Daily Archive for November 4th, 2008

Die Suche nach dem Social Media Dashboard

Social-Media-Monitoring ist derzeit hoch im Kurs. Immer mehr Unternehmen, Parteien und Journalisten bemerken, dass man nicht nur durch Fokusgruppen und Panels etwas darüber erfahren kann, was über sie gedacht oder geredet wird, sondern dass diese Gespräche an zahlreichen Orten des Internets bereits stattfinden. In Foren, Blogs, Social Networks oder Chatrooms. Übrigens schon lange – vermutlich schon so lange, wie es das Internet gibt. Nur war es in den Anfangszeiten des Web 1.0 nur eine ganz kleine Zahl ganz spezieller Personen, die sich über dieses Medium austauschten: “Internet-Freaks”. Also der Legende nach Chips-futternde, korpulente männliche Technikjünger mit langen Haaren. Ihre Meinung zählte nicht.

Mittlerweile ist die Internetdurchdringung jedoch so stark angestiegen, dass aus Sicht von Politik, Unternehmen und Presse auch ganz normale Menschen dieses Medium nutzen. Dazu kommen dann noch neue Technologien, die es eben diesen Leuten ermöglichen, sich ohne technisches Know-how im Internet auszudrücken – Social Web oder Web 2.0 sind die mehr oder weniger eleganten Formeln, mit denen diese Entwicklung bezeichnet wird. Kurz: Es wird immer interessanter, zu erfahren, was die Leute im Internet über Parteien, Politiker, Produkte, Marken, Unternehmen oder auch nur andere Personen sprechen. Die Suche nach dem Social Media Dashboard hat begonnen.

Gesucht wird ein Interface für das Social Web, auf dem in Echtzeit zum Beispiel abgelesen werden kann,

  • wie oft über eine Partei, Marke etc. gesprochen wird (“Buzz”)
  • was über sie gesagt wird (“Content”)
  • welche Bedeutungen dahinter stecken (“Sinn”)
  • welche Werturteile in den Konversationen auftauchen (“Bewertungen”)
  • wer darüber spricht (“Zielgruppen”)
  • wie diese Gruppen konstituiert sind (“Brand Communities”)
  • welche Personen in den Gesprächen eine besondere Rolle spielen (“Einfluss”)
  • wie sich das alles über die Zeit verändert (“Wandel”)
  • wie schnell sich die Gespräche ausbreiten (“Viralität”)
  • wie diese Veränderungen mit anderen Ereignissen zusammenhängen (“Kontext”)
  • wie sich die Veränderungen weiter entwickeln könnten (“Trends”)
  • … und das alles dann auch noch ansprechend und anschaulich dargestellt (“Visualisierung”)

Noch gibt es ein derartiges Social Media Dashboard noch nicht und insbesondere der qualitativ-verstehende Aspekt (die “Sinndimension” der Social Media Analyse) lässt sich derzeit nur mit vergleichsweise aufwändigen und noch nicht echtzeitfähigen Methoden wie der Netnography erfassen. Und die Trendforschung steht auf diesem Gebiet noch auf sehr wackligen Beinen. Aber früher oder später werden die Marketing-, Kommunikations- und Customer-Support-Abteilungen solche Tools wie selbstverständlich für die Planung, Überwachung und Evaluierung ihrer KampagnenInitiativen verwenden.

Einen kleinen Vorgeschmack liefert das Tool Perspctv, mit dem sich immerhin schon der Buzz auf sehr vielen unterschiedlichen Kanälen in Echtzeit verfolgen lässt:

Man kann sich ein ähnliches Dashboard auch für selbst gewählte Begriffe erstellen lassen, zum Beispiel um den Social Media-Buzz von Audi, VW und BMW miteinander zu vergleichen. Aber verglichen mit der obigen Liste potentieller Bestandteile eines Social Media Dashboards ist das dann noch ziemlich wenig Information.



