Ich habe die Zukunft der Nachrichten gesehen

In Zukunft werden Schlagzeilen von uns selbst gemacht. Im Internet.

Immer wieder wird im Zusammenhang mit neuen Medien die Frage gestellt: Wie sehen die Nachrichten der Zukunft aus? Oder: Wie sieht die Zukunft der Nachrichten aus? Ich denke eine denkbare Antwort auf diese Fragen sieht in etwa so aus:

Oder so:


Toronto Explosion from photojunkie on Vimeo.

Diese Bilder, beide anscheinend mit einer Handykamera aufgenommen, zeigen die Explosionen, die sich gestern Nacht anscheinend in einer Fabrik im kanadischen Toronto ereignet haben. Die Filme wurden gleich nach dem Aufnehmen ins Internet hochgeladen, per Twitter und Blogs bekannt gemacht, wodurch sie dann auch bald auf dem Blog einer Tageszeitung landeten. Kein Fernsehsender, kein Radiosender und schon gar keine gedruckte Zeitung kommt an diese authentische Unmittelbarkeit heran. Man meint die Angst und Verunsicherung des mitten in der Nacht aufgeweckten Augenzeugen in dem Wackeln und Zittern der Kamera wiederzufinden. Mittlerweile haben bereits 62,135 Youtube-Nutzer diese Bilder gesehen.

So werden in Zukunft Schlagzeilen gemacht. Das Prinzip heißt “publish, then filter“. Die rohen Eindrücke werden von Augenzeugen ins Netz gestellt und erst viel später wird dann nach der dazu passenden Story (“Was ist der Fall? Was steckt dahinter?”) gesucht (ähnlich hat das vor kurzen auch im Fall des Erdbebens funktioniert). Die Leser oder Zuschauer sind also zunächst völlig auf sich selbst gestellt, diese Bilder zu interpretieren. Dass dieser Medienwandel auch seine Schattenseiten hat, darauf weist Jeremiah Owyang in seinem Blog hin:

1) Sources may panic, and over or under state the situation. 2) Determining who is a credible source is a challenge, 3) Echos from the online network may over pump or mis-state very important facts that could impact people’s safety.

Damit wird jedoch wieder einmal deutlich, was es bedeutet, in einer entwickelten Mediengesellschaft (“Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien”, hat es Niklas Luhmann damals in seiner unnachahmlichen Eleganz auf den Punkt gebracht) zu leben: Die Bilder und Geschichten, die wir wahrnehmen, sind nicht mit unseren eigenen Augen gesehen, sind nicht selbst erlebt, sondern technisch vermittelt. Techniken wie die Druckerpresse, der Journalist oder hier die Handykamera und das YouTube-Distributionssystem ersetzen oder ergänzen unsere Sinnesorgane, ohne dass wir uns sicher sein können, dadurch einen unverzerrten Blick zu haben. Der Vergleich dafür fehlt uns.

Wir waren also im Umgang mit Medien schon immer aufgefordert, nach guten Gründen zu suchen, einer Geschichte oder einem Bild zu vertrauen. Medien sind keine neutralen Abbildapparate, sondern perspektivische Filter. Nur konnte diese Aufgabe des aktiven Herstellens von Vertrauen durch Routinen und Shortcuts wie dem professionellen Journalismus oder der Reputation von Zeitungen erleichtert werden. Durch soziale Medien wie Twitter, Blogs und Youtube lernen wir wieder (manchmal ist dies schmerzhaft): Das alles waren nur Abkürzungen, auf die wir uns keineswegs blind verlassen sollten. Beim Betrachten von Nachrichtensendungen und beim Lesen der Tageszeitung haben wir das natürlich auch schon gewusst, konnten diesen Zweifel jedoch durch Systemvertrauen ersetzen. Bei sozialen Medien ist das nicht mehr möglich.

Können wir jetzt bitte die Debatte über die unkreative Blogosphäre, die nur die Inhalte der Qualitätspresse wiederkäut, beenden?



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  • 36 Responses to “Ich habe die Zukunft der Nachrichten gesehen”


    1. 1 Nils Hitze

      Wow. Heavy. Guter Artikel, danke.

