Monthly Archive for Februar, 2010

Das Internet ist keine Modeerscheinung

Was ist eigentlich das Faszinierende an der gegenwärtigen Debatte über das Internet, die sich unter anderem auf Frank Schirrmachers Buch Payback bezieht? Für mich ist es gar nicht so sehr der Austausch an Argumenten und Missverständnissen. Vielmehr bin ich überrascht, wie wenig selbstbewusst und gelassen die sogenannten “Internetbefürworter” sich hier verhalten. Hier scheint es tatsächlich die Befürchtung zu geben, dass ein paar kritisch-nachdenkliche Zeitungsartikel das Internet kaputtreden könnten. Ich glaube es ist lange her, das dem Feuilleton so viel Macht eingeräumt wurde.

Die frohe Botschaft lautet: Auch zehn Paybacks werden und können uns nicht wieder in die internetfreien 1950er Jahre zurückbringen. Paradoxerweise ist sich die Fraktion der Kritiker dieser Tatsache viel bewusster als es die Verteidiger sind:

“Wir sollten unsere Zeit nicht damit verschwenden, zu diskutieren, ob man das Internet braucht oder nicht, ob irgendjemand es abschaffen oder vorantreiben will.” (Frank Schirrmacher im Isarrunden-Blog)

Eigentlich muss man sich nur Zahlen wie diese kürzlich von Nielsen veröffentlichen Nutzungsdaten der Top 10 Internetmarken in den USA ansehen. Sieben Stunden beträgt die durchschnittliche monatliche Nutzungsdauer von Facebook:

Der Wandel, der dahinter steckt – und der auch noch keine Anzeichen der Verlangsamung aufweist -, zeigt deutlich, dass das Internet sich in ein neues Massenmedium verwandelt, das mittlerweile die neue Primetime darstellt. Diesen Punkt sollten wir in der Diskussion endlich einmal als gegeben setzen. Das Internet ist eine technische, kulturelle und soziale Realität. Punkt. Denn erst dann fängt die spannende Debatte darüber an, was dieses neue Meta-Medium mit uns (und den Geschäftsmodellen des 20. Jahrhunderts) macht oder was für ein Internet wir überhaupt wollen.



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    Die Retweet-Gesellschaft

    Die FAZ hat mit ihrer Serie über das digitale Denken ein Denk-Vakuum ausgefüllt und verblüfft von Woche zu Woche mit intelligenten Gastbeiträgen zu dieser entscheidenden Frage der digitalen Kultur. Ganz zentral geht es darum, was mit unserer Art zu Denken passiert, wenn wir immer mehr Informationen auf externe Speicher auslagern, in einem immer schnelleren Tempo Informationen senden und empfangen und wenn diese Prozesse noch dazu in einer Art instabilem und opakem Kollektiv stattfinden – Cloudsourcing. Die drei Herausforderungen lauten also: Externalisierung, Beschleunigung und Sozialisierung.

    In dem jüngsten FAZ-Beitrag schreibt Stephen Baker über die erste dieser drei Fragen, nämlich “Was lassen wir in unseren Köpfen“. Er stellt fest, dass die zunehmende Externalisierung von Informationen und Denkprozessen (ein neuer Höhepunkt wurde mit dem Cloud-Computing erreicht) einen neuen Entwicklungsschub der Homo sapiens-Gehirne bedeutet – nach 40.000 Jahren Stabilität gibt es nun wieder einen neuen Schub:

    Jahr für Jahr verdoppelt dieses globale Gehirn die Zahl seiner Transistoren. Es wird stärker. Und während es stärker wird, türmt es nicht nur Berge, sondern ganze Gebirgsketten von Daten auf.

    Für die frühen Theoretiker des digitalen Zeitalters wie McLuhan war dies noch eine Entwicklung, die man ins Transzendentale verlängern konnte und so die Herausbildung eines Weltbewusstseins – einer Noosphäre – als etwas positives betrachten konnte. Es scheint seit McLuhans Visionen nichts grundlegendes passiert zu sein, dennoch fällt es zunehmend schwerer, an die Heilserwartung der Noosphäre noch ernsthaft zu glauben. Der gnostische Optimismus ist zerbrochen. Aber woran?

    Ich habe darauf noch keine schlüssige Antwort. Ein Anhaltspunkt liefert aber der Flussersche Begriff des Automaten. Wir wissen, dass Medien nichts anderes sind als Verlängerungen menschlicher Organe – in der Regel Sinnesorgane. Werkzeuge also, die Menschen bedienen können, um z.B. weiter, lauter oder schneller kommunizieren zu können. Automaten sind etwas anderes. Automaten sind Wechselbeziehungen zwischen Menschen und Vorrichtungen. Die Vorrichtung ist (wie beim Werkzeug) eine Funktion des Menschen. Aber hier sind die Menschen gleichzeitig auch Funktionen der Vorrichtung.

    Für mich ist eine der bedrohlichsten Entwicklungen der digitalen Kultur nicht so sehr die Tatsache, dass wir durch Algorithmen immer besser überwachbar und vorhersagbar werden. Nein, die gefährliche Pointe liegt darin, dass wir uns immer besser überwachbar und vorhersagbarer machen. Noch wirkt es wie ein Sketch, wenn Menschen mit dem Mittagessen warten, bis sie ein Foto davon auf Facebook gepostet haben, vor der Kneipe stehen bleiben bis Foursquare ihnen das erfolgreiche Einchecken bestätigt hat oder reflexartig die Kurzgedanken der digitalen Prominenz per Retweet auf Twitter weiterverbreiten. In diesen Fällen – und das ist nur die zur Karikatur überformte Spitze – machen wir uns zur Vorrichtung von Codes, Datenbanken, Clouds, APIs und neuen Meta-Medienkonzernen wie Apple und Google.

    Damit ist mir auch etwas klarer geworden, wass wir mit unserem Slow-Media-Gedanken eigentlich im Sinn haben: Einen Ausbruch aus dieser Matrix. Das Sammeln von Medien, in denen wir uns als Persönlichkeiten wiederfinden und nicht als Automaten. Ein bisschen erinnert mich das an die Erinnerungsgemeinschaft in Fahrenheit 451 – geht es darin nicht genau um die Frage, was wir in unseren Köpfen bewahren können?



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