Reichsparteitagsmärchen im ZDF

Ohne das Internet hätte es wahrscheinlich kaum jemand gemerkt. In der Halbzeitpause sprechen die ZDF-Moderatorin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn über das Tor von Miroslav Klose im ersten Spiel der WM mit deutscher Beteiligung. Dabei rutscht Müller-Hohenstein die zweifelhafte Formulierung “Das war für Miroslav Klose ein innerer Reichsparteitag” heraus. Zu diesem Zeitpunkt ist das Publikum normalerweise auf dem Weg in den Keller um noch ein Bier zu holen oder geht kurz auf die Toilette. Heute sitzt man nebenbei am Computer und kommentiert das Spiel auf Facebook oder Twitter:

Noch in derselben Sekunde werden die ersten Twitter-Nachrichten verschickt, die mit der Wortwahl der Moderatorin, vorsichtig ausgedrückt, überhaupt nicht zufrieden sind. Nahezu ebenso schnell schlagen die ersten Nutzer im Wiktionary nach und verharmlosen die seltsame Wortwahl als gängige umgangssprachliche Redewendung (kurzer Hinweis: darum geht es gar nicht, sondern darum, dass eine Formel, die im Dritten Reich üblich war in der Primetime auf dem ZDF gesendet wird – ohne jede Distanz). Es folgen dann zum Teil sehr seltsame Begründungen, warum so eine Redewendung unproblematisch sei:


oder

Aber nicht nur das Publikum sitzt an den Rechnern, sondern auch der Sender. Und auch hier wird per Twitter das Gesagte kommentiert:

Diese Twitter-Nachricht hat das Potential für mich zu meinem bisherigen Twitter-Tiefpunkt zu werden. So kommuniziert der offizielle Kanal einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt? Redewendungen, die im Dritten Reich gängig waren und heute noch in der Umgangssprache weiterleben finden nicht nur über eines der reichweitenstärkste Fernsehformat einen Weg in den öffentlichen Sprachgebrauch, sondern werden auch noch als einfache Redewendung entschuldigt – Reichsparteitag steht hier auch für eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt für Stolz und Befriedigung. That’s it? Ich hoffe nicht.

UPDATE: Auch die Welt und die taz haben das Thema schon aufgegriffen. F!XMBR widmen dem Thema zwei Blogposts und auch auf Wortreich und dem medium-Blog finden sich Posts dazu.

UPDATE 2: In der taz hat der WDR-”Kultreporter” 2005 in einem Interview von einem ähnlichen Fehlgriff erzählt: “Es gab ein Spiel Fortuna Düsseldorf gegen Nürnberg. Der Spieler Detlef Szymanek, zuvor von Düsseldorf nach Nürnberg gewechselt, erzielte ein Tor und ich benutzte ausgerechnet die Formulierung “das war für ihn ein innerer Reichsparteitag”. In dem Moment als ich den Satz gesprochen hatte war mir klar, dass gibt Ärger. Und so war es auch.”



Verwandte Artikel:
  • No related posts
  • 51 Responses to “Reichsparteitagsmärchen im ZDF”


    1. 1 P.S.

      “umgangssprachliche Redewendung (kurzer Hinweis: darum geht es gar nicht”

      doch, genau darum geht es. Es ist eine Redewendung. Punkt. Damit wird weder ein politischer Standpunkt eingenommen noch irgendwas “gut geheißen”.

      Kommt mal wieder runter, ist ja schlimm mit der übertriebenen political correctness.

    2. 2 Andi Licious

      Aloha,

      mich hat es während das Spiels dann ebenso fast mehr interessiert … ich fand die Rechtfertigung von ZDF im Twitter äußerst lächerlich. Vor allem das sie jetzt noch mal versuchen zurpck zu rudern. Ließt sich auch ungefähr so: “Ja, wir wissen dass unsere Moderatorin nur Müll erzählt, aber unsere anderen Moderatoren hatten Angst vor Kahn.”

      Dabei war der sympatisch wie noch nie.

