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Visuell ist besser – die memetische Kraft der Bilder

Auf der Strasse denken Leute:
Wie sieht der denn aus ?

(Tocotronic)

Man kann viel Schlechtes über Instragram sagen. Instagram bedient mit seinen Filtern eine wohlfeile Nostalgie einer Generation, die mit Polaroid und Commodore aufgewachsen ist. Instagram schafft es, die schon schlechte Bildqualität der Handyfotografie noch weiter zu verschlechtern. Instagram nervt, weil jeden Tag irgendjemand in der Timeline gerade den Tilt-Shift-Effekt für sich entdeckt. Ach, warum so differenziert: Instagram ist der Untergang der Fotografie.

An allen Vorwürfen mag ein Körnchen Wahrheit sein. Aber Instagram hat einen einzigen, ganz grandiosen und unleugbaren Vorteil. Es sind Bilder. Egal wie schlecht die Qualität, wie zuckerwattig der Retrofilter oder wie abendlandszerstörend das Prinzip ist. Instagram sind Bilder, viele Bilder, und das macht diese Anwendung unglaublich spannend und wertvoll.

ReadWriteWeb berichtet, dass Instagram kurz davor ist, Foursquare als größtes mobiles Social Network abzulösen. Mich überrascht das nicht, denn Bilder sind Trumpf. Den Grund dafür entdeckt man schnell, wenn man sich mit der Memetik, der Wissenschaft von der viralen Verbreitung im Netz, auseinandersetzt. Bilder haben gegenüber Texten (oder Orten) drei große Vorteile:

  • Bilder sind nicht-sprachlich. Man kann Bilder aus anderen Ländern verstehen, auch wenn man die Sprache nicht spricht. Die Bildermeme von #ows, #londonriots und #arabspring werden rund um die Welt verstanden. Inhalte wie Katzenbabys oder Apple-Gadgets scheinen fast schon anthropologische Universalien zu sein, die unseren Gehirnen fest eingeprägt sind.
  • Bilder sind metaphorisch. Ein Bild ist fast immer sehr viel mehr als nur ein Bild, da es sich auf andere Bilder, Texte, Ideen beziehen kann. Ein Bild, auf dem eine Menschenmenge mit Besen über die Straße zieht, kann sich genauso gut auf das Thema Sauberkeit im öffentlichen Raum beziehen wie auf Gewaltexzesse. Mit Bildern lassen sich komplexe Inhalte transportieren oder hermetische Gemeinschaften schaffen (siehe dazu zum Beispiel die Bilderwelt der Freimaurer)
  • Bilder sind magnetisch. An Bildern kann man nur schwer vorbeigehen. Bilder ziehen die Aufmerksamkeit an sich. Anwendungen wie Flipboard spendieren nicht ohne Grund den Bildern der von ihnen aggregierten Artikel den größten Bildschirmplatz, damit man über die Bilder in die einzelnen Texte einsteigt.

Wir leben inmitten in einer memetischen Wende (memetic turn). Das bedeutet, dass wir in der nächsten Zeit viele neue Formen der Bildersprache entdecken und vielen älteren wieder begegnen werden.



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    picfog1

    In dem Moment, in dem ich die neue Echtzeit-Bildersuche PicFog das erste Mal gesehen habe, wurde mir klar: das ist genau das, was Marshall McLuhan hier gemeint hat:

    Electric circuitry profoundly involves men with one another. Information pours upon us, instantaneously and continuously. As soon as information is acquired, it is very rapidly replaced by still newer information.

    Bereits im Jahr 1967 schrieb er über das Internet (“electric circuitry”), Microblogging (“information pours upon us”) und die automatischen Reloadmechanismen (“very rapidly replaced”). Durch diese schnellen Informationen – wir sprechen hier von Echtzeit (“gedacht – getippt”, “gesehen – gepostet”) – sind wir nicht mehr in der Lage, Botschaften oder Bilder logisch zu klassifizieren, sondern können nur noch entweder grobe Muster erkennen.

    picfog2

    PicFog aggregiert alle möglichen Bilder, die Microblogger auf die verschiedenen Plattformen von Twitpic bis yfrog hochladen und stellt sie als visuellen Strom dar. Jemand fotografiert die S-Bahnstation, durch die er gerade fährt. Im nächsten Augenblick taucht sie neben vielen anderen Bildern auf der PicFog-Startseite auf. Beim nächsten automatischen Reload der Seite ist das Bild nach unten gerückt und wurde durch zahlreiche aktuellere Bilder ersetzt. Bilder aus Indien, USA, Österreich oder Japan.

