Internationale Diplomatie auf Twitter

Ich bin kein Freund dieser ewigen Deutschland-USA-Vergleiche. Aber ein Unterschied ist doch bemerkenswert: Während in Deutschland über Politiker, die versuchen, mit Medien wie Twitter in einen direkten Kontakt zu ihren Wählern zu treten, immer wieder Hohn und Spott ausgegossen werden, scheint diese Art zu kommunizieren in den USA auf allen Ebenen zunehmend akzeptiert zu sein.

Vor kurzem habe ich ein faszinierendes Beispiel für diese neue politische Kommunikationsform entdeckt: Den Twitterstream von Sean McCormack, Sprecher des US-Außenministeriums. In dieser Funktion war er beispielsweise bis gestern in New York an den Sitzungen des UN-Sicherheitsrats zum Gaza-Konflikt beteiligt und hat über Twitter und Twitpic eine äußerst spannende Innensicht der internationalen Krisendiplomatie gegeben.

Die Handyfotos unterscheiden sich dabei deutlich von der sonst üblichen Presseperspektive auf derartige Veranstaltungen. Anders als der sorgfältig arrangierte und in den immergleichen Pressekonferenzräumen und Pressebereichen aufgenommene Bildjournalismus, sieht man hier das ganze aus einer fast schon ethnologischen teilnehmenden Beobachterperspektive.

Besonders eindrucksvoll finde ich das folgende Bild, das die scheidende US-Außenministerin Condoleeza Rice in einem Konferenzraum direkt neben dem Raum des UN-Sicherheitsrates zeigt:

UN

Ein weiteres eindrucksvolles Bild ist dieses hier: Die Abstimmung zur UN-Resolution. Während das Bildmaterial über den Sicherheitsrat in der Regel von schräg oben fotografiert ist, sieht man hier die “Bodenperspektive”.

Dabei wird der Twitter-Stream hier nicht als kommunikative Einbahnstraße genutzt (was gerade in Krisensituationen wie den Mumbai-Anschlägen durchaus sinnvoll sein kann), sondern Sean McCormack beantwortet Fragen zu seiner Tätigkeit, zu den Plänen des US-Außenministeriums, aber auch zu Social Media- und Kommunikationsthemen. Wer noch einmal behauptet, dass Social Media zwangsläufig bedeutet, dass hier die journalistischen Inhalte der “echten” Massenmedien kopiert werden, sollte sich diesen Twitter-Stream unbedingt einmal ansehen. Ich bin gespannt, ob dieser neue Kommunikationsstil auch unter der künftigen Außenministerin Hillary Clinton weitergeführt oder -entwickelt wird.

Die spannende Frage ist: Wenn die politischen und diplomatischen Akteure mit Medien wie Twitter sehr viel schneller und flexibler von Ereignissen wie einer UN-Sicherheitsratssitzung berichten können, wozu brauchen wir überhaupt noch die Dopplung durch die journalistische Berichterstattung? In Zukunft wird die Rolle der Journalisten noch viel mehr darin liegen, die unterschiedlichen Informationsquellen zu sammeln, vergleichen, bewerten und kommentieren. Die Vorort-Berichterstattung wird nicht mehr zu den journalistischen Kernaufgaben gehören. Nachrichtenportale binden in Zukunft zum Beispiel die Twitter-Streams von den wichtigsten politischen und diplomatischen Akteuren vor Ort in aggregierter Form auf ihrer Seite ein und beschränken sich auf das Kommentieren und Bewerten.

Die Zeit der Pressekonferenzen ist endlich vorbei.

Weitere Links zum Thema:

(Foto mit freundlicher Genehmigung von Sean McCormack)

31 responses to “Internationale Diplomatie auf Twitter”

  1. andreas

    Interessanter Text, gute Analyse.

    Nur wird es nicht so schnell gehen. Aggregation ist nicht trivial. Richtig schwierig wird automatisches Aggregieren bei Video und Audio-Contents. Da wird noch einige Zeit vergehen, bis man einigermaßen automatisiert aus dem atomisierten Medienrauschen sinnvolle Signale wird filtern können.

    Aber die Tendenz, die Du aufzeigst, stimmt, denke ich.