      Dumm gelaufen ZDF. Doch malt euch jetzt bitte nicht noch ein Hakenkreuz ins Logo und versucht dieses für mehr Sonne zu rechtfertigen …

      Cheers

    3. 3 T0bstar

      Ich glaube, dass es auch ohne Internet bemerkt worden wäre, auch wenn die Twitter-und-Facebook-Fraktion gleich wieder die Entdeckung dieses Skandals für sich beansprucht… Dabei war der Ausspruch der Moderatorin nicht zu überhören, auch für Nicht-Twitterfreudige Zuschauer!

    4. 4 Andi Licious

      Kurzer Nachtrag: Ich meinte natürlich ‘sympathisch’ … doch die Moderatorin meinte gerade noch zu King Kahn: “Aber eine Mannschaft braucht doch einen Torwart?! Also ganz ohne kann man doch nicht spielen?!”

      Ihr kleines, schönes Sahnehäubchen für den Abend. Wann sie ihr Rückflugticket bekommt?

      Cheers

    5. 5 steffi

      was heisst hier übertrieben? wer so eine bemerkung macht, hat im tv nichts verloren, schon gar nicht im öffentl.rechtl., denn dafür zahl ich schliesslich auch die gebühren…..diese frau muss weg!!!!

    6. 6 Benedikt

      @P.S.: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland wurde von den Alliierten gerade aus und gegen die Erfahrung des nationalsozialistischen Propagandaapparat ins Leben gerufen. Deshalb finde ich es äußerst bedenklich, wenn Redewendungen, die im Nationalsozialismus üblich waren, heute wieder in den über das öffentlich-rechtliche Fernsehen in den öffentlichen Sprachgebrauch rücken.

    7. 7 Benedikt

      @TObstar Bemerkt schon, aber vor dem Internet wäre das mit dem fast noch peinlicheren Twitter-Kommentar nicht passiert. Man hätte vermutlich etwas länger nachgedacht, wie (und ob) man auf die Kritik reagiert. Social Media erhöht die Sichtbarkeit und den Handlungsdruck.

    8. 8 ZDF

      Ist schon übertrieben wie jeder jedes Wort auf die penible Goldwaage legt. Dass wir 60 Jahre nach Kriegsende immernoch so große Schuldgefühle hegen, dass jeder, der nicht vorformulierte Phrasen verwendet sondern aus einem live-Gespräch heraus agiert danach moralisch gekreuzigt wird! Das geht eindeutig zu weit.
      Liebe Leute/Linke, hört auf mit dem Nazi-Verurteilen wenn es unangebracht ist – wie jetzt.

    9. 9 Domn

      “Jedem das seine” ist auch eine Redewendung die noch heute reichlich verwendung findet und an einem KZ-Tor stand. Wenn man nur will kann man wohl bei jedem irgendwas fieses boshaftes finden…

      Als wenn wir sonst keine Sorgen haetten.

    10. 10 Benedikt

      @Domn Der kleine, aber feine Unterschied ist, dass das suum cuique ein aktiker Rechtsgrundsatz war, während es die Reichsparteitagsredewendung erst ab den 1930er Jahren gab.

    11. 11 SiamoNoi

      Völlig richtig. Wie lächerlich wird es bitte noch, wenn hier irgendwelche Wictionarys als seriöse Quelle zu historischen Themen verhandelt werden? Der Begriff kommt eindeutig aus dem 3. Reich, die innere Freude rührt ja schließlich aus der “Freude” des Originals, des größten jährlichen Medienereignisses der NS-Inszenierung wohlgemerkt, übertroffen vielleicht nur noch von Lenis Olympiafilmen. Wer von Geschichte keine Ahnung hat, sollte einfach mal stillschweigen, sowohl im Fernsehen als auch auf Twitter.

    12. 12 Max

      Es ist schon unglaublich, wie so etwas hochgeputscht werden kann. Jeder ach so korrekte deutsche Bürger muss nun seinen Senf dazu abgeben um morgen früh beim Bäcker sagen zu können: “Also ich, ich war von Anfang an der Meinung das diese Frau ein Nazi ist”.

      So etwas nimmt uns niemand übel, ausser wir selbst.
      Wahrscheinlich werden andere Länder darüber lachen, wie wir uns selbst fertig machen.