    2. 2 Till

      Und jetzt Luhmann: “alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Massenmedien”. Also die klassische Debatte über Teilöffentlichkeiten und den Verlust der Synchronisation öffentlicher Meinungen.

    3. 3 ad

      Jepp, sehr gut!

    4. 4 Frank Tentler

      Hervorragender Beitrag! Bringt die Entwicklung der Social Media auf den Punkt. Dieser Prozess ist in meinen Augen auch nicht reversibel da er logisch für den User ist: es wird ihm technisch immer mehr erleichtert direkt zu partizipieren. Und der Wunsch nach Mitteilung unikater, persönlicher Erlebnisinhalte ist anscheinend in uns als soziale Wesen manifestiert. Ob der Inhalt auch für andere interessant ist, zeigt dann dessen Wahrnehmung und Erweiterung.

    5. 5 HerrK

      Schöner Beitrag dem ich nur zustimmen kann. Der nächste Gedanke der mir bei den Videos gekommen ist (speziell das in YouTube), wieviel Geld der wohl bekommen hätte wenn der das Video irgendeinem Fernsehsender angeboten hätte? ;)

    6. 6 Benedikt

      @HerrK Stimmt! Nur dann hätte er wahrscheinlich sehr viel weniger Aufmerksamkeit bekommen. Gibt es hier einen Trade-Off Geld vs. Aufmerksamkeit?

      @Frank Relevanz entsteht im Auge des Betrachters. Bislang haben Redakteure bestimmt, was relevant ist und was nicht. Jetzt gibt es viele andere Kanäle, für die das nicht gilt. Der Nachteil: in einigen Systemen bilden sich neue Zensurorgane heraus, die über Relevanz urteilen, z.B. in der Wikipedia. Diese Amateur-Zensoren sind oft noch viel schärfer als die professionellen Gatekeeper.

    7. 7 Michael Kostic

      Hallo,

      also da hast Du präzise (fast) alle meine Bedenken hinsichtlich des aktuellen Systems hervorragend auf den Punkt gebracht. Fasziniert und erschreckt stellte ich erst letztlich fest, dass wir fast schon in der Welt der Filmversion von “The Running Man” angekommen sind (und zwar deutlich vor der prognostizierten Zeit). Erst vor kurzem haben wir einen weiteren sehr aufschlussreichen Disput mit IT-Fachkräften hinsichtlich solcherlei Meldungen gehabt: >http://www.sueddeutsche.de/bayern/artikel/902/173387/<

      Das Resultat war erschütternd. Kein Verstehen, keine Einsicht und schon gar Interesse an einer substanziellen Reform. Nur der O-Ton: “Solange ich die Technik besser beherrsche als die Anderen, hat meine Familie nichts zu befürchten!”

      Und die Nutzer? Die realisieren nicht einmal wie extrem leicht all diese Daten manipuliert werden können (teilweise schon werden). Sie machen sogar fleißig mit und jubeln noch über die angebliche Freiheit des Netzes und/oder der Netzwerke selbst. Es wird über Relevanz diskutiert, wie wunderbar.

      Doch was sehen wir hier? Explosionen bei Nacht? Nein. Lediglich helle und dunkle Pixel. Wo die herkommen? Wer will das verbindlich feststellen? Wer macht sich die Mühe der Recherche, ob die Aufnahmen authentisch sind? Wie viele Fabriken gibt es in Kanada die derart explodieren können? 5, 10 oder gar 100? Wie viele Aktienkurse sind davon weltweit betroffen? Der von einer, oder der von fünf solcher Firmen, auch wenn bei denen nichts passiert ist? Könnte es nicht passieren? Das ist ja alles so plastisch, so real! Wie viele Arbeitsplätze wird das oben gezeigte Video wirklich kosten? Wie viele Existenzen wird es tatsächlich vernichten?

      Diese Form der Veröffentlichung von Inhalten bringt uns keine Freiheit, es beraubt uns dieser nachhaltig. Wenn überhaupt ist dies relevant.

