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Netz, Web und Graph: Idealismus reloaded

Das weltweite Netz ist nicht genug – zumindest, wenn es nach Tim Berners-Lee geht, der einer umfangreichen Graphisierung des WWW das Wort redet. Doch zunächst einmal zurück an den Anfang: Mit Netz ist, so Berners-Lee, in erster Linie die Vernetzung von Rechnern gemeint, die es ermöglicht, Nachrichten von einem Rechner zu einem anderen zu schicken, ohne sich Gedanken darüber zu machen, auf welchen Wegen die Nachricht letztendlich ankommt. Das Netz ist also die auf den TCP/IP-Protokollen beruhende Infrastruktur bzw. das Internet.

Das WWW liegt wieder eine Ebene darüber, da hier nicht mehr die Rechner, geschweige denn die physischen Kabel, interessieren, sondern die Dokumente: “Now you could browse around a sea of documents without having to worry about which computer they were stored on. Simpler, more powerful. Obvious, really.” Das WWW ist ein Textuniversum.

Darüber liegt aber noch eine weitere Ebene, auf der nicht mehr die Dokumente die Schlüsselrolle spielen, sondern die Dinge selbst:

net-web-ggg.png

Dahinter kann sich alles mögliche verstecken, ab wichtigsten jedoch: die Menschen: “Its not the Social Network Sites that are interesting — it is the Social Network itself. The Social Graph. The way I am connected, not the way my Web pages are connected.” In diesem Netz der Dinge – einem diskursiven Universum im weitesten Sinne – ist das Paradigma nicht mehr der Hyperlink, der zwei Texte miteinander verbindet, sondern z.B. die mit Mikroformaten wie XFN ausdrückbare Beziehung zwischen Dingen, Personen, Leidenschaften etc. oder mit Friends-of-a-Friend-Daten (FOAF) Berners-Lee schlägt vor, dieses Paradigma mit dem Begriff “Giant Global Graph” (kurz: GGG) zu bezeichnen. Eine URI bezeichnet nicht mehr zwangsläufig ein Dokument im WWW, sondern kann auch auf eine Person oder einen Gegenstand verweisen (ich würde hierfür den Begriff des Aktanten vorschlagen, der sich in der soziologischen Actor-Network-Theorie eingebürgert hat).

Ich bin skeptisch, ob sich dieser Begriff durchsetzen wird. Aber die Idee, dass man mit jedem Schritt auf eine abstraktere Protokollebene Kontrolle abgibt und dafür neue Handlungsmöglichkeiten dazugewinnt, hat etwas. Nur fallen mir auf Anhieb nur wenige Beispiele für funktionierende Techniken des Umgangs mit sozialen Graphen dieser Art ein. Was ich bezeichnender für das neue Netz finde, ist die Tatsache, dass das Netz tatsächlich als Netz (oder von mir aus als Graph) wahrgenommen wird. Denn auf der Anwenderebene wurde das WWW nur selten wirklich als Netzwerk wahrgenommen, sondern eher als Menge von WWW-Seiten, die jeweils auf andere Seiten verweisen. Aber eben nicht als Ganzes. So hießen z.B. die Übersichten von Websites “Sitemap” – und eine “Karte” ist etwas ganz anderes als ein “Netzwerk”, dessen Punkte nicht räumlich verortenbar sind, sondern nur in der Beziehung zu ihren Nachbarn. Der Übergang zum social graph bezeichnet also eine Enträumlichung des WWW.

Dazu gehört dann aber auch, und an dieser Stelle finde ich den Gedanken sehr verführerisch, die deutlichere Trennung der sozialen Netzwerke von der darunterliegenden Protokollebene des WWW: Ein social graph muss demnach nicht zwangsläufig auf dem WWW basieren, sondern kann auch in anderen Gebieten “wildern” wie z.B. der materiellen Umwelt, wie auch das WWW prinzipiell auch auf anderen Protokollen laufen könnte als den Internet. Und schon gar nicht passt es dazu, dass Netzwerke an Plattformen wie Facebook, Orkut, Xing etc. gebunden sein müssen. Der Giant Global Graph führt also zu einer Entmaterialisierung oder Idealisierung der sozialen Netzwerke.

Weiterlesen zu diesem Thema:

  • Nicholas Carr fragt sich, ob das Denken in Graphen tatsächlich den Sprung von der Mathematik in den Alltag schaffen wird und ob Facebook tatsächliche eine neue Plattform darstellt oder doch nur eine Webseite.
  • Olaf Kolbrück ist sich nicht ganz sicher, ob die Bezeichnung GGG wirklich ernst gemeint ist, sieht aber durchaus die Notwendigkeit, einen Begriff für dieses Phänomen zu finden, der nicht nach Windows 3.1 klingt.
  • Siggi fühlt sich an eigene Gedanken über die Verteilung von Tupeln im Wissensraum erinnert.
  • Anna Zelenka bezweifelt, das wir Menschen tatsächlich von dem GGG-Paradigma profitieren, oder ob es nicht eigentlich nur an Computer adressiert ist.
  • Auch JD weist auf die Enträumlichung hin und stellt eine bezeichnende Nähe zum Korzybskischen Aphorismus “the map is not the territory” fest.
  • Konstantin Klein kann dem Paradigmenwechseln nicht viel abgewinnen, sondern sieht das Ganze nur als Hype.
  • Auch der Guardian ist skeptisch und zitiert Dave Winers Vorschlag, den mathematischen Jargon beiseite zulassen und Graphen einfach wieder Netzwerke zu nennen – womit man sich allerdings dem Risiko aussetzt, verstanden zu werden.


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