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Der passive Wahlomat – Textmining mit politischen Programmen und Konversationen (Teil 1)

Als ich auf der Big-Data-Konferenz “Strata” in Santa Clara einigen Vorträgen zum Thema Textmining in Datenströmen zugehört habe, ist mir die Idee gekommen, das doch einmal mit politischen Kommunikationen auszuprobieren. Vielleicht ist es möglich, anhand der Wörter, die jemand besonders häufig in seinen Twitternachrichten oder Blogposts verwendet, festzustellen, welcher Partei er oder sie am nächsten steht. Wahrscheinlich kennt jeder die Wahlomaten und politischen Tests, die regelmäßig zu jeder Landtags- oder Bundestagswahl heißlaufen und Wahlempfehlungen ausspucken. Ich frage mich, ob man nicht auch schon aufgrund der öffentlichen Äußerungen auf Twitter solche Empfehlungen aussprechen könnte.

Dazu ist zunächst ein Referenzkorpus notwendig, der die unterschiedlichen Parteiideen repräsentiert. Das könnte man natürlich manuell erstellen und z.B. festlegen, dass das Wort “Eigenverantwortung” für eine gewisse FDP-Nähe spricht, “Solidarität” einem SPD-Profil entspricht und “Open Access” eher einen piratischen Wert darstellt. Das dauert zum einen sehr lange und ist zum anderen eine subjektive Einschätzung. Ein sehr viel schnellerer, weil fast vollständig automatisierbarer, Weg ist die Auswertung der entsprechenden Parteiprogramme. Wenn hier die Werte nicht vorkommen, wo sonst. Also habe ich einmal die 2010er Wahlprogramme für NRW verwendet, um daraus die Worthäufigkeitsvektoren zu errechnen. Ein einfaches Python-Script liest die Parteiprogramme ein (die ich vorher um Seitenzahlen, Inhaltsverzeichnisse und Seitentitel bereinigt habe) und errechnet, wie oft jedes einzelne Wort darin vorkommt.

Dabei kann man schon einen deutlichen Unterschied zwischen den Programmen feststellen: Sie sind unterschiedlich lang …

Grüne 60.347
FDP 39.376
Linke 37.635
SPD 23.904
Piraten 21.800
CDU 8.775

… und sie unterscheiden sich auch in ihrer lexikalischen Vielfalt, d.h. dem Verhältnis von unterschiedlichen Wörtern und der Gesamtzahl der Wörter:

CDU 27,79%
Piraten 26,00%
SPD 23,11%
Linke 21,07%
FDP 20,36%
Grüne 17,38%

Die Rangordnung ist hier genau umgekehrt – logisch: Wer einen so langen Text schreibt wie die Grünen ihr Wahlprogramm, dem gehen irgendwann einmal die neuen Wörter aus und man muss auf einen der schon verwendeten 10.486 Begriffe zurückgreifen.

Jetzt aber zu den Vektoren. Diese sehen in etwa so aus:
piraten_2010.txt,36,2,2,0,0,0,1,0,0,
0,0,0,0,0,0,0,0,0,0,0,0,0,0,0,1,0,0,
0,0,0,0,1,0,1,0,0,1,0,0,1,0,0,0 ...

Jede Zahl steht für die Häufigkeit eines bestimmten Wortes. Mit dem Cosinus-Ähnlichkeitsmaß kann man nun berechnen, wie nah zwei Vektoren beieinander liegen (oder genauer: Wie groß der Winkel zwischen ihnen ist).

Hier das Ergebnis der Berechnungen:

          CDU       FDP       GRU
CDU 0.0000000 0.8736595 0.8847022
FDP 0.8736595 0.0000000 0.9146393
GRU 0.8847022 0.9146393 0.0000000
LIN 0.6898869 0.8065468 0.8468190
PIR 0.6653087 0.8090312 0.8215914
SPD 0.9170037 0.9047183 0.9548909

          LIN       PIR       SPD
CDU 0.6898869 0.6653087 0.9170037
FDP 0.8065468 0.8090312 0.9047183
GRU 0.8468190 0.8215914 0.9548909
LIN 0.0000000 0.8882453 0.8122456
PIR 0.8882453 0.0000000 0.7855856
SPD 0.8122456 0.7855856 0.0000000