      Ohne oder mit Computer, konnte die Aufklärung den Glauben nicht ernsthaft in Frage stellen…

      Gruß

    8. 8 Matthias Schwenk

      Guter Artikel und gut, wenn die Soziologen (und nicht die Betriebswirte) darüber schreiben. Was mir dazu aber einfällt: Etablierte Medien mit einer starken Marke haben im Web eine einzigartige Chance – denn im “Nachrichtenchaos” des Internets werden wir mehr denn je auf Filterfunktionen, substantielle Hintergrundinfos, geprüfte Links und adäquate Zusammenfassungen angewiesen sein. Und das soll kein Plädoyer gegen obige Videos und den neuen Amateur-Journalismus sein: Im Gegenteil – Alt und Neu müssen nur zusammenfinden.

      Derzeit sitzen die etablierten (Holz-) Medien allerdings noch relativ arrogant und beleidigt auf den dahinschmelzenden Pfründen der alten Zeit und verweigern den vorurteilsfreien und konstruktiven Blick in die Zukunft. Und solange sich das nicht ändert, wird die Debatte um die “unkreative Blogosphäre” auch nicht beendet sein, fürchte ich.

    9. 9 Stefan Jacobasch

      “Die rohen Eindrücke werden von Augenzeugen ins Netz gestellt und erst viel später wird dann nach der dazu passenden Story gesucht”

      Und wer liefert die “passende Story”? “Wir” = die User? Oder doch wieder die Journalisten?
      Im Hochladen von Augenzeugenvideos kann ich noch keinen Nachrichtenwert erkennen. Erst das Einordnen und Bewerten macht aus einem Vorfall eine Nachricht.
      Das müssten nicht unbedingt Journalisten machen. Aber die beiden Videofilmer in Deinem Beitrag haben aus ihrem Material definitiv keine Nachricht gemacht. Nur möglichst zeitnah rohe Eindrücke zu liefern, ist wenig wert.
      Als Bürger von Toronto hätte ich vermutlich das Lokalradio eingeschaltet, um etwas über die Explosion zu erfahren. Oder ich hätte die Webseite der Lokalzeitung aufgerufen. Aber ich hätte bestimmt nicht auf YouTube und Co gesetzt.

    10. 10 Benedikt

      @Stefan: Aber natürlich hat das Hochladen von Augenzeugenvideos Nachrichtenwert. Es hebt sich als Figur vom Grund ab ist keine Wiederholung. Ich würde es mir nicht anmaßen, über den Wert (“wenig wert”) dieser Information zu urteilen, der hängt schließlich davon ab, wer diese Nachricht in welchem Zusammenhang abruft.

      Mag sein, du hättest vielleicht als Bürger von Toronto Lokalradio und Lokalzeitung genutzt, nur hättest du dann diese Nachrichten erst ex post bekommen. Insofern schlägt dieses neue “Sendesystem” alle bisheringen in Punkto Aktualität. Und das ist schließlich im Nachrichtengeschäft eine nicht ganz unwichtige Größe.

    11. 11 Benedikt

      @Matthias: Du hast Recht, die meisten Printmedien befinden sich erst in der zweiten oder dritten der Kübler-Ross’schen Sterbephasen: http://www.pflegewiki.de/wiki/Sterbephasen_nach_K%C3%BCbler_Ross

    12. 12 Benedikt

      @Michael Ich würde das Ganze aber so ergänzen, dass wir nie sehr viel mehr sehen als Pixel oder Tintenkleckse. Leben in einer Mediengesellschaft bringt es nun einmal mit sich, dass wir in Realitäten leben, die von anderen übermittelt und geformt werden. Aufklärung heißt, dies zu erkennen. Eigentlich ist es doch so einfach: “berichten” hatte anfangs die Wortbedeutung “etwas richtig machen / richten”. Jeder Bericht versucht, Beobachtungen so “richtig” zu machen, dass eine plausible Geschichte dabei herauskommt. Aber es bleibt eine Geschichte. Durch den Instantcharakter von sozialen Medien und die sehr viel bessere Nachvollziehbarkeit ihrer Revisionen wird das deutlich. Dort sehe ich einen Beitrag der sozialen Medien zur Aufklärung. Nur wird dadurch leider nichts einfacher, sondern vieles komplizierter.