      Soll die Frau sich, WENN SIE DIE MÖGLICHKEIT DAZU HAT UND NICHT NACH 3 TWITTERMINUTEN, dafür entschuldigen und gut ist.

      Armes Deutschland

    13. 13 Reflector

      Manche werden erst aufwachen, wenn es wieder Reichsparteitage gibt. Leider ist es dann zu spät.

    14. 14 Martin

      Ich habe von Geschichte durchaus Ahnung, weiß auch viel über die Gräueltaten des “Dritten Reichs” und verabscheue das zutiefst.

      Aber wie hier einige schon bemerkten, ist dieser Ausspruch (leider) eine alltägliche Redewendung. Die ich übrigens auch dann und wann schon verwendet habe! Dass das im Fernsehen eher unglücklich ist, sowas zu bringen, leuchtet ein. Aber ist kein Grund, einen Menschen zu verdammen. Meine Güte, es ist heraus gerutscht. Bleibt locker! Nicht wieder die alte Nazi-Kiste rausholen, sondern lieber mit der WM mitfiebern und die wirklichen, braunen A****löcher bei der nächsten Demo passend zurecht machen.

      Damit wäre allen wesentlich mehr geholfen.

    15. 15 Alexander

      Der “Stolz” und die “Befriedigung”, den die Redewendung vom “inneren Reichsparteitag” heute zum Ausdruck bringen soll, war ursprünglich auf das nationalsozialistische Regime bezogen. Deshalb hat die Redewendung auch heute einen mehr als faden Beigeschmack, und es steht einem öffentlich-rechtlichen Sender nicht gut an, zu ihrer Verbreitung beizutragen. Genau genommen schwingt in der Redewendung auch ein Überlegenheitsgefühl mit, das man dem damit Bezeichneten unterstellt, und zwar ein Überlegenheitsgefühl aufgrund seiner völkischen Zugehörigkeit als Deutscher.

      Was ich persönlich aber unter aller Kanone finde, sind Sätze wie “Diese Frau muss weg”. Diese Form asozialmedialer Selbstjustiz und Lust an der öffentlichen Hinrichtung ist verabscheuungswürdig. Habt ihr noch nicht genug von der Rücktritteritis der vergangenen Monate? Zunehmend nehmen solche Entwicklungen bei Twitter und Facebook ihren Anfang, und Zeitungen springen dann auf den Zug auf. Ich habe aufgrunddessen schon überlegt, ob ich in diesen Medien überhaupt noch präsent sein will. Die politische Stoßrichtung mag inhaltlich eine andere sein, aber formal scheinen mir Verurteilungen hier genauso zu laufen wie in einer Diktatur. Es ist nur die Diktatur der Retweet-Masse.

    16. 16 Anonymous

      Man könnte meinen einige haben in den letzten Jahrzenten unter einem Stein gelebt. Ja, es ist eine gebräuchliche Redewendung, egal ob man es toll findet oder nicht. Keinen Grund zur Aufregung, die Welt wird nicht in den nächsten 20 Minuten untergehen.

    17. 17 Falke

      Um gottes Willen,

      Leute, ihr seid lächerlich. Sie hat das Wort Reichsparteitag verwendet. so what?
      Wenn man nun jedes Wort streicht, dass im Kontext des dritten Reiches eine negative Konnotation erfahren hat, dann stehen uns nicht mehr allzu viele Worte zur Verfügung. Ob das Wort nun im dritten Reich seine erste Verwendung gefunden hat oder nicht, ist Wurscht. Ich sehe euch auch nicht auf diese Ausgeburt des Bösen, diese narzistischen Autobahnen, verzichten.
      Ich glaube 60 Jahre, ungefähr zwei Generationen später, wird man das ganze doch auch mit ein wenig Ironie betrachten dürfen, ohne dass die Autonomen kommen, einem mit dem nackten arsch ins gesicht springen und sagen. “Manche werden erst aufwachen, wenn es wieder Reichsparteitage gibt.”
      Nehmt euch selbst bloß nicht zu wichtig, einfach mal locker durch die Hose atmen. Es ist nicht immer alles gleich ein Skandal.

