The Twitter is the Message – Willkommen in der Reload-Gesellschaft

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In dem Moment, in dem ich die neue Echtzeit-Bildersuche PicFog das erste Mal gesehen habe, wurde mir klar: das ist genau das, was Marshall McLuhan hier gemeint hat:

Electric circuitry profoundly involves men with one another. Information pours upon us, instantaneously and continuously. As soon as information is acquired, it is very rapidly replaced by still newer information.

Bereits im Jahr 1967 schrieb er über das Internet (“electric circuitry”), Microblogging (“information pours upon us”) und die automatischen Reloadmechanismen (“very rapidly replaced”). Durch diese schnellen Informationen – wir sprechen hier von Echtzeit (“gedacht – getippt”, “gesehen – gepostet”) – sind wir nicht mehr in der Lage, Botschaften oder Bilder logisch zu klassifizieren, sondern können nur noch entweder grobe Muster erkennen.

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PicFog aggregiert alle möglichen Bilder, die Microblogger auf die verschiedenen Plattformen von Twitpic bis yfrog hochladen und stellt sie als visuellen Strom dar. Jemand fotografiert die S-Bahnstation, durch die er gerade fährt. Im nächsten Augenblick taucht sie neben vielen anderen Bildern auf der PicFog-Startseite auf. Beim nächsten automatischen Reload der Seite ist das Bild nach unten gerückt und wurde durch zahlreiche aktuellere Bilder ersetzt. Bilder aus Indien, USA, Österreich oder Japan.

Wenn Google Insights for Search abbildet, was die Menschen suchen oder sich wünschen (eine globale Datenbank der Wünsche), zeigen Dienste wie PicFog, was die Menschen sehen. “All media are extensions of some human faculty”. Noch so ein McLuhanspruch, der hier wahr wird.

Mit PicFog kann ich nicht nur meine Augen sehen, sondern auch mit den Augen vieler anderer Menschen weltweit. Mit den Augen von Fremden und Freunden. Von Frauen und Männern. Von Rentnern und Schülern. Obwohl es zunächst ganz ähnlich klingt, sind das nicht die Tausend Augen des Dr. Mabuse, denn Dr. Mabuse konnte nur auf die anderen Menschen herabsehen, nicht aber durch die anderen Menschen sehen. Being John Malkovich ist vielleicht die passendere filmische Assoziation, nur dass man nicht nur in den Kopf eines Schauspielers schlüpft, sondern in den Kopf vieler Menschen zugleich. Der Begriff “Überwachung” trifft hier nicht zu, aber einen treffenden Begriff für dieses Eintauchen in die Welt habe ich noch nicht gefunden. Vielleicht Empathie? Oder ethnologischer Blick?

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Teilhard de Chardin sprach in den 1950er Jahren immer wieder von der “Noosphäre” als einem Stadium der menschlichen Entwicklung, in dem die Einzelbewusstseine zu einem globalen Bewusstsein zusammenwachsen würden. Als jesuitischer Theologe nannte er diesen Bezugspunkt auch Omegapunkt, also den Augenblick der Vereinigung in Christi. McLuhan hat diesen Gedanken elektrifiziert und aus der fernen Zukunft (Ende der Geschichte) in die Gegenwart geholt. Seine Feststellung: Dieses technische Weltbewusstsein gibt es schon.

Dabei verändert sich die Art, wie wir die Welt wahrnehmen. Nicht mehr analytisch zergliedernd, sondern synthetisch als Gesamtbild. Als waberndes, sich immer wieder veränderndes Muster, in dem man immer wieder Bekanntes, Vertrautes sieht. Leisa Reichelt hat zur Beschreibung des Microbloggens oder Twitterns den schönen Begriff der “ambient intimacy” geprägt. Genau das ist es, was wir auf PicFog wahrnehmen. Intime Einblicke (eigentlich eher “Durchblicke” oder “Mitblicke”, s.o.) in das Leben der Anderen. Aber diese Blicke sind nicht fixiert oder fokussiert, sondern unscharf. Innerhalb weniger Sekunden befindet man sich bereits an einem ganz anderen Ort, in einer ganz anderen Person. Dennoch: Diese frei fluktuierende Intimität, die in diesem “Bildernebel” entsteht, kommt tatsächlich den Vorstellungen McLuhans von der Rückkehr präliterarischer “tribal emotions” sehr nahe.

