniale Möglichkeit, nicht nur den Vernetzungsgrad im Internet zu steigern, sondern auch eine ganz neue Art der Bezugnahme auf andere Texte. In etwa so als würde, wenn ich in einem wissenschaftlichen Aufsatz einen anderen Aufsatz zitiere, in diesem Aufsatz dann eine kurze Fußnote erscheinen, dass ich diesen zitiert habe. Siehe dazu auch die Abbildungen in dem lesenswerten Artikel “Taking TrackBack Back (from Spam)“.
Der Nachteil dieser kommunikationstechnologischen Errungenschaft? Es gibt da ein Gesetz in der digitalen Welt: Wenn Kommunikationsfunktionen automatisierbar sind, werden diese früher oder später für den Versand von Spam verwendet. Jeder, der ein Weblog besitzt, hat das sicher schon einmal erfahren: Jede Menge sinnlose Trackbacks von Spamseiten landen Tag für Tag in der Kommentarliste. Das ist ärgerlich und die Bereinigung erfordert einiges an Aufwand. Sollte man deshalb die Trackbackfunktion einfach ausschalten oder lohnt sich die Mühe? Im Folgenden einige Argumente für und gegen das Trackbacken:
PRO Trackbacks sind eine der selten Möglichkeiten, im WWW bidirektionale Links ohne größeren Aufwand anzulegen und erhöhen dadurch den Vernetzungsgrad sowie für den einzelnen Internetsurfer die Wahlmöglichkeit.
PRO Trackbacks machen Kommunikationsstrukturen in der digitalen Welt sichtbar (und sind für Soziologen wie mich darin sehr nützlich). Als Blogger wie auch als Leserin kann ich direkt sehen, wer sich auf einen Artikel bezieht. Man kann sehen auf welchen Wegen sich “Meme” reproduzieren.
PRO Trackbacks sind ein wichtiger Bestandteil des Informationsflusses in der Blogosphäre, was jeder schon einmal beobachten konnte, der neue Besucher über einen Trackbacklink empfangen hat.
PRO Trackbacks sind ein Anreiz zu Verlinkung und Kommunikation (der Verzicht auf Trackbacks gehört zu Christianes 20 Tipps für erfolgloses Bloggen). Trackback schafft Traffic (in beide Richtungen) und ist daher im Eigeninteresse der Bloggerin. Iskwew schreibt dazu: “Trackbacking is the formalised glue of the blogging community”.
PRO Trackbacks fördern die Diskussionskultur. In Seth Godins Blog sind z.B. nur Trackbacks erlaubt und keine Kommentare, um zu erreichen, dass die Nutzer eigene Texte in Anschluß an den Ursprungsbeitrag formulieren und nicht nur “full ack” hinformularisieren.
PRO Trackbacks funktionieren als dezentrales System. Man ist auf keinen anderen Dienst (Google, Technorati) angewiesen, um zu sehen, wer einen Blogbeitrag verlinkt hat. Das meint auch Paul O’Flaherty, der fragt: “Is The Trackback Dead? Only If You’re Selfish?”
PRO Trackbacks erhöhen die beobachtbare Aktivität auf einem Blog. Sowohl Autoren als auch Leser haben das Gefühl, “dass sich etwas tut” und nicht nur ins Leere geschrieben wurde.
PRO Mit Hilfe von Trackbacks kann man häufig Contentdiebe entlarven, die eigene Blogbeiträge Wort für Wort übernehmen, um mit begleitender Werbung Geld zu verdienen.
CONTRA Ein großer Teil der Trackbacks sind Spam. Wobei hier zum einen das Pingback-Protokoll etwas fortschrittlicher ist, da es nur Links akzeptiert, die von einer real existierenden Quelle stammen und zum anderen gibt es Tools wie den Spamfilter Akismet oder das WordPressplugin Simple Trackback Validation, die mittlerweile ziemlich zuverlässig einen großen Teil des Viagra-Spams entfernt.
CONTRA Mittlerweile gibt es andere Möglichkeiten, zu erfahren, wer einen Blogbeitrag verlinkt. Beispiele sind die Technorati-Reaktionen, Memetracker wie Rivva oder die Suche mit dem link:-Präfix in Suchmaschinen wie GoogleBlogsearch oder Blogato.