Der R-Code dazu lautet:

library(lsa)
e <- as.dist(cosine(t(vectors)),diag=TRUE,upper=TRUE)

Zwei interessante Zahlen aus der Tabelle: Die beiden Programme, die sich gemessen an den Worthäufigkeiten am ähnlichsten sind, sind die Programme von SPD und Grünen. Die beiden unähnlichsten Programme sind die der CDU und der Piraten. Aber auch CDU und Linke liegen nicht wirklich auf einer Linie. Aber das war auch so zu erwarten.

Im nächsten Schritt habe ich die Ähnlichkeitsmatrix in eine Distanzmatrix verwandelt und die Ergebnisse visualisiert:

Die Parteien haben aber natürlich nicht nur ein Wahlprogramm für die NRW-Wahl 2010, sondern auch Programme für die Wahlen in Berlin 2011 und im Saarland 2012. Diese habe ich, sofern verfügbar, auch noch in die Distanzmatrix genommen. Das Ergebnis sieht wie folgt aus:

Man sieht sofort, dass die Wahlkampfprogramme von unterschiedlichen Parteien zu einer einzelnen Landtagswahlen einander zum Teil ähnlicher sind als die Programme einer Partei in unterschiedlichen Landtagswahlen. Die y-Achse beschreibt hier eindeutig das Bundesland. Oben sind die Berliner Programme, in der Mitte die NRW-Programme und unten die Saarland-Programme.

Schwieriger ist es, die x-Achse inhaltlich zu beschreiben. In NRW könnte diese Achse durchaus als "Piratizität" beschrieben werden - mit den Piraten am einen extremen Pol und der CDU am anderen. Interessanterweise scheint dies in Berlin nicht zu gelten. Hier liegt die CDU "piratiger" als die Grünen.



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    InformationsflutIch muss gestehen, dass mich bisher die Debatte um die digitale Überforderung – zum Wortführer dieser Scheinbewegung hat sich Frank Schirrmacher gemacht – wenig berührt hat. Vielleicht ist mit folgender abgewandelter Tocotronic-Textzeile seine Position so weit zusammengefasst, dass man sich alle weitere Lektüre sparen kann:

    Wahrscheinlich hat Schirrmacher gar keine Zeit,
    Twitter ist gut doch die Welt noch nicht bereit.

    Natürlich kommen bei mir mehr Informationen an als ich verarbeiten kann. Das würde ich aber nicht unbedingt auf das Internet oder das Social Web im Besonderen zurückführen. Eine Mailbox, in der sich 2578 ungelesene Emails virtuell stapeln ist hat für mich keinen sehr viel größeren Aufforderungscharakter als der Stapel un- oder halbgelesener Bücher, die sich in meinem Haus physisch stapeln. Warum sollte mein Hirneiweiß durch den einen Informationsstau veranlasst sehen, neue Formen des Verklumpens zu bilden als bei dem anderen Informationsstau?

    Zwar gibt es deutliche Unterschiede zwischen dem gedruckten Informationsüberfluss – jeder, der schon einmal eine Zeitung wie z.B. Schirrmachers FAZ abonniert hatte, weiß wie alte Zeitungsausgaben dazu neigen, den Lebensraum zu verstopfen – und der neuen digitalen Unübersichtlichkeit. Aber begleitend zu den neuen Überforderungsphänomenen gibt es neue Coping-Mechanismen. Zum Beispiel Blackberry: Klar signalisiert mir das blinkende rote Licht immer wieder, dass neue Informationen abgerufen oder aufgenommen werden wollen. Wenn ich das Smartphone umdrehe, so dass die rote Leuchte nach unten zeigt, sehe ich das Blinken nicht mehr. Ein einfacher Trick, millionenfach bewährt.

