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Big Data und die Hackertugenden


Big Data am Beispiel Foursquare

Wenn ich nach den wichtigsten Trends gefragt werde, die in den nächsten Jahren ganz oben auf der Agenda der Markt- und Sozialforschung stehen werde, ist “Big Data” eine meiner Standardantworten. Der Begriff ist schon etwas älter: Bereits 2001 hat der Gartner-Analyst Doug Laney in einem Forschungsmemorandum drei Dimensionen von Big Data skizziert:

  • Umfang (Volume): Big Data heißt, dass besonders viele Daten anfallen. Beispiele sind der Twitter-Stream oder die Verlinkung von Blogposts. Hier sprechen wir nicht mehr von Tausenden oder Hunderttausenden Datensätzen, die man mit den üblichen Analysetools noch bewältigen kann, sondern von Millionen oder Milliarden von Datensätzen. Hier kommt man mit SPSS oder Excel nicht mehr weiter, sondern hier sind neue Ansätze gefordert, wie sie zum Beispiel bei Hadoop und Tableau zu sehen sind (oder in kommerziellen Anwendungen wie Karmasphere oder Datameer, die auf dem Hadoop-Framework aufsetzen)
  • Geschwindigkeit (Velocity): Diese Daten, das ist die zweite “große” Dimension, fallen häufig in Echtzeit bzw. sehr schnell an. Das übliche Forschungsdesign mit den sauberen Schritten: Datenerhebung -> Datenbereinigung -> Datenauswertung funktioniert hier nicht mehr. Auch für die Echtzeitverarbeitung von Streams gibt es mit S4 oder Storm schon die ersten Open-Source-Anwendungen. Ganz abgesehen davon, dass sich die Spezifikationen und Algorithmen der Plattformen nahezu im Monatsrhythmus ändern.
  • Unordnung (Variety / Variability): Dazu kommt, dass die Daten auch nicht mehr so sauber mit Metadaten versehen sind wie in der klassischen Sozialforschung. Die Datensätze, die man über die Schnittstellen der Social Networks bekommt, besitzen alle unterschiedliche Quellen und sind von den Networks auf unterschiedliche Weise hergestellt worden. Große Datensätze sind in der Regel auch schmutzige Datensätze.

Niemand weiß genau, wie viele Daten wir tatsächlich jeden Tag produzieren. Eine Schätzung von IBM geht von 2,5 Trillionen Bytes Datenvolumen am Tag aus. Eine Faustregel lautet: Wenn man nachschlagen muss, wie viele Nullen hinter einem Zahlennamen steckt, dann hat man es mit Big-Data-Dimensionen zu tun (in diesem Fall: 2.500.000.000.000.000.000). Die Datenmengen, mit denen sich die Onlineforschung heute herumschlägt, sind Größenordnungen, für die man in der Schule nicht einmal die entsprechenden Zahlennamen gelernt hatte. Weil man sie damals nur theoretisch gebraucht hätte.

Was an dieser Entwicklung so verrückt ist: Zunächst würde man meinen, je mehr Daten es werden, desto schwieriger und komplexer auch die Erhebung und der Umgang mit diesen Daten. Weit gefehlt! Heute kann ein Student mit Hilfe von Amazon-Cloudcomputing die APIs von Social Networks wie Facebook, Twitter, Foursquare etc. anzapfen, und binnen weniger Tage liegen in seiner Datenbank mehr Sozial- und Verhaltensdaten als die gesamte Markt- und Sozialforschung während der 50er und 60er Jahren erhoben hat. Man könnte vermuten: Je größer die Dimensionen der Big Data werden, desto niedriger die Zugangshürden. Auch die Bereinigungs- und Analysetools stehen häufig als Open-Source-Software zur Verfügung.

