Die Renaissance des persönlichen Gesprächs

Wie tief wir schon von einem digitalen Lebensstil durchdrungen sind (oder wie man in D64-Manier sagen müsste: Wie weit die Digitalisierung schon vorangeschritten ist), merkt man an der Renaissance von Offline-Aktivitäten. Zum Beispiel erfährt im Moment das gute alte persönliche Gespräch ein grandioses Comeback – freilich nicht unter diesem schnöden Namen, sondern als “In-Person-Socializing”.


Foto: Jörg Blumtritt

In Fast Company entdeckt Kevin Purdy den Segen der persönlichen Interaktion von Angesicht zu Angesicht. Die These, dass durch die zunehmende Online-Vernetzung über Twitter, Facebook, Xing, LinkedIn oder Google+ Offline-Aktivitäten irgendwann einmal überflüssig werden, dürfte schnell zu widerlegen sein: Die Entwicklungen der Büromieten, Dienstreisen oder Konferenzteilnehmer sprechen hier eine andere Sprache, so Purdy.

Wichtig ist das persönliche Gespräch aber nicht nur als so eine Art “Manufaktum-Networking”, sondern als “dritter Ort”. Um ein erfülltes Leben zu führen, brauchen wir nämlich nicht nur die beiden klassischen Orte des eigenen Zuhauses und der Arbeit (oder klassisch formuliert: Oikos und Polis), sondern auch noch einen dritten Ort, der irgendwo dazwischen liegt. Das kann die Strickgruppe genauso sein wie die Schafkopfrunde oder (in meinem Fall) das frühmorgendliche Zusammentreffen mit Freunden, um dort neue Folgen unserer WebTV-Sendung Isarrunde aufzuzeichnen (mehr dazu auf isarrunde.de).

Man könnte jetzt kulturkritisch entgegnen, dass das eine traurige Zeit ist, in der wir uns zwingen müssen, mit anderen Menschen zu treffen und persönlich zu sprechen. Oder aber technophil antworten, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis alle unsere Interaktionen digitalisiert sind und dass damit in Wirklichkeit gar nichts verloren geht.

Für mich liegt die Wahrheit an einem dritten Ort: Eigentlich müssten wir uns bei dem technologischen Wandel und der Online-Vernetzungswelle bedanken. Denn, dass jetzt die persönliche Interaktion wiederentdeckt und wertgeschätzt wird, ist erst möglich geworden, seit es diese Strohpuppe der digitalen Oberflächlichkeit gibt. Eigentlich eine positive Entwicklung. Der Wert des “In-Person-Socializings” steigt mit seiner Verknappung.



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    1. 1 Thorstena » Lernen, unter Wasser zu atmen

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