  2. Simon Columbus

    Ich würde zu dem Thema ja noch auf @israelconsulate hinweisen (wobei das schon wieder einen eigenen Eintrag verdient hätte). Digital warfare in dem Fall natürlich, McCormack ist mir da lieber. Aber alles hat seine Schattenseiten, leider auch Twittomatie.

  3. mobinauten

    Ob das denn so erlaubt ist, oder ob der jetzt seinen Job bald los ist?
    Oliver

  4. mobinauten

    Was ich vergessen habe, und eigentlich auch sagen wollte: Gut geschrieben, sehr informativ! :-)

  5. Per Anhalter durch die Twitter Galaxis | mobinauten.de

    [...] ich finde, ein sehr schöner Artikel von Viralmythen über die heute schon praktizierten Einsatzgebiete von Twitter. Viele Menschen, in meinem, eher [...]

  6. Till Achinger

    Sehr interessantes Fallbeispiel. Ich hoffe, die hiesigen Journalisten gbeen ihre typische Häme gegenüber den wagemutigen unter unseren Politikern bald auf und beginnen die Chancen dieses neuen Kanals ernsthaft zu nutzen. Nur dass die Journalisten als Mediatoren damit an Legitimation verlieren, sehe ich nicht so. Im Gegenteil erhöht jeder neue Kanal wie Twitter zunächst einmal das Rauschen. Technische Filter können die Verdichtungsleistung eines guten Autoren nicht ersetzen. Und Korrespondenten vor Ort möchte ich auch nicht durch Kurznachrichten der Beteiligten ersetzt sehen. Eventuell bieten sich aber Chancen für ganz neue Formate in einer Art Kommentarfunktion. Vielen Dank für die spannende Anregung!

  7. Leguan

    Das ist doch totaler Unsinn. Journalisten werden nicht überflüssig. Wo bleibt denn da nocht die “neutrale” Berichterstattung!?
    Durch die Twitterfotografie gerät man schnell in die PR-Schiene, da offizielle Personen diese Art der WEB 2.0-Kommunikation für sich ausnutzen können.
    Wie man sieht mit Erfolg! Diese ganze Web 2.0- Community freut sich dann mal wieder einen Ast ab und die Nerds haben ein neues Spielzeug.

  8. Sprecher des US-Außenministeriums twittert » Frank Helmschrott

    [...] Benedikt zu berichten weiss, kommuniziert (!) der Sprecher des US-amerikanischen Außenministeriums, Sean McCormack [...]

  9. Ξ LINKLOAD vom 12.01.2009 Ξ UPLOAD - Magazin für digitales Publizieren Ξ

    [...] Internationale Diplomatie auf Twitter schreibt Benedikt Köhler und fragt sich, ob twitternde Akteure nicht zur Medienkrise beitragen. [...]

  10. Martin

    Ich sag doch, die Politik wird zu Twitters Zugpferd. Auch in Deutschland.. Schäfer Gümbel und Hubertus Heil sind Vorreiter, keine Frage.

    Unter “Webseite” hab ich mal meine Visionen von Twitter gepostet, hoffentlich ist es für dich kein Spam.

    grüße aus Leipzig

    Martin

  11. Stefan

    @Benedikt: “Die Funktion der Berichterstattung wird zunehmend in die Hände der Beteiligten fließen.”

    Wie kommst Du denn darauf? Kannst Du das mit irgendwelchen konkreten Zahlen belegen, die eine solche Einschätzung stützen?

    Mal abgesehen davon, dass ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, was an dem hier eingebundenen Foto “eindrucksvoll” sein soll, will ich grundsätzlich keine Twitterstreams von Politikern lesen. Oder mir den Podcast unserer Bundeskanzlerin ansehen. Totalitäre Regime hätten sicher ihre helle Freude daran, den Journalismus in die eigenen Hände zu nehmen. Als Leser/Hörer/Zuschauer haben wir alle aber nur Nachteile davon, wenn Politiker künftig ungefiltert und unbewertet ihre Meinung in die Welt blasen.

    Dass dies zu einer “äußerst spannenden Innensicht” führe, ist eine Illusion. Guter Journalismus (ja, den gibt es noch) bemüht sich, Zusammenhänge und Hintergründe zu erklären. Er ist alles andere als “die Dopplung” der offiziellen staatlichen Meinung!