Was sich allerdings ändert, sind die Qualifikationen. Das, was der Petabyte-Forscher (oder “Extreme Information Manager“) können muss, ähnelt eher den Kompetenzen eines Bastlers und Hackers. Die drei Kardinaltugenden eines Hackers hat Larry Wall, der Erfinder der Programmiersprache Perl, vor mehr als 20 Jahren wie folgt definiert: Faulheit, Ungeduld und Hybris. Diese drei Tugenden passen wie perfekt auf die drei Herausforderungen von Big Data:

  • Faulheit (Laziness) ist notwendig, um mit minimalen Änderungen an den Schnittstellen und Algorithmen auch auf verändernde Datenstrukturen reagieren zu können und die “schmutzigen” Daten aus unterschiedlichen Quellen miteinander zu verbinden.
  • Ungeduld (Impatience) ist die einzige Reaktionsmöglichkeit auf das Echtzeitproblem zu reagieren. Der Sozialforschungshacker muss noch ungeduldiger sein als die Geschwindigkeit, in der die Daten produziert und geliefert werden.
  • Hybris (Hybris) schließlich ergibt sich wie von selbst aus dem Ziel, in Trillionen von Daten verwertbare und aussagekräftige Muster zu finden. Ohne ein Mindestmaß an Selbstüberschätzung hätte ich mich zum Beispiel niemals hingesetzt, um ein Programm zu schreiben, das die Vernetzung von Millionen Twitterusern analysiert oder mich niemals daran gemacht, die gesamte deutschsprachige Blogosphäre zu vermessen und ihre Vernetzungsstruktur aufzuzeichnen.

Aber nicht nur auf der Ebene der Qualifikationen und Kompetenzen hat Big Data eine disruptive Wirkung, sondern die ersten Veränderungen lassen sich auch schon bei den Geschäftsmodellen beobachten. Es entstehen immer mehr Big-Data-Marktplätze, auf denen man Datensätze und -ansichten kaufen kann. Beispiele sind Windows Azure oder Gnip. Innerhalb der Unternehmen – das sieht Edd Dumbill als einen wichtigen Trend in diesem Bereich – werden “Datascience”-Teams eingerichtet, deren Aufgabe es ist, die Ergebnisse der Extreme Data Analysis in die Unternehmensabläufe zu integrieren.

Einen weiteren Punkt würde ich noch ergänzen: Da wir es sehr bei Big Data häufig mit vernetzten Daten zu tun haben, wird die Netzwerkanalyse (Social Network Analysis) zur neuen Leitwissenschaft der Markt- und Sozialforschung. Kaum eine andere Methode ist so gut geeignet, in sehr großen Datensätzen Muster zu identifizieren und zu visualisieren.



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    Als ich vor drei Jahren die Twitter-Analysesoftware BrandTweet geschrieben habe (damals noch unter dem ursprünglichen Namen TwitterFriends), dachte ich schon, ich hätte mit diesem Lob von Tim O’Reilly höchstpersönlich alles erreicht, was man im Bereich Web 2.0 erreichen kann. Ich meine, er hat das Web 2.0 erfunden!

    Aber so etwas lässt sich durchaus noch steigern. Denn das Tool hat es jetzt sogar an sehr prominenter Stelle in den Ratgeber “Twitter Marketing for Dummies” (Wiley-Verlag) geschafft, wo es neben Tweetdeck und HootSuite eines von “Ten Tools for Twitter Productivity” genannt und beschrieben wird:

    Das Tool ist nach zwei Namensänderungen unter dieser URL zu finden: stats.brandtweet.com.



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  • Leben mit Reputationsservern

    Als Science-Fiction-Autor hat man es heute ziemlich schwer. Früher, da stand man mit allem was man getan hat und insbesondere in kreativen Berufen, auf den Schulter von Riesen. Man ordnete sich mit seinem eigenen Beitrag in eine Lineage ein. Der Markt ließ sich vertikal gliedern nach der klassischen Vorstellung von Schulen.

    Heute leben wir immer horizontaler. Eines der geheimen Mantras der Netzwerkgesellschaft (ja überhaupt von Netzwerken) lautet: Alles ist jederzeit verfügbar. Über Google Books kann man Millionen von Buchseiten durchblättern oder durchsuchen, um sich Inspirationen zu verschaffen oder seiner eigenen Originalität zu versichern. “Das hat so noch keiner gesagt,” ist auf einmal nicht nur eine Eigenmarketingtechnik, sondern eine empirisch zu überprüfende These.

    Der andere Punkt ist natürlich, dass die Dinge, die vor zehn Jahren nach Science Fiction geklungen haben, mittlerweile zum Alltag gehören. Ausnahmen gibt es freilich: Zum Beispiel hat sich der kreuz und quer auf mehreren Ebenen verlaufende Innenstadtverkehr, der in jedem Science-Fiction-Film zu sehen ist, immer noch nicht durchgesetzt.