CONTRA Automaten sind Spam-anfällig, mit manuellen Trackbacks kann man die gleichen Ziele erreichen.
Ich komme also unter dem Strich zu einem deutlich positiven Fazit. Was meint ihr dazu? Habt ihr auch schon längst die Trackbackfunktion ausgeschaltet oder ist das für euch ein essentielles Feature eures Blogs (bzw. der von euch gelesenen Blogs)?
Andere zu diesem Thema:
Ronald Huereca fragt “Trackbacks: Still Useful?” und bekommt viele Antworten.
Anne erklärt Unterschied von Track- und Pingbacks.
Ebenso Tom Coates, der den Slogan prägte: “It has been killed by spam and by spammers”
Kurz darauf hat auch Jörg Kantel auf seinem Blog Trackbacks und gleich auch noch Kommentare abgeschaltet (mittlerweile gibt es sie aber wieder – doch kein “krankes Protokoll”?)
Ein neues Feature der metaroll steht zum Testen bereit: das metablog. Worum geht’s? Ganz einfach: Jedes Blog, das in der metaroll vertreten ist, hat nun eine eigene kleine microsite, auf der alle wichtigen Informationen stehen. Man kann dort sehen, welche Blogs mit diesem Blog “verwandt” sind (also häufig zusammen in Blogrolls auftauchen) sowie, welche anderen Blogs dieses Blog in ihrer Blogroll abgespeichert haben. Man kann auf diese Weise von einer metablog-Seite zur nächsten surfen und – denn darum geht es bei der ganzen Sache – hin und wieder auf spannende Blogs stoßen, die man noch nicht gekannt hat. Viel Spaß damit! Wie immer warte ich gespannt auf eure Kommentare.
Jetzt erst habe ich dank Peter Turi entdeckt, dass SZ-Journalist Johannes Boie sich nun endlich in der Debatte um seine Blogosphärenkritik vom August zu Wort meldet. Sehr viel neue Argumente bringt er allerdings nicht. Er kritisiert die Veröffentlichung des Briefes von Stefan Niggemeier an ihn, bemüht sich immer wieder, seine positive Grundhaltung zum Bloggen (“Weblogs hätten großes Potenzial”, “das Netz ist großartig” und dann noch einmal “Blogs haben viel Potential”) zu betonen, um bei seinen Angriffen auf die bösen Blogger nicht in den Verdacht der Parteilichkeit zu geraten.
Doch die Sprache, die verwendet wird, um die Blogosphäre zu beschreiben, ist eindeutig: hier dominieren “Quatsch”, “Oberflächlichkeit”, “Reflexe”, wird nicht gerade “hart und grundlos beschimpft”, dann “sabbern” die Blogger eben, wenn sie eine Gelegenheit riechen, einen echten Journalisten zu diffamieren. Daneben haben wird noch “verbale Störgeräusche”, “Dummes”, “viel Häme”, “Mittelmaß”, “Vereinfachung” oder “Kommentare weit unterhalb der Gürtellinie” durch die ewigen Nörgler der Blogosphäre. Wo war hier noch einmal das Potential?
Ich frage mich, welche Blogs Boie liest, um den Eindruck zu gewinnen, bei der Blogosphäre handele es sich um einen “anonymisierenden Bunker”. Bei nahezu allen Blogs, die ich lese, weiß ich, wer dahinter steckt. Gerade in Deutschland gibt es – im Unterschied zu der von Boie so gelobten US-Blogosphäre – doch kaum Möglichkeiten, anonym zu bleiben. Die Impressumspflicht macht’s möglich. Auch die von ihm immer wieder erwähnten “Unterstützergruppen”, die notwendig sind, um “nicht sofort gegoogelt und virtuell an die Wand gestellt zu werden” habe ich bislang noch nicht entdecken können. Wen meint Boie hier?