    13. 13 Matthias Schwenk

      @Stefan Jakobasch: Der Ausdruck “rohe Eindrücke” gefällt mir gut! Ob daraus eine Nachricht wird, entscheidet sich im Internet meines Erachtens einfach dadurch, wie viele Leute sich so etwas ansehen und wie weit es viral verbreitet wird. Wobei ich fürchte, dass der bloggende Soziologe hier mit dieser einfachen Definition nicht zufrieden sein dürfte…

    14. 14 Benedikt

      Matthias, der bloggende Soziologe ist eigentlich mit dem Begriff “rohe Eindrücke” nicht so richtig glücklich, das war natürlich eine Vereinfachung, die nur dann sinnvoll ist, wenn man diese neue Art von Nachrichten mit klassischen Formaten wie der Tagesschau vergleicht. Was sollen rohe Eindrücke denn überhaupt sein? Im Beispiel der beiden Explosionsfilme steckt ein gewaltiges Netzwerk von Technologien, Akteuren, Deutungsversuchen, Geldströmen zwischen den “rohen Eindrücken” und den abrufbaren Videos. Alles, was auf irgendeine Weise mit Medien in Berührung kommt, ist nicht mehr roh. Was allerdings stimmt ist, dass es sich bei den Amateurvideos um andere Formate handelt als beispielsweise einen Einspieler in der Tagesschau. Es gelten andere Regeln, Ausdrucksformen, Sprechweisen etc.

      Was den Nachrichtenbegriff betrifft, ist die Wikipediadefinition gar nicht schlecht: http://de.wikipedia.org/wiki/Nachricht Es geht also um so etwas wie ein Signal mit Neuigkeitswert (eigentlich dasselbe wie Information). Es ist also nur dann keine Nachricht, wenn es niemand wahrnimmt (ein Tropfen Meerwasser im Ozean).

      Wenn man die Definition zu grundlegend ansetzt, kann man sehr schön die Verarbeitung von Nachrichten in den Massenmedien und sozialen Medien kontrastieren und dann z.B. zu den zitierten viralen Effekten kommen.

    15. 15 Stefan Jacobasch

      @Matthias Schwenk: Mir gefiel die Formulierung “rohe Eindrücke” auch ganz gut; hab ich so bei Benedikt gelesen ;-)

      Aber lasst uns mal über den Begriff “Nachricht” nachdenken. Laut Wikipedia bezeichnet er “ursprünglich und in der Alltagssprache die Mitteilung eines Ereignisses”. Benedikt scheint ja “ein Signal mit Neuigkeitswert” bereits ausreichend zu sein. Ich finde beides ziemlich dürftig.

      Die beiden hier gezeigten Videos können wir in einen Kontext stellen, weil die Nachricht von der Explosion bereits um die Welt ging. Was sagen uns aber die Videos, losgelöst von den sie begleitenden Meldungen in den traditionellen Medien? Was steuern die Videoamateure an Informationen bei? Außer, dass sie ihren Beiträgen einen Titel geben (“Toronto Explosion”) kann ich da nichts finden. Sorry, aber das ist doch im so genannten Informationszeitalter ein bißchen wenig. Da ist es auch völlig egal, welch “gewaltiges Netzwerk” zum Einsatz kommt, um uns die Filme zugänglich zu machen.

      Nebenbei, ein bißchen fühle ich mich an den Trailer für “Cloverfield” erinnert. Der liefert auch Eindrücke, die man nicht einordnen kann – bzw. nicht soll, damit die Spannung erhalten bleibt und man sich den Film ansieht. Aber mein Anspruch an Nachrichten sehen anders aus. Da will ich die klassischen Fragen beantwortet haben: Was ist wann, wo, wie, durch wen und warum passiert? Und die Übermittlung dieser Informationen darf auch ruhig ein paar Stunden dauern, wenn ich mir dann ein genaueres Bild machen kann.

    16. 16 Benedikt

      Stefan, wie würdest du dann Nachricht definieren?

