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Das Internet ist keine Modeerscheinung

Was ist eigentlich das Faszinierende an der gegenwärtigen Debatte über das Internet, die sich unter anderem auf Frank Schirrmachers Buch Payback bezieht? Für mich ist es gar nicht so sehr der Austausch an Argumenten und Missverständnissen. Vielmehr bin ich überrascht, wie wenig selbstbewusst und gelassen die sogenannten “Internetbefürworter” sich hier verhalten. Hier scheint es tatsächlich die Befürchtung zu geben, dass ein paar kritisch-nachdenkliche Zeitungsartikel das Internet kaputtreden könnten. Ich glaube es ist lange her, das dem Feuilleton so viel Macht eingeräumt wurde.

Die frohe Botschaft lautet: Auch zehn Paybacks werden und können uns nicht wieder in die internetfreien 1950er Jahre zurückbringen. Paradoxerweise ist sich die Fraktion der Kritiker dieser Tatsache viel bewusster als es die Verteidiger sind:

“Wir sollten unsere Zeit nicht damit verschwenden, zu diskutieren, ob man das Internet braucht oder nicht, ob irgendjemand es abschaffen oder vorantreiben will.” (Frank Schirrmacher im Isarrunden-Blog)

Eigentlich muss man sich nur Zahlen wie diese kürzlich von Nielsen veröffentlichen Nutzungsdaten der Top 10 Internetmarken in den USA ansehen. Sieben Stunden beträgt die durchschnittliche monatliche Nutzungsdauer von Facebook:

Der Wandel, der dahinter steckt – und der auch noch keine Anzeichen der Verlangsamung aufweist -, zeigt deutlich, dass das Internet sich in ein neues Massenmedium verwandelt, das mittlerweile die neue Primetime darstellt. Diesen Punkt sollten wir in der Diskussion endlich einmal als gegeben setzen. Das Internet ist eine technische, kulturelle und soziale Realität. Punkt. Denn erst dann fängt die spannende Debatte darüber an, was dieses neue Meta-Medium mit uns (und den Geschäftsmodellen des 20. Jahrhunderts) macht oder was für ein Internet wir überhaupt wollen.

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    Die Retweet-Gesellschaft

    Die FAZ hat mit ihrer Serie über das digitale Denken ein Denk-Vakuum ausgefüllt und verblüfft von Woche zu Woche mit intelligenten Gastbeiträgen zu dieser entscheidenden Frage der digitalen Kultur. Ganz zentral geht es darum, was mit unserer Art zu Denken passiert, wenn wir immer mehr Informationen auf externe Speicher auslagern, in einem immer schnelleren Tempo Informationen senden und empfangen und wenn diese Prozesse noch dazu in einer Art instabilem und opakem Kollektiv stattfinden – Cloudsourcing. Die drei Herausforderungen lauten also: Externalisierung, Beschleunigung und Sozialisierung.

    In dem jüngsten FAZ-Beitrag schreibt Stephen Baker über die erste dieser drei Fragen, nämlich “Was lassen wir in unseren Köpfen“. Er stellt fest, dass die zunehmende Externalisierung von Informationen und Denkprozessen (ein neuer Höhepunkt wurde mit dem Cloud-Computing erreicht) einen neuen Entwicklungsschub der Homo sapiens-Gehirne bedeutet – nach 40.000 Jahren Stabilität gibt es nun wieder einen neuen Schub:

    Jahr für Jahr verdoppelt dieses globale Gehirn die Zahl seiner Transistoren. Es wird stärker. Und während es stärker wird, türmt es nicht nur Berge, sondern ganze Gebirgsketten von Daten auf.

    Für die frühen Theoretiker des digitalen Zeitalters wie McLuhan war dies noch eine Entwicklung, die man ins Transzendentale verlängern konnte und so die Herausbildung eines Weltbewusstseins – einer Noosphäre – als etwas positives betrachten konnte. Es scheint seit McLuhans Visionen nichts grundlegendes passiert zu sein, dennoch fällt es zunehmend schwerer, an die Heilserwartung der Noosphäre noch ernsthaft zu glauben. Der gnostische Optimismus ist zerbrochen. Aber woran?

    Ich habe darauf noch keine schlüssige Antwort. Ein Anhaltspunkt liefert aber der Flussersche Begriff des Automaten. Wir wissen, dass Medien nichts anderes sind als Verlängerungen menschlicher Organe – in der Regel Sinnesorgane. Werkzeuge also, die Menschen bedienen können, um z.B. weiter, lauter oder schneller kommunizieren zu können. Automaten sind etwas anderes. Automaten sind Wechselbeziehungen zwischen Menschen und Vorrichtungen. Die Vorrichtung ist (wie beim Werkzeug) eine Funktion des Menschen. Aber hier sind die Menschen gleichzeitig auch Funktionen der Vorrichtung.