    Und auch für digitale Informationskanäle wie Twitter gibt es so etwas. Das Geheimrezept lautet “einfach mal ignorieren”. Vielleicht ist es hierbei von Vorteil, wenn man sowieso so vielen Menschen folgt, dass man mit dem Lesen nicht mehr hinterherkommt? Ich folge knapp 2.500 Menschen auf Twitter. Keine Chance, auch nur annähernd up to date zu bleiben mit all ihren Gedanken, Ängsten, Banalitäten, Entdeckungen etc. Das schnelle Tempo führt dazu, dass ich mich ganz bewusst an bestimmten Informationen oder Personen orientiere. Was jemand explizit mir mitteilen möchte (also @furukama-Botschaften), bekomme ich mit. Ebenso alles, was die Handvoll Menschen schreibt, die mir besonders wichtig sind (dafür habe ich eine Twitter-Liste). Für den ganzen Rest entwickelt sich so eine Art Flow-Gefühl, ein Schweben über dem Informationsstrom, von dem ich nur hin und wieder einzelne Gedanken mitbekomme, mehr nicht.

    Der einzige Punkt, der an dieser Debatte wirklich interessant ist: Wie passen die Diagnosen der letzten Schirrmacher-Werke zusammen? Hier wird es wirklich spannend. Auf der einen Seite der Methusalem-Komplott in dem die Älteren die Macht übernehmen und den Staat von oben bis unten umkrempeln. Auf der anderen Seite die immer schwächeren nachwachsenden Generationen, die aber mit Twitter, iPhone und Facebook das, was sie an Masse und Macht verloren haben, durch Geschwindigkeit wieder wettmachen wollen? Droht hier tatsächlich ein Krieg der Alten gegen die Jungen bzw. der jederzeit erreichbaren Echtzeitgehirne gegen die in Offline-Idyllen schwelgenden Altersrassisten? Und vor allem: Wo steht ein Schirrmacher in diesem Tohuwabohu?

    Vielleicht zum Abschluss noch einen theologischen Gedanken. Das passt ganz gut zur Adventszeit, die übrigens ebenfalls zwei Gesichter hat: ein helles, fröhliches Süßer-die-Glocken-nie-klingen-Gesicht, und gleichzeitig aber auch ein kulturgeschichtlich sehr viel älteres düsteres Gesicht einer Endzeit, in der man schwarz getragen hat und gefastet hat und weder heiraten, noch sich in der öffentlichkeit freuen durfte. Die glückselige Informationsarmut des vom Netz genommenen Methusalems ähnelt tatsächlich einem paradiesischen Zustand. Das Paradies ist nämlich sogar etymologisch nichts anderes als ein früher “walled garden” (pairidaeza), in dem es keine Information gibt, da es sich um einen statischen Zustand handelt und Information immer bedeutet: ein Unterschied, der einen Unterschied macht. Ich finde hier die Theologie der Talking Heads am überzeugendsten, die den Himmel wie folgt beschreiben:

    Heaven, heaven is a place,
    a place where nothing, nothing ever happens
    Heaven, heaven is a place,
    a place where nothing, nothing ever happens

    Das Gegenteil von dieser himmlischen Zeitlosigkeit sind die zutiefst irdischen digitalen Echtzeit-Informationsströme, in denen jeden Tag etwas neues passiert, jeden Tag neue Personen in den Timelines auftauchen, jeden Tag andere Verknüpfungen der potentiell globalen Netzwerkgesellschaft aktualisiert werden.

    Siehe dazu auch:



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  • Qype scheint seine Experten nicht mehr zu brauchen

    Eine der Schlüsselfragen des Community Managements: Wie schafft man ein angenehmes und inspirierendes Umfeld, das die aktiven Träger einer Community (man denke an die 90-9-1-Regel oder die Social Technographics-Profile von Forrester) dazu anregt, sich immer stärker mit der Community zu identifizieren? Wie richtet man intelligente Verstärkungsmechanismen ein, die an den innersten Gefühlen und Leidenschaften der Nutzer rühren? Wie erhält man eine begeisterte Gemeinschaft, die ihre Begeisterung ohne jegliche monetäre Belohnung (intrinsische Motivation) nach außen trägt?