      Im Grunde beobachten wir beide dasselbe: Auch wenn die Explosionsbilder mit Titel “Toronto Explosion” sich deutlich von massenmedial verarbeiteten Nachrichten unterscheiden, hat das die Leute nicht daran gehindert, die Bilder über Twitter und Blogs zu verbreiten. Das ist doch genau das Neue.

      Die klassischen Fragen bringen dann aber immer die Interpretationen anderer ins Spiel. Nur das Wann ist wahrscheinlich konsensuell (Timecode). Der Rest ist Deutung, über deren Hintergründe ich fast immer viel zu wenig weiß. Siehe Georgienkrieg.

    17. 17 Matthias Schwenk

      Benedikt, die “rohen Eindrücke” beziehen sich vermutlich allein auf das unmittelbare Erleben eines Ereignisses, das eine solche emotionale Qualität bekommt, dass man beschließt, es medial weiterzuvermitteln (etwa es zu filmen und das Video dann auf YouTube zu stellen).

      Der technologische und infrastrukturelle Kontext spielt dabei noch keine Rolle, weil vermutlich der gebotene Reiz erst eine gewisse Reaktionsschwelle überschreiten muss, so dass es in der Folge zu den von Dir beschriebenen Vorgängen kommt. Treten diese ein, passt der Begriff natürlich nicht mehr.

      Dann haben wir es in der Tat mit einem erstaunlich komplexen Wirkungszusammenhang von Technologien (Hardware, Software…), Kenntnissen bzw. Fertigkeiten (im Umgang mit Technologie), Verträgen und Dienstleistungen sowie am Ende einem offenen Beziehungsgefüge zu tun, in dem dem Sender der Information meist gar nicht klar oder bewusst ist, wie viele Empfänger letztlich seine Botschaft wahrnehmen.

      Eigentlich verrückt, was wir Menschen dabei sind zu schaffen, oder?

    18. 18 Tom

      “rohe eindrücke” sind nicht nur nicht poliert und “veredelt”, oft einfach nur rau und grob.

      über twitter hab ich das ganze erfahren. ist ja wie stille post. oder wie im borgschiff. klar verstärkt sich das eine oder andere thema. nur ist die frage, was stelle ich mit diesen bildern / informationen an?

      ich geb sie weiter, diskutiere drüber. ignorieren kaum möglich – hab ichs doch gelesen. aber dieses injizieren von kriegs/explosions/etc. -bildern geht weit über die möglichkeiten des brachial-langsamen tv hinaus: im positiven, weil ich über ein vertrauensnetz und interessengesteuert inhalte mixe. im negativen aus dem gleichen grund.

      matthias sagt oben: “dem sender wäre nicht bewusst, wieviele [welche] empfänger die information erhalten” ich denke, am anfang der prozesskette steht unbedingt eine art mitteilungsbedürfnis, soziale faktoren etc. – die intention des senders ist nicht sofort klar (weniger genau zu verorten im vergleich bspw. zu medienkonzernen) d.h. ich kann durchaus gefährliche “meldungen” in den infostream der anderen injizieren.

      andererseits habe ich die hoffnung, dass solche kleinen infodronen dem saurier-tv das wasser abgraben. nur findet der “krieg im fernsehen” (virilio) nun noch direkter, schneller und roher zu uns.

    19. 19 Stefan jacobasch

      @Benedikt: Eine befriedigende Definition für den Begriff “Nachricht” kann ich leider auch ich bieten. Aber vielleicht können wir uns ihr nähern mit der Frage, wie groß der “Wert” einer Information ist. Da sind wir offenbar verschiedener Meinung.

      “Auch wenn die Explosionsbilder … sich deutlich von massenmedial verarbeiteten Nachrichten unterscheiden, hat das die Leute nicht daran gehindert, die Bilder über Twitter und Blogs zu verbreiten.”

      Darin sehe ich noch keine Bedeutung für unsere Diskussion. Ich selbst habe z.B. durch Mails und den Einbau in eine Webseite dazu beigetragen, dass sich die Videos von Simons Cat verbreiten. Einer der mittlerweile drei Filme wurde fast 6 Mio. mal gesehen! Das mag für sich schon wieder eine Nachricht sein, aber das macht die Filme als solche natürlich noch nicht nachrichtlich.

