Daily Archive for Juni 13th, 2010

Reichsparteitagsmärchen im ZDF

Ohne das Internet hätte es wahrscheinlich kaum jemand gemerkt. In der Halbzeitpause sprechen die ZDF-Moderatorin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn über das Tor von Miroslav Klose im ersten Spiel der WM mit deutscher Beteiligung. Dabei rutscht Müller-Hohenstein die zweifelhafte Formulierung “Das war für Miroslav Klose ein innerer Reichsparteitag” heraus. Zu diesem Zeitpunkt ist das Publikum normalerweise auf dem Weg in den Keller um noch ein Bier zu holen oder geht kurz auf die Toilette. Heute sitzt man nebenbei am Computer und kommentiert das Spiel auf Facebook oder Twitter:

Noch in derselben Sekunde werden die ersten Twitter-Nachrichten verschickt, die mit der Wortwahl der Moderatorin, vorsichtig ausgedrückt, überhaupt nicht zufrieden sind. Nahezu ebenso schnell schlagen die ersten Nutzer im Wiktionary nach und verharmlosen die seltsame Wortwahl als gängige umgangssprachliche Redewendung (kurzer Hinweis: darum geht es gar nicht, sondern darum, dass eine Formel, die im Dritten Reich üblich war in der Primetime auf dem ZDF gesendet wird – ohne jede Distanz). Es folgen dann zum Teil sehr seltsame Begründungen, warum so eine Redewendung unproblematisch sei:


oder

Aber nicht nur das Publikum sitzt an den Rechnern, sondern auch der Sender. Und auch hier wird per Twitter das Gesagte kommentiert:

Diese Twitter-Nachricht hat das Potential für mich zu meinem bisherigen Twitter-Tiefpunkt zu werden. So kommuniziert der offizielle Kanal einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt? Redewendungen, die im Dritten Reich gängig waren und heute noch in der Umgangssprache weiterleben finden nicht nur über eines der reichweitenstärkste Fernsehformat einen Weg in den öffentlichen Sprachgebrauch, sondern werden auch noch als einfache Redewendung entschuldigt – Reichsparteitag steht hier auch für eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt für Stolz und Befriedigung. That’s it? Ich hoffe nicht.

UPDATE: Auch die Welt und die taz haben das Thema schon aufgegriffen. F!XMBR widmen dem Thema zwei Blogposts und auch auf Wortreich und dem medium-Blog finden sich Posts dazu.

UPDATE 2: In der taz hat der WDR-”Kultreporter” 2005 in einem Interview von einem ähnlichen Fehlgriff erzählt: “Es gab ein Spiel Fortuna Düsseldorf gegen Nürnberg. Der Spieler Detlef Szymanek, zuvor von Düsseldorf nach Nürnberg gewechselt, erzielte ein Tor und ich benutzte ausgerechnet die Formulierung “das war für ihn ein innerer Reichsparteitag”. In dem Moment als ich den Satz gesprochen hatte war mir klar, dass gibt Ärger. Und so war es auch.”



Verwandte Artikel:
  • No related posts