Archive for the 'authentizität' Category

Die protestantische Ethik und der Geist von Social Media

Social Media ist nicht immer einfach. Gerade Unternehmen tun sich noch schwer damit, sich tatsächlich auf die Ebene ihrer Kunden oder Nutzer zu begeben. Nicht bloß bei irgendeiner Agentur eine Werbung in Auftrag zu geben, sondern den Leuten ihr Produkt erklären und ihnen dabei in die Augen zu sehen. Deshalb sind detailliert ausgearbeitete Social Media-Richtlinien ein wichtiger Orientierungsrahmen, der Mitarbeitern sagt, welche Grenzen ihre Gespräche in der Öffentlichkeit haben. Social Media bedeutet sozusagen eine wohlorganisierte Revolution der Unternehmenskommunikation.

Die Social Media-Richtlinien des zum Dow Jones-Verlag gehörenden Wall Street Journal schießen aber über das Ziel hinaus. So zum Beispiel folgender Punkt:

  • “Let our coverage speak for itself, and don’t detail how an article was reported, written or edited.”

Genau darin liegt doch der Reiz dieser offenen Kommunikationsformen: Einen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen, den Lesern zu zeigen, dass es außer Nachrufen keine abgeschlossene Stories gibt (und auch im Fall von Nachrufen können Erbschaftsstreits noch für viele weitere Geschichten sorgen). Zeitungsberichterstattung ist von vornherein so gestrickt (das gilt natürlich nicht so sehr für Reportagen), dass sie den Schreibenden verschwinden lassen. Im Idealfall verschwindet der Bote und nur das Ereignis bleibt stehen. Social Media sind anders. Sie bedeuten,

  • dass jede Story nur ein Anfang einer Diskussion ist (= Kommentare),
  • dass es zu jeder Story unterschiedliche Perspektiven gibt (= Links, Trackbacks),
  • dass hinter jeder Meldung eine Person steht, die dies berichtet (= Profilseite),
  • dass niemals ein finaler Stand erreicht ist, sondern es immer weiter gehen kann (= UPDATED:)
  • dass was heute als Lüge erscheint, gestern noch die Wahrheit gewesen sein kann (= Archiv).

Also: Der Bericht steht niemals für sich. Sondern er steht für das berichtete Ereignis. Die Besonderheit von Social Media liegt darin, den Prozesscharakter der Welt sichtbar zu machen – “Alles fließt” gilt auch für Nachrichten. Ein weiterer Punkt der Leitlinien sagt folgendes:

  • “Don’t discuss articles that haven’t been published, meetings you’ve attended or plan to attend with staff or sources, or interviews that you’ve conducted.”

Okay, Insiderinformationsquellen zu verraten wäre sicherlich nicht die klügste Strategie. Aber was spricht dagegen, im Vorfeld Diskussionen anzuregen, die sich mit Themen oder Thesen befassen, die noch nicht in der Endfassung vorliegen? Wer sich dagegen sperrt, sperrt sich gegen die Möglichkeit, von anderen zu lernen. Tun, was man selbst am besten kann, und den Rest verlinken. Dieses Motto von Jeff Jarvis gilt auch hier: Wenn tatsächlich jemand anderes den Beitrag, der schon Tage auf dem Desktop liegt, besser und mit mehr Verve schreiben kann als man selbst – soll es doch der andere tun. Gerade die klassischen Verlagshäuser, der ganze alte Journalismus beruft sich immer wieder auf seinen Qualitätsvorsprung. Echte Qualität ist, wenn man Dinge, die man selbst nicht ganz so gut tun kann, anderen überlässt.

Der Höhepunkt dieser Guidelines ist aber der folgende Hinweis:

  • Business and pleasure should not be mixed on services like Twitter. Common sense should prevail, but if you are in doubt about the appropriateness of a Tweet or posting, discuss it with your editor before sending.