Dazu passt auch die Feststellung, dass die auf dem Microblogging basierenden Echtzeitbildersuche ersten Eindrücken nach im Vergleich mit der klassischen Google-Bildersuche nicht nur aktuellere Ergebnisse zu Tage fördert, sondern in vielen Fällen auch relevantere Ergebnisse. Kein Wunder, dass Google fieberhaft überlegt, wie sich dieses Echtzeitmoment auf ihre Suchverfahren übertragen lässt. Schon mit Erscheinen des Buches “What Would Google Do?” von Jeff Jarvis, sind wir schon wieder einen Schritt weiter. Die entscheidende Frage lautet nun: “What Would Twitter Do?” Nicht unbedingt, was das Geschäftsmodell betrifft, aber was die kognitiven Möglichkeiten betrifft.

Willkommen in der Reload-Gesellschaft!



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  • 21 Responses to “The Twitter is the Message – Willkommen in der Reload-Gesellschaft”


    1. 1 Doc Sarah

      brilliant.
      ja, willkommen in der reload gesellschaft und im semantischen web…

    2. 2 Björn

      Ich bin mir nicht sicher, ob man wirklich “mit den Augen der anderen” sieht. Man sieht zwar, WAS sie sehen, aber WIE sie es sehen nicht unbedingt. War es das, was du mit “Durchblick” statt “Einblick” meintest? In dem Moment, wo ich versuche, darin Muster zu erkennen, bin ich zwar einerseits doch wieder auf meine eigenen kognitiven Fähigkeiten angewiesen, andererseits aber zugleich abhängig von dem “Material”, das mir der Blick der anderen gibt. Ich glaube daher weniger an ein “globales Bewusstsein”, sondern eher an eine Art Meso-Bewusstsein, das irgendwie zwischen der Gesamtheit und dem Einzelnen liegt.

    3. 3 ml

      Groß. Allerdings mag ich nicht in John Malkovich sein, das wollen die wenigsten. Ich fürchte, es kommt über kurz oder lang eher zum Panoptikum des Überwachens (wie war das mit der Polizei bei Ranciere) als zum Omegapunkt.

    4. 4 Roland Keller

      Ich finde die Seite sehr stimulierend. Ich würde allerdings nicht so viel theoretischen Überbau in den Versuch einer Erklärung hineinlegen, zumal die Technik noch am Anfang ist.
      Spannend ist, dass sich aus den Bilderfluten individuelle Wahrnehmungen ergeben, die sich weit vom den Wahrnehmungen und Intentionen der Bild-Erzeuger bewegen können.
      Womit wir bei dem Begriff Bewusstsein wären. Ich glaube, dass es in existentiellen Bereichen durchaus kollektive Bewusstseinsmomente gibt, die heute wie in Urzeiten funktionieren. Allerdings möchte ich an eine Erkenntnis von Marx appellieren, wenn die auch ein wenig platt klingt: “Das Sein bestimmt das Bewusstsein”.
      Dies dürfte auch unsere Wahrnehmung und Einordnung der Bilder bestimmen, unsere Orientierung zu bestimmten Communities, die nicht erst seit dem Internet existieren, sonder auch durch tribal emotions bestimmt werden.
      Interessant ist, dass erfolgreiche Hollywood-Filme, und nicht nur die aus Tinseltown, sich uralter Themen und Mythen bedienen, die erstmals Griechen in dramatische Formen gossen und verdichteten. Aus diesem Grund ist auch noch Shakespeare aktuell wie auch viele Opern-Libretti. Lug, Trug, Liebe, Machtstreben, das Streben nach Ruhm, Glück, Unsterblichkeit, etc., verbunden mit den begrenzten Glücks-Ressourcen des Lebens in der Gesellschaft. Filme wie “Matrix”, die Anleihen an der griechischen Unterwelt nehmen, belegen dies.
      Neu ist hierbei, dass sich die Kommunikationstechnik verändert hat. Sammeln, sortieren, auswerten, darstellen hat die Kommunikation bis heute radikal verändert. Kurz, wir erleben über die Medien – ganz wertfrei ausgedrückt – eine Manipulation der Wirklichkeit.
      In dem beschriebenen Bilderstürmen und -nebeln können wir uns zwar frei bewegen, doch was wir mit ihnen anfangen, hängt mit unseren Erfahrungen, mit dem jeweiligen Bewusstsein zusammen.
      Ich weiß nicht, ob das Schlagwort “Das Medium ist die Botschaft” hier anzuwenden ist. Das trifft ja auch auf das editierte Gesamtkunstwerk “Bild” und andere Medienerzeugnisse zu, die auf die verbliebenden tribal emotions zielen und sich auch als Gebrauchsanweisung im Dickicht des Lebens anbieten.
      Dagegen sind die Bilderstürme eher ein befreiendes Stottern, eine Chance zu einer anderen Sicht von Themen und Situationen.
      Interessant ist für mich aber, wie sich die Möglichkeit entwickelt, wie sie genutzt wird – und in welchem kulturellen Kontext sie sich auf lange Sicht verankert. Und ob sie zu neuen Seh- und Wahrnemungsweisen führt, zu Innovationen in Zeiten, die vor allem von dem direkten Zugriff verfügbarer Daten und Bilder geprägt sind. Ob dies, wie die Reproduzierbarkeit der Bilder durch Buchdruck und industrieller Technik eine völlig neue Qualität bringt, das werden wir wohl erst morgen erfahren.