    So jedenfalls nicht:

    From: QYPE
    To: eigenarbeit@gmail.com

    Date: Wed, Jul 22, 2009 at 2:19 PM
    Subject: system_1000_points_downgrade subject

    Hallo,

    wir haben festgestellt, dass Du seit mindestens 2 Monaten nicht mehr geqypt hast und haben darum Deinen Experten-Status rückgängig gemacht.
    Es ist schade aber Du verstehst ganz bestimmt, dass ein Experte ohne neue Beiträge für die Community ein bisschen wie ein Sommertag ohne Sonne ist.
    Wenn Du Deinen Status wieder erhalten willst, weisst Du, was Du zu tun hast ;-)

    Danke.

    Dein Qype-Team–

    Wenn die Wikipedia so einen Mist erlauben würde, stünden wir jetzt wahrscheinlich bei 93 und nicht bei 933.000 Einträgen. Wer nur ein winziges bisschen Psychologie in seinem Leben mitbekommen hat, weiß, dass das Wegnehmen einer Belohnung (“Deprivation”) eine der schlimmsten Bestrafungsmöglichkeiten ist. Das Beenden der Strafe (“negative Verstärkung”) wirkt dagegen nur schwach.

    UPDATE: Alle meine Beiträge habe ich gesichert und gelöscht. Alle Vorschläge, wo ich meine seit April 2006 mehr oder weniger regelmäßig verfassten Rezensionen veröffentlichen kann, sind willkommen. Auf einem Wiki? Auf einem Blog?

    UPDATE 2: Ich bin wohl nicht der einzige “Experte”, der diese unhöfliche Email bekommen hat. Über Twitter und Directmails haben sich noch einige weitere Betroffene gemeldet. Ich habe das Gefühl, dass diese Strafaktion vielleicht genau das Gegenteil erreichen könnte als eigentlich beabsichtigt.

    UPDATE 3: Die Antwort von Qype kam sehr schnell per Twitter: “@furukama den Status erhält man sofort wieder, wenn man wieder aktiv ist. So wird der Status der aktiven Mitglieder aufgewertet.” Stimmt. Aber nur derjenigen, die nach so einer unhöflichen Mail dann tatsächlich bleiben.

    UPDATE 4: Stephan Mosel von Qype hat “telefoniert, gemeetet und gemailt” mit dem Ergebnis, dass es diese Status-Downgrades so nicht mehr geben wird. Hier geht’s zum Qype-Forenbeitrag dazu.



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  • Die We-Generation wählt

    Die heutige Wahl des 44. Präsidenten der USA ist eine Internet-Wahl. Wer Twitter, Friendfeed und natürlich auch die amerikanische Blogosphäre aufmerksam beobachtet hat, wusste es schon etwas länger, aber jetzt dürfte es auch dem durchschnittlichen 61jährigen ZDF-Gucker auffallen: drei von fünf der Interviewpartner, die sich in der langen ZDF-Wahlnacht mit Anchor Claus Kleber die Zeit vertreiben, sind Blogger. Felix Schwenzel, Marcus Skelton und Christoph Bieber dürfen die Reaktionen im Netz deuten. Sogar externe Links hat das ZDF dafür angelegt.

    Besonders spannend sind jedoch Echtzeitmedien wie Twitter, die es ermöglichen, gleichzeitig aus unterschiedlichen Teilen der USA Meldungen zur Wahl zu sammeln und zu publizieren. Das Fernsehen ist nur in Ausnahmefällen wie einer solchen Wahlnacht live dabei und gehorcht zudem einer sequentiellen Logik. Wenn mich ein Lagebericht aus Ohio interessiert, im Fernsehen aber gerade ein Korrespondent aus Florida berichtet, muss ich warten. Ich will aber nicht warten.

    Auf TwitterVoteReport kann man zum Beispiel sehen, wie lange die Wartezeiten in den Wahllokalen gewesen sind und ob den Wählern dort irgendetwas aufgefallen ist:

    Twitter VoteReport

    Auf Twitpic gibt es im Minutentakt Fotos von leeren oder ausgefüllten Stimmzetteln wie zum Beispiel hier oder von den Schlangen vor den Wahllokalen. Das ist eine neue Art von Authentizität. Keine Fernsehkameras, die ein möglichst eindrucksvolles Bild zusammenstellen, sondern ein Twitternutzer, der gerade zur Wahl geht, in der Schlange steht und mit seinem Handy ein Foto macht. Ein unmittelbarer Eindruck.

