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Alles Avatare?

Gerade bin ich auf ein Missverständnis, vielleicht auch eher eine Unschärfe gestoßen, die in vielen soziologischen Neue-Medien- bzw. Internettheorien zu finden ist. Tilmann Sutter schreibt in seinem Aufsatz über die Interaktivität neuer Medien folgendes:

Die Nutzer von Computern interagieren nicht mit Personen, sondern mit Texten bzw. symbolischen Repräsentationen [...] Es geht nicht um Beziehungen zwischen konkreten Personen, die sich als Personen wahrnehmen und identifizieren, sondern um Intertextualität.

Auf den ersten Blick naheliegend. Ich spreche auf Twitter, Facebook oder in einer Email nicht mit einer anderen Person, sondern tippe Buchstaben, die dann codiert und übertragen werden. Zwischen die Kommunikationspartner tritt also eine Vermittlung. Aber ist das nicht auch im Fall der Interaktion von Angesicht zu Angesicht der Fall? Auch in diesem Fall können keine Beziehungen ohne Codierung hergestellt werden. Schon mal mit jemandem unterhalten, der nur eine fremde Sprache spricht? Auch in diesem Fall wird ein Medium verwendet, denn die Bewusstseine werden nicht aneinandergekoppelt. Hier ist es kein elektronisches Medium, sondern ein akustisches. Die Stimmen werden durch die Luft als Schallwellen übertragen. Auch die Face-to-Face-Interaktion beruht also auf Technik, Codierung und Vermittlung.

Ich würde sogar sagen, dass es ebenfalls symbolische Repräsentationen geschaffen werden. Das Timbre der Stimme, der Gesichtsausdruck, die Gesten – alles Beobachtungen, die mit Bedeutungen versehen und zu einer Repräsentation der anderen Person verdichtet werden. Wen oder was ich als “konkrete Person” wahrnehme, ist kulturell gerahmt und hängt von der Einübung bestimmter Kulturtechniken ab. Das Sprechen von Angesicht zu Angesicht hat gegenüber Twitternachrichten oder SMS einen unleugbaren historischen Vorteil. Das führt aber bisweilen dafür, dass man das Eingeübte mit dem Natürlichen verwechselt. Wenn ich nur lange genug twittere, komme ich allmählich dazu, den medialen Kontext auszublenden und spreche nicht mehr mit Avataren, sondern mit “konkreten Personen”.

Dass es Unterschiede zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation (mit McLuhan vielleicht besser allgemein: visueller Kommunikation) gibt, bestreite ich gar nicht. Nur liegen sie nicht darin, dass die eine Form “konkreter” und im wahrsten Sinne des Wortes “persönlicher” sei als die andere.



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