      Was die Explosion in Toronto angeht, so kann ich den Nachrichtenwert eines Beitrags daran messen, wie viele Fakten mir mitgeteilt werden. Die beiden Videos liefern neben dem reinen Bildmaterial kaum Fakten. Der ebenfalls von Dir verlinkte Zeitungsblog liefert auch kaum Informationen, verlinkt aber immerhin auf weiterführende Zeitungsmeldungen. Deren Nachrichtenwert halte ich für deutlich höher.

      Du schreibst: “Die klassischen Fragen bringen dann aber immer die Interpretationen anderer ins Spiel.” Das sehe ich anders. Von einem Nachrichtentext erwarte ich erst einmal möglichst viele Fakten. Natürlich liefert mir ein Journalist auch Interpretationen, aber die wesentlichen davon erfolgen doch bei mir (= dem Leser).

      Im Falle der Explosion gehören zu den Fakten: In Toronto ist am 10.8.08 eine Propangas-Fabrik explodiert. 12.500 Menschen wurden für Stunden evakuiert. Ein Feuerwehrmann starb während der Löscharbeiten. Ein Arbeiter wird vermisst. … usw. usw. Je weiter das Ereignis zurück liegt, um so mehr Informationen werden uns vermutlich noch vorgelegt.

      Je mehr dieser Daten ich erhalte, umso höher ist der Wert einer Meldung für mich. Das hat noch nichts mit Interpretation oder Deutung zu tun; die Daten ermöglichen aber eine solche.

    20. 20 Matthias Schwenk

      Benedikt hat recht: Die (jungen) Leute sagen nicht mehr, hey, da ist wohl eine Explosion passiert, lass uns mal im Radio oder Fernsehen schauen, ob was darüber berichtet wird. Statt dessen fangen an aus ihrer Betroffenheit heraus selber zu berichten an.

      Ob das im Einzelfall viel ist oder eher dürftig, ist eine Frage der Interpretation bei den Empfängern. Und da werden wir wohl lernen müssen, dass etwas, das dem geschulten und professionellen Auge weh tut, für andere durchaus zufriedenstellend ist.

      Tom macht in seinem Kommentar ja deutlich, dass nicht mehr jeder auf die Tagesschau wert legt! Aus Amerika stammt das Zitat (ich weiß leider nicht mehr von wem genau), dass ein junger Erwachsener gesagt haben soll, dass wenn eine Nachricht wirklich wichtig sei, sei ihn schon irgendwie erreichen werde…

    21. 21 Benedikt

      @Tom Der Verweis auf Virilio ist wichtig. Damit wird deutlich, dass diese nutzergenerierte Nachrichtenwelt, die da auf uns zukommt, keine schöne Welt sein muss, sondern noch sehr viel schmutziger sein kann als das, was wir bisher auf dem Schirm hatten.

      @Stefan Ich würde nach guter alter kybernetischer Tradition den Wert einer Nachricht ganz unabhängig von ihrem Inhalt danach bemessen, wie unwahrscheinlich eine Nachricht/Information ist. Also negative Entropie.

      Was du beschreibst, ist dann die Bewertung durch den Nutzer, aber auch durch das System der Massenmedien. Da spielen dann andere Faktoren eine Rolle, z.B. der Neuigkeitswert, der Konfliktgehalt, Zahl der Betroffenen, lokale Nähe, Skandalisierungsfähigkeit etc. Also all das, was Luhmann als Selektoren beschreibt, mit deren Hilfe sichergestellt wird, dass die Massenmedien ihre Funktion erfüllen können, die Verbreitung von “Ignoranz in der Form von Tatsachen, die ständig erneuert werden müssen, damit man es nicht merkt”.

      @Matthias: Das “ihn schon irgendwie erreichen werden” beschreibt genau das Gegenteil wie der alte verwunderte Ausspruch, dass jeden Tag auf der Welt exakt so viel passiert, wie in eine Tageszeitung hineinpasst.

