Instant-Märtyrer

Das Internet - eine hermetische Technologie

Das Internet - eine hermetische Technologie

Es gibt die eine oder andere Zeitung, von der bin ich Polemiken gegen und zwanghaftes Unverständnis für alles, was über das DSL-Kabel in den Rechner kommt, gewohnt. Jetzt ist auch die FAZ dazu gekommen und lässt Susanne Gaschke eine ebenso wirre wie peinliche Polemik gegen das Internet schreiben. [UPDATE: Die FAZ ist konsequent und hat diesen netzkritischen Artikel mittlerweile hinter einer 2€-schweren Paywall versteckt. Der alte Link führt deshalb ins Leere. What would Google do? Eine gespeicherte Version anbieten.]

Hut ab. Normalerweise schimpft man gegen die Banalität der Echtzeitnachrichten auf Twitter (okay, kommt in dem Artikel auch vor unter der etwas unbeholfenen Formel “Klima der Jederzeitigkeit”) oder gegen die undurchsichtige dunkle Macht GOOGLE (auch das kommt vor, gleich am Anfang). Aber hier geht es aufs Ganze: Das Internet ist schlecht. Und alle, die daran glauben, sind es ebenfalls.

Technologien, die jünger sind als das Felder-Bestellen der neolithischen Revolution, sind böse, weil man sie nicht intuitiv versteht. Weil diejenigen, die sich damit auseinandersetzen eine andere Sprache verwenden (“Cookies”, “Open Source Software” oder “Soziale Netzwerke”, ach wie schlimm, diese hermetische Sprachzauberey!) und ein Fachwissen besitzen, das nicht jedem zugänglich ist:

Ein großer Teil unseres Alltags, unserer Kommunikation mit anderen Menschen und der Art und Weise, wie wir uns informieren, liegt damit in der Hand von Experten, deren Überlegungen wir kaum nachvollziehen können.

[An dieser Stelle möge jeder Leser nach eigenem Geschmack eine Parallele zu dem ihr/ihm am gruseligsten erscheinenden Totalitarismus einfügen, der sich mit Sicherheit ebenfalls vehement gegen das Wissen der Experten ausgesprochen hat.]

Undurchsichtige Experten, Neoliberalismus und 70er-Jahre-Marxismus. Das ist in Gaschkes Augen der Konsens über das Netz im Jahr 2009. Und wer versucht, “zaghafte Kritik” an diesem Konsens anzubringen, wird sofort von den Netzjüngern mundtot gemacht: “Wer nicht uneingeschränkt für das Netz ist, ist gegen es.” Ein Argumentationsmuster, das Sektierer und Radikale aller Couleur in ihren Rhetorikschnellkursen gelernt zu haben scheinen: Zeichne ein Bild der Gesellschaft, in der die Gegenposition der Mainstream ist und mit einem Schlag bist du der aufrechte Streiter für eine vielfältige Meinung. Instant-Märtyrer.

Mit Kritik hat dieser Beitrag von Gaschke nichts mehr zu tun. Kritik heißt: einen Blick hinter die als gegeben erscheinende Wirklichkeit werfen, zeigen, wie es dazu kommen konnte. Davon findet man leider keine Spur.

Dabei hat sie in einigen Punkten tatsächlich recht. Zum Beispiel, was die Abhängigkeit von der Großtechnologie Internet betrifft. Ja, moderne Gesellschaften sind davon abhängig. Aber wahrscheinlich viel weniger deshalb, weil man bei einem Ausfall des Internets keine Online-Wahlkämpfe mehr führen könnte, weil man nicht mehr mit Begeisterung über “Cookies” sprechen könnte und sich auch dem “Online-Exhibitionismus” oder der “Sinnlos-Kommunikation” nicht mehr widmen könnte, sondern weil gesellschaftliche Teilsysteme von Wirtschaft über Bildung und Verkehr bis zur Strafverfolgung ohne das Internet nicht mehr voll einsatzfähig wären.

Das wäre für mich ein sinnvoller Ansatzpunkt für eine Kritik des Internet als Großtechnologie. Aber das, was Gaschke daraus macht, ist so … deutsch.



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  • 18 Responses to “Instant-Märtyrer”


    1. 1 Hipcheck

      Am großartigsten fand ich ihren “Lösungsansatz”: Einfach mal ein gutes Buch lesen, das machen diese verrückten Internet-Sektierer-Slash-Marxisten ja gar nicht mehr.

    2. 2 Jürgen

      Hoffentlich hat Frau Gaschke am Schluß doch nicht Unrecht, das Internet an sich ist schlimm. Denn auch ihr schlimmer Artikel wird über das schlimme Internet verbreitet. Nennt man so etwas dann selbsterfüllende Proliferation?

    3. 3 Tapio Liller

      “Instant-Märtyrer” – Genau das ist es. Ich habe für meinen Post zum Thema nach einem Weg gesucht, die Abgrenzungsrhetorik der beleidigten Leberwurst Frau Gaschke in einen knackigen Begriff zu fassen, mir fiel des Nachts nur keiner ein. Aber Instant-Märtyrer trifft es. Es wird ihr nur leider jetzt umso leichter fallen, weiter beleidigt zu sein, jetzt wo wir sie so bloßstellen.

