Einübung und Gewöhnung – Twitter ist noch lange nicht am Ende

In einem sehr lesenswerten Beitrag über Internetanwendungen prognostiziert Andreas Göldi dem Microblogging-Dienst Twitter: “Es droht unter seinem eigenen Gewicht zusammenzubrechen, weil das Verhältnis an unnützem Rauschen zur nützlichen Information langsam unverhältnismässig wird.”

Das kommt ganz darauf an, wozu man so etwas wie Twitter verwenden will. Wenn ich es zum Beispiel nutze, um ein digitales Tagebuch zu führen, in dem ich dokumentiere, wo ich gewesen bin, was ich gegessen, was ich gesehen habe, ist die signal/noise-ratio irrelevant. Ebenso, wenn es darum geht, mit meinen Freunden, meiner Familie in Kontakt zu bleiben. Gerade, weil Twitter so chaotisch ist, bietet es so viele kreative Aneignungsformen, die sich eben nicht alle in das massenmediale Muster “Twitter als Recherchetool und Informationsquelle” pressen.

Die spannende Frage ist meiner Meinung nach: Warum spielen GeoCities, Friendster und SixDegrees keine Rolle mehr, aber SMS wird nach wie vor sehr rege genutzt? Ich sehe Twitter eher auf der Ebene von SMS als auf der Ebene der anderen genannten Internetanwendungen. Twitter oder Microblogging allgemein – ich glaube, dass sich Twitter den Microblogging-Kuchen in Zukunft mit Facebook, MySpace und weiteren Anbietern (Windows Live? Google?) teilen wird – ist für mich eine der ganz wenigen echten kommunikativen Innovationen des Internetzeitalters, denn es ist:

  • global: hier wird der alte Traum eines globalen Dorfes oder einer kosmopolitischen Gemeinde wahr – Twitter never sleeps!
  • offen: sowohl thematisch als auch nutzerbezogen gibt es nur wenige Vorschriften und Voraussetzungen. Von Diskussionen über Benjamins Aurabegriff bis zum Paketsendungstracking ist alles möglich – Mein Twitter ist nicht dasselbe wie dein Twitter!
  • fluid: es lassen sich problemlos andere Medieninhalte in den Strom einfügen oder Inhalte in andere Plattformen oder Ströme einspeisen – Twitter ist überall!

Was aber verschwinden wird, beziehungsweise im Moment abzuklingen scheint, ist die Euphorie der Early Adopters. Die nachfolgenden Twitter-Generationen der “digitalen Eingeborenen” werden Twitter ebenso unemotional verwenden wie heute SMS verwendet werden. Unemotional bezieht sich dabei nur auf die verwendete Technologie: die Inhalte können selbstverständlich traurig wie hoffnungsvoll oder fröhlich sein.

Neu ist: Die Tatsache, dass man diese Emotionen in Kurzmitteilungen verpackt mitteilen kann, löst keine Begeisterung mehr aus. Diese Versachlichung durch Einübung und Gewöhnung ist nichts neues, das war bei der Eisenbahn nicht anders und vermutlich waren auch die Early Adopter von Faustkeilen euphorisch über die Möglichkeiten, die sich ihnen mit dieser neuen Technologie bieten.

Nur darf man diese Versachlichung nicht mit Dekadenz und Abschwung verwechseln. Das ist nämlich eine ganz andere Geschichte.

10 responses to “Einübung und Gewöhnung – Twitter ist noch lange nicht am Ende”

  1. Schwanzvergleich in 140 Zeichen — ? Ring2

    [...] dazu: Was … im Moment abzuklingen scheint, ist die Euphorie der Early Adopters. Die nachfolgenden Twitter-Generationen der “digitalen Eingeborenen” werden Twitter ebenso unemotional verwenden wie heute SMS verwendet werden. Unemotional bezieht sich dabei nur auf die verwendete Technologie: die Inhalte können selbstverständlich traurig wie hoffnungsvoll oder fröhlich sein. Tags: taub, twitter [...]

  2. Monika Meurer

    Erinnert sich eingentlich noch jemand an die Zeit als SMS aufkamen und komplett kostenlos waren?? Ich habe nur noch SMS geschrieben. Ohne Pause. Tag und Nacht. Und kaum noch telefoniert. Heute schicke ich kaum noch SMS. Die Anwendungen ändern sich halt…

  3. Michael

    Ich denke, daß trifft es ganz gut. Vielmehr ist es spannend zu sehen, was aus dem Tool in den nächsten Monaten und Jahren wird.
    Im Kern ist es ja eben diese kommunikative Flexibilität, die es jedem Nutzer erlaubt, sein ganz eigenes Twitter- Universum zu bauen und zu erleben.
    Ich denke auch, die sms ist der Vorleger, viele andere Tools Zuträger des Mixes, den Twitter ausmacht. So haben es die Gründer jedenfalls gesehen und so “fühlt” es sich an. Eben deshalb habe ich die Definition zum snm- social news messaging bei der sms begonnen und auch dort angelehnt. Wobei das “ssm – social short messaging” noch dichter an der sms ist und wohl auch leichter zu merken ;-)

  4. Main-Blog

    Von der Entwicklung her sehe ich es ähnlich. Du hast nur einen Aspekt außer aucht gelassen: Womit wird Twitter in Deiner Zukunftsversion Geld verdienen, damit es die Zukunftsversion überhaupt erlebt? Hmm, und komme ich leicht ins Grübeln. Oder auch nicht. Also wenn plötzlich Twitter 5 Dollar im Monat kostet, ich würde es bezahlen.

  5. Marco

    Guter Artikel! Genau so sehe ich das auch. Twitter ist nicht nur ein Hype, der nach kurzer Zeit wieder verschwindet. Es ist sehr einfach und trotzdem nützlich. Twitter kann auch noch gar nicht am Ende sein: Außer in den USA und in Japan ist es doch noch nirgendwo richtig im Mainstream angekommen, oder?

  6. Seitenhiebe » Blog Archive » Twitter’s Future

    [...] den viralmythen lesen wir: Die nachfolgenden Twitter-Generationen der “digitalen Eingeborenen” werden Twitter [...]

  7. Chris

    Ich glaube auch, dass Twittern mehr zum privatem Gebrauch als zum Informationsmedium taugt. Ein individuelles Brainstorming eben, an dem man seine Freunde teilhaben lassen kann.

  8. Colovino

    Die Entwicklung von Twitter wird sicherlich in eine kostenpflichtige Richtung gehen. Es ist ja auch legitim, weil Google ohne Adwords auch keine Chance gehabt hätte. Es sei denn sie werden geschluckt und in einen Konzern integriert.

  9. Hakidus

    Ich denke auch, dass es in Zukunft was kosten wird. Es gibt nichts umsonst.

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