Mit dem Blackberry im Methusalemkomplott

InformationsflutIch muss gestehen, dass mich bisher die Debatte um die digitale Überforderung – zum Wortführer dieser Scheinbewegung hat sich Frank Schirrmacher gemacht – wenig berührt hat. Vielleicht ist mit folgender abgewandelter Tocotronic-Textzeile seine Position so weit zusammengefasst, dass man sich alle weitere Lektüre sparen kann:

Wahrscheinlich hat Schirrmacher gar keine Zeit,
Twitter ist gut doch die Welt noch nicht bereit.

Natürlich kommen bei mir mehr Informationen an als ich verarbeiten kann. Das würde ich aber nicht unbedingt auf das Internet oder das Social Web im Besonderen zurückführen. Eine Mailbox, in der sich 2578 ungelesene Emails virtuell stapeln ist hat für mich keinen sehr viel größeren Aufforderungscharakter als der Stapel un- oder halbgelesener Bücher, die sich in meinem Haus physisch stapeln. Warum sollte mein Hirneiweiß durch den einen Informationsstau veranlasst sehen, neue Formen des Verklumpens zu bilden als bei dem anderen Informationsstau?

Zwar gibt es deutliche Unterschiede zwischen dem gedruckten Informationsüberfluss – jeder, der schon einmal eine Zeitung wie z.B. Schirrmachers FAZ abonniert hatte, weiß wie alte Zeitungsausgaben dazu neigen, den Lebensraum zu verstopfen – und der neuen digitalen Unübersichtlichkeit. Aber begleitend zu den neuen Überforderungsphänomenen gibt es neue Coping-Mechanismen. Zum Beispiel Blackberry: Klar signalisiert mir das blinkende rote Licht immer wieder, dass neue Informationen abgerufen oder aufgenommen werden wollen. Wenn ich das Smartphone umdrehe, so dass die rote Leuchte nach unten zeigt, sehe ich das Blinken nicht mehr. Ein einfacher Trick, millionenfach bewährt.

Und auch für digitale Informationskanäle wie Twitter gibt es so etwas. Das Geheimrezept lautet “einfach mal ignorieren”. Vielleicht ist es hierbei von Vorteil, wenn man sowieso so vielen Menschen folgt, dass man mit dem Lesen nicht mehr hinterherkommt? Ich folge knapp 2.500 Menschen auf Twitter. Keine Chance, auch nur annähernd up to date zu bleiben mit all ihren Gedanken, Ängsten, Banalitäten, Entdeckungen etc. Das schnelle Tempo führt dazu, dass ich mich ganz bewusst an bestimmten Informationen oder Personen orientiere. Was jemand explizit mir mitteilen möchte (also @furukama-Botschaften), bekomme ich mit. Ebenso alles, was die Handvoll Menschen schreibt, die mir besonders wichtig sind (dafür habe ich eine Twitter-Liste). Für den ganzen Rest entwickelt sich so eine Art Flow-Gefühl, ein Schweben über dem Informationsstrom, von dem ich nur hin und wieder einzelne Gedanken mitbekomme, mehr nicht.

Der einzige Punkt, der an dieser Debatte wirklich interessant ist: Wie passen die Diagnosen der letzten Schirrmacher-Werke zusammen? Hier wird es wirklich spannend. Auf der einen Seite der Methusalem-Komplott in dem die Älteren die Macht übernehmen und den Staat von oben bis unten umkrempeln. Auf der anderen Seite die immer schwächeren nachwachsenden Generationen, die aber mit Twitter, iPhone und Facebook das, was sie an Masse und Macht verloren haben, durch Geschwindigkeit wieder wettmachen wollen? Droht hier tatsächlich ein Krieg der Alten gegen die Jungen bzw. der jederzeit erreichbaren Echtzeitgehirne gegen die in Offline-Idyllen schwelgenden Altersrassisten? Und vor allem: Wo steht ein Schirrmacher in diesem Tohuwabohu?

Vielleicht zum Abschluss noch einen theologischen Gedanken. Das passt ganz gut zur Adventszeit, die übrigens ebenfalls zwei Gesichter hat: ein helles, fröhliches Süßer-die-Glocken-nie-klingen-Gesicht, und gleichzeitig aber auch ein kulturgeschichtlich sehr viel älteres düsteres Gesicht einer Endzeit, in der man schwarz getragen hat und gefastet hat und weder heiraten, noch sich in der öffentlichkeit freuen durfte. Die glückselige Informationsarmut des vom Netz genommenen Methusalems ähnelt tatsächlich einem paradiesischen Zustand. Das Paradies ist nämlich sogar etymologisch nichts anderes als ein früher “walled garden” (pairidaeza), in dem es keine Information gibt, da es sich um einen statischen Zustand handelt und Information immer bedeutet: ein Unterschied, der einen Unterschied macht. Ich finde hier die Theologie der Talking Heads am überzeugendsten, die den Himmel wie folgt beschreiben:

Heaven, heaven is a place,
a place where nothing, nothing ever happens
Heaven, heaven is a place,
a place where nothing, nothing ever happens

Das Gegenteil von dieser himmlischen Zeitlosigkeit sind die zutiefst irdischen digitalen Echtzeit-Informationsströme, in denen jeden Tag etwas neues passiert, jeden Tag neue Personen in den Timelines auftauchen, jeden Tag andere Verknüpfungen der potentiell globalen Netzwerkgesellschaft aktualisiert werden.