    5. 5 Alexander Trust

      Vielleicht nicht derart simultan, aber die Bildübertragung hatten wir schon seit Einführung des Fotoapparats, später dann des Fernsehens und vor allem des Fernsehens. Die Reporter auf der Welt zeigen uns auch ihre Sicht der Dinge.

      Ich finde es schwierig, McLuhans Diktum überhaupt erfüllt zu sehen in unserer Zeit. Wenn Menschen sehr emphatisch sind, können Sie durch die Bilder angerührt werden. Aber du kannst schon recht haben, dass es in diese Richtung gehen könnte.

      Für Googles Such-/Wunschliste könnte man auch Vannevar Bush für eine Interpretation zurate ziehen. Google bildet da die Spuren ab, von denen Bush bei seiner Vorstellung eines Memex geschrieben hat.

      Die globale Elektrifizierung hat mich Sicherheit dazu geführt, dass wir weiter zusammenwachsen. Doch neben einigen Trends, die sich weltweit abzeichnen, kann ich kein globales Bewusstsein entdecken… leider.

      Allerdings: Das Internet ist eben auch nur extern. Es ist (noch) kein ständiger Begleiter. Wenn ich den Computer runterfahre, bzw. überhaupt erst wenn “ich” PicFog oder andere Seiten aufrufe, bin ich teil dessen. Nur: Genauso schnell bin ich wieder draußen. Es gibt einige Kommentatoren, die auf Webseiten den immergleichen Vorwurf artikulieren: Das kenn ich schon, das hab ich schon woanders gelesen. Was unterscheidet den kritisierten Urheber (der das offenbar nicht vorher woanders gelesen hat) von anderen? Ein deutliches Indiz dafür, dass wir bislang jedenfalls nur eine partielle Wahrnehmung über das Internet erzeugen. Es gibt Schnittmengen und es gibt keine. Erst wenn wir alle das gleiche sehen würden, schätze ich, bzw. so interpretiere ich es, hätten wir einen Zustand nach McLuhan. Vorher gibt es dieses Gefühl der “Gleichzeitigkeit” nicht und vorher kann es auch kein globales Bewusstsein geben.

    6. 6 Benedikt

      @Alexander “Bildübertragung hatten wir schon seit Einführung des Fotoapparats, später dann des Fernsehens und vor allem des Fernsehens”

      Weder mit meinem (Rollfilm-)Fotoapparat noch mit meinem Fernseher konnte ich mehrere Tausend Menschen erreichen. Ja, nicht einmal meinen gesamten Freundeskreis. Und das hat wahrscheinlich für 99,99% der Menschen gegolten. Das Internet macht hier einen riesigen Unterschied.