    22. 22 Stefan Jacobasch

      @Matthias Schwenk: “Die (jungen) Leute sagen nicht mehr, hey, da ist wohl eine Explosion passiert, lass uns mal im Radio oder Fernsehen schauen, ob was darüber berichtet wird. Statt dessen fangen an aus ihrer Betroffenheit heraus selber zu berichten an.”

      Dagegen habe ich im Prinzip nichts. Außer vielleicht, um nochmal zum Thema “Nachrichtenwert” zurück zu kommen: Aus Betroffenheit heraus etwas zu berichten, ist eine schlechte Ausgangslage. Lasst Euch das von mir altem Sack (43) sagen, der mal Anfang der 80er Jahre in der so genannten “Alternativpresse” mit dem Schreiben angefangen hat. Deren Grundsatz sah so aus, den “etablierten Medien” etwas “von unten” entgegen zu setzen. Die entsprechenden Medien sind schon lange vor dem Aufstieg des Internets verschwunden, und das ist rückblickend auch kein Verlust. Einfach deshalb, weil die Alternativpresse in der Mehrheit handwerklich so unglaublich schlecht war. Es wäre für Medienhistoriker eine schöne Aufgabe, die alternativen Medien der 70er/80er mit den neuen Medienformen des Internets zu vergleichen. Da lassen sich viele Parallelen entdecken.

      YouTube und Twitter – wenn das “die Zukunft der Nachrichten” sein soll, dann ist das eine traurige Zukunft. Ich mag mir keine Zukunft vorstellen, in der wir uns gegenseitig Infoschnipsel zusenden und jeder zu interpretieren, zu deuten, zu kommentieren beginnt, ohne sich vorher einen Überblick verschafft zu haben.

    23. 23 Michael Kostic

      @Benedikt:

      Was stand gleich am Ende der Demokratie?

      “….Leben in einer Mediengesellschaft bringt es nun einmal mit sich, dass wir in Realitäten leben, die von anderen übermittelt und geformt werden. Aufklärung heißt, dies zu erkennen….”

      Nach dieser Definition existiert, in Relation zur Gesamtbevölkerung, keine Aufklärung…

      “….Dort sehe ich einen Beitrag der sozialen Medien zur Aufklärung….”

      In meinen Augen sind Menschen wie Du nicht das Problem. Du zeigst dich im Netz, bist quasi in der Virtualität ebenso existent wie in der realen Welt. Aber es werden eben immer größere Mengen an Informationen nicht nur anonym sondern auch ähnlich professionell dargestellt wie in der vermeintlich seriösen Presse. Gleichzeitig täuschen immer mehr (vor allem die sog. sozialen) Plattformen Realität vor. Oder einmal anders formuliert. Innerhalb eines Verlages (manipuliert oder auch nicht) müssen dennoch alle Beteiligten bedenken, dass ihre Existenz davon abhängt was und wie sie es berichten. Dies führt üblicherweise dazu das die dort Tätigen sich lieber einmal zu viel an die ungeschrieben Gesetze halten, als einmal zu wenig. Stichpunkt “Mainstream Medien”. Die sog. Freiheit der Netze hat das Potenzial diesen klar erkenn- und erklärbaren Mechanismus komplett zu verdrängen. Es wird der Tag kommen da lohnt es sich (rein ökonomisch) schlicht nicht mehr Kamerateams oder gut ausgebildete Journalisten zu beschäftigen. Man wird immer mehr auf die jederzeit verfügbaren Hobbyinformanten zurückgreifen. Nur das dann nicht mehr überprüfbar ist, von wem die Information tatsächlich stammt.

      “….Nur wird dadurch leider nichts einfacher, sondern vieles komplizierter.”

      Ich würde sogar so weit gehen festzustellen, dass es einiges gänzlich unmöglich/unverantwortbar macht (Siehe den verlinkten Zeitungsartikel oben).

      Gruß

    24. 24 Matthias Schwenk

      Bald diskutieren wir hier den Untergang des Abendlandes… ;-)

      Um die Journalisten hier zu beruhigen: Es wird auch in Zukunft einen Markt für sauber recherchierte und aufbereitete “Nachrichten” geben. Allerdings könnte die Zahl der Arbeitsplätze in diesem Kontext deutlich rückläufig sein (aus Redundanzgründen). Leider.

