Daily Archive for Oktober 15th, 2008

Twittern auf der Kaiserstiege


Ich freue mich natürlich sehr über die große Resonanz des ersten Beitrags in meiner Reihe “Wie Twitter die Gesellschaft verändert” und werde so bald wie möglich den zweiten Beitrag dazu posten. Doch für die nächsten Tage (16.-18. Oktober) verabschiede ich mich erst einmal in Richtung Niederösterreich auf die zweite internationale bildwissenschaftliche Konferenz “Blick im 21. Jahrhundert” im Benediktinerstift Göttweig.

Dort werde ich nicht nur das Poster zu unserer Fallstudie über die Visualisierung statistischen Wissens in Infografiken präsentieren, sondern auch gespannt auf die Keynote von Barbara Stafford von der University of Chicago warten. Der Titel “Meaning in Combinations: The Effort of Taking Shape from Hieroglyph to Twitter” klingt für mich ebenso vielversprechend wie mysteriös. Meint Stafford wirklich unser Twitter? Oder nur das aviäre Gezwitscher? Und was hat das dann mit den alten Ägyptern zu tun? Ich werde berichten, wenn ich das Rätsel am Samstag gelöst habe. Bis dahin: Twitter, das richtige.



Verwandte Artikel:
  • Warum twittern die deutschen Unternehmen? Warum sollten Verlage twittern?
  • Twitter Starter-Kit: Die zehn wichtigsten Twitterstreams
  • Politik in 140 Zeichen
  • Wie Twitter die Gesellschaft verändert: Die Massenmedien

    Als kurze Antwort auf Klaus Ecks inspirierenden Blogbeitrag über 18 Gründe, die gegen die Verwendung (sagen wir einmal: gegen die exzessive Verwendung) des Microbloggingdienstes Twitter sprechen, hier ein kurzer Blick auf das positive Potential von Twitter. Welche Veränderungen können durch das Twittern in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilsystemen angestoßen werden? Als erstes sind die Massenmedien dran. Danach folgen Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung.

    Am deutlichsten sind die Auswirkungen des Microbloggens für die Welt der Massenmedien. Durch den dialogischen Charakter von Twitter verändert sich das Informationsverhalten. Nachrichten werden nicht mehr bloß rezipiert, sondern diskutiert und weitergegeben. Jeder ist ein Knoten in einem nahezu weltumspannenden Netz von Informationen. Die Zahl der Sender hat sich dadurch stark vervielfältigt und zugleich hat sich der Informationsfluss durch die große Redundanz der Kanäle beschleunigt. Nachrichten in Echtzeit statt Nachrichten von Gestern.

    Ein kurzes Beispiel: Gestern stand auf einmal der Begriff “Saddam Hussein” ganz oben in den Trending Topics List von Twitter. Warum? Weil bekannt wurde, dass ein Mitglied von McCains Kompetenzteam ehemaliger Lobbyist für den irakischen Präsidenten gewesen ist. Ich habe darüber getwittert und einige meiner Kontakte aus den USA und aus Kanada haben auf diese Weise davon erfahren. Aus einer deutschen Kleinstadt hat sie die Nachricht schneller erreicht als über die Massenmedien. Das nenne ich Veränderung.

    Seit die Redaktion das Twittern begonnen hat, gehört Der Westen zu meinem relevant set. Ich komme mit einer Regionalzeitung aus dem Ruhrgebiet häufiger in Berührung als mit hiesigen Regionalzeitungen wie dem Münchener Merkur oder der tz. Das hätte ich zuvor nie für möglich gehalten. Hinter der Twitter-Kommunikation von Zeitungen und Zeitschriften steht im Idealfall folgende stillschweigende Übereinkunft: Die Redaktion schickt ab und zu Links zu neuen Beiträgen auf ihrem Internetangebot, ist im Gegenzug aber offen für die Reaktionen der Leser. Im Kern geht es darum, den dialogischen Aspekt der Massenmedien zu zeigen, der aus dem Endprodukt so erfolgreich verdrängt wird: Nachrichten sind Gespräche und hängen immer auch davon ab, wer sie erzählt.

    Das bleibt nicht ohne Folgen: das generalisierte Systemvertrauen in die Massenmedien wird zunehmend abgelöst durch ein sehr viel konkreteres soziales Vertrauen in bestimmte Netzwerkknoten oder Subnetze, deren Fähigkeit, Informationen zu bewerten und zu selektieren einem in der Vergangenheit positiv aufgefallen ist.

    Obwohl die Veränderungen hier am deutlichsten sichtbar sind, geht es nicht nur um die Nachrichten. Auch Unterhaltungsangebote werden auf Twitter kommentiert und verbreitet, wodurch klassische one-way-Medien wie das Fernsehen auf einmal eine interaktive und dialogische Qualität bekommen, durch die die Brechtsche Radiotheorie auf einmal in greifbare Nähe rückt. Twitter hat als zusätzlicher Kanal das Potentiel,

    den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen.

    Zusammengefasst: Durch Twitter verwandelt sich das System der Massenmedien, in dem sich wenige Sender an eine große, anonyme Masse von Rezipienten wendet, in eine plurale Landschaft aus kleinen und großen Knoten, die Nachrichten, Meinungen und vor allem natürlich Hyperlinks austauschen, kommentieren und diskutieren. Sicherlich verlangt es von den klassischen Massenmedien einiges an Mut, sich in dieses neue Spielfeld zu begeben, dessen Spielregeln, Positionen und Akteure noch weitgehend unklar definiert sind, aber diejenigen, die diesen Schritt wagen, haben die Möglichkeit, an der Konstitution dieses neuen Nachrichtenspiels mitzuwirken. Wer sich verweigert, verliert.



    Verwandte Artikel:
  • Twittern auf der Kaiserstiege
  • Zweitverwertung
  • Bitte notieren: Blogs sind keine Massenmedien