    7. 7 Benedikt

      @Roland Das “befreiende Stottern” gefällt mir sehr gut. Was die mythischen Grundlagen der menschlichen Erfahrung betrifft, bin ich auch ganz deiner Meinung – siehe auch den Titel dieses Blogs ;-) Aber ich denke, dass sich diese neue Qualität bereits abzeichnet. Als Tendenz zwar, die noch längst kein Mainstream ist, aber eben trotzdem als deutliche Tendenz. Reproduzierbarkeit hat zum einen die auratische Dimension zerstört, zum anderen aber die Massenkommunikation (und noch einige weitere Massenbindestricherscheinungen) ins Leben gerufen. Das, was wir heute im Social Web sehen, ist etwas anderes. Diese Öffentlichkeiten sind nomadisch, wabernd und blitzschnell. Vor dreißig Jahren war noch sonnenklar, dass das Radio das schnellste Medium ist. Der Fehlschluss hat das der Broadcastingtechnologie zugeschrieben. Heute sind Einzelpersonen oder lose Netzwerke von Menschen schneller als der Rundfunk. Netze sind schneller als Antennen. Das ist die neue Qualität.

    8. 8 Roland Keller

      Richtig Benedikt, die Öffentlichkeiten im Web sind nomadisch, wabernd und blitzschnell. Allerdings ist mir noch nicht klar, welche Qualität sich daraus entwickelt, dass eine Interaktion stattfindet. Interaktion ist zwar auch eine Qualität, eine Chance. Doch es geht ja auch um den Inhalt und den Zweck der Kommunikation. Und um die Edelsteine, die wir alle im Netz zwischen dem Kommunikationsgeröll suchen. Filter, Leitplanken im Chaos, damit sich bestimmte Communities finden, clustern können – für kurz-, mittel- und langfristige Interessen.
      Die Marketingleute jammern ja schon seit langem, dass sich die Zielgruppen immer mehr fraktionieren. Hinzu kommt heute, dass Zielgruppe gestern war, Community ist heute und morgen. Und Communities verlangen mehr als nur den Marketing-Rasensprenger auf das richtige Beet einzustellen. Man sollte am besten tief in sie eindringen, mit ihr denken, fühlen, die Emotionen und Wünsche teilen und am Besten in ihr leben.
      Da gibt es auch eine Menge Beispiele jenseits des Netzes. Von Apple bis hin zur Bunten und DSDS.
      Broadcast bei Print, Radio, TV und im Internet wird auch nicht verschwinden, ich sehe eher ein Nebeneinander und intelligente Verbindungen zwischen Individual- und Broadcast-Kommunikation.

    9. 9 Alexander Trust

      @Benedikt: Ich glaube du darfst nicht dich selbst zum Maßstab nehmen. Es gab durchaus Leute, die – sagen wir, auf einer Hochzeit, Familientreffen, Wohnungseinweihung, Geburtstag, etc. pp. – “alle” ihre Freunde oder Verwandten erreicht haben, mit z. B. den Bildern oder den Filmen die sie mit Rollfilmapparaten aufgenommen haben.

      Alles was ich erkennen kann, ist, dass man eine Unterschied in der Quantität an Personen hat, seit es Internet gibt. Aber qualitativ ist da überhaupt kein Unterschied. Weil ich kann nicht behaupten, und du kannst auch nicht behaupten, dass all die Leute, die dir bei Twitter folgen deine Freunde sind. Nur intim ist das für mich nicht.

      Ich kann mich für Themen interessieren, oder es lassen. Das ist auch dieses nomadische von dem du sprichst. Aber es gibt keine Möglichkeit, dass uns diese Bilder ständig gegenwärtig wären. Dazu müsste nämlich PicFog nicht nur ein Leitmedium werden, sondern man müsste es uns in irgendeiner Form einpflanzen – oder aber unsere Gehirnmasse dahingehend umpolen, bzw. genug Zeit verstreichen lassen, dass wir Interpretationsmuster entwickeln, die dieses Intime, aber auch dieses “Reale” erst erzeugen. Ich finde nichts Intimes an einem Foto von einem Mädchen mit seiner Mutter in einem Park. Ich kenne beide nicht. Es ist in der PicFog-Öffentlichkeit gefangen.