    18. 18 björn

      meine güte, sonst habt ihr nix zum echauffieren? diese redewendung war schon in den vierziger landserjargon, und hatte übrigens eine ABWERTENDE konnotation gegenüber dem damaligen regime. das man das heute vom hohen gutmenschenross nicht nachvollziehen kann ist anscheinend egal, kann diesen political correctness-blödsinn echt nicht mehr ertragen.

    19. 19 Anonymous

      Eine Antwort vom ZDF auf eine Beschwerde-E_mail

      vielen Dank für Ihre E-Mail an das ZDF und Ihr Interesse an unserer Übertragung des WM-Spiels Deutschland – Australien.

      Wir können Ihre Kritik an der Äußerung Katrin Müller-Hohensteins durchaus nachvollziehen und verstehen. Durch die Zusammenarbeit mit unserer Moderatorin möchten wir Ihnen darüber hinaus aber auch versichern, dass sie niemals die Absicht hat, die Gefühle von gleich welchen Bevölkerungsgruppen zu verletzen.

      Auf der anderen Seite basiert die hohe Beliebtheit von Katrin Müller-Hohenstein als Moderatorin beim Fußball gerade eben auf ihrer Spontaneität und ihrer Schlagfertigkeit.

      Deshalb möchten wir Sie bitten, der besonderen Situation in einer Live-Sendung Verständnis entgegenzubringen, die jeden Moderator in ganz außergewöhnlicher Art und Weise fordert. Wir meinen, dass man da nicht jedes einzelne Wort auf die Goldwaage legen sollte. Selbstverständlich haben wir Katrin Müller-Hohenstein und die Sportredaktion über Ihren berechtigten Hinweis aber bereits informiert.

      Wir hoffen, dass Sie uns auch in Zukunft als Zuschauer gewogen bleiben.

      Mit freundlichen Grüßen
      Marcel Meffert
      ZDF-Zuschauerredaktion

    20. 20 Anonymous

      Innerer Reichsparteitag als Entgleisung im Dt. Fernsehen?
      Sowas nennt man wohl Freudschen Versprecher. Es zeigt die innere Nähe zum Thema dieser Dame

    21. 21 persiflo

      ich kannte die redewendung nicht. sie ist mir dann schon aufgestoßen; ein guter anlass für ein bisschen lachen. hab auch gleich nen kumpel angerufen …

    22. 22 Dr_Ultra

      Daß die besagte Redewendung heute durchaus – und auch über rechtsradikale Kreise hinaus – verbreitet sein und häufig sicher unreflektiert und gedankenlos dahergesagt werden mag ist sicher richtig, nichtsdestoweniger aber auch nicht schön.

      Doch was im Privaten oder in der Halböffentlichkeit des lauten öffentlichen Gesprächs oder des sprichwörtlichen Stammtisches geredet wird, ist die eine Sache (und natürlich muß man in diesen Kontexten oft genug noch weit schlimmeres mithören). Tant pis.

      Vor einer Fernsehkamera aber, sei es zur Primetime oder nicht, vor einem potentiellen oder tatsächlichen Millionenpublikum, gelten doch immer noch und aus guten Gründen ganz andere Anstandsregeln.

      Es hat nichts, aber auch gar nichts mit “übertriebener Political Correctness” zu tun (und die dümmliche und geschichtsblinde Übernahme dieses Begriffs als beliebig positionierbarer Popanz zur Kritikimmunisierung für jegliche reaktionäre Position wäre eine eigene Betrachtung wert), wenn man für Journalisten und vergleichbar in der allerbreitesten Öffentlichkeit agierende Personen andere und strengere Maßstäbe anlegt als für den sog. gemeinen Mann auf der Straße (um jetzt nichts schlimmeres zu sagen). Und das gilt m.E. gleich doppelt für die öffentlich-rechtlichen Sender.

      “Quod licet Bovi, non licet Iovi”, muß es in diesem Fall heißen.

      File under: Sprachverrohung, Intellektuelle Verwahrlosung, Qualitätsjournalismus, Sport, Zumutungen

    23. 23 tina

      Ist es euch nicht peinlich das IHR euch darüber aufregt.

