Daily Archive for Dezember 19th, 2011

Visuell ist besser – die memetische Kraft der Bilder

Auf der Strasse denken Leute:
Wie sieht der denn aus ?

(Tocotronic)

Man kann viel Schlechtes über Instragram sagen. Instagram bedient mit seinen Filtern eine wohlfeile Nostalgie einer Generation, die mit Polaroid und Commodore aufgewachsen ist. Instagram schafft es, die schon schlechte Bildqualität der Handyfotografie noch weiter zu verschlechtern. Instagram nervt, weil jeden Tag irgendjemand in der Timeline gerade den Tilt-Shift-Effekt für sich entdeckt. Ach, warum so differenziert: Instagram ist der Untergang der Fotografie.

An allen Vorwürfen mag ein Körnchen Wahrheit sein. Aber Instagram hat einen einzigen, ganz grandiosen und unleugbaren Vorteil. Es sind Bilder. Egal wie schlecht die Qualität, wie zuckerwattig der Retrofilter oder wie abendlandszerstörend das Prinzip ist. Instagram sind Bilder, viele Bilder, und das macht diese Anwendung unglaublich spannend und wertvoll.

ReadWriteWeb berichtet, dass Instagram kurz davor ist, Foursquare als größtes mobiles Social Network abzulösen. Mich überrascht das nicht, denn Bilder sind Trumpf. Den Grund dafür entdeckt man schnell, wenn man sich mit der Memetik, der Wissenschaft von der viralen Verbreitung im Netz, auseinandersetzt. Bilder haben gegenüber Texten (oder Orten) drei große Vorteile:

  • Bilder sind nicht-sprachlich. Man kann Bilder aus anderen Ländern verstehen, auch wenn man die Sprache nicht spricht. Die Bildermeme von #ows, #londonriots und #arabspring werden rund um die Welt verstanden. Inhalte wie Katzenbabys oder Apple-Gadgets scheinen fast schon anthropologische Universalien zu sein, die unseren Gehirnen fest eingeprägt sind.
  • Bilder sind metaphorisch. Ein Bild ist fast immer sehr viel mehr als nur ein Bild, da es sich auf andere Bilder, Texte, Ideen beziehen kann. Ein Bild, auf dem eine Menschenmenge mit Besen über die Straße zieht, kann sich genauso gut auf das Thema Sauberkeit im öffentlichen Raum beziehen wie auf Gewaltexzesse. Mit Bildern lassen sich komplexe Inhalte transportieren oder hermetische Gemeinschaften schaffen (siehe dazu zum Beispiel die Bilderwelt der Freimaurer)
  • Bilder sind magnetisch. An Bildern kann man nur schwer vorbeigehen. Bilder ziehen die Aufmerksamkeit an sich. Anwendungen wie Flipboard spendieren nicht ohne Grund den Bildern der von ihnen aggregierten Artikel den größten Bildschirmplatz, damit man über die Bilder in die einzelnen Texte einsteigt.

Wir leben inmitten in einer memetischen Wende (memetic turn). Das bedeutet, dass wir in der nächsten Zeit viele neue Formen der Bildersprache entdecken und vielen älteren wieder begegnen werden.



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