    Besonders spannend ist es, wenn man es mit Ideen zu tun hat, die gerade von Science Fiction in Everyday Science umkippen. Ich denke, die Idee der “Reputationsserver”, die Bruce Sterling 1998 in seinem furiosen Roman Distraction ausgearbeitet hat, setzt sich in diesem Moment durch. Ich habe einmal den Versuch gemacht, “Reputationsserver” (reputation server) vor dem Erscheinen von Sterlings Roman im Web zu finden. Google spuckt nur einen Treffer aus – und das ist ein PDF aus dem Jahr 2000, das fälschlicherweise in das Jahr 1987 gesteckt wurde.

    Nebenbemerkung: Im Moment ist so eine Fehlzuordnung noch nebensächlich, aber wer weiß, welche Entscheidungen in Zukunft an solchen Kleinigkeiten hängen werden. Nebenbemerkung 2: Der Titel dieses Aufsatzes (“An Exception-Handling Architecture for Open Electronic Marketplaces of Contract Net Software Agents”) klingt gar nicht uninteressant. Die Agententheorie ist sowieso eine völlig zu Unrecht aus der Mode geratenen Projekte.

    In dem Roman gibt es zahlreiche nomadische High-Tech-Stämme. Diese Stämme verwenden verteilte Infrastrukturen von Reputationsservern, auf denen jedes Stammesmitglied einen Datenbankeintrag hat, der in Echtzeit aufgrund seiner Handlungen bzw. der Bewertungen anderer Stammesmitglieder aktualisiert wird. So kann es sein, dass man von einem Tag auf den nächsten vom Corporal zum Captain befördert werden – oder in die umgekehrte Richtung degradiert. Bei Sterling kommen schon 1998, als noch niemand vom Social Web gesprochen hat, zwei Grundprinzipien zusammen. Zu einem: Menschen vergleichen sich gerne mit anderen Menschen (siehe die große Bloggercounter-Euphorie der späten Nuller Jahre). Zum anderen: Menschen spielen gerne. Ranking und Gamification hat Sterling also schon 1998 zusammengedacht – und zwar beides vermittelt durch das Internet:

    Let’s say you’re in the Regulators — they’re a mob that’s very big around here. You show up at a Regulator camp with a trust rep in the high nineties, people will make it their business to look after you. Because they know for a fact that you’re a good guy to have around [...] It’s a network gift economy.

    Heute habe ich auf AdWeek eine Illustration gefunden, die im Nachhinein eine wunderbare Bebilderung zu Sterlings Roman darstellt. Und auch die Namen dieser Services – insbesondere in ihrer “k”-Lastigkeit – könnten direkt aus den tribalen Netzwerken der Regulators oder Moderators entnommen sein. Übrigens: Auch die Occupy-Bewegung wird in diesem Roman schon detailliert beschrieben.

    Wer das von mir programmierte Reputationsserver-ähnliche Tool “BrandTweet Statistik” einmal ausprobieren möchte: Hier ist der Link.



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  • Das Ende des Suchmaschinenzeitalters

    Wahrscheinlich kann sich jeder, der vor 1985 geboren ist, noch genau an das erste Mal Googeln erinnern. Auf einmal war dort ein echter Automat, der mit einem minimalistischen, aber gleichzeitig großartigen Design lauter Ergebnisse aus dem Web hervorholte, die man vorher gar nicht wahrgenommen hatte. Damit ging die Zeit der Verzeichnisse, der handgepflegten Linksammlungen zu Ende – und die Hunderte freigesetzten Kategorienadministratoren auf Yahoo! waren die Grundlage für den Erfolg der Wikipedia (so könnte zumindest eine These lauten).

    Auf jeden Fall konnte diese Suchmaschine, deren Link in den meisten Unternehmen als Geheimtipp direkt von den Programmieren herumgereicht wurde, ein grandioses Wachstum demonstrieren und nebenbei einen völlig neuen Wirtschaftszweig begründen. Die Suchmaschinenoptimierer. Aber auch das Nutzungsverhalten im Web hat sich durch dieses bescheidene Eingabefeld gravierend geändert. Aus dem Surfer, der von Link zu Link reitet, wurde etwas überspitzt die digitale Couchpotato, für den die Welt nur aus den fünf ersten Suchtreffern zu einem Thema bestand.

