Die Communitas der Early Adopters

Über den Begriff “Communitas” bin ich in meinen Ethnologieseminaren immer wieder gestolpert. Der große Symboldeuter Victor Turner hatte diesen Begriff verwendet, um eine Erfahrung zu beschreiben, die häufig in Zusammenhang mit einem Übergang auftritt. In vielen Ritualen tauchen solche Schwellenzustände auf, in denen auf einmal die gewöhnlichen Strukturen des Alltags aufgehoben werden und alle auf derselben Stufe stehen (wobei es eigentlich gar keine Stufen mehr gibt). Wenn die Schwelle dann überschritten wird, festigt sich die Struktur wieder und die Teilnehmer des Rituals haben sich auf einmal verändert und besitzen z.B. einen neuen sozialen Status.

Ich glaube, dass die Faszination der Early Adopters diesem Communitas-Zustand, also einem ganz intensiven Gefühl, gerade etwas bedeutendes gemeinsam zu erleben, ähnelt. Gerade Social-Media-Plattformen wie Twitter, Pownce (“egak”), Second Life, Facebook oder Foursquare hatten für mich in der Anfangszeit deutliche Ansätze einer liminalen Communitas-Erfahrung. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, wie man auf diese Plattformen kommt. Entweder man gehört zu den Spätzündern, die von einem größeren Freundes- oder Bekanntenkreis dorthin gezogen werden (man gehört also zur kritischen Masse, im Gegensatz zur unkritischen Communitas). Die anderen haben sich dort schon eingerichtet, wissen über die Möglichkeiten und Grenzen der Plattformen Bescheid und können den Nachzüglern jederzeit eine Kurzeinführung geben. Soziologen würden hier von Sozialisation sprechen. Eine sehr schöne Beschreibung habe ich auf dem Savage-Minds-Blog gefunden:

I am a late adopter of Twitter (r3×0r — feel free to follow me), and one of the nice things about being late to the party is that all of your old friends have already arrived and had a few drinks by the time you find a place to park.

Ganz anders die Early Adopters. Sie warten die ganze Zeit darauf, dass das “next shiny toy” am Horizont auftaucht, und wenn die Türe zum Alpha- oder Betatest geöffnet werden, strömen sie auf die Plattform und beginnen damit gemeinsam herauszufinden, was man mit diesem neuen Spielzeug alles anfangen kann. In den zum Teil nächtelangen Sitzungen entsteht dabei, da es sich oft im Kern um dieselben Personen handelt, die man schon von anderen Plattformen kannte, eine Erfahrung, gerade an einem mehr oder weniger bedeutenden Moment der Geschichte des Internets teilzunehmen – oder besser: sie gerade gemeinsam zu schreiben. Jeder fängt gleichermaßen bei Null an, so dass es ganz im Turnerschen Sinne in diesem Moment kaum feste Strukturen gibt, sondern nur eine undefinierte, aber gemeinsame Erfahrung. Das Spannende und Faszinierende daran (nicht nur für den Early Adopter, sondern auch für den Plattformbetreiber) ist gerade die Möglichkeit, mit anzusehen, wie sich diese Strukturen allmählich entwickeln.



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  • 7 Responses to “Die Communitas der Early Adopters”


    1. 1 Ragnar

      ich erlebe gerade heute wieder das Gefühl des “Early Adaptors”, da ich eine unveröffentlichte Beta-Software zum ersten Mal installiere.

      Eine interessante “Early Adaptor”-Erfahrung bei SocialWeb-Anwendung war für mich die Entstehung von Vertrautheit mit Kontakten (“Friends”), die man oftmals nicht persönlich getroffen hat, aber nun gemeinsam das “brand new toy” erfährt. Wenn ich als “Late Adaptor” spät hinzustoße, füge ich eher meine alten (“Real Life Friends”) Freunde hinzu, die ich schon lange und gut kenne. Der Reiz ist aber nicht mehr vorhanden, da die Strukturen etabliert sind (wie Du schön schreibst) und Fragen nicht mehr im Raum stehen wie: “was soll dieses neue Tool eigentlich, für was braucht man es?”. Das Land ist bereits entdeckt.

    2. 2 Benedikt

      Das ist auch meine Beobachtung. Gibt es eigentlich schon eine soziologische oder ethnologische Abhandlung zu dem Thema “Early Adopters”? Würde mich sehr reizen, das zu lesen.

    3. 3 Hannes Jähnert

      Hallo zusammen, vielen Dank für den interessanten Beitrag. Ich finde es sehr spannend über die Rituale unserer Zeit, und besonders die des Internets, zu lesen. Dem Null-Punkt, an dem alle gemeinsam anfangen müssen, wenn sie eine neue Webanwendung testen, habe ich noch nicht so viel Aufmerksamkeit zukommen lassen. Woran mich deine Ausführungen aber erinnern ist der Weg neuer Praktiken in der Gesellschaft. Der führt von der Avandgard über die Elite zur Masse …

    4. 4 Björn

      Inspirierender Beitrag. Eine Beobachtung von mir aus der letzten Zeit: das early-adopters-feeling, dieses Besondere des Neuen will sich irgendwie nicht mehr einstellen, aus Ernüchterung über zuviel heiße Luft und Interessen, die nichts mehr mit spielerischer freier Kreativität zu tun haben. The next big thing kommt sowieso, und danach das nächste, usw., und eines davon verkauft alle unsere Daten, ein anderes usurpiert alle Umsätze, hier nerven die User, dort ächzen die CPUs etc. Und so geht das immer weiter.
      Dieses besondere Gefühl hat man nur, wenn man nicht lustlos in den Spaghetti rumstochert, weil einem schon übel ist.

    5. 5 marcus

      Sehr guter Beitrag. Sehr gute Antwort von Björn. Wie mache ich schnell den early adoptern klar, dass ich das nächste “shiny toy” habe? Die Frustration ist groß und die Erwartungshaltung vielleicht ohnehin zu hoch…denn wie oft kann das Netz noch unsere Gesellschaft, unsere Kommunikation und unsere Bedürfnisse revolutionieren? Sind die early adopters in der Lage sich für auch nicht-revolutionäre Technik und Anwendung zu begeistern, die einfach im Detail optimiert und in der Breite funktioniert?
      Suche übrigens early adopter für torial.com :)

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