    Wenn Google Insights for Search abbildet, was die Menschen suchen oder sich wünschen (eine globale Datenbank der Wünsche), zeigen Dienste wie PicFog, was die Menschen sehen. “All media are extensions of some human faculty”. Noch so ein McLuhanspruch, der hier wahr wird.

    Mit PicFog kann ich nicht nur meine Augen sehen, sondern auch mit den Augen vieler anderer Menschen weltweit. Mit den Augen von Fremden und Freunden. Von Frauen und Männern. Von Rentnern und Schülern. Obwohl es zunächst ganz ähnlich klingt, sind das nicht die Tausend Augen des Dr. Mabuse, denn Dr. Mabuse konnte nur auf die anderen Menschen herabsehen, nicht aber durch die anderen Menschen sehen. Being John Malkovich ist vielleicht die passendere filmische Assoziation, nur dass man nicht nur in den Kopf eines Schauspielers schlüpft, sondern in den Kopf vieler Menschen zugleich. Der Begriff “Überwachung” trifft hier nicht zu, aber einen treffenden Begriff für dieses Eintauchen in die Welt habe ich noch nicht gefunden. Vielleicht Empathie? Oder ethnologischer Blick?

    picfog3

    Teilhard de Chardin sprach in den 1950er Jahren immer wieder von der “Noosphäre” als einem Stadium der menschlichen Entwicklung, in dem die Einzelbewusstseine zu einem globalen Bewusstsein zusammenwachsen würden. Als jesuitischer Theologe nannte er diesen Bezugspunkt auch Omegapunkt, also den Augenblick der Vereinigung in Christi. McLuhan hat diesen Gedanken elektrifiziert und aus der fernen Zukunft (Ende der Geschichte) in die Gegenwart geholt. Seine Feststellung: Dieses technische Weltbewusstsein gibt es schon.

    Dabei verändert sich die Art, wie wir die Welt wahrnehmen. Nicht mehr analytisch zergliedernd, sondern synthetisch als Gesamtbild. Als waberndes, sich immer wieder veränderndes Muster, in dem man immer wieder Bekanntes, Vertrautes sieht. Leisa Reichelt hat zur Beschreibung des Microbloggens oder Twitterns den schönen Begriff der “ambient intimacy” geprägt. Genau das ist es, was wir auf PicFog wahrnehmen. Intime Einblicke (eigentlich eher “Durchblicke” oder “Mitblicke”, s.o.) in das Leben der Anderen. Aber diese Blicke sind nicht fixiert oder fokussiert, sondern unscharf. Innerhalb weniger Sekunden befindet man sich bereits an einem ganz anderen Ort, in einer ganz anderen Person. Dennoch: Diese frei fluktuierende Intimität, die in diesem “Bildernebel” entsteht, kommt tatsächlich den Vorstellungen McLuhans von der Rückkehr präliterarischer “tribal emotions” sehr nahe.

    Dazu passt auch die Feststellung, dass die auf dem Microblogging basierenden Echtzeitbildersuche ersten Eindrücken nach im Vergleich mit der klassischen Google-Bildersuche nicht nur aktuellere Ergebnisse zu Tage fördert, sondern in vielen Fällen auch relevantere Ergebnisse. Kein Wunder, dass Google fieberhaft überlegt, wie sich dieses Echtzeitmoment auf ihre Suchverfahren übertragen lässt. Schon mit Erscheinen des Buches “What Would Google Do?” von Jeff Jarvis, sind wir schon wieder einen Schritt weiter. Die entscheidende Frage lautet nun: “What Would Twitter Do?” Nicht unbedingt, was das Geschäftsmodell betrifft, aber was die kognitiven Möglichkeiten betrifft.

    Willkommen in der Reload-Gesellschaft!



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