      Es sollte eben kein Tabu sein über solche Themen zu sprechen.
      Viel schlimmer ist eben NICHT über das 3te Reich zu sprechen.
      Unsere Eltern haben das vorgemacht und dabei kam ja auch nix gescheites raus.

      Und das sich mal einer verspricht – davon geht die Welt nicht unter.
      Und ganz nebenbei: Das Gebäude in dem die Merkel regiert heisst immer noch Reichstag – Und? Geht davon die Welt unter? Ich denke nicht.

    24. 24 Johannes

      @björn

      diese redewendung war schon in den vierziger (sic!) [Jahren] landserjargon,

      Super.
      Du rechtfertigst die Redewendung von Frau Müller-Hohenstein mit einem Verweis darauf, dass “innerer Parteitag” ein Begriff aus dem Landser-Jargon sei.
      Merkst Du etwas oder bist Du dafür zu dumm?
      Die Redewendung von Frau Müller-Hohenstein verdient keiner grossen Empörung und erst Recht sollten Frau Müller-Hohenstein daraus keine grossen Nachteile entstehen, Dein “Rechtfertigungsversuch” ist jedoch einfach nur noch lächerlich.

    25. 25 Benedikt

      @Falke “Sie hat das Wort Reichsparteitag verwendet.” Es geht nicht um das Wort, sondern darum, dass sie es in einem Zusammenhang verwendet, der so nicht auf eine öffentlich-rechtliche Bühne gehört.

      @Björn Ich zahle keine Rundfunkgebühren, um Landserjargon zu hören.

    26. 26 Benedikt

      @Johannes Den Ausrutscher von Müller-Hohenstein fand ich erst einmal skurril. Wie darüber anschließend auf Twitter diskutiert wurde und vor allem die Rechtfertigung des ZDF haben mir dann aber richtig zu denken gegeben.

      @Alexander Stimme dir zu, eine klare Entschuldigung wäre kein Problem gewesen und der Moderatorin hätte niemand rechtsradikale Tendenzen, sondern allenfalls geschichtliche Naivität vorgeworfen (was für eine Journalistin, hmm, vielleicht fast genauso hart wäre).

    27. 27 Ulf

      In der DDR wurde die Redewendung “innerer Reichsparteitag” zu “innerer Vorbeimarsch” abgeschwächt, weil man mit “Reichsparteitag” schnell Ärger bekommen hätte (was ich gutheiße). Der Ausspruch geriet im Laufe der Zeit zur harmlosen Floskel, die niemand mehr mit Hitler und Nürnberg in Zusammenhang brachte. Das Gleiche vermute ich für Westdeutschland, nur das die Floskel dort weiterhin “innerer Reichsparteitag” hieß und offensichtlich bis heute heißt, für die nachwachsenden Generationen aber mit den Jahren trotzdem genauso einen ganz harmlosen Klang bekam. Es meint nichts anderes mehr als “tiefe Befriedigung”. Für den Rahmen einer solch beachteten TV-Übertragung mit Millionen Zuschauern halte ich die Bemerkung allerdings für höchst unprofessionell und unangebracht.

    28. 28 Mbeko Biki

      Ich schreibe es wie bei einem anderen Blog nocheinmal, trackback:

      Es ist erschreckend, welch unterirdisches Niveau die Debattenkultur in Deutschland gesunken ist. Ebenso erschreckend ist, wie eine Hetzjagd auf eine Frau eröffnete wird, die eben nun mal einen Fehler gemacht hat.

      Politische Hetzjagden sind Stilmittel von Rechts- und Linksextremisten. Offenbar erinnert sich kein Blogschreiber an die historische Assoziation von Hetzjagden in der Debatte, ist sich niemand bewusst in welch erbärmliche Tradition sich die Deutschen, in den Debatten sonst zur Marginalie verdammten, Blogger da stellen.

      Ekel beschleicht mich, dass es die Deutschen Blogger nötig haben auf dem WM Zug aufzuspringen, um Aufmerksamkeit zu generieren.