      Und ich weiß nicht, ob Netze schneller sind als das Radio. Informationsmedien sind nur so schnell, wie die Nutzer sich den Zugang zu den medialen “Texten” verschaffen. Wenn X im Auto fährt und im Radio Nachrichten hört, zu Hause ankommt und dann eine Internetseite seines Vertrauens öffnet, wird das Radio mit manchen Informationen schneller zu ihm durchgedrungen sein. Netzwerke im Internet sind eine sehr volatile Geschichte. Sie sind in einem Augenblick und im nächsten gibt es sie nicht mehr. Wenn der Computer aus ist, habe ich nichts von dem Netzwerk bei Facebook. Wenn das Handy am Tisch liegt, ich aber in der Küche stehe und koche, habe ich ebenfalls nichts vom Facebook-Netzwerk, oder von anderen. Und in all diesen Netzwerken muss es Leute geben, die die Informationen von außen erfahren, oder selbst eine Information erzeugen, um sie an andere weiter zu tragen. Wenn ich einem Freund über Facebook mitteile, dass die PlayStation 3 ein neues Hardwaredesign erfahren soll, und ich schneller war als irgendwelche anderen Quellen, die er sich zu Gemüte führt. Dann bin ich doch trotzdem nicht der Urheber der Nachricht.

      Was auch problematisch werden wird. Die Entwicklung geht derzeit hin zur dezentralen Nachrichtenverteilung. Mr. X. von Microsoft gilt über Twitter als Sprachrohr für die Firma. Die Leute abonnieren seinen Twitterfeed, weil sie von ihm Nachrichten aus erster Hand erwarten. Wenn man das für jedes Unternehmen berücksichtigt, werden wir Einzelne demnächst vor große verwaltungstechnische Probleme gestellt. Wir müssen dann nämlich zu Selektierern werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass das notwendige Wissensmanagement viele überfordert und eine Menge mehr Informationen als bislang über den Rand wegfallen könnten. Hoffnung habe ich, wenn ich Geduld habe, weil nicht nur Innis schon gezeigt hat, dass wir uns eigentlich immer in Wechselbewegung zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung befinden. Meist ist es aber so, dass wir uns erst übernehmen und Medienkompetenz verlieren, bzw. den Sollwert vergrößern und erst nachträglich die Differenz am Istwert wieder ausgleichen.

    10. 10 Benedikt

      @Roland “Interaktion ist … eine Chance.” Anders herum mit Luhmann: Interaktion und Kommunikation sind ziemlich unwahrscheinliche Dinge. Dass ein paar Hundert oder Tausend Menschen auf der ganzen Welt ein Bild meines Mittagessens betrachten, ist eigentlich ziemlich unwahrscheinlich. Im Social Web werden solche Unwahrscheinlichkeiten wahrscheinlich. Davon profitiert z.B. ein Journalist, der mittlerweile fast schon davon ausgehen kann, dass, egal wo etwas passiert, irgendjemand auf Twitter vor Ort ist und davon berichtet. Fanclubs gab es mindestens schon seit dem alten Göte. Aber Gemeinschaften, die sich um ein ganz obskures Thema oder Objekt bilden, waren vor dem Internet kaum möglich. Eines der besten Beispiele sind die zahlreichen medizinischen Patientengruppen, die von sehr seltenen Krankheiten betroffen sind.

      “Communities verlangen mehr als nur den Marketing-Rasensprenger auf das richtige Beet einzustellen. Man sollte am besten tief in sie eindringen, mit ihr denken, fühlen, die Emotionen und Wünsche teilen und am Besten in ihr leben.”

      Genau das ist der Ansatz der Internetethnographie, den ich verfolge. In den virtuellen Communities mitleben und auf diese Weise erfahren, was ihnen wichtig ist, woran sie denken.

    11. 11 Markus Merz | Hamburg St. Georg

      Hmmm … s.a. Angst vor krank machender Geschwindigkeit bei Einführung der Eisenbahn?

      Brilliante Interpretation des Zitats, die leider am Ende mit “sind wir nicht mehr in der Lage, Botschaften oder Bilder logisch zu klassifizieren, sondern können nur noch entweder grobe Muster erkennen.” total abstürzt.

      Warum sollte ich durch Microblogging bzw. ‘rapidly replaced’ Informationen nicht mehr in der Lage sein “logisch zu klassifizieren”?