Eigentlich würde hier ein Schlagwort genügen: Protestantismus. Max Weber hätte seinen Twitteraccount genau nach diesem Kriterium geführt: Bloß keine Vermischung von Beruf und Vergnügen oder: Leiden und Leben. Ist der Beruf eines (WSJ-)Journalisten so trocken und puritanisch, dass man aufpassen muss, dass sich nicht etwas Leben in die eigenen Äußerungen einmischt? Welche Gefahr droht, wenn die Twitter-Follower eines Journalisten plötzlich merken, dass gar keine Recherchierundformuliermaschine hinter den eloquenten Artikeln steckt, sondern ein Mensch, der lebt, liebt, reist, isst und so weiter und so fort? Was ist hier zu verlieren?



Verwandte Artikel:
  • Gehirn&Geist startet Brainlogs-Blogportal
  • Update zur AG Social Media
  • Überwachen mit Twitter
  • Politik in 140 Zeichen

    Kaum ist man einmal durch ein paar Konferenzen nicht in der Lage, die Twittersphäre aufmerksam zu verfolgen, entdecken die Parteien nun Twitter als Kommunikationsinstrument. Hubertus Heil, der Generalsekretär der SPD hatte als erster Promi-Politiker versucht, in seinen Tweets vom Nominierungsparteitag der US-Demokraten einen Blick hinter die politische Bühne zu geben.

    Jetzt gibt es auch in Bayern politisches Getwitter: Nach dem Bundesverband twittert nun auch der Bayerische Landesverband der Grünen. Auf der Homepage ist der Link zum Twitter-Account sogar prominent in der Navigationsleiste angebracht:

    Was mir an diesen Experimenten gut gefällt: Es geht nicht nur um das Copy&Paste von Pressemitteilungen, sondern das Ganze zeigt deutliche Elemente einer dialogischen Kommunikation. Fragen der anderen Twitter-Nutzer werden beantwortet und in einigen Fällen werden sogar eigene Fragen gestellt. Das ist mutig und auf jeden Fall ausbaufähig. Besonders angesichts der Tatsache, dass den Teil mit dem Dialog viele immer noch nicht begriffen haben. Eigentlich ist es doch ganz einfach:

    Das Microblogging über Twitter ersetzt nicht die bekannten Formen politischer Kommunikation, aber es eröffnet einen neuen Kanal mit neuer Ausrichtung: Authentizität statt Analyse, Momentaufnahmen statt Einordnungen.

    Twitter eignet sich hervorragend dafür kurze, authentische Einblicke in den politischen Alltag zu ermöglichen. So ein Format der politischen Kommunikation gab es bislang noch nicht. Aber mindestens ebenso spannend ist es, mit Twitter den Leuten zuzuhören. Nicht nur broadcasten, sondern zuhören, Gespräche führen, Themen entdecken, Meinungsbilder einholen – und das alles in Echtzeit. Twitter ist ein Sende- und Empfangsgerät.

    Ganz besonders würde mich außerdem interessieren, ob diese Experimente weiter gehen oder tatsächlich nur wie angekündigt auf bestimmte Ereignisse bezogen waren (Parteitag bzw. Landtagswahl). Gibt es Überlegungen zu nachhaltigen Twitter-Strategien?



    Verwandte Artikel:
  • 50.000 Unterschriften gegen Internetzensur
  • Volker Beck, Hubertus Heil und die FDP – die Politik entdeckt die Macht des Mikrobloggens
  • Flusser, Twitter, Lobo – für ein dialogisches Fernsehen
  • Wissenschaft im Dialog – welche Rolle spielen Blogs?

    Ob eine Konferenz gut ist oder nicht, merkt man eigentlich sehr schnell an den Gesprächen in den Pausen oder beim gemeinsamen Abendessen. Im Fall des ersten Symposiums zur Wissenschaftskommunikation, die von der Initiative “Wissenschaft im Dialog” gestern und heute veranstaltet wurde, ist mir sehr schnell klar geworden: Selten habe ich mit so vielen Leuten gesprochen, die das Gefühl vermittelten, am Anfang von etwas neuem zu stehen. Das Thema Wissenschaftsdialog scheint sich zu einem absoluten Renner zu entwickeln.