  12. JakobD

    Naja die Bilder sind immerhin mit Tweetie hochgeladen. Ist mein Lieblings-iPhone-Twitter-App :P

  13. Martin Goldman

    Meine zwei Cent: Der Unterschied ist, dass Quellen jetzt offen sind, die früher nur Journalisten zugänglich waren. Wer also möchte, informiert sich direkt an den Quellen. Dem Journalismus wird es nach wie vor überlassen bleiben, die Quellen zu nutzen, zu bewerten und zusammenzufassen.
    Die journalistische Arbeit wird also nach wie vor gefragt sein. Aber die Journalisten verlieren den alleinigen Zugriff auf die Quellen. Das schmeckt sicher nicht jedem. Anders kann ich mir auch das ganze Geschrei um den Qualitätsjournalismus nicht erklären. (Doch das ist ein anderes Thema.)
    Der Beitrag oben zeigt mir, dass weitere Quellen entstehen – auch in großen Institutionen. Nicht mehr, nicht weniger. Ich finde das sehr spannend.

  14. Thomas

    Verblüffend dass sean mccormack nicht einmal 400 Follower hat – ist er nicht bekannt genug? Wenn diese Zahl der direkten Kommunikanten steigt, wird es sehr viel schwieriger diesen Austausch angemessen aufrecht zu erhalten.

    Aufgabe des Journalismus ist auch, die Kommunikation zu bündeln, denn es ist unmöglich mit jedem einzelnen, der einen Anspruch an dich formuliert zu reden – und bei Politikern sind das ja immerhin alle von ihr/ihm vertretenen Bürger.

    Der Anspruch des Journalismus muss es in Zukunft wieder viel mehr sein, die Fragen der Menschen aufzunehmen und an die Politik zu tragen, anstatt zu versuchen, den Scoop und das Skandal-Statement durch aggressive Fragestellungen aus Politikern herauszuholen um sich damit schmücken zu können.

  15. Stefan

    @Benedikt: “Nur ist mir kein totalitäres Regime bekannt, dass in ihren Propagandasystemen offene Rückkanäle eingebaut hatte.”

    Du konntest immer schon jedem Diktator eine Postkarte schreiben. Künftig kannst Du manchem auch noch mailen und twittern. Na und, das ändert keine politischen Prozesse.

    Es stimmt, dass heute mehr Quellen für mehr Menschen zugänglich sind. Es stimmt, dass Journalisten hier ein Privileg verloren haben. Das finde ich auch nicht schlecht. Aber um mal bei der Politik zu bleiben: Was verraten denn ein paar durch die Tür geknipste Fotos? Die Beteiligten werden sich hüten, dem Publikum echten Einblick in ihre Geschäfte zu erlauben. Das ganze ist ein Stück PR, nicht mehr und nicht weniger.

  16. Stefan

    @Benedikt: Sollte Twitter tatsächlich “neue Arten von Öffentlichkeit schaffen” können – was ich bezweifle -, so war Karl Rove schlecht beraten, sich darauf einzulassen. ;-)

    Das Phänomen Twitter erschließt sich mir nicht, auch nicht nach längerer Beobachtung. Was Dich daran so begeistert, kann ich ehrlich gesagt nicht mal ansatzweise nachvollziehen. Aber das muss ja nichts heißen. Warten wir mal ab, was daraus wird. Ich rechne damit, dass der Dienst langfristig komplett verschwindet, weil er keinerlei Umsätze erzielt. Aber ich hab mich bei sowas auch schon mal geirrt. ;-)

  17. Ulrike Langer

    Schäfer-Gümbel ist ein schlechtes Beispiel für einen Politiker, der das Social Web entdeckt haben soll. Sein Twitter-Interview mit Robert Basic war nicht mehr als ein PR-Gag im Windschatten des Rummels um Bascis Blogverkauf bei eBay. Wenn es TSG wirklich um Dialog im Social Web ginge, hätte er ein kleines bisschen früher damit anfangen müssen. Im übrigen empfehle ich allen, @tsghessenspd zu folgen. Der ist viel lustiger!