      Ich kam aus Botswana nach Deutschland als Kind von Einwanderern und wundere mich nur noch, ebenfalls fühle ich mich nicht wegen der Aussage Müller-Hohensteins im “ förderliche[n] internationale[n] gemeinschaftliche[n] Gefühl “ gestört, sondern obgrund der hier und in anderen Bloggs stattfindenden Hetze, die wie bei den Nazis nur ein Ziel hat: einen Menschen zu zerstören!

      Dazu kommt, dass “der fehlerlose” Mensch glorifiziert wird, der “fehlerlose” Mensch”, der stets und immer in und für die Gemeinschaft funktioniert, ja funktionieren muss. Hatten wir das schoneinmal in Deutschland? Ja, zu Zeiten des Nationalsozialismusses.

      Es galt schon im alten Rom: Nemo vitiis liber est! Und wenn wir uns wieder auf den Weg machen, den “fehlerlosen Menschen” produzieren oder einfordern zu wollen, dann sind wir morgen schon wieder im Nationalsozialismus Deutscher Prägung angekommen. Das dürfen wir bei dieser Angelegenheit niemals vergessen! Und ja: genau diese Dimension hat es.

    29. 29 Martin

      Das ist nicht der erste faux pas im deutschen Fernsehen und wird auch nicht der letzte sein. Ich erinnere mich an eine Kandidatin , ich glaube bei “wetten dass”, die berichtete, “bis zur Vergasung” geübt zu haben. Betretenes Schweigen. Auch das wäre umgangssprachlich geläufig, aber politisch inakzeptabel. Oder ein Politiker, der eine Redewendung gebrauchte, die dummerweise als Leitspruch über einem KZ-Tor hing. Solche Fehltritte sollten professionelle Redner vermeiden, wozu es ein “Wörterbuch des Nationalsozialismus” gibt, sozusagen als Blacklist. Alles andere ist unprofessionell.

    30. 30 Benedikt

      @Martin Solche Fehltritte sind dumm, kommen aber vor. Das Problem sind Kommentatoren, die solche Dinge dann entschuldigen indem sie darauf hinweisen, dass das Wort “Vergasung” nicht zwangsläufig etwas mit dem Dritten Reich zu tun haben muss, sondern auch vorher schon existiert hat. Diese Geschichtsklitterung, die auf Twitter Gang und Gäbe scheint, insbesondere bei Avataren mit Piratenpartei-Badge, macht mir Sorge.

      @Mbeko Es geht nicht um den fehlerfreien Menschen, sondern um einen verantwortungsvollen Umgang mit Sprache. Den kann ich nämlich von professionellen Kommunikatoren erwarten.

    31. 31 Charly

      Mann, Leute! Haben wir in Deutschland keine anderen Probleme als den sprachlichen FauxPas einer Sportmoderatorin derart massiv zu breitzutreten?
      Ist nun mal passiert und das ist nicht gut aber kein Problem das man an die große Glocke hängen muß!!!
      Dahinter steckt mit Sicherheit keine böse Absicht und erst recht keine polit. Meinung.
      Wer frei von Schuld ist jemals eine politisch nicht ganz korrekte Äußerung gemacht zu haben, solle bitte den ersten Stein werfen!
      Alle anderen: Schweigt besser und kümmet euch lieber um das was wirklich wichtig ist….(und davon gibt’s un dem Land ‘ne Menge!)

    32. 32 Bjoern_2

      Die Redewendung “bis zur Vergasung” ist ein gutes Beispiel dafür,dass der Verweis auf die ursprüngliche Bedeutung egal ist. Entscheidend ist die öffentliche Wahrnehmung. (“bis zur Vergasung” ist wahrscheinlich auf die Entgasung von Kohle zu Koks zurückzuführen und stammt aus dem Beginn des Industriezeitalters) Ein großer Teil der Öffentlichkeit hat jetzt gemerkt,dass er die Redewendung “innerer Reichsparteitag” für ein Erfolgserlebnis denkbar unpassend findet. Das ist eine sehr erfreuliche Sache. Da es aber tatsächlich eine landläufige Redewendung ist,kann ich Frau Müller-Hohenstein hier nur Unachtsamkeit,keinesfalls Nähe zu braunem Gedankengut unterstellen. Letztenendes finde ich es aber gut,dass dadurch eine Im Alltag immer wieder unbedarft benutzte Redewendung wieder hinterfragt wird (soll aber jetzt keine Aufforderung an die Kommentatoren sein, noch tiefer in die Mottenkiste zu greifen).