    Am schnellsten ist aber natürlich der Twitter-Wahlfeed, auf dem alle Tweets zur Wahl aggregiert werden. Auf den ersten Blick sieht das wie ein gewöhnlicher Ticker aus. Aber es ist nicht eine Nachrichtenredaktion, die bestimmt, welche Nachrichten in welchen Abständen gepostet werden, sondern es sind Twitternutzer auf der ganzen Welt, die zu einem gewaltigen Massengespräch beitragen – ganz gleich, ob sie einfach nur Neuigkeiten posten, kommentieren oder sich mit anderen darüber austauschen. Was der Ticker für die alte hierarchische Nachrichtenwelt war, ist dieser Dialogstream für den Schwarm oder die Noosphäre:

    Election Twitter

    Sogar Wahlumfragen werden per Twitter durchgeführt. Auf TwitVote liegt beispielsweise Barack Obama mit 15.370 Stimmen zu 2.719 Stimmen für John McCain weit in Führung:

    Oder man zählt die Tweets, die sich für Obama oder McCain aussprechen, sortiert sie nach Staaten und kommt dann zu folgendem Ergebnis (blau = Obama, rot = McCain):

    Dialup-Internetnutzer scheinen dagegen sehr viel konservativer zu sein. Eine entsprechende – ebenso wenig repräsentative – Umfrage unter AOL-Nutzern zeigt eine ebenso klare Mehrheit für McCain:

    Durch all diese digitalen netzförmigen Kommunikationsmedien ist es möglich, den Wahlabend – bei uns eher: die Wahlnacht – gemeinsam mit Hunderttausenden zu verbringen. Und anders als in der berühmten Redewendung von den “Millionen vor den Fernsehgeräten” gibt es hier tatsächlich die Möglichkeit, zu interagieren, Fragen zu stellen und die Vorgänge zu kommentieren. Warum also nicht zum Beispiel in diesem Thread die Wahlnacht über mit Bruce Schneier über die Sicherheit von Wahlautomaten diskutieren? Oder mit Dave Winer im Election-Day-Chat? Oder auf Twitter?



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    Die nächsten Tage werden noch einmal sehr spannend, bevor dann am Wochenende mein Urlaub beginnt: Heute konstituiert sich in München der Arbeitsausschuss der Arbeitsgemeinschaft Social Media. Auf der Agenda stehen neben einem Bericht des Vorstands über die bisherigen Aktivitäten auch folgende Punkte:

    • Bildung der thematischen Arbeitsgruppen (z.B. Technik, Mittelstand, Politik)
    • Planungen für eine Konferenz zum Thema Social Media Measurement
    • Einrichtung einer virtuellen Bibliothek zum Thema Social Media
    • Gründung einer Fachzeitschrift
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    Erwartet also den ein oder anderen thematischen Tweet oder FriendFeed-Post von @jbenno, @mediaocean, @rjoerges oder mir.


    Am Abend geht’s dann gleich weiter nach Mainz, wo morgen beim ZDF der JugendMedienEvent startet. Ich werde mich gleich im ersten Panel über das Thema “Journalismus 2.0 – Ein Berufsbild im Wandel” mit Julius Endert (Blinkenlichten Produktionen), Ansgar Mayer (Axel-Springer-Akademie), Rainer Meyer (Don Alphonso), Thomas Waldner (ZDF) austauschen. Es dürfte also interessant werden.

    Meine Meinung zur Zukunft des Journalismus habe ich ja in diesem Blog bereits mehrfach geäußert. Im Kern geht es darum, dass die Kernaufgabe des Journalismus, das “digging below the fold“, also das Recherchieren komplexer Geschichten und Hintergründe, das Herausarbeiten von Zusammenhängen vor einem umfassenden Tatsachenbild, bleiben wird. Aber die Journalisten werden sich irgendwie der Tatsache stellen müssen, dass sich zum einen gerade bei der jüngeren Generation die Nachfrage nach Nachrichten gerade deutlich verändert (hin zu schnelleren, oberflächlicheren Informationen) und zum anderen neue Informationsströme entstehen, die den Nachrichtenkonsumenten erreichen, ohne auch nur einmal mit dem klassischen System des Journalismus in Berührung gekommen zu sein.