    Eigentlich ist die Idee schon recht alt. Am Anfang stand ein Memorandum (1999) der Wissenschaftsstiftungen und -organisationen in Deutschland, das die Rolle der allgemeinverständlichen Kommunikation von Wissenschaft ganz klar in den Mittelpunkt rückte. Darin stehen Dinge wie:

    In Abstimmung mit den wissenschaftsfördernden Einrichtungen des Bundes und der Länder, der Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie Repräsentanten aus Wirtschaft und Politik wird ein den einzelnen Institutionen angemessenes Anreizsystem entwickelt, das geeignet ist, Belohnungen für diejenigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Aussicht zu stellen, die sich aktiv im Dialog mit der Öffentlichkeit engagieren. Das Engagement für diesen Dialog darf dem wissenschaftlichen Ruf nicht abträglich sein, es sollte zu einem zusätzlichen Merkmal wissenschaftlicher Reputation werden.

    Oder wie das folgende:

    Die Würdigung von Leistungen im Dialog mit der Öffentlichkeit soll im Rahmen der internen und externen Begutachtung bzw. Evaluation zusätzlich zur Würdigung der wissenschaftlichen Leistung erfolgen. Geeignete Formen der Anerkennung sollen entwickelt werden.

    klingen auch nach fast zehn Jahren noch revolutionär. Aber, wenn man sich ausführlich mit den Wissenschaftskommunikatoren aus Universitäten, Stiftungen, Museen und diversen Initiativen unterhält, wird schnell deutlich, dass sich hier gerade jetzt sehr viel verändert. Die Zeiten, in denen Professoren ihre Interviews in TV und Print bewusst einschränken mussten, um ihre wissenschaftliche Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel zu setzen, scheint allmählich überwunden. Nicht in allen Disziplinen – die Geistes- und Sozialwissenschaften scheinen hier den Natur- und Technikwissenschaften noch etwas hinterherzuhinken. Aber auch hier gibt es Bewegung.

    Für mich das schönste Beispiel ist das Aufblühen von Wissenschaftsblogs in den unterschiedlichsten Bereichen. Allen gemeinsam ist jedoch die Betonung von dialogischen Elementen. Vilém Flusser hat sehr plausibel zwischen diskursiven Kommunikationsstrukturen, die auf der möglichst unverfälschten Weitergabe von Informationen beruht, und der dialogischen Kommunikation, in der die Partner ihre Informationen zusammenbringen, um etwas Neues daraus zu schaffen, unterschieden. Wissenschaft im Dialog heißt, das ist heute in vielen Vorträgen deutlich geworden, mehr als nur Wissenschaftskommunikation oder public understanding of science.

    Das Ziel sollte sein, die Öffentlichkeit in den Prozess der Wissenschaft zu involvieren – was natürlich je nach Fachgebiet unterschiedlich aussehen kann -, und Blogs ebenso wie Microblogs stellen für mich ein vielversprechendes Werkzeug für diesen Zweck dar:

    • Blogs sind authentischer: In Blogs schreibt man anders als in Journals. Näher an der Person, weniger ausführlich und häufig auch offener. Mit Blogs kann man auch Institutionen ein Gesicht geben, die bislang in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt waren.
    • Blogs sind dialogisch: Die Leser oder Zuschauer müssen nicht passiv bleiben, sondern können Fragen stellen, auf weitere Informationen verweisen und mit anderen diskutieren. Blogs forden zum Engagement auf.
    • Blogs sind unmittelbarer: Spannende Experimente lassen sich mit Blogs und noch besser mit Microblogs in Tickertempo miterleben. Aber im Unterschied zum Ticker, der immer one-to-many funktioniert, kann hier ein echter Austausch funktionieren. Eines der schönsten Beispiele ist für mich nach wie vor der Mars-Phoenix-Twitteraccount.
    • Blogs sind offener: Auch die Wissenschaftsblogger können Fragen stellen. Fragen sind als Format für Wissenschaftskommunikationen unterrepräsentiert. Publiziert werden meistens nur die Antworten. Auch Misserfolge können in Blogs auf informelle Weise vorgestellt und diskutiert werden. Den gewaltigen Bias aller bisherigen Wissenschaftskommunikationen in Richtung gelungene Experimente und bestätigte Hypothesen ist legendär.
    • Blogs erreichen jüngere Zielgruppen: Nachwuchssicherung in der Wissenschaft ist eines der wichtigsten Ziele der Organisationen. Blogs erreichen eine jüngere Zielgruppe als Wissenschaftsmagazine.