    33. 33 Frank

      Es ist eine stink normale Redewendung, die viele Menschen verwenden und fertig! Das sich Medien und auch Blogs mit solchen Haarspaltereien beschäftigen und Erbsen zählen, ist ein Grund, warum die wahren Probleme im Land unter den Teppich gekehrt werden können. Wie kann man sich nur über solchen Bullshit so auslassen und das Thema auch noch so hochkochen?

    34. 34 dot tilde dot

      “reichsparteitag” bedeutet für mich:

      - gekonnte inszenierung von uniformprofis und laien
      - mediales ereignis zur fanatisierung von entindividualisierten massen
      - innerer gründungsmythos der grundsätze des alltagsfaschismus im individuum

      reichsparteitag: ein auf linie gebrachtes kollektiv wartet darauf, von heißer demagogie gef###t zu werden.

      dieses bedeutungskonlomerat in meinem wortschatz zu bilden fand nicht gerade ohne beteiligung des cdf statt. daher fühle ich mich von diesem empfänger meiner rundfunkgebühren besonders im stich gelassen:

      - wie komme ich von meiner geschilderten vorstellung zu “stolz” und “tiefste befriedigung”?
      - steht klose für die erwartungsfrohe fanatisierte masse, oder für diesen, wie hieß der noch, hitler?
      - was ist der unterschied zwischen einem inneren und einem regulären reichsparteitag?
      - haben cdf-journalisten einen besonders erklärungsbedürftigen jargon?

      da hätte ich von dem sender, der immer das eine auge zuhält, damit man besser sieht, mehr erwartet, als 128 zeichen wilde beteuerung: ein panel mit knopp, beckenbauer, benedikt sechzehn, westerwelle. mindestens. lena könnte danach singen.

      das spiel hat mir so gut gefallen. wie kommt das cdf jetzt darauf, herrn klose zu beleidigen?

      ich finde übrigens, dass die diskussion über dieses thema kein bisschen tabu ist. das ist wie mit scheiße am schuh: jeder kennt’s, jeder weiß, wie’s riecht, jeder sollte drüber reden können.

      .~.

    35. 35 Jeeves

      Vielleicht sollte man das in Kommentaren (auch hier!) oft zu lesende “Armes Deutschland” auf’s Korn nehmen. Solch’ doofe Floskeln sind es wahrlich wert, gesteinigt zu werden, aber doch nicht’n gedankenlos hingesagter Satz einer Reporterin, die natürlich nicht das meint, was ihr hinterher von der Couch aus bösartig unterstellt wird.
      Die Dame war ja (am selben Abend?) bei Götz Alsmann im TV zu Gast und schlug sich wacker, zeigte sich intelligent, hatte offensichtlich ‘ne Menge Ahnung vom Sport und war sympathisch.

    36. 36 German Höring

      Ich finde den Blitzkrieg gegen Frau Hohenstein völlig unangebracht. Das Spiel gab doch genug Anlass zur Kraft durch Freude. Auf der Autobahn der politischen Korrektheit bleibt manchmal die Friedfertigkeit auf der Strecke. Denkt denn einer, dass im Anschluss an die Gleichschaltung der öffentlich rechtlichen Medien die Endlösung aller sprachlichen Endgleisungen steht? Alle suchen doch nur das Heil in der Kritik.

      Das Jungvolk in Deutschland hat doch wahrlich schon genug Probleme als dass es jedes Wort auf die Goldwaage legen müsste. Volksaufklärung brauchen wir doch nicht mehr.

      Ein freundliches Horrido!

    37. 37 dot tilde dot

      @39 (german höring):

      kauen, nicht lutschen!

      .~.

    38. 38 Burkartoon

      ich sage nur ” Machete ” !

