Fünf Irrtümer über Computerspiele

Alle, die beim Stichwort “Gamer” sofort an pubertierende Soziophobiker denken, die zwangsläufig irgendwann einmal die Maus gegen eine Schrotflinte austauschen, bitte diesen Bericht des US-amerikanischen PEW-Instituts sorgfältig durchlesen. Dasselbe gilt für diejenigen, die Computerspiele mit dem Untergang des Abendlandes gleichsetzen.

In der Studie wurden 1.102 Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren zu ihren Computerspielerfahrungen und -gewohnheiten befragt. Dabei ist das Forscherteam um Amanda Lenhart zu folgenden Ergebnissen gekommen:

  1. Computerspielen ist nur eine Nischenbeschäftigung? Falsch. Es ist nicht einmal eine Mehrheitsbeschäftigung, sondern ist ubiquitär. 97% der befragten Jugendlichen spielen Computerspiele auf ihren Computern, Konsolen oder Handys. 50% geben sogar an, gestern ein Computerspiel gespielt zu haben. Sollten also die Kulturpessimisten Recht haben, dann wird der Untergang schnell kommen. 3% Abstinenzler können hier nicht mehr viel ausrichten.
  2. Computerspielen tun nur die Jungs, während die Mädchen lieber miteinander reden? Falsch. Die Verteilung der Geschlechter ist nicht ganz gleichmäßig, aber dennoch spielen 94% der Mädchen Computerspiele. Bei den Jungen sind es 99%.
  3. Computerspiel = Ballerspiel? Falsch. Es gibt eine enorme Vielfalt unterschiedlicher Spieltypen. Ego-Shooter landen gerade einmal auf dem 10. Platz der Beliebtheit. Viel stärker verbreitet sind Rennspiele, Puzzlespiele und Sportspiele.
  4. Computerspiele machen einsam? Meistens falsch. Zwei Drittel der spielenden Jugendlichen spielen ab und zu mit Freunden zusammen, die sich sogar im selben Zimmer befinden. 42% geben an, am häufigsten mit anwesenden Freunden zu spielen. Es stehen also nicht die anonymen Internet-Spielepartner im Vordergrund, sondern andere, bekannte Jugendliche. Nur ein Viertel spielen tatsächlich alleine.
  5. Computerspiele fördern asoziales Verhalten? Falsch. Zunächst einmal ließ sich kein Zusammenhang von zivilgesellschaftlichem oder politischem Engagement und häufigem Computerspielen feststellen. Gamer sind genauso stark oder schwach engagiert wie andere Jugendliche auch. Aber: Jugendliche, die oft zusammen mit anderen Anwesenden Computerspiele spielten, zeigten ein höheres gesellschaftliches Engagement. Das gilt insbesondere auch für Jugendliche, die sich in Foren, Communities oder auf Blogs mit anderen über ihre Spiele austauschten.

Gerade die letzten Punkte zeigen deutlich: Computerspiele sind in vielen Fällen soziale Medien. Und Engagement in sozialen Medien ist häufig auch mit Engagement in anderen Zusammenhängen verbunden, seien es soziale oder politische Initiativen (obwohl es natürlich auch sein kann, dass eine allgemeine Neigung zu Engagement und Soziabilität hinter beiden Variablen steckt). Höchste Zeit, einmal darüber nachzudenken, wie man diese vergemeinschaftenden und aktivierenden Momente des Gamings fördern kann. Außerdem wird deutlich, dass wir parallel zu quantitativen Studien dieser Art endlich auch qualitative Einblicke in die Welt der Gamer, ihre Bedeutungen, ihre Wahrnehmungen brauchen, um stichhaltigere Aussagen zu den Folgen des Computerspielens treffen zu können. Es gibt viel zu forschen!