    Dieser Wandel lässt sich auf Dauer nicht durch eine rigide Professionspolitik oder die aktive bzw. aggressive Verweigerung aufhalten. Die Journalisten werden die Regeln in dem sich gerade herausbildenden neuen Mediensystem nie herausfinden, wenn sie sich nicht auf diesem Spielfeld bewegen. Man lernt kein neues Spiel, indem man wegsieht.



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  • Die meistgenutzten Web 2.0-Dienste der Twitterati

    Mittlerweile gibt es im Web 2.0 für jede Aufgabe ein entsprechendes Tool, egal ob es um die Terminplanung geht, um das Aggregieren von RSS-Feeds oder um berufliche Networking. Aber welche dieser Dienste werden tatsächlich genutzt? Um das herauszufinden, habe ich über Twitter eine Kurzumfrage gestartet. Dass es Twitter hier auf den ersten Platz geschafft hat, ist nicht verwunderlich, aber auch bei den folgenden Rängen hat sich doch ein deutliches und einigermaßen einheitliches Meinungsbild abgezeichnet:

    Zeichnet man die Dienste der Verbreitung nach ab, so erhält man die gewohnte Figur eines Long Tail: Nur wenige Anwendungen sind sehr gängig, die meisten werden nur von einer einzigen Person genannt wie die folgenden: Google Documents, Google Notebook, Evernote, Basecamp, Pageflakes, Spout.com, Mr. Wong, Magnolia, Tiqqer, Twitpic, mixxt, Venteria, Plurk, FFFFound, iLike, Aka-aki, Mindmeister, .Mac, Ebay, 1&1-Webmail, Tumblr, Digg, Hobnox, blip.tv.



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  • Flusser, Twitter, Lobo – für ein dialogisches Fernsehen

    Eine der intelligentesten Analysen des Fernsehens hat der kosmopolitische Medienphilosoph Vilém Flusser 1974 unter dem Titel “Für eine Phänomenologie des Fernsehens” vorgelegt. Darin versucht er sich durch die Ausblendung alles Vorwissens (bei Husserl heißt das Epoché oder Innehalten, Enthaltung) das Wesen des Fernsehens zu beschreiben, wie es sich dem Phänomenologen unmittelbar präsentiert (“Unter den Möbeln eines Wohnraums steht eine Kiste. Sie hat ein fensterähnliches Glas und verschiedene Knöpfe …”).

    Das Fernsehen erscheint aus dieser Betrachtungsweise als “Fenster zum Blicken auf die Welt”, ein Fenster, das in manchen Punkten dem klassischen Fenster überlegen ist (Möglichkeit der Vergrößerung und Verkleinerung von Dingen sowie eine unbeschränkte Aussicht). In anderen Punkten ist der Fernseher dem gewöhnlichen Fenster unterlegen, denn er unterbricht den Dreischritt Orientierung (Ausblick), Engagement (Vorstoß durch die Tür), Einkehr (Rückkehr in die vier Wände). Fernsehen ist passiv.

    Noch spannender sind die politischen Mängel des Fernsehens, also diejenigen, die mit dem Verhältnis von Privatsphäre und Öffentlichkeit zu tun haben. Zunächst einmal ermöglicht das Fernsehen z.B. Politikern, das private Wohnzimmer der Leute zu betreten. Aber diese Beziehung ist minderwertig, denn:

    Erstens erlaubt die Kiste, die den Politiker in den Privatraum projiziert, keinen Dialog mit ihm, und der Dialog ist die Struktur des politischen Lebens. Und zweitens sind die Millionen von Kisten, die in der Gesellschaft verteilt sind, zwar alle mit demselben Sender (dem Politiker), aber nicht untereinander verbunden. Sie erlauben also keinen Dialog zwischen den Empfängern [...] Es führt einerseits zur Vereinsamung, zur Entpolitisierung des Empfängers und andererseits zur allgemeinen Invasion des Privaten, zum Totalitarismus.