    12. 12 Roland Keller

      Kann nur empfehlen zu dem Themenkomplex in Timothy Learys “Chaos & Cyber-Kultur” Anregungen zu sammeln. Das Buch ist zwar schon 12 Jahre alt, aber heute provozierender denn je. Denn “wir mutieren (durch Umwelteinflüsse) immer wieder zu neuen Spezies …” schreibt er und öffnet quasi mit einem Dosenöffner unser Gehirn, um unser Denken von Leitkulturen zu befreien, die unser Denken beengen – ganz so als wäre die Erde noch eine Scheibe.
      Vieles ist zwar nicht oder noch nicht eingetroffen, was sich Leary von dem Computerzeitalter und Internet erhofft hat, aber er zeigt bereits 1997, dass das Social Web mehr ist als nur eine Übertragung bekannter Kategorien auf virtuelle und digitale Räume.
      Das Social Web, könnte man sagen, um seine Ideen weiter zu spinnen, braucht im positiven Sinne eine Akzeptanz des Chaos. Nur so, frei nach Leary, gelingt es uns unser Bewusstsein und unser Leben für die neuen Möglichkeiten zu erweitern.

    13. 13 Chris

      “um unser Denken von Leitkulturen zu befreien, die unser Denken beengen”

      Leitkulturen gab es und wird es immer geben. Schon in der Antike, wo Rom und Nero regierten bis heute wo Massenmedien unser Denken anregen. Immer versuchen Herrscher die Völker zu formen nach ihrem Willen. Das geht so lange gut, bis ein bestimmter Punkt überschritten ist. Dann kommt die Revolution wie ein Meer das Deiche bricht. Das ewige Gesetz der Natur. Jäger und Gejagter. Mal ist die eine Seite stärker, mal die andere. Aber auf Dauer wird nie einer gewinnen!

    14. 14 Roland Keller

      Chris: Danke für die Vorlage. Zeigen solche Aussagen, dass es Leitkulturen immer geben wird, nicht, dass dieser Satz genau einem Leitkulturdenken entstammt? Ebenso die Aussage vom ewigen Gesetz der Natur. Und dass nie einer gewinnen wird, ebenso wie der Spruch vom Jäger und Gejagten. Dass viele diesem Denken und diesen Handlungsstrukturen verhaftet sind, muss ja nicht bedeuten, dass das überwunden werden kann. Es soll ja in Europa auch mal so etwas wie ein Zeitalter der Aufklärung gegeben haben.

    15. 15 Alexander Trust

      @Roland: Kann aber ja nicht muss. Es gibt Leute, die verspüren den Wunsch, das Leitkulturdenken zu überwinden. Angenommen du würdest diesen Zustand erreichen, dann hättest du eine Vielzahl von Leuten, die gänzlich anders sozialisert wurde und entsprechend vor Probleme gestellt wird. Die können klein sein, die können aber auch in Lebens- und Sinnkrisen ihren Ausdruck finden.

      Die Überwindung dessen was ist, führt zu etwas Neuem. Aber auch darin wird es Leute geben, die nach wieder etwas Neuem rufen. Ich kann mir persönlich nicht vorstellen, dass wir jemals zur “Ruhe” kommen. Gesellschaftliche, soziale Bewegung wird es immer geben. Für mich ist das der Motor.

    16. 16 Roland Keller

      Berichtigung, der Satz muss freilich heißen: Dass viele diesem Denken und diesen Handlungsstrukturen verhaftet sind, muss ja nicht bedeuten, dass das n i c h t überwunden werden kann.
      Das ging ja auch aus dem Kontext hervor.
      @Alexander, richtig: Es geht um die Dynamik der Gesellschaft(en) und den Beiträgen vieler Einzelner, aus denen sich Neues in vielen Bereichen bildet.
      Ein kanalisiertes Verhalten und Denken in Leitkulturen schränkt die Dynamik ein und gibt vermeintlich auch Sicherheit, die bis zur Resignation führt (Kennsätze: war schon immer so, wird auch immer so sein; habe wir schon immer so gemacht).
      Dabei geht es ja nicht unbedingt darum alle Werte über Bord zu werfen, sondern Momente zu hinterfragen, zu überprüfen, neue Roadmaps zu entwerfen.
      Das Internet bietet hierzu enorme Chancen, neue Kommunikations- und Verkehrsformen zu schaffen. Um seine Möglichkeiten zu nutzen, muss man sich denen aber offen stellen.
      Prosaisch könnte man sagen, dass wir ganz am Anfang stehen, ein neues Universum zu erobern. Ein Universum, das auch in uns selbst steckt. Das Social Web ist tot, wenn wir es nicht mit unserem Potential bereichern.

    17. 17 Irene

      Anyone where I can start my own blog.

    18. 18 Senat

      Sehr Informativ Danke.

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