    Heute hat sich diese Landschaft erneut verändert. Und man muss gar nicht allzu tief schürfen, um zu erkennen, dass das Suchmaschinenzeitalter seinen Höhepunkt längst überschritten hat. Vor allem drei Entwicklungen sind es, die der Suche allgemein und Google im Besonderen zugesetzt hat:

    1. Social: Die Nutzer sind immer weniger auf Suchmaschinen angewiesen, um die Informationen zu finden, für die sie sich interessieren, weil sie von ihrem Freundeskreis bzw. über Aggregatoren wie Flipboard informationell vollversorgt werden. So wird der Twitterstream oder die Facebooktimeline zum Suchverhinderer. Wer wie in einem digitalen Schlaraffenland aus dem Freundeskreis mit Links versogt wird, hat gar keine Zeit mehr, zu suchen. Und vielleicht auch gar keinen Appetit mehr. Als Schattenseite dieser Entwicklung, leben wir immer stärker in unseren eigenen algorithmisch erzeugten und optimierten “Filterblase“, in denen wir nur die Informationen erhalten, die mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu unseren Interessen passen. Das minimiert die Reibung, aber auch die Anregung. Google hatte in diesem Feld, das mittlerweile von Facebook dominiert wird, lange sehr wenig zu melden. Erst kürzlich gab es mit Google Plus einen ernstzunehmenden Schritt in diese Richtung.

    2. Apps: Neben den Social Networks verbringen wir immer mehr Onlinezeit in Apps. Nicht nur werden Apps auf Smartphones zu einem der stärksten Zeitbudgets in der Mediennutzung, sondern auch zu einem der dynamischsten Wirtschaftsbereichen. Auch hier sind die Veränderungen gegenüber dem Suchmaschinenzeitalter frappierend: Früher haben wir über Suchmaschinen nach Produkten, Sonderangeboten und Shops gesucht. Heute gibt es Apps dafür. Egal ob ich auf Amazon Bücher kaufe (zu den Folgen für den Buchhandel hier weiterlesen), über eBay ersteigere, auf Yelp ein Geschäft in der Nähe suche oder über den Appstore Informationen über Apps abrufe – hierfür brauche ich keine Suchmaschine mehr. Hier ist Google, immerhin mit Android Anbieter des stärksten mobilen Betriebssystems, sehr viel besser positioniert als in der Suche. Aber der Blick auf die Umsätze zeigt die überragende Marktmacht von Apple auf diesem Gebiet (in diese Richtung hatten wir schon vor zwei Jahren in der Isarrunde diskutiert). Business Insider titelte gestern zu diesem Thema sehr passend: “The End of Google Search is in the Palm of your Hand“.

    3. Agenten: An dieser Stelle wird es etwas utopisch. Aber ich bin überzeugt, dass intelligenten Agenten nach dem Modell von Siri die Zukunft gehört. Ein einfaches und natürlich wirkendes Sprach-Interface zu einem hoch komplexen Netzwerk aus Informationen, die auf meine Person, meine sozialen Kreise, meine physikalische Umgebung bezogen sind, schlägt sogar noch das elegante Eingabefeld von Google. Hier muss ich gar nicht mehr selber suchen, sondern ich lasse meinen Agenten suchen, der meine Interessen und Bedürfnisse mit der Zeit besser kennt als ich selbst. Wahrscheinlich dauert es nicht mehr lange, bis Google die eigenen Agenten ins Rennen schickt. Dieser Markt ist im Moment noch sehr klein, aber könnte sich in Zukunft zu einem ähnlich mächtigem Markt entwickeln wie die Suche.

    Bei einer Sache bin ich mir sicher. Die Generation der Digital Natives wird sich wahrscheinlich an das Thema Suchmaschine auf ähnlich nostalgische Weise erinnern, wie sich die Generation davor an 14400er Modems und Linkverzeichnisse.



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    Wie tief wir schon von einem digitalen Lebensstil durchdrungen sind (oder wie man in D64-Manier sagen müsste: Wie weit die Digitalisierung schon vorangeschritten ist), merkt man an der Renaissance von Offline-Aktivitäten. Zum Beispiel erfährt im Moment das gute alte persönliche Gespräch ein grandioses Comeback – freilich nicht unter diesem schnöden Namen, sondern als “In-Person-Socializing”.


    Foto: Jörg Blumtritt

    In Fast Company entdeckt Kevin Purdy den Segen der persönlichen Interaktion von Angesicht zu Angesicht. Die These, dass durch die zunehmende Online-Vernetzung über Twitter, Facebook, Xing, LinkedIn oder Google+ Offline-Aktivitäten irgendwann einmal überflüssig werden, dürfte schnell zu widerlegen sein: Die Entwicklungen der Büromieten, Dienstreisen oder Konferenzteilnehmer sprechen hier eine andere Sprache, so Purdy.