    Gestern abend habe ich erlebt, wie dieser Mangel kurzzeitig korrigiert werden konnte. Durch Twitter. In der “Kiste” kam eine Sendung von Menschen bei Maischberger, bei der auch Sascha Lobo, einer der aktivsten Twitterer zu Gast war. Dementsprechend groß war die Aufmerksamkeit auf Twitter. Die vielen maximal 140 Zeichen langen Botschaften lieferten genau den Dialog zwischen den Empfängern, den Flusser im Fall des nackten Fernsehens so vermisst. Und dazu kommt, dass auch einer der im Fernsehen erscheinenden Protagonisten per Twitter direkt ansprechbar war und seinerseits den eigenen Auftritt im Fernsehen zeitversetzt kommentieren konnte.

    Die kurzen Kommentare der Twitter-Zuseher reichten von Politik

    Ach so, Steuern haben nix mit Abgaben zu tun. Politiker sind Fachidioten mit Scheuklappen. Im Realleben laufen solche Leute vor die Wand

    über Ästhetik,

    möglicherweise wurde @saschalobo nur als roter Teppich eingeladen. was fatal wäre. #laufenüberiro

    Wissenschaft

    “Diskontinuierliche Arbeits- und Erwerbsbiographien” wären das Stichwort! #saschalobo #maischberger

    oder Rhetorik

    @saschalobo guter einstieg, angenehmes tempo

    Eine mögliche Nebenfolge des intensiven Begleittwitterns ist, dass die bei solchen Ereignissen übliche Aufarbeitung der Sendung in den Weblogs bisher eher schleppend voran geht.

    Unabhängig von der Frage, ob man in 140 Zeichen tatsächlich einen politischen Dialog führen kann, halte ich dieses Experiment für gelungen. Um die 50 Personen sehen gemeinsam eine Fernsehsendung und verwandeln sie durch ihr Getwitter von einem starren diskursiven Broadcast in einen Dialog. Die zweite Einseitigkeit – also das Fehlen einer Verbindung zwischen Empfängern und Sender – wird dadurch vermutlich nicht beeinflusst. Aber ich hoffe, dass früher oder später vielleicht auch die Rundfunkverantwortlichen dieses dialogische Potential entdecken werden, das unendlich wirkungsvoller und ehrlicher ist als die oft so dämlichen Zuschaueranrufe, die von Redakteuren ausgewählt und ins Studio durchgestellt werden.

    Ein dialogisches Fernsehen wäre ein sinnvoller Auftrag für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Vielleicht sogar der einzige, der geblieben ist.

    Wer mir auf Twitter folgen möchte, kann das hier tun.



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    Doc Searls, Mitauthor des Cluetrain-Manifests (“Märkte sind Gespräche“), hat auf seinem Blog in prägnanter Form zehn Empfehlungen für die Zeitung der Zukunft formuliert (bzw. aus dem Archiv hervorgeholt). Da diese Punkte sehr gut zu meinem letzten Blogeintrag zum Tod der Tageszeitungen und dem Überleben der Zeitschriften passt, möchte ich die Thesen hier kurz kommentieren:

    1. Die Archive öffnen. Wenn die alten Beiträge hinter einer kostenpflichtigen Anmeldemaske versteckt sind, können sie von Suchmaschinen nicht gefunden werden. Was im Suchmaschinenzeitalter schlicht heißt: sie existieren nicht. Hier hat sich einiges getan. Das Zeit-Archiv reicht trotz einiger Mängel bis ins Jahr 1946 zurück. Das taz-Archiv ist zwar kostenpflichtig, Google darf aber umsonst hinein, so dass die älteren Beiträge in den Suchmaschinenindices zu finden sind. FAZ und SZ sind dagegen größtenteils kostenpflichtig.
    2. Archiviertes auf die Titelseite bringen. Doc Searls empfielt, Links zu alten Artikeln aus den Archiven auf die Titelseite zu bringen, um die Suchmaschinen und Nutzer in die Archive einzuladen. Zwar haben die Onlineausgaben mittlerweile durch die Bank Verweise auf thematisch ähnliche Beiträge (“related items”) auf den Artikelseiten. Aber der Weg von der Titelseite ins Archiv ist meistens so versteckt, dass man nicht ernsthaft davon ausgehen darf, dass man die Leser dort haben will. Hier als Beispiel der gut getarnte Archivlink ganz unten auf der Tagesspiegel-Seite:
      Gut getarnter Archivlink auf Tagesspiegel.de
      Einige Archive sind zudem nur durchsuchbar und nicht Artikel für Artikel, Ressort für Ressort durchblätterbar.

