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Amazon als Turing-Maschine

Ein sehr beliebtes Thema in der Science-Fiction-Literatur ist der Turing-Test und die damit verbundene Frage, wie man prinzipiell zwischen menschlicher und nicht-menschlicher Intelligenz unterscheiden kann. Ich denke zum Beispiel an Nell, die Protagonistin von Neal Stephensons “The Diamond Age”, die im Schloss Turing gefangen ist und herausfinden muss, ob ihr Widersacher, der “Duke of Turing” Mensch oder Maschine ist. Schließlich kommt sie durch die Unfähigkeit, des Herzogs, zwischen den Zeilen ihrer Botschaften zu lesen, zum Ergebnis, dass sie es nur mit einer pseudointelligenten Maschine zu tun hat: “a Turing machine, no matter how complex, was not human. It had no soul. It could not do what a human did”.

Auch im Internet kann man immer wieder auf Situationen stoßen, in denen nicht klar ist, ob eine Information menschlichen oder maschinellen Ursprungs ist. Ein aktuelles Beispiel: Betrachtet man auf der Seite von Amazon Bücher aus der aktuellen Topliste des Time-Magazine (vgl. auch die ausführliche Darstellung in der Wissenswerkstatt), dann sieht man in den Empfehlungen jeweils andere Werke aus dieser Liste, die jedoch thematisch mit dem jeweiligen Buch nicht viel zu tun haben. So empfiehlt Amazon mir zusammen mit der wissenschaftlichen Dystopie “The World Without Us” auch die Steve Martin-Biographie “Born Standing Up” zu erwerben. Und Alex Ross Darstellung der modernen Musik “The Rest Is Noise” wird gekoppelt dem Buch “The Nine: Inside the Secret World of the Supreme Court” von Jeffrey Toobin. Diese Bücher verbindet nur ihr Auftauchen in der Times-Liste.

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Sind diese Verbindungen das Ergebnis der Arbeit eines echten Menschen, der die Times-Liste gelesen hat und dementsprechend die Amazon-Empfehlungen händisch in das System einträgt (auf dem DLD wurde schließlich auch das, allerdings von Marissa Meyer dementierte, Gerücht geäußert, Google bessere die Suchergebnisse per Hand nach)? Oder werden die Empfehlungen pseudointelligent-maschinell errechnet – auf Grundlage von einer hinreichend großen Menschenzahl, die ihre Privatbibliothek mit den Empfehlungen des Times-Magazine auffüllen? Oder ist die Unterscheidung zwischen “echten Menschen” und “künstlichen Maschinen” altmodisch?



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