Daily Archive for Oktober 24th, 2008

Brief an die Deutsche Nationalbibliothek

Da völlig unklar ist, wie die gestern in Kraft getretene Verordnung für die Ablieferung von Pflichtexemplaren von Netzpublikationen umzusetzen ist, habe ich mich bei der Deutschen Nationalbibliothek, Service Netzpublikationen, jetzt mit dieser Email nach den Rahmenbedingungen der Ablieferung erkundigt. Mal sehen, was dabei herauskommt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit gestern bin ich als Netzpublizist anscheinend dazu verpflichtet, Pflichtexemplare meiner Netzpublikationen der Deutschen Nationalbibliothek zur Verfügung zu stellen. Da an einigen Stellen noch Unklarheit herrscht, würde ich mich freuen, wenn Sie mir die folgenden Fragen beantworten könnten:

1) Nach welchen Kriterien werden “private Zwecke” von “nicht-privaten Zwecken” unterschieden? Ist die Reichweite entscheidend oder die Gewinnabsicht oder der organisatorische Kontext?

2) In zahlreichen Netzpublikationen sind multimediale Inhalte ein essentieller Bestandteil. Aus Ihrer Seite geht hervor, dass “alle Darstellungen in Schrift, Bild und Ton, die in öffentlichen Netzen zugänglich gemacht werden” betroffen sind. In Ihrer Auflistung der bevorzugten Dateiformate stehen jedoch keine Bewegtbild- oder Audioformate. In welcher Form sollen Netzpublikationen abgeliefert werden, die hauptsächlich multimedial sind?

3) Wie verfahre ich mit Veröffentlichungen, die Bestandteile enthalten, die nur für den Zweck der Veröffentlichung in meiner Netzpublikation freigegeben sind und keine Weitergabe an Dritte erlauben?

4) Wie ist mit Inhalten aus anderen Netzpublikationen zu verfahren, die dynamisch in meine Netzpublikation eingebunden sind (“Widgets”)? Fallen diese, wenn sie das Erscheinungsbild meiner Netzpublikation maßgeblich prägen, ebenfalls unter die Ablieferungspflicht?

5) Zahlreiche Netzpublikationen bestehen zu einem überwiegenden Teil aus nutzergenerierten Inhalten wie zum Beispiel Kommentaren oder von Nutzern hochgeladenen Bildern. Fallen diese nutzergenerierten Inhalte ebenfalls unter die Ablieferungspflicht? Sind diese Inhalte gesammelt oder einzeln abzuliefern? In welcher zeitlichen Periodizität?

6) In ihrem Glossar verweisen Sie auf “Datenbanken” als einen Typus von Netzpublikationen. Bin ich dazu verpflichtet, die Datenbanken, auf denen meine Netzpublikation abgespeichert ist, ebenfalls abzuliefern?

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir die Fragen möglichst zeitnah beantworten können, damit ich meiner Ablieferungspflicht nachkommen kann. Vielen Dank für Ihre Bemühungen.

Mit freundlichen Grüßen
Benedikt Köhler

Siehe zu diesem Thema auch:



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    In der gerade eben in Kraft getretenen “Verordnung über die Pflichtablieferung von Medienwerken an die Deutsche Nationalbibliothek” (kurz: PflAV) werden explizit auch digitale Werke aufgeführt. Abzuliefern ist demnach fast alles, was nicht geschützt ist oder nicht bereits in anderer Form abgeliefert wurde. So wie ich den Text lese, sind das auch Blogs, Twitternachrichten, Friendfeed-Streams, Xing-Diskussionsforen: “Die DNB strebt nach eigenen Angaben an, die Archivierung auch auf ‘originär dem Web’ entsprungene Publikationsformen wie Blogs, Wikis oder Foren nach und nach auszudehnen.” heißt es dazu auf Heise Online. Und wer das nicht tut, riskiert eine Abmahnung sowie eine Geldstrafe bis zu 10.000 Euro.

    Ich war eigentlich der Überzeugung, die Regulierungsideen der Bayerischen Landesanstalt für Neue Medien wären absurd, aber das hier stellt den BLM-Murks problemlos in den Schatten. Nicht nur fehlt an ganz zentraler Stelle die Definition von “privaten Zwecken”, sondern auch die technischen Grundlagen der Ablieferung sind völlig unklar. Mal sehen, was passiert, wenn alle Blogger, Forenmitglieder, Newsletteradministratoren, Wikipedianer und Twitterer alle produzierten Bits und Bytes der DNB schicken. Immer mehr und immer mehr. Am besten noch fein säuberlich auf Papier ausgedruckt.

    Die Frage, die sich mir stellt: Ist ein zentralistisches Modell der Kulturbewahrung, wie es die Deutsche Bibliothek seit 1913 repräsentiert, überhaupt noch zeitgemäß? Kultur kein einheitlicher, von Beamten geführter riesiger Zettelkasten, sondern ein lebendiges, schillerndes Netzwerk aus ganz unterschiedlichen Akteuren, Praktiken und Objekten. Wer will darüber urteilen, wo hier die Grenzen zwischen Kultur und privater Kommunikation liegt? Die Zeit zentraler Wissensspeicher, und genau das ist die Rolle einer Nationalbibliothek, ist vorbei.



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