    Wichtig ist das persönliche Gespräch aber nicht nur als so eine Art “Manufaktum-Networking”, sondern als “dritter Ort”. Um ein erfülltes Leben zu führen, brauchen wir nämlich nicht nur die beiden klassischen Orte des eigenen Zuhauses und der Arbeit (oder klassisch formuliert: Oikos und Polis), sondern auch noch einen dritten Ort, der irgendwo dazwischen liegt. Das kann die Strickgruppe genauso sein wie die Schafkopfrunde oder (in meinem Fall) das frühmorgendliche Zusammentreffen mit Freunden, um dort neue Folgen unserer WebTV-Sendung Isarrunde aufzuzeichnen (mehr dazu auf isarrunde.de).

    Man könnte jetzt kulturkritisch entgegnen, dass das eine traurige Zeit ist, in der wir uns zwingen müssen, mit anderen Menschen zu treffen und persönlich zu sprechen. Oder aber technophil antworten, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis alle unsere Interaktionen digitalisiert sind und dass damit in Wirklichkeit gar nichts verloren geht.

    Für mich liegt die Wahrheit an einem dritten Ort: Eigentlich müssten wir uns bei dem technologischen Wandel und der Online-Vernetzungswelle bedanken. Denn, dass jetzt die persönliche Interaktion wiederentdeckt und wertgeschätzt wird, ist erst möglich geworden, seit es diese Strohpuppe der digitalen Oberflächlichkeit gibt. Eigentlich eine positive Entwicklung. Der Wert des “In-Person-Socializings” steigt mit seiner Verknappung.



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    Ich beneide die Amerikaner immer wieder, was die griffigen Namen für Trends angeht. Das letzte Beispiel dafür: “Showrooming”. Gemeint ist das Phänomen, dass immer mehr Konsumenten sich in den Ladengeschäften einen Überblick über das Angebot machen, sich ein Gefühl für die Qualität der Ware machen oder zum Beispiel in Büchern blättern – dann aber mit ihrem Handy oder zuhause vom Rechner aus in den Onlineshops einkaufen. In Marketing und Marktforschung war vor einiger Zeit noch das Schlagwort “ROPO” en vogue. Research online – buy offline. Gemeint ist damit die Informationssuche in Foren, Communities, Testportalen oder Preisvergleichsseiten, die dann für die Kaufentscheidung verantwortlich bleibt, auch wenn dann tatsächlich im Ladengeschäft gekauft wird.

    Das alte ROPO gilt vor allem dort, wo es auf den Service ankommt, zum Beispiel in der Unterhaltungselektronik. Ein wichtiges Argument der Offline-Shopper ist zum Beispiel der viel leichtere und bequemere Umtausch von fehlerhaften Produkten. Bei Produkten wie Büchern, Schmuck, Parfüm etc., bei denen der physische Eindruck oder das Durchblättern kaufentscheidend sein kann, gilt immer stärker das neue ROPO (oder ROPO2): Research offline – buy online. Man probiert zum Beispiel ein Parfüm in der Drogerie (in irgendeiner Drogerie!) an, kauft es dann aber am Abend dort, wo es laut Preisvergleichsportale am günstigsten zu kriegen ist.

    Im Time-Magazine gibt es gerade einen lesenswerten Beitrag von Emma Straub, einer Autorin und Buchhändlerin, die sich durch neue Technologien wie die Amazon Prize Check App – nun sagen wir einmal – herausgefordert fühlt:

    The general idea is that customers have started to use the bookstore as a place to handle, but not purchase, merchandise, like a Ferrari dealership, where you don’t actually expect to drive one home off the lot. According to a recent Codex Group survey, 39% of those who purchased a book on Amazon looked at said title in a bricks-and-mortar store first before heading online.