    Für mich ist eine der bedrohlichsten Entwicklungen der digitalen Kultur nicht so sehr die Tatsache, dass wir durch Algorithmen immer besser überwachbar und vorhersagbar werden. Nein, die gefährliche Pointe liegt darin, dass wir uns immer besser überwachbar und vorhersagbarer machen. Noch wirkt es wie ein Sketch, wenn Menschen mit dem Mittagessen warten, bis sie ein Foto davon auf Facebook gepostet haben, vor der Kneipe stehen bleiben bis Foursquare ihnen das erfolgreiche Einchecken bestätigt hat oder reflexartig die Kurzgedanken der digitalen Prominenz per Retweet auf Twitter weiterverbreiten. In diesen Fällen – und das ist nur die zur Karikatur überformte Spitze – machen wir uns zur Vorrichtung von Codes, Datenbanken, Clouds, APIs und neuen Meta-Medienkonzernen wie Apple und Google.

    Damit ist mir auch etwas klarer geworden, wass wir mit unserem Slow-Media-Gedanken eigentlich im Sinn haben: Einen Ausbruch aus dieser Matrix. Das Sammeln von Medien, in denen wir uns als Persönlichkeiten wiederfinden und nicht als Automaten. Ein bisschen erinnert mich das an die Erinnerungsgemeinschaft in Fahrenheit 451 – geht es darin nicht genau um die Frage, was wir in unseren Köpfen bewahren können?

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    Ein bisschen war es das Ergebnis der Diskussion mit Frank Schirrmacher über die Informationsflut und die Folgen sozialer Technologien auf dem Isarrunden-Blog. Ein bisschen scheint es aber auch in der Luft zu liegen. Wenn man von McLuhans Beschreibung von Medien als Erweiterungen des menschlichen Körpers ausgeht, kann einen mitten im Social-Media-Sturm ab und zu das Gefühl beschleichen, zum medialen Tausendfüßler geworden zu sein. So viele Kanäle, so viele Technologien, so viele Netzwerke. Deshalb glaube ich, dass wir nach der spannenden Phase der Erfindungen jetzt in eine Phase der Entdeckungen kommen werden, in der er darum geht, herauszufinden, wie wir die ganzen neuen Kommunikationskanälen einsetzen können, um – Achtung! Jetzt wird es pathetisch! – die Welt oder das eigene Leben zu einem besseren zu machen. Ein erster Schritt in diese Richtung ist das gemeinsam mit Sabria David und Jörg Blumtritt geschriebene “Slow Media Manifest” (begleitend dazu gibt es auch ein neues Slow-Media-Blog, das unsere Vorstellungen von Slow Media Tag für Tag mit Beispielen demonstriert):

    Das Slow Media Manifest

    Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, den so genannten Nuller-Jahren, haben sich die technologischen Grundlagen der Medienlandschaft tiefgreifend verändert: die wichtigsten Schlagworte lauten: Vernetzung, Internet und soziale Medien. Im zweiten Jahrzehnt wird es weniger darum gehen, neue Technologien zu finden, die das Produzieren von Inhalten noch leichter, schneller und kostengünstiger gestalten. Stattdessen wird es darum gehen, angemessene Reaktionen auf diese Medienrevolution zu entwickeln – sie politisch, kulturell und gesellschaftlich zu integrieren und konstruktiv zu nutzen. Das Konzept “Slow” – Slow wie in Slow Food und nicht wie in Slow Down – ist ein wichtiger Schlüssel hierfür. Analog zu Slow Food geht es bei Slow Media nicht um schnelle Konsumierbarkeit, sondern um Aufmerksamkeit bei der Wahl der Zutaten und um Konzentration in der Zubereitung. Slow Media sind auch einladend und gastfreundlich. Sie teilen gerne.

    1. Slow Media sind ein Beitrag zur Nachhaltigkeit: Nachhaltigkeit bezieht sich auf die verwendeten Rohstoffe und Prozesse und die Arbeitsbedingungen, auf deren Grundlage ein Medium produziert wird. Ausbeutung und Niedriglohnsektoren können ebenso wie das bedingungslose Ausschlachten der Nutzerdaten keine nachhaltigen Medien zum Ergebnis haben. Zugleich bezieht sich der Begriff auch auf den nachhaltigen Konsum von Slow Media.

    2. Slow Media fördern Monotasking: Slow Media lassen sich nicht nebenbei konsumieren, sondern provozieren die Konzentration der Nutzer. So wie die Herstellung eines guten Essens die volle Aufmerksamkeit aller Sinne eines Koches und seiner Gäste erfordert, können Slow Media nur in fokussierter Wachheit mit Genuss konsumiert werden.

    3. Slow Media zielen auf Perfektionierung: Slow Media zeichnen sich nicht notwendig dadurch aus, dass sie etwas ganz Neues auf dem Markt darstellen. Viel wichtiger ist der Aspekt eines immer weiter verbesserten und bewährten Benutzerinterfaces, das robust, zugänglich und perfekt auf die Mediennutzungsgewohnheiten der Menschen zugeschnitten ist.

