Von Obama lernen: Die drei Grundsätze der Politik 2.0

Im Zusammenhang mit dem furiosen Social-Media-Wahlkampf von Barack Obama wurde immer wieder versucht, das ganze auf Deutschland zu übertragen. Oder zumindest Anregungen dafür zu bekommen, wie man erfolgreiche Wahlkämpfe im sozialen Netz führt.

Ebenso häufig wurde angemerkt, dass sich die Erfahrungen der Obama-Kampagne nicht übertragen lassen, schon gar nicht eins-zu-eins. Zu einmalig war der Kontext 2008 und zu unterschiedlich sind die Parteien- und Mediensysteme der USA und Deutschland.

Ich bin jedoch überzeugt, dass man nur nur ein wenig abstrahieren muss, um auch für den deutschen Kontext Anregungen für den “Wahlkampf 2.0″ gewinnen zu können. Angeregt durch Josh Bernoff’s Beobachtungen von Obamas Übergangsseite change.gov hier nun drei zentrale Punkte, die dazu beitragen können, den Rahmen für eine Art politische “Brand Community” zu schaffen:

  1. Informationen nicht nur verbreiten, sondern auch einsammeln. Weg von der Einbahnstraßenkommunikation (Pressemitteilungen, News, Videocasts) und hin zum aktiven Zuhören, Anregen und Einholen von Kommunikationen – nicht nur der Befürworter, sondern auch der Kritiker. Ganz gleich, ob das per Forum, Twitter, Social Network, Blog oder Widgets geschieht. Je niedriger die Partizipationsschwelle, desto besser. Social-Networks für Parteien wie myFDP, CDUnet oder meineSPD sind wichtig, aber nicht für die Kommunikation mit der breiten Öffentlichkeit, dem Souverän, geeignet.
  2. Die eingesammelten Informationen dürfen nicht verschwinden. Das Ergebnis eines klassischen Kontaktformulars lautet “Vielen Dank für Ihre Nachricht!” Für den Nutzer, der hier bereits den Schritt vom Rezipienten zum Produzenten geschafft hat, bleibt völlig unklar, was mit seinem Beitrag passiert. Noch schlimmer: andere (potentielle) Nutzer bekommen davon gar nichts mit. Deshalb: Den Input am besten gleich für alle sichtbar anzeigen.
  3. Die Organisation schweigt nicht, sondern reagiert auf die von den Nutzern geposteten Anregungen. So wichtig die Diskussionen der Nutzer untereinander auch sind – die Organisation (egal ob Partei, Verband oder Verein) oder die Kandidatin sollte nicht schweigen, sondern durch ihre Reaktionen zeigen, dass die Beiträge der Nutzer nicht nur zur Kenntnis, sondern Ernst genommen werden.

Diese drei Punkte stellen für mich so eine Art Minimalprogram von Politik 2.0 dar. Eine Kampagne, die diese drei Handlungsleitlinien nicht ernst nimmt, sollte man nicht als Social-Media-Kampagne bezeichnen. Und in Feldern, in denen man sich diese kommunikative Offenheit nicht leisten kann oder will, sollte man vielleicht auch gar nicht erst versuchen, “zwonullig” zu wirken. Aber ich bin sehr optimistisch, dass es genügend Felder gibt, auf denen diese Dialoge möglich sind. Auch in Deutschland.



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  • 7 Responses to “Von Obama lernen: Die drei Grundsätze der Politik 2.0”


    1. 1 Till

      Bin ja mal gespannt, ob change.gov etc. den Punkten 2 und 3 gerechet werden wird.

    2. 2 Steffen

      Aber die breite Masse wird jedoch nach wie vor über TV (Tagesschau in D) und Printpresse berieselt – also Politik 1.0

    3. 3 Heinz Wittenbrink

      Danke für die prägnante Formulierung der drei Punkte!

      Mir gefällt dabei u.a. sehr gut, dass der “Datenaspekt” deutlich wird. Es geht auch um Informationsverarbeitung.

      @Steffen: Auch die breite Masse informiert sich zunehmend im Internet. Viele Verantwortliche in den alten Medien haben das nur noch nicht gemerkt.

    4. 4 Sebastian

      @Steffen: erstens verschiebt sich “die breite Masse” und zweitens würden wir uns ja nie entwickeln, wenn wir uns aufgrund des Status quo von neuen Wegen fernhalten.

    5. 5 Steffen

      Die Jugend in den Vereinigten Staaten war (ist) ja wohl eh für Obama – in wie fern, da halbstündige Werbespots im Internet u.ä. helfen weiß ich aber nicht.

    1. 1 PR-Kloster » TSG - der hessische Barak Obama: Yo isch kann
    2. 2 Weblinks 2.0 - Datenvisualisierung, Zukunft des Internets, Grundsätze der Politik 2.0, Internet erzwingt Paradigmenwechsel | Web 2.0 Konzepte und Webdesign - Webkonzepter Michael Kraus

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