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Wie die Marktforschung das neue Netz verschläft

Wie sieht es aus mit der Web (2.0)-Tauglichkeit der großen Markt- und Medienforschungsinstitute? Man dürfte eigentlich meinen, dass hier mustergültig alle Techniken eingesetzt werden, die den Zugang zu den angebotenen Informationen erleichtern (vgl. auch das inflationär verwendete Stichwort “Google for Information”), die Verständnis und Einprägsamkeit der Informationen stützen und vielleicht sogar (Corporate Weblog) neue reziproke Kommunikationswege zwischen Unternehmen und Nutzern schaffen. Im Moment sieht es hier allerdings düster aus.

Ich habe mir für die folgende Tabelle einmal die News-, Nachrichten- bzw. Pressemitteilungsseite einiger großen Institute, die immer wieder Zahlen über Internet und das Web 2.0 publizieren angesehen und miteinander verglichen. Dabei habe ich darauf geachtet:

  • Kann man sich per RSS über neue Studien, Nachrichten aus dem Haus etc. informieren lassen? (Hierzu ein kurzes Zitat aus Christianes 10 Thesen zur Zukunft der Medien: “Ein weiterer Beschleuniger sind Dienste, die Nutzer und Leser dazu befähigen, sich auf ihre Interessen maßgeschneiderte Angebote zusammenzustellen. Die Stichworte hier: RSS und Aggregation.”)
  • Gibt es alternativ einen klassischen Newsletter?
  • Kommunizieren Mitarbeiter per Corporate Weblog mit den Nutzern?
  • Kann man sich die Berichte als PDF-Dokument (also mit Tabellen, Abbildungen etc.) herunterladen?
  • Besteht die Möglichkeit, sich fertige Charts, z.B. für Powerpoint, herunterzuladen?
  • Wird ein persönlicher Ansprechpartner genannt?
  • Werden die Texte durch multimediale Inhalte ergänzt?
  • Gibt es einen Zugang zu den Datensätzen?


RSS?News-
letter?
Web-
log?
PDF?Charts?Persönlicher Kontakt?Multi
media?
Daten
sätze?
TNS Infratest (de)neinjaneinjajajaneinnein
TNS Emnid (de)neinneinneinjaneinjaneinnein
Nielsen Media Research (de)neinneinneinjaneinjaneinnein
IfD Allensbach (de)neinneinneinjaneinneinneinnein
GfK (de)neinneinneinjaneinjaneinnein
Ipsos (de)neinjaneinjaneinjaneinnein
synovate (de)janeinneinjaneinjaneinnein
Psyma (de)neinneinneinneinneinjaneinnein
PEW / Internet (us)janeinjajajaneinja (Video)ja (SPSS, Crosstabs, Fragebogen)

Damit die Bilanz nicht allzu düster ausfällt, habe ich noch das in dieser Hinsicht vorbildliche PEW-Internetprojekt mit hinzu genommen. Weitere Punkte, die ich ebenfalls hätte aufführen können, die aber nur negative Einträge produziert hätten, wären z.B.:

  • Gibt es eine Möglichkeit, die Informationen in social bookmarking-Dienste einzuspeisen? (Dazu wieder Christiane: “Veröffentlichte Inhalte können über Werkzeuge, die die Struktur von Linknetzwerken intelligent auswerten, leichter gefunden werden. Dazu gehören nicht nur Suchmaschinen, sondern auch Tagging-Dienste wie Social-Bookmarking-Dienste.”)
  • Kann man die Inhalte bequem mit wenigen Mausklicks in eigene Veröffentlichungen (z.B. Weblogs) einbinden?
  • Können die Nutzer Informationen kommentieren, bewerten?
  • Gibt es intelligente Empfehlungsalgorithmen à la “Nutzer, die diesen Bericht gelesen haben, interessierten sich auch für …”?

Natürlich ist nicht immer und für jeden alles sinnvoll. Aber ein bisschen mehr Webtauglichkeit würde ich mir doch wünschen.

Welche Markt- und Medienforschungsinstitute in Deutschland (oder international) müssen noch in die Liste? Gibt es weitere Musterschüler?



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    Gerade eben ist eine der wichtigsten regelmäßigen Online-Studien in München präsentiert worden: die Allensbacher Computer- und Technik-Analyse (ACTA). Diese Studie, die auf jährlich 10.000 Interviews von 14-64jährigen basiert, zielt nicht nur darauf, neue Märkte und Zielgruppen zu erfassen, sondern auch darauf, “die Veränderungen des Informations-, Kommunikations- und Transaktionsverhaltens in der digitalen Welt” nachzuzeichnen. Das macht sie zu einer auch für Soziologen spannenden Datenfundgrube (Lob gibt es auch von den Münchner Kommunikationswissenschaftlern).