    Wenn ich ehrlich bin, habe ich in den letzten Monaten kaum noch Bücher in Buchhandlungen gekauft, sondern fast alles im Internet bestellt – über ZVAB, direkt bei den Verlagen und auch bei Amazon. Ich nehme mir auch immer wieder einmal vor, den lokalen Buchhandel zu unterstützen. Aber jedes Mal, wenn ich dann in einem Buchhandel bin, weiß ich, warum es mit uns nichts wird: Die Bücher, die mich interessieren, gibt es nicht vor Ort. Und die Bücher, die es vor Ort gibt, lösen bei mir Fluchtreflexe aus (ich sage nur: Geschenkbände, modernes Antiquariat und Non-Books). Kurz: Ich kaufe meine Bücher nicht online, weil mir das so viel Spaß macht, sondern weil mir die Buchhandlungen so wenig Spaß machen.

    Vielleicht hat es der Buchhandel einfach nur Jahre lang versäumt, das eigene Geschäftsmodell umzubauen und Argumente zu finden, warum Menschen ihre wertvolle Zeit damit verbringen sollten, dorthin zu fahren, sich durch die Regale zu wühlen, in der Schlange zu stehen und dann wieder nach Hause zu fahren. Vielleicht sollten sich die Buchhändler einmal unser Slow-Media-Manifest mit ins Bett nehmen. Sie dürften zur Zeit sowieso keinen ruhigen Schlaf haben.



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  • Technologie und Gesellschaft in der Küche

    Darüber, wie Technologie und Gesellschaftsformen zusammenhängen, gibt es viele Theorien. Fest steht, manche Technologien verschwinden auf einmal von der Bildfläche, genauso wie die mit ihnen verbundenen sozialen Praktiken oder Strukturen. Die einen sagen, mit dem technologischen Wandel verschwinden auch die dazugehörigen Produktionsverhältnisse. Die anderen sagen, der soziale Wandel macht bestimmte Technologien überflüssig. Auf dem Slow Fashion-Blog habe ich über eine dieser untergegangenen Technologien, das Messertuch, gebloggt. Auf den ersten Blick ein harmloses Küchenutensil. Bis man dann die Gesellschaftsstrukturen in den Blick bekommt, die damit verbunden sind … Hier weiterlesen.



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    Während halb Deutschland vor dem Fernseher sitzt und das “kleine Finale” ansieht (die ein oder anderen Kim-Leonies oder Lucas sicher unfreiwillig von ihren geographisch-herausgeforderten Eltern mit den Farben der belgischen Trikolore bemalt), beschäftige ich mich lieber mit zwei der großen Köstlichkeiten meiner Brüsseler Jugend: Tomate aux crevettes (gefüllte Tomaten mit Krabben) und Vol-au-vent (mit Hühnerragout gefüllte Blätterteigpasteten).

    Die ausgehöhlten und mit einer Krabbenmischung gefüllten Tomaten sind so eine Art heimliches Nationalgericht der Belgier – vielleicht deshalb, weil die drei Hauptzutaten ebenso schwierig zusammenpassen wollen wie die drei Bevölkerungsgruppen der Belgier? Die Frische der Tomaten, die cremig-süße Fülle der Mayonnaise und dazu dann die salzig-fischigen Garnelen. Die Petersilie wäre dann wahrscheinlich die belgische Hauptstadt, die zu keiner der drei Landesteile gehört, sondern auf den ersten Blick den Eurokraten und auf dem zweiten Blick den Antiquitätensammlern gehört. Sobald man aber die erste Gabel in den Mund geschoben hat, passt auf einmal alles zusammen. Vielleicht ein Taschenspielertrick? Mag sein, aber das politische Konstrukt Belgien hält nun auch schon 180 Jahre.



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    Inspiriert von Christoph Zeuchs Liste der twitternden Bundestagsabgeordneten habe ich mir die twitternden Fraktionen angesehen (hier dasselbe für die Twitterer im Bayerischen Landtag). Hier reicht es für Union und FDP für die absolute Mehrheit, wenn man sich die Verteilung der Twitterer ansieht:

    Wer den Bundestagsabgeordneten auf Twitter zuhören möchte, kann es mit diesen Listen tun:



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    Auch wenn ich eher kritisch oder besorgt bin, was die Möglichkeiten der digitalen Demokratie betrifft und normalerweise auch nicht dazu neige, pauschal bestimmte Social-Media-Plattformen zu empfehlen: Ich bin der Meinung, dass jeder Politiker twittern sollte.

