Journalismus heißt Verhinderung von nutzergenerierten Inhalten

Manchmal bekomme ich den Eindruck, dass viele Journalisten sich nicht nur schwer tun mit nutzergenerierten Inhalten, sondern dass sie regelrecht versuchen, diese zu verhindern. Ein Beleg dafür sind die unzählbaren Hinweise auf die mangelnde Qualität von Blogkommentaren und Forendiskussionen (das ist mir erst heute wieder passiert, in einer Reaktion auf meinen Vortrag zu Wissenschaftsblogs auf dem Symposium “Wissenschaft im Dialog” in Bremerhaven), ein anderer Beleg ist die rigide Einschränkung der Kommentarfunktion auf der Webseite der Süddeutschen Zeitung.

Der Witz ist: Die Gegnerschaft von Journalisten und user generated content ist nicht neu. Nur hieß das früher nicht so, sondern trug die Bezeichnung “Leserbriefe”. Journalisten schreiben Artikel, Nutzer schreiben Briefe. Und damals wie heute genügte bzw. genügt der größte Teil der Rückmeldungen der Nutzer auf einen Artikel auf Focus Online genauso wie auf einen Artikel im gedruckten Politikteil der FAZ wohl kaum den Qualitätsvorstellungen von Journalisten.

Nur: Die meisten Leserbriefe werden nach wie vor nicht veröffentlicht, während sich einige Onlinepublikationen auf das Experiment eingelassen haben, alle Reaktionen der Leser (sofern sie im Einklang mit der Verfassung sind) zu publizieren bzw. nicht herauszufiltern. Ich bin überzeugt: Eine Vollpublikation von Leserbriefen würde bei den meisten Lesern genau dasselbe gruselige Gefühl hervorrufen wie die 1134. Mac-vs-Windows-Debatte in einem heise-Forum.

In diesem Sinne bedeutet Journalismus dann unter anderem auch, nutzergenerierte Inhalte zu verhindern.

Ich meine das nicht einmal negativ, denn es wird wahrscheinlich auch in Zukunft eine Nachfrage nach solchen “sauberen” Textbiotopen geben, in denen suggeriert wird, wir befänden uns in einer Habermas’schen Utopie eines rationalen Diskurses. Das ist aber eben nur eine Scheinwelt, die mit der tatsächlichen Art und Weise, wie Menschen denken, was sie sich wünschen etc. nicht viel zu tun hat. Ein Blick auf die beliebtesten Begriffe in der Google-Suche zerstören diese Illusion sehr schnell. Manchmal möchte man das auch gar nicht alles wissen. So eine Art Traumfabrik. Und Traumfabriken werden wohl auch in Zukunft noch nachgefragt werden.



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  • 2 Responses to “Journalismus heißt Verhinderung von nutzergenerierten Inhalten”


    1. 1 Daniel Schultz

      Peter Steinlechner erklärte die Position von Golem.de in seinem Vortrag “Online-Journalismus im Wandel von Web 2.0″ anlässlich des VWC.

      Die Redakteure erstellen gegen Wochenende extra einen Aufreger, damit die Trolle bis Montag etwas zum spielen haben. Er hatte allerdings Bedenken geäußert, denn so etwas kann einem ja schnell entgleiten.

      Es ist schon irgendwo eine Ehre ein paar Trolle zu haben, füttern sollte man sie aber trotzdem nicht.

    2. 2 Zweistein

      Da sind Sie aber zu kurz gesprungen! Als Provokation aus der DDR-Mottenkiste mag das ja noch taugen, als fundierte Argumentation aber sicherlich nicht. Es ist doch unbestritten, dass jeder sagen und schreiben darf, was er möchte. Gleichwohl darf man sich doch über die Qualität Gedanken und muss sich möglicherweise sogar Sorgen darum machen.

      Ganz im Gegenteil: Wenn Journalismus nicht auch Förderung von nutzergenerierten Inhalten heißen würde, sähe die Medienlandschaft in Deutschland ziemlich ärmlich aus!

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