    4. Slow Media machen Qualität spürbar: Slow Media messen sich selbst in Produktion, Anmutung und Inhalt an hohen Qualitätsmaßstäben und heben sich dadurch von ihren schnellen und kurzlebigen Pendants ab. Sei es durch eine hochwertige Oberfläche oder ein ästhetisch begeisterndes Layout.

    5. Slow Media fördern Prosumenten – Menschen, die aktiv bestimmen, was und wie sie konsumieren und produzieren wollen: An die Stelle des passiven Konsumenten tritt bei Slow Media der aktive Prosument, der von seiner Mediennutzung zu neuen Ideen und Handlungen angeregt wird. Randnotizen in einem Buch oder angeregte Diskussionen über eine Platte mit Freunden sind gute Zeichen hierfür. Slow Media inspirieren, wirken in dem Denken und Handeln der Nutzer nach und sind auch noch Jahre später spürbar.

    6. Slow Media sind diskursiv und dialogisch: Sie suchen ein Gegenüber, mit dem sie in Kontakt treten können. Die Wahl des Mediums ist dabei zweitrangig. Das Zuhören ist bei Slow Media ebenso wichtig wie das Sprechen. “Slow” bedeutet hier: aufmerksam und zugewandt sein und auch eigene Positionen aus einer anderen Perspektive betrachten und hinterfragen zu können.

    7. Slow Media sind soziale Medien: Um Slow Media bilden sich lebendige Gemeinschaften oder Stämme, gleich ob es sich um einen lebenden Autor handelt, der mit seinen Lesern in den Austausch tritt, oder einen verstorbenen Musiker, um dessen Musik sich eine aktive Deutungsgemeinschaft bildet.So fördern Slow Media die Vielfalt und respektieren kulturelle und lokale Besonderheiten.

    8. Slow Media nehmen ihre Nutzer ernst: Slow Media treten ihren Nutzern selbstbewusst-freundschaftlich gegenüber und haben ein gutes Gespür dafür, für wieviel Komplexität und Ironie ihre Nutzer bereit sind. Slow Media sehen weder belehrend auf ihre Nutzer herab noch begegnen sie ihnen unterwürfig-anbiedernd.

    9. Slow Media werden empfohlen statt beworben: Der Erfolg von Slow Media liegt nicht in einem überwältigenden Werbedruck auf allen Kanälen, sondern in den Empfehlungen in Freundes-, Kollegen- und Familienkreisen. Ein Buch, das man sich fünfmal kauft, um es an die besten Freunde zu verteilen, ist ein gutes Beispiel dafür.

    10. Slow Media sind zeitlos: Slow Media haben eine hohe Lebensdauer und wirken auch nach mehreren Jahren oder Jahrzehnten noch frisch. Sie verlieren mit der Zeit nicht ihre Qualität, sondern bekommen allenfalls eine Patina, die den gefühlten Wert sogar steigern.

    11. Slow Media sind auratisch: Slow Media strahlen eine besondere Aura aus. Sie erzeugen in dem Nutzer das Gefühl, dass das Medium genau in diesen Augenblick seines Lebens gehört. Auch wenn Slow Media industriell erzeugt sind oder teilweise auf industriellen Produktionsmitteln basieren, vermitteln sie den Eindruck von Einmaligkeit und weisen über sich selbst hinaus.

    12. Slow Media sind progressiv, nicht reaktionär: Slow Media bauen auf ihren technischen Errungenschaften und der Lebensweise in der Netzwerkgesellschaft auf. Gerade durch die Beschleunigung in zahlreichen Lebensbereichen werden Inseln der bewussten Langsamkeit möglich, aber auch überlebenswichtig. Slow Media sind kein Gegensatz zur Geschwindigkeit und Gleichzeitigkeit von Twitter, Blogs und Social Networks, sondern eine Haltung und Art sie zu nutzen.

    13. Slow Media setzen auf Qualität – sowohl in der Produktion wie bei der Rezeption von Medieninhalten: Kulturwissenschaftliches Handwerk wie Quellenkritik, die Einordnung und Gewichtung von Informationsquellen, gewinnt gerade mit der zunehmenden Verfügbarkeit von Informationen an Bedeutung.

    14. Slow Media werben um Vertrauen und nehmen sich Zeit, glaubwürdig zu sein. Hinter Slow Media stehen echte Menschen. Und das merkt man auch.

    Stockdorf und Bonn, den 02.01.2010

    Benedikt Köhler
    Sabria David
    Jörg Blumtritt

    Literatur zum Thema:
    http://www.huffingtonpost.com/elissa-altman/move-over-slow-food-intro_b_367517.html
    http://marketplace.publicradio.org/display/web/2009/11/17/pm-slow-media/
    http://www.huffingtonpost.com/arianna-huffington/announcing-my-first-pick-_b_310544.html
    http://blog.oup.com/2008/11/slow_blog/
    http://www.shep.ca/?p=132
    http://blog.stuttgarter-zeitung.de/?p=5122
    http://www.giarts.org/library_additional/library_additional_show.htm?doc_id=448395

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