    Verwandte Artikel:
  • Wie ernst meint es die Wissenschaft mit dem Dialog?
  • Wissenschaftkommunikation und Mediendialog
  • Wissensblogs gestartet
  • Die Tyrannei der Authentizität

    In der Rockmusik wurden Blut, Schweiß und Tränen schon so oft als einzige Grundlage für das Schaffen wahrer Musik beschworen (die letzte Aktualisierung dieses Denkens war das “keep it real” des Hiphop), dass die Popkritik seit den 1980er Jahren diese Ideologie unter dem Stichwort “Rockismus” abkanzelt und sich lieber mit der Realität einer zu großen Teilen massenindustriell verfertigten Popmusik befasst. Auf einmal taucht in den Debatten um Sinn und Zweck des Bloggens wieder dieses A-Wort auf: “Authentizität”. Gute Blogs, so Cem Basman, müssen authentisch sein. Im Mittelpunkt steht dieser Satz: “Autor und Inhalt stimmen überein und geben nicht vor, etwas anderes zu sein als sie sind.” Man braucht nicht den Tod des Autors beschwören, um eine leise Ahnung zu bekommen, dass mit dieser Forderung etwas nicht stimmen kann. Denn gemeint ist nicht etwa der Autor als Konstruktion, die vor allem in der Blogosphäre immer einschließt, in welchem Medium zu welchem Publikum kommuniziert wird, sondern der Autor als ein Du-Selbst:

    Der einzige Rat als halbwegs erfahrener Blogger, den ich jemandem auf dem Weg mitgeben könnte, wäre: Sei authentisch! Sei du selbst!

    Seit der modernen differenzierten Gesellschaft kann solch eine Forderung jedoch nur noch als Fiktion, als Fassade aufrechterhalten werden. Das, was hier Du-Selbst genannt wird, zerfällt in viele Teil-Selbste, die in den unterschiedlichen Lebenssphären (Beruf, Familie, Beziehung, Weblog) gelebt werden. Das ist in vielen Fällen nicht so sehr Problem als vielmehr Lösung, Entlastung von der Zumutung, überall mit der “ganzen Person” einstehen zu müssen. Gute Blogger sind nicht authentisch, sondern zeichnen sich in erster Linie dadurch aus, darauf weist auch Björn hin, die Technik des Bloggens (und seine vielfältigen Diskursregeln) zu beherrschen. Dazu kann auch gehören, Offenheit darzustellen. Dass MC Winkel am Freitag darüber spricht, wie er “MC Winkel” als Marke aufbauen konnte, ist keine Bankrotterklärung eines inauthentischen Subjekts, sondern der Werkstattbericht eines erfolgreichen Praktikers des Bloggens. Das finde ich sehr viel ehrlicher als alle Versuche, mir als Leser um jeden Preis ein authentisches Selbst verkaufen zu wollen.

    Und: Die Tatsache, dass man das A-Wort nach einigen Bier nicht mehr aussprechen kann, beweist doch eindrucksvoll, dass das Wort nicht für Menschen gemacht ist, sondern eigentlich nur noch von Computern ausgesprochen werden sollte.

    UPDATE: Mittlerweile hat sich auch miss sophie mit einem Lesenswerten Beitrag zu dem Thema geäußert, der mit folgender Pointe aufwarten kann: “‘Authentisch’ ist eine Kategorie, die mittlerweile mehr über den aussagt, der es verwendet, als über den, den es bezeichnet.”



    Verwandte Artikel:
  • Die Least Popular Stories dieses Blogs