(Siehe dazu auch apophenia, BuzzPeople und Mimi Ito; Foto “tex playing video games” von RebeccaPollard, CC-Lizenz)



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  • 29 Responses to “Fünf Irrtümer über Computerspiele”


    1. 1 Kampfsport

      97% der befragten Jugendlichen spielen Computerspiele auf ihren Computern, Konsolen oder Handys.

      echt krass diese Zahlen. Als ich in diesem Alter war (bin jetzt 31) waren es vielleicht 20-30% die Computerspiele spielten.

    2. 2 de_meier

      Zu Punkt 4: Computerspiele machen einsam? Meistens falsch. Zwei Drittel der spielenden Jugendlichen spielen ab und zu mit Freunden zusammen, die sich sogar im selben Zimmer befinden [...]

      Hab ich früher auch gemacht und muss aus heutiger Sicht sagen, dass wir uns zwar im selben Raum waren, aber irgendwie doch nicht so ganz zusammen. Etwas ähnliches erlebe ich jeden Tag im Büro. Wenn da jeder in seinen Bildschirm vertieft ist, ist man einfach zusammen allein. Da fühl ich mich bisweilen ganz schön einsam, obwohl 30 Menschen um mich rum sind.

    3. 3 Fischer

      @ de_meier: Da habe ich beim Daddeln und auf LAN-Partys völlig andere Erfahrungen gemacht. Gemeinsam ist gemeinsam, gerade am Rechner. Die Aussage über Computerspiele als soziales Medium kann ich nur unterstreichen

    4. 4 medienfuzzi

      Zitat aus dem Studienabtract: “Game playing is universal, with almost all teens playing games” – Wie lange wird’s wohl dauern, bis sich die Experten besorgten Elternfragen der Art “Muss ich mir Sorgen machen, dass meine Tochter so gar nicht zocken will?” stellen müssen?

      Die Frage kenne ich so zum Thema “Internet” aus Medienkompetenz-Elternabenden, die ich halte …

    5. 5 Björn

      Interessant finde ich an Computerspielen außerdem, dass sich einige Künstler (z.B. Molleindustria, zu denen ich auch mal was auf meinem eigenen Blog gepostet habe) ihre Popularität zu Nutze machen, um sozialkritische Aussagen zu treffen. Sie bilden damit einen festen Bestandteil des Culture Jamming. Solche Entwicklungen zeigen in meinen Augen, dass das Phänomen “Videospiele” viel zu komplex geworden ist, um es mit pauschalen Statements abtun zu können.

    6. 6 Benedikt

      @Kampfsport: Naja, in meiner Schulzeit kam gerade Tetris auf den Markt. Das hat dann zum Beispiel auf Klassenfahrten schnell dazu geführt, dass eine ganze Schulklasse auf einmal zu Gamern geworden ist.

      @de_meier: Ich bin da auch eher der Ansicht von @Lars (Fischer). Es gibt da auch so ein schönes Zitat zum Thema “ach-so-kalte digitale Kommunikation” (sinngemäß wiedergegeben): Ein Freund bleibt ein Freund, egal ob er einem gegenübersteht, ob man mit ihm telefoniert, ihm eine Email schreibt oder auch nur an ihn denkt.

    7. 7 MundM

      “Allein spielen” ist in Zeiten von Teamspeak durchaus relativ zu betrachten. Nach meiner Erfahrung stehen das Spiel selbst und der Dialog zwischen den Spielern ebenbürtig nebeneinander. Die Mitspieler via Internet sind zwar zunächst fremd aber auch hier entwickeln sich durchaus längerfristige soziale Bindungen.

    8. 8 Benedikt

      @medienfuzzi: Sehr schöne Vorstellung. “Liebe Frau X., vielleicht sollten Sie versuchen, mit einem Spiel aus dieser Liste Ihre Tochter an die Wii vorsichtig heranzuführen? Ansonsten hätten wir noch eine Fördergruppe für Gameverweigerer.”