Meine Vermutung: Boie zielt mit seiner Kritik gar nicht auf die Blogger, sondern auf die Kommentatoren in Weblogs. Hier gibt es tatsächlich die Möglichkeit, anonym zu bleiben. Und in den Kommentaren wird auch hin und wieder beleidigt, diffamiert und verletzt, wobei auch hier die wirklich schlimmen Fälle bislang in den USA stattgefunden haben. Wenn Boie also Kommentatoren meint und nicht die Blogger, dann sollte man diese nicht mit Journalisten vergleichen, sondern mit Leserbriefschreibern oder eben den 8-19-Uhr-Kommentatoren der SZ. Oder ist der Qualitätsjournalismus bereits so abgerissen, dass er vor Vergleichen mit Bloggern zurückschreckt?
“Blogs in Deutschland werden weiterhin vor sich hindümpeln, dafür aber Weltmeister im kommentarlosen Reposten von Heise- oder SpOn-Artikeln werden” prognostiziert Nico Lumma
“2008 wird das Jahr der Exits” glaubt Don Alphonso und sieht eine Identitätsumwandlung der Alphablogger in Alphaberater.
Gestern wurde der zehnte Geburtstag der Weblogs gefeiert – dabei geht es streng genommen nur um den Geburtstag des Begriffs “Weblog”, der am 17. Dezember 1997, so will es die digitale Überlieferung, von John Barger das erste Mal in den Mund genommen bzw. in die Tastatur gehauen wurde. Sucht man jedoch danach, wann das erste Mal umgekehrt chronologische Posts einigermaßen regelmäßig ins Netz gestellt wurden und kommentiert werden konnten, so lässt sich diese Praxis noch weiter zurückverfolgen. Meine Suche nach den ältesten Blogs hat mich zu Christiane Schulzki-Haddoutis Cybertagebuch-Projekt geführt, das bereits mehr als ein Jahr vor Bargers “Ur-Blog” alle wesentlichen Merkmale eines Weblogs – bzw. einer Weblogcommunity – erfüllte. So sah das Ganze im Jahr 2001 aus (leider fehlen dem Archiv einige Bilder, hier sind digitale Restauratoren gefragt):
Wenn auf dieser Seite tatsächlich die Beiträge kommentiert werden konnten, dürfte folgende Passage in der Wikipedia nicht zutreffen:
Open Diary launched in October 1998, soon growing to thousands of online diaries. Open Diary innovated the reader comment, becoming the first blog community where readers could add comments to other writers’ blog entries.
Aber bei den deutschsprachigen Blogs es geht noch älter (und Jan kann den Balken für Weblogs etwas weiter links ansetzen). Denn einige Wochen zuvor, am 21. Juli 1996, hatte auch Carola Heine auf ihrer Seite “Moving Target” angefangen zu bloggen. Freilich ebenfalls ohne für ihre Aktivität diesen Begriff zu verwenden und vermutlich auch ohne die Möglichkeit, die Beiträge zu kommentieren (oder?). Dort hieß es anfangs “Web Diary“, “Webtagebuch” oder “meine handgeschriebene Seite”. Leider gibt das Internet Archive hier nichts her, da aufgrund der robots.txt-Bestimmungen keine Kopien angefertigt wurden. Deshalb kann ich hier nur einen Screenshot des allerersten Beitrags im aktuellen Layout anbieten:
Jetzt lautet natürlich die spannende Frage: geht es noch früher? Wann ist der Begriff “Weblog” in die deutsche Blogosphäre eingesickert?
Nachdem ich mir hier nur Ausschnitte der Deutschen Blogcharts angesehen habe, hier nun the full monty: die aktuellen deutschsprachigen Top-100-Blogs nach Alter geordnet. Der Schockwellenreiter ist also meinem Erkenntnisstand nach das älteste Blog der Charts. Aber nicht das älteste der Blogosphäre insgesamt. Im Bloghistory-Zeitstrahl liegt bislang Moving Target (20. Juli 1996) vorne. Achtung: Es kann gut sein, dass das ein oder andere Blog noch falsch datiert ist, wenn die entsprechenden Posts nicht im Archiv waren. Ich bessere das aber gerne aus.