    3. Nach außen verlinken. Wie ich hier schon erwähnt habe: bei deutschen Zeitungswebseits Fehlanzeige. Verlinkt wird nur auf das eigene Blatt. Links nach außen sind nahezu immer Werbelinks. Von Tageszeitungstrackbacks in die Blogosphäre können wir im Augenblick nur träumen.
    4. Blogs und andere Zeitungen verfolgen und verlinken. Auch hier nicht viel neues. Immerhin leisten sich viele Tageszeitungen nun Blogger, die anscheinend diese Arbeit für die Zeitungsredaktion übernehmen sollen.
    5. Blogger als potentielle Berichterstatter einbeziehen. Bislang ist die Kluft zwischen Zeitungen und Blogs nur in eine Seite durchlässig: Journalisten können Blogger werden. Bewegungen in die andere Richtung, also dass ein wichtiger Blogger oder eine Bloggerin in eine Redaktion geholt wurde, sind mir nicht bekannt. Robert Basics Techniktipps auf der Computerseite der Süddeutschen? Schwenzels Woche in der Taz? Aber das geht natürlich nur, wenn der Scheingegensatz zwischen Journalisten und Bloggern aufgegeben wird.
    6. Bürgerjournalisten für lokale Themen einsetzen. Auch hierfür fallen mir auf Anhieb keine prägnanten Beispiele ein.
    7. Weg mit dem Begriff “Content”. Es geht um Texte, Bilder, Meinungen, nicht um Inhalt, der nur dazu da ist, einen Leerraum zu füllen. Eine Onlineredaktion sollte mehr sein als ein Content-Management-System.
    8. Einfache Webseiten bauen. Klare Strukturen und Navigationspfade, kurz: Benutzerfreundlichkeit.
    9. Ins “Live Web” einsteigen. Statt Site, Content, Box und Container sollte im Idealfall der Eindruck entstehen, dass hier lebendige Menschen recherchieren, fotografieren, schreiben, verlinken, beobachten, kommentieren. Das neue Netz ist dynamisch.
    10. Für mobile Endgeräte “Nachrichtenströme” veröffentlichen. Auf einem Mobiltelefon will man die Essenz der Seite lesen. Mehr nicht. Das kann dann in etwa so aussehen.

    Mir fallen da noch zwei Ergänzungen ein:

    1. Zugänge in die Nachrichtenmaschine anlegen. RSS-Feeds haben mittlerweile die meisten Tageszeitungen im Netz. Aber das sind meistens One-Size-Fits-Them-All-Lösungen. Die Personalisierung geht in der Regel nur so weit, dass man Feeds für einzelne Ressorts abrufen kann. Mit Nachrichten-APIs könnte man sehr viel spezifischere Zugänge zu den Datenbanken ermöglichen und so das dort gespeicherte Wissen besser nutzen. Die amtliche Statistik hat damit auch schon angefangen, so dass man die offiziellen Daten in Mashups weiter umwandeln kann. Warum sollten die Zeitungen das nicht auch können?
    2. Die Nachrichten verschlagworten und geocodieren. Wenn es hoch kommt, sind in den Metatags gerade einmal die ersten zehn Worte der Meldung als Stichworte abgespeichert. Was fehlt ist eine aussagekräftige Verschlagwortung der Beiträge sowie die Geocodierung. In Verbindung mit dem vorangegangenen Punkt entstünde auf diese Weise eine umfassende und dynamische Datenbank mit Begriffen und ihren Orten, auf die man dann z.B. für eigene Blogbeiträge oder Mashups (vgl. dazu meinen geolokalisierten Wein-Nachrichtenfluss mivino) zurückgreifen könnte.


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