Daily Archive for September 30th, 2008

Volker Beck, Hubertus Heil und die FDP – die Politik entdeckt die Macht des Mikrobloggens

Dienste wie Twitter werden für die politische Kommunikation noch eine große Zukunft haben. Davon bin ich überzeugt. In 140 Zeichen können hier Politiker in den direkten Dialog mit der Bevölkerung (momentan freilich noch: einer überdurchschnittlich gebildeten, kommunikationsfreudigen und technophilen Bevölkerung) treten und einen Einblick in den politischen Alltag bieten, für den es sonst kein Format gibt. Ungefiltert, authentisch und informell.

Wenn sie das Medium gut handhaben, können Politiker auf diese Weise abseits der Massenmedien politische Meinungen ausdrücken, die weder als der übliche glattgeschliffene Polit-Talk aufgenommen werden noch als peinliche Anbiederungs- und Missionierungsversuche. Letztlich geht es hier um eine Personalisierung der Politik ohne Populismus.

Volker Beck (Grünes Bundestagsmitglied) twittert zwar erst seit dem 17. September. Aber er scheint das Medium begriffen zu haben (oder einen guten Berater zu haben, mittlerweile hat Volker Beck mir per Twitter bestätigt, er habe keinen Twitter-Berater): Keine Pressemitteilungen, sondern authentisch wirkende Tweets (“Merkel steinmeiert jetzt auch in der Russlandpolitik“) und immer mehr Dialoge mit anderen Twitterati. Bislang hat er erst acht 61 121 Follower, aber das wird sich sehr, sehr schnell ändern.

Hubertus Heil (Generalsekretär der SPD) hat mit seiner Twitter-Berichterstattung von dem Nominierungsparteitag der Demokraten in Denver als erster dafür gesorgt, dass sich auch die deutschen Massenmedien mit dem Phänomen Twitter in der Politik auseinandersetzten. Die meisten Zeitungen haben entweder nicht verstanden, worum es bei diesem neuen Medium geht, oder aber sie haben eine vage Ahnung davon bekommen, dass hier völlig außerhalb des klassischen politischen Mediensystems ein neuer Kanal entsteht, mit dem sie nichts zu tun haben. Ein Monopol aus Insiderinformationen, Echtzeitinformationen und persönlichem Zugriff auf die Politiker geht allmählich verloren. Hubertus dagegen hat das Medium aber sehr gut verstanden. Politiker halten nicht nur Reden, sondern kaufen auch mal ein oder tanzen. Aber vor allem: sie reden mit anderen. Auch über Twitter. Die spannende Frage ist hier die Nachhaltigkeit dieser Kommunikation. Hubertus hat mittlerweile über 1.000 Follower. Ein beachtliches Netzwerk, das wiederum aus zahlreichen Multiplikatoren und Impulsgebern besteht. Es wäre spannend, hier nachhaltige Kommunikationsstrategien zu entwickeln, die über die Berichterstattung von einem Event und ein paar vereinzelten Nachzügler-Tweets hinausreichen.

Was macht die FDP mit diesem Medium? Immerhin versucht sie immer wieder, sich das Thema Innovation und Medien auf die Fahnen zu schreiben. Prominente Twitterer habe ich in den Reihen der Liberalen leider nicht gefunden. Immerhin gibt es aber einen Twitter-Account der Bundestagsfraktion, die im übrigen auch ziemlich rege bloggt. Leider werden die spezifischen Vorteile des Mikrobloggens nicht genutzt. Der Twitter-Feed der Bundestagsfraktion ist (im Augenblick noch) ein schnöder Newsticker, der auf neu eingestellte Beiträge der Homepage hinweist. Ganz selten wird ohne Link auf die Homepage getwittert oder auf andere Twitter-Nutzer reagiert. Aber immerhin scheint jemand die Reaktionen auf den Feed zu monitoren. Das ist nicht selbstverständlich. Mit dabei seit Ende August und erst 23 133 Follower. Das ist eindeutig ausbaufähig, insbesondere fehlt hier einfach eine authentische Stimme. Wer spricht hier überhaupt? In der Twittersphäre geht es um Dialoge, aber wer möchte sich schon mit Tickern unterhalten?

Das ist natürlich nur eine Auswahl aus dem guten Dutzend mir bekannter Politik-Twitterer in Deutschland, wozu dann noch einmal mindestens ebenso viele Fake-Accounts kommen. Welche Politiker-Tweets lest ihr am liebsten? Wird Twitter die politische Kommunikationslandschaft nachhaltig verändern?

Ach ja, und falls hier politische Kommunikatoren oder Politiker mitlesen: Ich würde mich gerne einmal mit euch über Erfahrungen und Potentiale des politischen Twitterns unterhalten.



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    Gerade bin ich auf ein Missverständnis, vielleicht auch eher eine Unschärfe gestoßen, die in vielen soziologischen Neue-Medien- bzw. Internettheorien zu finden ist. Tilmann Sutter schreibt in seinem Aufsatz über die Interaktivität neuer Medien folgendes:

    Die Nutzer von Computern interagieren nicht mit Personen, sondern mit Texten bzw. symbolischen Repräsentationen [...] Es geht nicht um Beziehungen zwischen konkreten Personen, die sich als Personen wahrnehmen und identifizieren, sondern um Intertextualität.

    Auf den ersten Blick naheliegend. Ich spreche auf Twitter, Facebook oder in einer Email nicht mit einer anderen Person, sondern tippe Buchstaben, die dann codiert und übertragen werden. Zwischen die Kommunikationspartner tritt also eine Vermittlung. Aber ist das nicht auch im Fall der Interaktion von Angesicht zu Angesicht der Fall? Auch in diesem Fall können keine Beziehungen ohne Codierung hergestellt werden. Schon mal mit jemandem unterhalten, der nur eine fremde Sprache spricht? Auch in diesem Fall wird ein Medium verwendet, denn die Bewusstseine werden nicht aneinandergekoppelt. Hier ist es kein elektronisches Medium, sondern ein akustisches. Die Stimmen werden durch die Luft als Schallwellen übertragen. Auch die Face-to-Face-Interaktion beruht also auf Technik, Codierung und Vermittlung.

    Ich würde sogar sagen, dass es ebenfalls symbolische Repräsentationen geschaffen werden. Das Timbre der Stimme, der Gesichtsausdruck, die Gesten – alles Beobachtungen, die mit Bedeutungen versehen und zu einer Repräsentation der anderen Person verdichtet werden. Wen oder was ich als “konkrete Person” wahrnehme, ist kulturell gerahmt und hängt von der Einübung bestimmter Kulturtechniken ab. Das Sprechen von Angesicht zu Angesicht hat gegenüber Twitternachrichten oder SMS einen unleugbaren historischen Vorteil. Das führt aber bisweilen dafür, dass man das Eingeübte mit dem Natürlichen verwechselt. Wenn ich nur lange genug twittere, komme ich allmählich dazu, den medialen Kontext auszublenden und spreche nicht mehr mit Avataren, sondern mit “konkreten Personen”.

    Dass es Unterschiede zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation (mit McLuhan vielleicht besser allgemein: visueller Kommunikation) gibt, bestreite ich gar nicht. Nur liegen sie nicht darin, dass die eine Form “konkreter” und im wahrsten Sinne des Wortes “persönlicher” sei als die andere.



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