Siehe dazu auch:



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  • 8 Responses to “Mit dem Blackberry im Methusalemkomplott”


    1. 1 mrvn

      Ein paar hochinteressante Gedanken hast du da aufgeschrieben.
      Ein bisschen möchte ich dir aber widersprechen:

      “Eine Mailbox, in der sich 2578 ungelesene Emails virtuell stapeln ist hat für mich keinen sehr viel größeren Aufforderungscharakter als der Stapel un- oder halbgelesener Bücher, die sich in meinem Haus physisch stapeln.”

      Ich behaupte mal, dass es für (nur gefühlt geratene) 80% Prozent der Normaluser nicht so ist. Man muss schon einiges an Netz-/Webkompetenz entwickeln, bevor man den “Ich könnte was verpassen!” Gedanken ablegen kann. Bei dem physischen Bücherstapel wähle ich selbst, wann welche Menge an Rohmaterial dazukommt (ausgenommen Geschenke, oder ein Studium etc.), bei dem ständigen Informationsfluss im Web kann ich diesen Einfluss vorerst nicht bekommen. Der Schwall an Infos bleibt.
      Hier muss man sich erst einmal darauf trainieren nicht alles aufnehmen zu wollen und ggf. externe Filterservices dafür zur Hilfe nehmen.
      Ich kenne diese Erfahrung auch ganz gut aus meiner eigenen (Social-) Web Newbie Zeit… ;)

      Einen anderen Punkt halte ich allerdings für äußerst realistisch:

      “Droht hier tatsächlich ein Krieg der Alten gegen die Jungen bzw. der jederzeit erreichbaren Echtzeitgehirne gegen die in Offline-Idyllen schwelgenden Altersrassisten?”

      Auch wenn du hier sehr harte Worte wählst (man sagt jetzt ja “kriegsähnliche Zustände”), fürchte ich, dass du damit leider leider Recht haben wirst. Aus der Politik gibt es ja die bekannten, legendären Blamagen, die eigentlich schon alles sagen…

    2. 2 Sabria David

      Sehr schön. Twitter als Gegenentwurf zum Paradies. Was astatisch und antiparadiesisch ist, ist: dynamisch und irdisch. Das ist nicht das Schlechsteste und sollte über die Vertreibung aus dem Paradies hinwegtrösten können…

    3. 3 Ragnar

      höchst interessant, wie Du das Paradies mit seiner Einheit der ausdifferenzierten Gesellschaft unserer Tag gegenüber stellst. Die Vertreibung aus dem Paradies kam ja nach dem Essen vom Baum der Erkenntnis. So heisst übrigens auch der Klassiker von Maturana&Varela, den bekannten Differenzierungstheoretikern (die zB Luhmann maßgeblich beeinflussten)

      Zustände des Einsseins lassen sich heute auch noch erfahren und gerne lasse ich den PDA oder das Laptop dabei mal an. Moderne ZEN-Übung ist dann, sich nicht aus der Stille bringen zu lassen, wenn das SocialWeb wieder versucht, Aufmerksamkeit zu produzieren.

    4. 4 Benedikt

      Habe gerade Schirrmacher noch einmal auf dem Isarrunden-Blog selbst kommentiert:

      “Es geht um die Frage, wie wir im Internetzeitalter überleben können als die, die wir sind.”

      Ich glaube, auch an diesem Punkt reduziert Frank Schirrmacher die Komplexität ohne Grund. Denn dieses Argument beruft sich auf ein essentielles “wir” jenseits jeglicher medialer Vermittlung und Entäußerung. Dieses “wir” ist uns schon vor einer ganzen Weile “verloren” gegangen. Das ist für mich ehrlich gesagt noch keine nenneswerte Weiterentwicklung des uralten Arguments gegen die Berechenbarkeit des Menschen.

      Man findet die ganzen Argumente wunderbar auch bei Autoren des frühen 19. Jahrhunderts wie zum Beispiel Lueders in seiner Kritik der Statistik oder natürlich bei Foucault, der sich einen großen Teil seiner mittleren Phase genau mit diesem Problem der statistischen Regierung von Populationen intensiv auseinandergesetzt hat.

      Seit irgendein digitaler Eingeborener avant la lettre im alten Babylon auf die Idee gekommen ist, lebendige Dinge in eine formale Sprache zu übersetzen und auf Tontafeln zu verbannen, gibt es einen kritische Begleitchor, der sich mit dieser Reduktion auf eindimensionale Menschen nicht einverstanden fühlt.

      Persönlich finde ich gerade diesen Aspekt der Digitalisierung – dass es Technologien, also Verlängerungen von Körperteilen, gibt, die Dinge besser (berechnen) können als unser Gehirn – nicht so wirklich spannend.

      Vielleicht ist das aber auch die Pointe – dass der Neo-Foucauldianer Schirrmacher in seiner Internetkritik so berechenbar argumentiert, als wären seine Denkfiguren von einem Computer errechnet und entwickelt worden.

    5. 5 Benedikt Köhler

      Mittlerweile hat sich Frank Schirrmacher in unserem Isarrundenblog ebenfalls noch einmal zu Wort gemeldet: http://www.isarrunde.de/empfehlungen/43/1/1/17/absaufen_in_der_informationsflut.html

    6. 6 Markus Väth

      Um mal etwas Humoristisches beizusteuern: Hier gibt es ein Youtube-Video zum “Information Overload Syndrome” inklusive Blackberry-Sucht:
      http://www.youtube.com/watch?v=CXFEBbPIEOI

      Vorsicht, englisch und von XEROX produziert. Trotzdem ziemlich witzig.

    1. 1 Diskurs: ein hin- und hergehendes Gespräch | TEXT-RAUM
    2. 2 schweizweit.net | Wochenrückblick

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