    9. 9 bmk81

      @Benedikt wegen Tetris

      Bäh Tetris ^^
      Aber ich erinner mich noch sehr gut an F1 Race. Zu viert (!) im Zugabteil auf der Klassenfahrt. Was für ein Spaß ^^

      Cooler Beitrag!

    10. 10 Monika Armand

      Wasser auf unsere Mühlen ;-) ) und wieder ein Stück der Wahrheit näher. Guter Beitrag und schöne Ergänzung, d.h. mein Trackback hier: Müssen Kinder ballern und sich prügeln? Ja, sagt Thomas Hartmann:
      AKTUELL !
      Nachtrag IV vom 04.09.2008: Benedikt Köhler berichtet in seinem Blog “Viralmythen”:

      * Fünf Irrtümer über Computerspiele

      “Ein Beitrag für all jene, welche Computerspiele mit dem Untergang des Abendlandes gleichsetzen.”

    11. 11 Monika Armand

      Hier noch was von Herrn Spitzer:
      “Medienkompetenz auszubilden ist ein ganz großer Irrweg” – ein Erfahrungsbericht vom Symposium “Spielewelten der Zukunft”

      Wie man sieht….es geht auch ohne Wissenschaft, man braucht nur das Label “Neurowissenschaft” ;-) )))

    12. 12 medienfuzzi

      @Monika: Ja, das Label “Neuro” ist immer super: Am Besten gekoppelt mit ein paar schicken (wenn auch für das geschulte Auge total nichts aussagenden) Bildern von Gehirnen mit rot hervorgehobener Aktivierung, deren (vermeindliche) Interpretation dann alleine dem Vortragenden möglich ist: “Hier sehen Sie, dass WOW süchtig macht.”

      Ja, nee, klar. Wenn man dann mal wie ich selber die Riesenchance hat, eigene Untersuchungen mit neurowissenschaftlichen Verfahren zu machen (bei mir fMRI), stellt man ganz schnell fest, dass diese Aussagen totaler Blödsinn ist. Und dass Lästern über Herr Spitzer und seine neurowissenschaftlichen “Befunde” in der neurowissenschaftliche Community inzwischen zum guten Ton gehört.

    13. 13 Monika Armand

      Und dass Lästern über Herr Spitzer und seine neurowissenschaftlichen “Befunde” in der neurowissenschaftliche Community inzwischen zum guten Ton gehört.
      ….insbesondere, wenn Neurowissenschaftler erst noch dabei sind, das Lernen “neu” zu entdecken und Ergebnisse und Erkenntnisse produziert werden, welche schon längst zum alten Eisen gehören ;-) ))

      Da Spezies Mensch seinen Papierkorb im Gehirn so fleißig nutzt, fällt das niemandem so richtig auf. Na ja, Baden-Württemberg scheint hier noch genug Moneten für überflüssige Forschung zu haben…solange wir an der “Bildung” des Nachwuchses ordentlich einsparen können…

      Übrigens zur Zeit meines Erststudiums 1978-1981 hatte man dieselbe Diskussion, welche jetzt um Computerspiele & Co. geführt wird, mit ganz ähnlichen Argumenten um das “böse” Fernsehen geführt. Zwischenzeitlich “bauen” Lehrer darauf, dass Kinder einen größeren Teil ihres Wissens auch aus dem “bösen” Fernsehen gewinnen……

      Es lohnt sich, die “alte” Literatur dazu zu studieren und wer möchte der ersetzt das Wort “FErnsehen” durch “Computer / -spiele” und schon sind wir in unserem virtuellen Zeitalter gelandet….und machen ggf. ein Geschäft mit einem populärwissenschaftlichen Bestseller! ;-)

    14. 14 Fan

      Irren ist Menschlich … Hab auch wieder was gelenrt… man lernt nun ma nie aus…! ;)

    15. 15 chris

      Ob Computerspiele schlecht sind oder nicht, darauf kommt es doch nicht an … Spielen soll Spaß machen

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