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Der Bayerische Landtag auf Twitter

Angeregt durch diese Visualisierung der Twittergespräche im Berliner Abgeordnetenhaus habe ich mir einmal unsere Bayerischen Landtagsabgeordneten näher angesehen. Zum einen einmal die Verteilung der Twitter-Accounts: Hier liegt die FDP vorne: 53% der Abgeordneten haben einen Twitter-Account mit mindestens einem Tweet. Danach kommen die Grünen mit 39%, die Freien Wähler mit immerhin noch 21% und abgeschlagen dann die CSU (15%) und SPD (13%).

Doch das einfache Vorhandensein eines Twitter-Accounts allein ist noch kein Maß für die Twitter-Nutzung. Sehr viel interessanter ist die Aktivität der Accounts – welche Abgeordneten nutzen ihre Twitter-Accounts tatsächlich regelmäßig für die Kommunikation und wer hat nur der Form halber einen Account eröffnet und 1-2 Probetweets darüber verschickt? Die CSU liegt hier mit 43% aller Tweets deutlich vorne (obwohl sie nur 36% aller Accounts besitzt). Danach folgen mit deutlichem Abstand die Freien Wähler mit 18% der Tweets (10% der Accounts), die FDP mit 15% der Tweets (23% der Accounts) und die Grünen mit 14% aller Landtagstweets (18% der Accounts). Ganz hinten liegt wieder die SPD mit knapp 10% der Tweets (13% der Accounts).

Im Zentrum der politischen Kommunikation über Social Media steht der Dialog. Deshalb habe ich mich für diese Auswertung auf die Gespräche der Politiker mit anderen Personen konzentriert. Interessiert hat mich also vor allem das “Relevant Network”, wie ich es hier bereits des öfteren gesprochen habe. Zählt man die Dialoge, also wie oft die Abgeordneten andere Twitternutzer erwähnt haben, so entfallen auf die CSU 58% der Erwähnungen, auf die Grünen 22%, auf die Freien Wähler nur noch 15%. Weit abgeschlagen dann die SPD mit knapp 3% und die FDP mit 2%. In den letzteren beiden Parteien scheint Dialog zumindest auf Twitter ein Fremdwort zu sein.

Visualisiert man die Daten aller Replies der Bayerischen Landtagsabgeordneten, so erhält man schließlich die folgende Grafik (hier noch einmal in interaktiv und groß):



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    Auch wenn ich eher kritisch oder besorgt bin, was die Möglichkeiten der digitalen Demokratie betrifft und normalerweise auch nicht dazu neige, pauschal bestimmte Social-Media-Plattformen zu empfehlen: Ich bin der Meinung, dass jeder Politiker twittern sollte.

    Politiker werden wie Wissenschaftler oder öffentlich-rechtliche Moderatoren von uns, den Steuerzahlern bezahlt, die im Gegenzug dafür das Recht haben, zu erfahren, was ihre Mandatsträger für ihr Wohl leisten. Man könnte es auch so formulieren: “No taxation without microblogging.” Das gilt genauso natürlich auch für das System der Wissenschaft, das sich noch schwerer mit Transparenz und Dialog tut. Aber davon ein anderes Mal. Besonders wichtig finde ich dieses Prinzip auf den politischen Ebenen, die dem Bürger relativ nah sind wie zum Beispiel die Landtage.

    Eventuell sollte es dafür eine Art Staatstwitter geben, das anders als Twitter nicht auf eine globale Skalierbarkeit ausgerichtet ist und sich, viel wichtiger, nicht von den ökonomischen Interessen von Investoren beeinflussen lassen muss.

    Aber das auf 140 Zeichen zugespitzte Berichten über die eigene Arbeit sollte nicht nur ein Anspruch der Öffentlichkeit sein, sondern liegt auch im Interesse der Politiker. Kein Amt wird auf Lebenszeit vergeben. Jede Legislaturperiode ist irgendwann einmal zu Ende und auch Politiker müssen sich von Zeit zu Zeit ihrer eigenen Karriereplanung widmen. Social Media, zu denen auch Twitter gehört, sind ein hervorragend geeignetes Instrument, um Spuren zu hinterlassen, die auch dann noch sichtbar sind, wenn die Mandate ausgelaufen sind. Bislang ist der Fokus bei Social Media viel zu sehr auf dem Echtzeit-Aspekt gelegen. Klar, Social Media sind die schnellsten Medien. Aber gleichzeitig sind Social Media auch die nachhaltigsten Medien. Hier versendet sich kaum etwas.