    39. 39 ppq
    40. 40 Jörg

      @ Ulf “innerer Vorbeimarsch” ist auch hübsch – wenn gleich der “Reichsparteitag” immer mitschwingt. Diese Kritik gilt auch für die von mir ab und an benutzte Redewendung “innerer Kreisparteitag”.

    41. 41 Jakob

      Wenn ich einen Armes-Deutschland-Loamsiada in meinem bayerischen Dorf träfe, schmiß ich ihn in die nächste Jauchegrube. Und würd noch drauf brunzen.

      Ich glaube, dass diese Hans-Würste vornehmlich politisch inkorrekte Würstchen sind.

    42. 42 Benno Wagner

      zur Klarstellung der Debatte: die inkriminierte Wendung impliziert selbstverständlich keine Bejahung des NS, sie transportiert lediglich einen der unsäglichsten dumpfdeutschen “Umgangs”-Töne, die “ironische” Einkapselung des Menschheitsverbrechens à la Verkehrsunfall, in den öffentlich-rechtlichen Diskurs. Eine Schwellenüberschreiung, nicht mehr und nicht weniger. Um es in der Bilderwelt der KMH und ihrer Klientel auszudrücken: in diesem Restaurant werden keine Gäste (mehr) geschlachtet, hier wird nur, und in diesem Falle vor allen Gästen, zünftig ins Essen gebrochen. Guten Appetit!

    43. 43 hakidus

      Man das ist eine Sportmoderatorin, die schätzen alle Nationalitäten. Allein im deutschen Team sind 10 Ausländer ( 2 Türken, 3 Polen, 1 Tunesier, 1 Bosnier, 1 Brasilianer, 1 Spanier, 1 Kameruner ). Ich denke irgendwann muss mal gut sein. [...] Es war eine Redewendung,die ihr ausgerutscht ist und fertig.

    44. 44 Jason Bourne

      Hier wurde definitiv NICHT nachgedacht!
      “innerer Reichsparteitag” ist ein Widerspruch in sich, denn die Opulenz, die schiere Größe von Reichsparteitagen (1929 DKP in Dresden) macht es ihnen unmöglich, im “Innern” stattzufinden.
      Wer also nicht zu blöd war hinzuhören, der hätte da mal gegoogelt und sich schlau gemacht, woher kommt die Redewendung eigentlich?
      Tatsächlich stammt sie aus der NS- Zeit, war aber parodistische gemeint auf den Protz und Prunk der Nazis und wurde auch von diesen nicht gern gehört.
      Aber “Generation Doof” (bei amazon: Surf-, Kauf- und Lesebefehl!) surft gern, twittert auch, macht so ihr virtuelles Buerchen und empört sich unreflektiert. So auch hier.
      Wer mehr sich NICHT dazu zählt, liest mal nach, VOR der nächsten Empörungswelle:

      http://jensscholz.com/index.php/2010/06/14/mein-innerer-reichstagsbrand

      Ansonsten, Dieter Nuhr: “Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal…!” – Ruhig etwas länger

      Und: Eine Entschuldigung bei K.M.-H. wäre sicher kein großer Fehler!

    45. 45 Christian Heermann

      Lieber Herr Dr. Köhler,

      gestern hab ich zu einem Kollegen folgendes gesagt:
      “In China fällt ein Sack Reis um”

      Bin ich jetzt ausländerfeindlich? Wie soll ich weiter verhalten?
      Bitte um Rat..

      Danke

    46. 46 Jens

      @hakidus: Boah, was hast Du denn fürn Problem? Die “Jüdische Gemeinde”? Meinst du die, die gesagt hat, man soll die Frau in Ruhe lassen und das nicht hochkochen, das ist doch klar, daß sie das nicht so meinte wie einige das verstanden haben? Meine Güte, bring mal deine Vorurteile in den Keller.

    1. 1 der “innere Reichsparteitag” des ZDF » F!XMBR
    2. 2 Der innere Reichsparteitag des ZDF #2 » F!XMBR
    3. 3 Deutschland – Australien 4 : 0 – grandioser Sieg zum WM-Auftakt | Medienkultur Blog : medialkultur
    4. 4 slow media » Versunkene Orte
    5. 5 Sprachsanierung « The Lidless Eye

    Leave a Reply