  18. Christiane

    So schön ich die Bilder finde, so eng finde ich die hier zu Tage tretende Auffassung von Journalismus. Natürlich müssen Journalisten auch dokumentieren und eine Art Chronistenpflicht erfüllen. Das taten sie schon immer – und schon immer haben sie hierfür nicht auch auf eigenes Material zurückgegriffen. Journalismus war aber immer auch mehr – nämlich das Bemühen, mit Hilfe verschiedener Quelle sinnstiftend Zusammenhänge darzustellen. Hier scheint der Fokus allein auf das Geschäft der Nachrichtenagenturen zu liegen – das ist zu dünn.

  19. KoopTech » Titelgeschichte » Können twitternde Politiker die Berichterstattung verändern?

    [...] hat Benedikt auf den Twitpic-Stream von Sean McCormack hingewiesen, den Sprecher des US-Außenministeriums. Die Bilder zeigen Sneaks, kleine Einblicke in den [...]

  20. Billigflug

    Hallo und guten Tag,

    ich bin der Meinung, dass deutsche Politiker/innen noch zu konservativ sind, um den Amis etwas in diesem Terrain vorauszuhaben!
    Generell sind deutsche Politiker noch zu distanziert vom deutschen Volkswillen- das ist meine persönliche Ansicht.

    Es dauert noch mindestens zwei bis drei Amtsperioden, bevor sich hier etwas verändert.
    Ich wünsche mir mehr Mut, seitens der Genossen, um solche Erneuerungen schneller zu etablieren.
    Das wäre ein wichtiger Schritt, um mit dem Bürger besser in Kontakt treten zu können!

    Danke!

  21. Politik in 140 Zeichen oder welcher Politiker twittert? - Das Frankreich-Blog - France blog

    [...] Internationale Diplomatie auf Twitter, Blog de Benedikt [...]

  22. Viktor

    Der Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen Politikern ist, dass in Amerika alles sehr auf Show gemacht wird. Wahrscheinlich sind die U.S Politiker schon dran gewöhnt, und können sich besser präsentieren, auch im Internet.

  23. Kirsten

    Die Medien sind leicht zu manipulieren, bist Du Dir denn sicher, dass die Twitter Berichte auch wirklich vom Außenminister geschrieben werden? Oder das ein Video nicht manipuliert werden kann?
    Ich denke, dass Reporter noch lange vor Ort recherchieren und berichten sollen und müssen, da sie so ihre eigene ungefärbte Sicht der Dinge wiedergeben können.
    Sicher die Medien können einem Helfen die Infomationen zu kanalisieren und Hintergrundrechechen zu vereinfachen, aber Präsenz werden sie so leicht nicht ersetzen.

  24. POLITIKMASCHINE » Blog Archive » Microblogging ist grün

    [...] Internationale Diplomatie auf Twitter [...]

  25. Hundeshop

    Gegenthese: Politik soll vielleicht gar nicht “tagesaktuell” mit seinen Bürgern kommunizieren. Manche Dinge brauchen trotz einer sich reflexartig ändernden Situation oder gerade deswegen eine Reaktion mit Augenmaß und genügend Zeit um die Auswirkungen exakt einzuschätzen. Oder anders gesagt: Ich brauch nicht tagesaktuell über die Gesundheitsreform informiert werden, mir fehlen dazu sowieso die nötigen Informationen – für mich letztlich entscheidend ist, was dabei rauskommt. Gerade komplexe Sachverhalte benötigen eine gewisse Reifezeit, müssen abgewogen, nachgeprüft und korrigiert werden. Ich würde der Politik daher gerne viel zu oft einen größeren “Spread” als nur 4 Jahren zugestehen, gerade bei ernsthaften Themen wie beisspielsweise der Bildungspolitik: Immer das gleiche Spiel, neue Regierung: Es dauert ca. ein Jahr, bis das Personal sich mit den Stäben ausgetauscht hat und die Herren und Damen ihre Duftmarke in Ministerium hinterlassen haben. Dann 1-2 Jahre halbwegsproduktiv gearbeit und dann beginnt eigentlich auch schon wieder der Wahlkampf. Dabei müssen einige unserer heutigen Probleme mit einem Zeitwinkel von Jahrzehnten betrachtet werden und nicht mit einem kurzen Zeitraffer auf 2/4 der Amtsperiode.

  26. Fernsehsessel Blog

    Billigflug hat es auf den Punkt gebracht. Übrigens twittert Reiner Calmund jetzt.

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