    Wenn man sich einmal ansieht, wie diese Möglichkeiten von den Politikern genutzt werden, dann erkennt man schnell, welches Potential in diesen Kurzmitteilungen steckt, aber auch, wie viel Luft hier noch nach oben ist. Im Bayerischen Landtag zum Beispiel mit seinen 187 Abgeordneten twittern gerade einmal 22 Abgeordnete mehr oder weniger regelmäßig. Bemerkenswert ist hier, dass die größte Microbloggingquote nicht bei den großen Volksparteien bzw. der großen Volkspartei CSU zu finden ist, sondern bei den kleinen, allen voran die FDP.


    Verteilung der twitternden MdL

    Thomas Hacker tanzt beschwingt mit Miriam GruÃ? beim Sommerfe... on TwitpicWas die Abgeordneten auf Twitter über ihre Arbeit publizieren, liefert in vielen Fällen einen guten Überblick über ihre Arbeit in Ausschüssen, öffentlichen Einrichtungen und Abendveranstaltungen. Die Bundesversammlung hat begonnen!Einige Landtagsmitglieder machen sich sogar die Mühe, ihren politischen Alltag mit Bildern zu dokumentieren. So findet man zum Beispiel dieses interessante zeitgeschichtliche Dokument aus der Bundesversammlung bei der Wahl des Bundespräsidenten Wulff. Oder ein Bild der politischen Führungsriege Bayerns.

    Ein Herz und eine Seele, CSU aus einem Guß. So sieht die Realität aus!Was mich stark überrascht hat: Auch Landespolitiker in Ministerrang finden momentan auf Twitter nur eine sehr kleines Publikum. Jeder nebenberufliche Social-Media-Berater hat nach einem Monat Retweeten von Mashable- oder Techcrunch-Meldungen mehr Follower als beispielsweise die bayerische Justiz- und Verbraucherschutzministerin.

    Dafür gibt es eigentlich nur eine Erklärung: Die regionalen Medien, deren Aufmerksamkeit eigentlich vor allem den Ereignissen in der Landespolitik gelten sollte, haben noch nichts von dem Wandel mitbekommen. In den Redaktionen von Abendzeitung, SZ, Münchener Merkur oder tz scheint man viel mehr damit beschäftigt, die eigenen Meldungen per Twitter in die Welt zu broadcasten als sich auf die Entdeckungsreise zu begeben, was die Objekte (eigentlich: Subjekte) ihrer Berichterstattung oder gar ihre Leser zu sagen haben, wenn sie auf einer halb-offiziellen Bühne stehen. Schade, denn gerade hier gäbe es journalistisch noch viel zu erforschen.

    Für den Einstieg in diese Welt habe ich hier schon einmal eine Liste der twitternden bayerischen MdL angelegt. Ergänzungen bitte in die Kommentare.



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    In Bayern gibt es ca. 120.000 Baudenkmäler und noch einmal 900 Ensembles, die in der Bayerischen Denkmalliste verzeichnet sind. Im Vergleich dazu: In Frankreich sind beim Kulturministerium nur etwa 38.000 Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Was mich daran besonders fasziniert: Die 120.000 bayerischen Baudenkmäler lassen sich mit Hilfe der Java-Anwendung “Bayern Viewer” flächenscharf auf Karten darstellen. Über dieses Interface lässt sich jedes erfasste Denkmal lokalisieren und die jeweils dazugehörigen Beschreibungstexte abrufen – zum Teil sogar mit Fotos. In Aktion sieht das ganze dann so aus:

    BayernViewerAuf jeden Fall beeindruckend. Die von dem Landesamt erhobenen Daten werden hier tatsächlich der Bevölkerung zur Verfügung gestellt.  Nur: die einzelnen Denkmalinformationen besitzen keinen statischen Link, mit dem sie aufgerufen werden können. Das bedeutet:

    • Google kann die einzelnen Denkmalbeschreibungen nicht finden und durchsuchbar machen. Wenn ich z.B. nach “Residenzstraße 25 München” suche, liefert mir Google sehr viel gewerbliche Einträge, aber keine Beschreibung des 1899/1900 von Drollinger erbauten Wohn- und Geschäftshauses.
    • Von Wikipedia-Artikeln wie zum Beispiel zum “Neuen Rathaus” in München kann man nicht direkt auf die entsprechenden Eintrag des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege verlinken.
    • Die gespeicherten Daten wie zum Beispiel Architekt, Baujahr etc. bleiben in einem geschlossenen System. Man kann nicht mit den Daten arbeiten und sie zum Beispiel in einem Mashup mit GoogleMaps weiterverwenden.
    • Damit kann man auch keine geosensitiven Anwendungen schreiben, die diese Informationen mit dem aktuellen Standort des Betrachters in Bezug setzen. Aus dieser Verbindung von flächenscharf kartierten Objekten und einer GPS-basierten Standort- und Richtungsbestimmung könnten wunderbare augmented realities entstehen. Man müsste z.B. nur sein Handy auf eines der Gebäude richten und könnte die Denkmalschutzinformationen abrufen.
    • Was ebenfalls fehlt: Personalisierung. Die Anwendung merkt sich nicht, welche Informationen ich abgerufen habe, welche Städte ich am häufigsten gesucht habe etc. Mit einem Mashup könnten sich die Nutzer ihre eigenen “Denkmalpfade” durch ihren Wohn- oder Ferienort erstellen lassen, mit deren Hilfe sie dann eine bauhistorische Ortsführung bekommen können.
    • Schließlich gibt es auch keine nutzergenerierten Inhalte auf der Seite. Nutzer könnten zum Beispiel
      • fehlende Bilder ergänzen
      • Objektangaben hinzufügen
      • Objekte bewerten
      • Objekte kommentieren
      • Objekte verschicken

    Ganz ähnliche Anwendungen gibt es für die Kartierung der bayerischen Geotope

    Geotopkartierungsowie FINWEB (die komplexeste Anwendung der drei) für die Biotope, Naturdenkmäler und Naturschutzgebiete:

    FIN-WebAlle drei Anwendung – die Kartierung von Baudenkmälern, Geotopen und Biotopen – sind eindrucksvolle Beispiele für die (längst überfällige) Öffnung der behördlichen Datenbanken. Informationen, die im Auftrag des Bürgers gesammelt werden, müssen auch für ihn ohne größeren Schwierigkeiten zugänglich sein. Jeder, der sich dafür interessiert, kann die Informationen auf dem eigenen PC betrachten. Aber das war’s dann auch schon. Sehr viel mehr als Betrachten ist hier nicht drin.

    Die oben für die Denkmalkartierung beschriebenen Punkte gelten auch für die Biotopkartierung und die Geotopdatenbank. Vor allem: die drei verschiedenen Kartierungen sind vollständig isoliert voneinander. Die Bayerische Regierung sollte auf offene Standards und Schnittstellen setzen, so dass man diese verschiedenen Datenbanken integrieren könnte. Also zum Beispiel in einer mobiltauglichen Anwendung, in der Biotope, Geotope, Baudenkmäler und Wikipedia-Informationen integriert sind.



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    Kaum ist man einmal durch ein paar Konferenzen nicht in der Lage, die Twittersphäre aufmerksam zu verfolgen, entdecken die Parteien nun Twitter als Kommunikationsinstrument. Hubertus Heil, der Generalsekretär der SPD hatte als erster Promi-Politiker versucht, in seinen Tweets vom Nominierungsparteitag der US-Demokraten einen Blick hinter die politische Bühne zu geben.

    Jetzt gibt es auch in Bayern politisches Getwitter: Nach dem Bundesverband twittert nun auch der Bayerische Landesverband der Grünen. Auf der Homepage ist der Link zum Twitter-Account sogar prominent in der Navigationsleiste angebracht:

    Was mir an diesen Experimenten gut gefällt: Es geht nicht nur um das Copy&Paste von Pressemitteilungen, sondern das Ganze zeigt deutliche Elemente einer dialogischen Kommunikation. Fragen der anderen Twitter-Nutzer werden beantwortet und in einigen Fällen werden sogar eigene Fragen gestellt. Das ist mutig und auf jeden Fall ausbaufähig. Besonders angesichts der Tatsache, dass den Teil mit dem Dialog viele immer noch nicht begriffen haben. Eigentlich ist es doch ganz einfach:

    Das Microblogging über Twitter ersetzt nicht die bekannten Formen politischer Kommunikation, aber es eröffnet einen neuen Kanal mit neuer Ausrichtung: Authentizität statt Analyse, Momentaufnahmen statt Einordnungen.

    Twitter eignet sich hervorragend dafür kurze, authentische Einblicke in den politischen Alltag zu ermöglichen. So ein Format der politischen Kommunikation gab es bislang noch nicht. Aber mindestens ebenso spannend ist es, mit Twitter den Leuten zuzuhören. Nicht nur broadcasten, sondern zuhören, Gespräche führen, Themen entdecken, Meinungsbilder einholen – und das alles in Echtzeit. Twitter ist ein Sende- und Empfangsgerät.

    Ganz besonders würde mich außerdem interessieren, ob diese Experimente weiter gehen oder tatsächlich nur wie angekündigt auf bestimmte Ereignisse bezogen waren (Parteitag bzw. Landtagswahl). Gibt es Überlegungen zu nachhaltigen Twitter-Strategien?



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