      Meine Sicht dazu hier: http://www.opensourcepr.de/2009/05/03/gaschke/

    4. 4 dot tilde dot

      @1 (hipcheck):

      so schlecht finde ich den vorschlag gar nicht. das perfide ist nur, dass sie “uns” unterstellt, wir läsen nicht auch mehrere bücher die woche. auch gute.

      .~.

    5. 5 Florian Semle

      … und wo kriegt man bitte die besten unabhängigen Empfehlungen für ein “gutes” Buch? Im Freundeskreis oder eben im Netz ;-)

      Leider scheinen viele Journalisten mehr über das Mitmach-Internet zu schreiben, als selber mitzumachen. So erkläre ich mir jedenfalls diese schräge Parallelwahrnehmung…

    6. 6 Karl Bold

      Ein Glück, das Glaschke deutsch argumentiert. Ja, ich liebe deutsch und Deutschland. Sonst müsste ich mir inkonsequenz werfen, nicht aus zu wandern. Warum darf eine Debatte in Deutschland nicht deutsch verlaufen? Ein jämmerlicher Vorwurf. So wenig inspirativ, so platt abgekupfert. Gähn. Den Vorwurf gab es sogar in Zeiten vor dem Internet. Und nun?

      Außerdem verwechseln Sie Kritik mit Analyse und Meinung.

      Ein Leitartikel dient immer der Positionierung, nicht der Beobachtung. Würden Sie öfters Zeitung lesen, dann wäre Ihnen die Gattung des Leitartikels geläufig. Aber Plappern ohne Bildung ist die Stärke des Internets – und genau das hat Glaschke behauptet und genau das haben Sie auf fatale Weise bewiesen. Erschreckend.

      Zur Bildung in IHREM Medium:

      http://de.wikipedia.org/wiki/Leitartikel
      “eine journalistische Meinungsäußerung und nicht eine Nachricht oder ein Bericht.”

    7. 7 Benedikt

      @Karl Bold Keineswegs verwechsle ich Kritik mit Analyse und Meinung. Ich habe nur (vielleicht zu Unrecht) die Autorin beim Wort genommen und bin davon ausgegangen, dass sie Kritik meint, wenn sie von Kritik schreibt. Vielleicht ist das aber auch zuviel erwartet.

      Zum Vorwurf “Plappern ohne Bildung” nur kurz folgendes: Wenn Bildung bedeutet, scharfe Trennungen zwischen journalistischen Gattungen zu sehen, wo fließende Übergänge oder Spiele mit der Form sein sollten, fehlt mir auf diesem Gebiet tatsächlich “Bildung”. Nur habe ich diese Form von “Bildung” bislang eher als “Beckmesserei” bezeichnet.

    8. 8 Björn

      @ Karl Bold: Wenn Sie das Internet so sehr für “Plappern ohne Bildung” halten, frage ich mich, warum sie die Wikipedia verlinken – immerhin plappert da auch jeder mit, der möchte.
      Außerdem möchte ich anmerken, dass normative Vorstellungen von dem, was Bildung zu sein hat (und was dem Netz daher angeblich fehlt), ebenso fragwürdig sind wie Glaschkes Glaube, ein ganzes Medium mit mehreren Millionen Teilnehmern über einen Kamm scheren zu können. Kritik setzt nämlich erst einmal voraus, dass man erkennt, an welchem Punkt sie anzusetzen hat, und nicht wild drauflosdrischt.

    9. 9 Sabria David

      Hach, zu schade, dass der FAZ-Beitrag nicht mehr online ist. Es wäre mir ein Fest gewesen, ihn zu kommentieren. Ich bin zu kritisch, zu frau, zu bibliophil, zu alt und zu gebildet für ihr Feindbild. Kritische Faszination würde ich mein Verhältnis zum Netz nennen. Das geht. Es ist nämlich durchaus möglich, das alles und netzaffin zu sein, wenn man seinen corpus callosum nur gut durchblutet hält und neugierig bleibt. „Corpus callosum“, das ist diese querlaufende Verbindung zwischen den beiden Hirnhemisphären, für deren gutes Funktionieren wir Frauen ja eigentlich berühmt sind…

    10. 10 chris

      “Plappern ohne Bildung”

      Jeder Artikel eine Zeitung ist von einem Journalisten geschrieben und ist entsprechen auch nicht immer objektiv, weil die eigene Meinung immer mit einfließt.

      In Communitys, wie Blogs werden auch persönliche Meinungen geäußert und das ist im Grundgesetz Artikel 5 Absatz 1 niedergeschrieben!

      Außerdem ist jegliche Art der Kommunikation auch eine Form von Public Relation (egal, ob positive oder negative Berichterstattung) aber einige glaube auch für alles eine Immunität zu haben.

    11. 11 Christian

      “Normalerweise schimpft man gegen die Banalität der Echtzeitnachrichten auf Twitter” -> Vielleicht sollten wir anfangen über die Banalität der Botschaften auf Wahlplakaten zu schimpfen? Das sind meist weniger als 140 Zeichen Unsinn.

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