Sind Blogger wirklich anders als Journalisten? Gilt bei ihnen das Gebot der Aktualität weniger stark als in den klassischen Printerzeugnissen? Der Webrocker fragt provokant nach: “Denkt eigentlich noch jemand an ‘Free Burma’?” Und tatsächlich sieht es so aus, als sei nach der euphorischen Massenmobilisierung Anfang Oktober das Interesse der Blogosphäre verflogen. Der Free-Burma-Banner ist ein paar Tage lang auf dem Blog zu sehen gewesen und aufgeregt wurde über das Schicksal der mutigen Mönche berichtet, aber eben nur eine kurze Zeit lang. Oder wie Nils es formuliert: “Die Blogosphäre ist auch nicht besser, bzw. nicht anders als die “normalen” Print- und Äthermedien. Ein Thema ist interessant, in den Fokus gerückt, also wird es rauf- und runtergefahren, ausgelutscht und nach einiger Zeit weggeworfen. Das nächste Thema bitte!”
Ich bin mir da nicht ganz so sicher. Wenn man sich die Nennung des Themas in den Blogs ansieht, so erkennt man natürlich, dass Bruma Anfang Oktober Hochkonjunktur hatte, aber dennoch: auch sechs Wochen danach ist das Thema in den Blogs immer noch stärker vertreten als vor der Aktion:
Das ist doch gar kein so schlechtes Ergebnis, oder? Und es deckt sich auch mit unseren Befunden aus der Free-Burma-Umfrage, dass durch die Thematisierung in den Blogs das Bewusstsein für dieses Land gestiegen ist. Die Ergebnisse aus der Studie werden wir hier und in der Wissenswerkstatt in den kommenden Wochen detailliert vorstellen.
Vor kurzem machte in der Blogosphäre ein kurzer Persönlichkeitstest die Runde, an dem unter anderem MC Winkel, nerdcore-René, Nilzenburger und Don Dahlmann mitmachten. Jetzt hat Felicitas Heyne, die hinter dem Test steckt, erste Ergebnisse in ihrem Blog vorgestellt, z.B. dass alle A-Blogger Idealisten sind. Insgesamt sind 40% der Blogger Idealisten, während es in der Gesamtbevölkerung nur 16% sind. In der Gesamtbevölkerung stellen die Realisten mit 46% die größte Gruppe, zu denen sich wiederum nur 13% der Blogger zählen. Und noch etwas: auch die Denker sind in der Blogosphäre stärker vertreten als in der Gesamtbevölkerung. Mit der egoload-Suchmaschine lassen sich nun Blogs nach der Persönlichkeitsstruktur ihrer Autoren finden. Interessanter Ansatz, wenn auch die üblichen Kritikpunkte an statischen Persönlichkeitskonzepten hier greifen dürften.
Natürlich klingt es erst einmal wunderbar, dass Robert mit seinem Blog im Monat 2.000 Euro einnimmt – und das nach dem Verzicht auf Google AdSense. Aber auf der anderen Seite ist er ja kein Berufseinsteiger mehr, sondern bloggt mittlerweile schon eine ganze Weile. Ich nehme an, dass er einer der Gründe dafür ist, dass man heute ein Blog führen kann, ohne erklären zu müssen, was das überhaupt ist, so ein Blog:
CARAMBA !!! Und ein Blog wie Techcrunch schafft es dagegen, sich nach “nur” zwei Jahren Bloggerei in ein 240.000 USD pro Monat erwirtschaftendes Unternehmen zu verwandeln (allerdings ein Unternehmen, das noch keine größeren Krisen durchgemacht hat, wie der Blog Herald bemerkt). Rechnet man aus, wieviele USD Monatseinnahmen auf einen Technorati-Link kommen, liegt das Verhältnis von Basic Thinking bei etwa 1,3 gegenüber 10,5 im Fall von Techcrunch.
Da kann mir niemand erzählen, die alle paar Wochen auftretende Relevanz-, Blogblues- oder Werbehurendebatten hätten nichts damit zu tun, dass die Blogosphäre in Deutschland nach wie vor ein Nischengeschäft ist.
Benedikt Koehler (Twitter), meine Tags lauten: Social Media, Big Data, Social Network Analysis (SNA), Informationsvisualisierung, Brandtweet, Slow Media. Ich arbeite als Chief Operating Officer bei dem Social Media Intelligence- und Monitoringanbieter ethority in Hamburg und München. 2006 habe ich bei Ulrich Beck in Soziologie promoviert.
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