    Vergleicht man die Daten mit den Werten der Vorjahre, so kommt man schon einmal zu dem ersten Schluss: in vielen Dimensionen geht die Entwicklung so weiter wie bisher. Hier einige interessante Ergebnisse aus der Präsentation “Qualitative Veränderung der Internetnutzung” von Renate Köcher und Johannes Schneller (hier als pdf):

    • Obwohl die Internetnutzung 2006 mit 67% bereits ein hohes Niveau erreicht hat, ist erneut eine Steigerung auf 72% möglich gewesen (bei einer gleichzeitigen weitergehenden Verbesserung der technischen Ausstattung der Haushalte). Gleichzeitig nimmt der Anteil derer weiter ab, die auch auf absehbare Zeit nicht planen, das Internet zu nutzen (von 23% auf 19%). Womöglich lässt sich hier tatsächlich eine internationale Angleichung betrachten, so dass auch in Deutschland früh oder später ähnliche Internetdurchdringungs- und -nutzungsraten beobachten lassen wie in den USA (70% lt. Nielsen//NR), Schweden (76% lt. ITU) oder die Niederlande (88% lt. Nielsen//NR)? Potential scheint jedenfalls noch da zu sein – fragt sich nur: in welcher Altersgruppe oder in welcher Schicht?
    • Beeindruckend ist auch der Anstieg der Nutzungshäufigkeit. Waren es 2006 erst 34%, die das Internet täglich oder mehrmals täglich nutzten, sind es 2007 bereits 39%. Leider wurden zu diesem Punkt keine Daten angegeben, aber ich vermute, dass nicht nur die Frequenz, sondern auch die Intensität der Nutzung mit angestiegen ist. Diese beiden Randbedingungen sind von erheblicher Bedeutung, will man z.B. Veränderungen der Mediennutzung beschreiben.
    • Als Informationsquelle wird das Internet immer häufiger genutzt, bleibt aber, was das Gesamtbild und die aktuellen Nachrichten betrifft, hinter Fernsehen, Zeitung und Radio zurück (wobei allerdings gerade bei den Jüngeren das Internet teilweise schon vor der Zeitung liegt – sollte das kein Alterseffekt sein, sondern ein Kohorteneffekt, haben die Printmedien tatsächlich ein Problem). Hier wäre nicht nur spannend, die tatsächliche Nutzungsdauer zu erfahren, sondern auch die Frage, inwiefern sich hier eine Entgrenzung der Medienprofile beobachten lässt: Wer seine Tageszeitung per Email als pdf geschickt bekommt oder die wichtigsten Schlagzeilen auf dem Mobiltelefon durchliest, nutzt das Internet – womöglich ohne das zu bemerken. Ich vermute, dass diese hidden internet usage stark ansteigen wird. Eine echte Herausforderung für die Medienforscher. Eine andere Präsentation (pdf) stellt zudem fest, dass das Bedürfnis danach, über das aktuelle Geschehen auf dem Laufenden zu bleiben, generell abgenommen hat (vor allem bei den Jüngeren). Eine Entschleunigung durch die Beschleunigung des “jederzeit abrufbaren Informationsbestandes”?
    • Lobenswert ist die intensive Berücksichtigung des Web 2.0 in der Studie. Und so kann man der Studie auch einige Zahlen zur Blognutzung entnehmen. Kurz gefasst: Weblogs sind immer noch eine Nischen-Domäne. Obwohl 18% der Befragten Weblogs lesen, sind es nur 2% davon, die dies häufiger tun und 5% nur ab und zu. Die deutsche Weblogöffentlichkeit wird von Seltenlesern beherrscht. Eine recht ähnliche Verteilung zeigt sich auch bei den Blogkommentaren sowie den Bloggern. Ein großer Teil der regelmäßigen Blogleser und -kommentierer bloggt selber (ich sehe das als weiteren Hinweis darauf, Bloggercommunities mit Netzwerkanalysen zu untersuchen, denn diese Netzwerköffentlichkeiten gehorchen möglicherweise nicht denselben Gesetzen wie “klassische” massenmediale Öffentlichkeiten). Anteilsmäßig bedeutendere Web2.0-Anwendungen sind: Fotos hochladen (14%) und Bewertungen abgeben (13%). Aber auch hier sind es weniger als ein Zehntel, die regelmäßig user generated content produzieren.
    • Eine mögliche Erklärung für den Erfolg der ambient communication à la Twitter, Jaiku und Pownce (zum Stichwort Mikrobloggen hier entlang) liefert die Beobachtung einer gesunkenen Aufmerksamkeitsfähigkeit der jüngeren und intensiven Internetnutzer. Nur noch 41% gegenüber 49% 2005 lesen auch längere Artikel konzentriert und 69% der intensiven Internetnutzer erwarten innerhalb eines Tages eine Antwort auf ihre Emails (gegenüber 55% der gesamten Internetnutzer). Wachsende Convenience-Orientierung (vgl. auch diesen Beitrag) als Grundlage für den Trend zur Mikrokommunikation?

    Eine weitere spannende Präsentation (pdf) liefert Zahlen zur crossmedialen Verknüpfung von Medienmarken (mehr dazu auch bei “kein thema”). Was mir allerdings fehlt, sind Daten zur mobilen Mediennutzung (2005 waren es lt. OECD weltweit 930 Mio Mobiltelefonnutzer!). Da die Mobilfunkdurchdringung noch deutlich über der Internetdurchdringung liegt – und das gilt noch viel mehr für Regionen ohne ausgebaute Kabelinfrastruktur mit großen Entfernungen wie z.B. viele afrikanische Länder -, dürfte hier eines der wichtigsten Potentiale der Mediennutzung liegen – von Social Networking über Mikrokommunikation bis hin zu geolokalisierten und -taggenden Anwendungen. Gibt es hierzu aktuelle Zahlen?



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