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    Die heutige Wahl des 44. Präsidenten der USA ist eine Internet-Wahl. Wer Twitter, Friendfeed und natürlich auch die amerikanische Blogosphäre aufmerksam beobachtet hat, wusste es schon etwas länger, aber jetzt dürfte es auch dem durchschnittlichen 61jährigen ZDF-Gucker auffallen: drei von fünf der Interviewpartner, die sich in der langen ZDF-Wahlnacht mit Anchor Claus Kleber die Zeit vertreiben, sind Blogger. Felix Schwenzel, Marcus Skelton und Christoph Bieber dürfen die Reaktionen im Netz deuten. Sogar externe Links hat das ZDF dafür angelegt.

    Besonders spannend sind jedoch Echtzeitmedien wie Twitter, die es ermöglichen, gleichzeitig aus unterschiedlichen Teilen der USA Meldungen zur Wahl zu sammeln und zu publizieren. Das Fernsehen ist nur in Ausnahmefällen wie einer solchen Wahlnacht live dabei und gehorcht zudem einer sequentiellen Logik. Wenn mich ein Lagebericht aus Ohio interessiert, im Fernsehen aber gerade ein Korrespondent aus Florida berichtet, muss ich warten. Ich will aber nicht warten.

    Auf TwitterVoteReport kann man zum Beispiel sehen, wie lange die Wartezeiten in den Wahllokalen gewesen sind und ob den Wählern dort irgendetwas aufgefallen ist:

    Twitter VoteReport

    Auf Twitpic gibt es im Minutentakt Fotos von leeren oder ausgefüllten Stimmzetteln wie zum Beispiel hier oder von den Schlangen vor den Wahllokalen. Das ist eine neue Art von Authentizität. Keine Fernsehkameras, die ein möglichst eindrucksvolles Bild zusammenstellen, sondern ein Twitternutzer, der gerade zur Wahl geht, in der Schlange steht und mit seinem Handy ein Foto macht. Ein unmittelbarer Eindruck.

    Am schnellsten ist aber natürlich der Twitter-Wahlfeed, auf dem alle Tweets zur Wahl aggregiert werden. Auf den ersten Blick sieht das wie ein gewöhnlicher Ticker aus. Aber es ist nicht eine Nachrichtenredaktion, die bestimmt, welche Nachrichten in welchen Abständen gepostet werden, sondern es sind Twitternutzer auf der ganzen Welt, die zu einem gewaltigen Massengespräch beitragen – ganz gleich, ob sie einfach nur Neuigkeiten posten, kommentieren oder sich mit anderen darüber austauschen. Was der Ticker für die alte hierarchische Nachrichtenwelt war, ist dieser Dialogstream für den Schwarm oder die Noosphäre:

    Election Twitter

    Sogar Wahlumfragen werden per Twitter durchgeführt. Auf TwitVote liegt beispielsweise Barack Obama mit 15.370 Stimmen zu 2.719 Stimmen für John McCain weit in Führung:

    Oder man zählt die Tweets, die sich für Obama oder McCain aussprechen, sortiert sie nach Staaten und kommt dann zu folgendem Ergebnis (blau = Obama, rot = McCain):

    Dialup-Internetnutzer scheinen dagegen sehr viel konservativer zu sein. Eine entsprechende – ebenso wenig repräsentative – Umfrage unter AOL-Nutzern zeigt eine ebenso klare Mehrheit für McCain:

    Durch all diese digitalen netzförmigen Kommunikationsmedien ist es möglich, den Wahlabend – bei uns eher: die Wahlnacht – gemeinsam mit Hunderttausenden zu verbringen. Und anders als in der berühmten Redewendung von den “Millionen vor den Fernsehgeräten” gibt es hier tatsächlich die Möglichkeit, zu interagieren, Fragen zu stellen und die Vorgänge zu kommentieren. Warum also nicht zum Beispiel in diesem Thread die Wahlnacht über mit Bruce Schneier über die Sicherheit von Wahlautomaten diskutieren? Oder mit Dave Winer im Election-Day-Chat? Oder auf Twitter?



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