    Politiker werden wie Wissenschaftler oder öffentlich-rechtliche Moderatoren von uns, den Steuerzahlern bezahlt, die im Gegenzug dafür das Recht haben, zu erfahren, was ihre Mandatsträger für ihr Wohl leisten. Man könnte es auch so formulieren: “No taxation without microblogging.” Das gilt genauso natürlich auch für das System der Wissenschaft, das sich noch schwerer mit Transparenz und Dialog tut. Aber davon ein anderes Mal. Besonders wichtig finde ich dieses Prinzip auf den politischen Ebenen, die dem Bürger relativ nah sind wie zum Beispiel die Landtage.

    Eventuell sollte es dafür eine Art Staatstwitter geben, das anders als Twitter nicht auf eine globale Skalierbarkeit ausgerichtet ist und sich, viel wichtiger, nicht von den ökonomischen Interessen von Investoren beeinflussen lassen muss.

    Aber das auf 140 Zeichen zugespitzte Berichten über die eigene Arbeit sollte nicht nur ein Anspruch der Öffentlichkeit sein, sondern liegt auch im Interesse der Politiker. Kein Amt wird auf Lebenszeit vergeben. Jede Legislaturperiode ist irgendwann einmal zu Ende und auch Politiker müssen sich von Zeit zu Zeit ihrer eigenen Karriereplanung widmen. Social Media, zu denen auch Twitter gehört, sind ein hervorragend geeignetes Instrument, um Spuren zu hinterlassen, die auch dann noch sichtbar sind, wenn die Mandate ausgelaufen sind. Bislang ist der Fokus bei Social Media viel zu sehr auf dem Echtzeit-Aspekt gelegen. Klar, Social Media sind die schnellsten Medien. Aber gleichzeitig sind Social Media auch die nachhaltigsten Medien. Hier versendet sich kaum etwas.

    Wenn man sich einmal ansieht, wie diese Möglichkeiten von den Politikern genutzt werden, dann erkennt man schnell, welches Potential in diesen Kurzmitteilungen steckt, aber auch, wie viel Luft hier noch nach oben ist. Im Bayerischen Landtag zum Beispiel mit seinen 187 Abgeordneten twittern gerade einmal 22 Abgeordnete mehr oder weniger regelmäßig. Bemerkenswert ist hier, dass die größte Microbloggingquote nicht bei den großen Volksparteien bzw. der großen Volkspartei CSU zu finden ist, sondern bei den kleinen, allen voran die FDP.


    Verteilung der twitternden MdL

    Thomas Hacker tanzt beschwingt mit Miriam GruÃ? beim Sommerfe... on TwitpicWas die Abgeordneten auf Twitter über ihre Arbeit publizieren, liefert in vielen Fällen einen guten Überblick über ihre Arbeit in Ausschüssen, öffentlichen Einrichtungen und Abendveranstaltungen. Die Bundesversammlung hat begonnen!Einige Landtagsmitglieder machen sich sogar die Mühe, ihren politischen Alltag mit Bildern zu dokumentieren. So findet man zum Beispiel dieses interessante zeitgeschichtliche Dokument aus der Bundesversammlung bei der Wahl des Bundespräsidenten Wulff. Oder ein Bild der politischen Führungsriege Bayerns.

    Ein Herz und eine Seele, CSU aus einem Guß. So sieht die Realität aus!Was mich stark überrascht hat: Auch Landespolitiker in Ministerrang finden momentan auf Twitter nur eine sehr kleines Publikum. Jeder nebenberufliche Social-Media-Berater hat nach einem Monat Retweeten von Mashable- oder Techcrunch-Meldungen mehr Follower als beispielsweise die bayerische Justiz- und Verbraucherschutzministerin.

    Dafür gibt es eigentlich nur eine Erklärung: Die regionalen Medien, deren Aufmerksamkeit eigentlich vor allem den Ereignissen in der Landespolitik gelten sollte, haben noch nichts von dem Wandel mitbekommen. In den Redaktionen von Abendzeitung, SZ, Münchener Merkur oder tz scheint man viel mehr damit beschäftigt, die eigenen Meldungen per Twitter in die Welt zu broadcasten als sich auf die Entdeckungsreise zu begeben, was die Objekte (eigentlich: Subjekte) ihrer Berichterstattung oder gar ihre Leser zu sagen haben, wenn sie auf einer halb-offiziellen Bühne stehen. Schade, denn gerade hier gäbe es journalistisch noch viel zu erforschen.

    Für den Einstieg in diese Welt habe ich hier schon einmal eine Liste der twitternden bayerischen MdL angelegt. Ergänzungen bitte in die Kommentare.



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