      Parallel dazu werden im Social Web “Nachrichten” von jedermann produziert und verbreitet werden. Den Empfängern bleibt es überlassen, darüber zu urteilen was sie für glaubwürdig halten bzw. was sie davon überhaupt zur Kenntnis nehmen wollen.

      In den 80er Jahren warnte uns Neil Postman davor, dass wir uns (vor den Fernsehern) zu Tode amüsieren würden! Ist es so gekommen? Nein. Und deshalb bleibe ich gelassen und sehe weder das Ende der Demokratie, noch das Ende des Journalismus kommen…

    25. 25 Michael Kostic

      @Matthias Schwenk:

      “Bald diskutieren wir hier den Untergang des Abendlandes… ;-)

      Wozu? Ist doch bereits zu spät :-)

      Ich gehe derzeit davon aus das sich das Ganze noch viel extremer in diese Richtung entwickeln wird: >http://www.stoibaer.de/olympiafake-2.html<

      Nur mit dem Problem das bald mittlere Konzerne (also nicht nur die ganz großen) und dann sogar Mittelständler diese Möglichkeit der Medienmanipulation für sich entdecken werden, insofern nicht in den Anfängen geordnet gegengesteuert wird.

      Einen wie auch immer gearteten Untergang zu unterstellen ist natürlich absolut überzogen. Jedoch solcherlei kritische Entwicklungen leichtsinnig zu relativieren, ist in meinen Augen wenigstens naiv/leichtfertig, wenn nicht gar grob fahrlässig.

      Die Möglichkeiten die uns dieses Medium bietet, sind nach wie vor beides:

      - Eine nie da gewesene Möglichkeit der Informationsgewinnung/Speicherung/Verteilung (z.B. Wiki’s), der Produktivitätserleichterung (nicht zwingend nur Steigerung) durch Kommunikationsverkürzung, bzw. die Steigerung der Innovationskraft durch Fachgebiet übergreifende Kommunikation.

      - Ein enormes Risiko für die gesamte Gesellschaft, vor allem dann wenn nur ein sehr kleiner Teil dieser nutzt und die überwältigende Mehrheit davon betroffen ist.

      Ein Bsp.: Ein großes Unternehmen setzt SAP zur Zeiterfassung ein. Hierdurch ergeben sich sehr viele positive Möglichkeiten der Effektivitätssteigerung. Aber es wird auch immer stärker der Machine überlassen wer präzise pünktlich ist (sekundengenau). Dies führt nachweislich zur automatisierten Entlassung derer die in 12 Monaten z.B. +1 Verspätungsminuten über z.B. 600 angesammelt haben (sind ja immerhin über 10 Std.!). In welchem Umfang dem Unternehmen hierdurch Schaden entsteht, ist schwer zu ermitteln…

      Bezogen auf das Thema ist es ja schon heute so das immer mehr Personalentscheider das Netz zur Recherche nutzen. Das die sozialen Netze jedoch keinerlei substanzielle Information in diesem Sinne vermitteln können, bleibt hierbei gänzlich unbeachtet. Zeig mir einen Personalentscheider der wirklich versteht wie leicht es ist digitale Medien zu manipulieren und ich zeige dir einen Ökonomen der seine eigene Nutzlosigkeit eingesteht…

      Es ist wirklich extrem komplex :-)

      Gruß

    26. 26 Tom

      mittagsgespräche: ein zentraler punkt in der diskussion hier ist, welches vertrauensverhältnis ich zu meinem “informationsbroker” habe.

      eigentlich organisiert sich das netzwerk “internet” ganz organisch. am ehesten mag ichs mit “web of trust” beschreiben: ein broker (ob blogger oder journalist oder unternehmen) erarbeitet sich reputation über die qualität seiner arbeit (inhalte). das ändert sich natürlich auch über die zeit.

      insgesamt wird sich ein neues gleichgewicht einstellen, dass bewertung von nachrichtenqualität unabhängig vom beruf des produzenten / brokers, sondern eher über seine “berufung” möglich macht. die technik wird helfen.

      raucherpausengedanken…

    27. 27 Michael Kostic

      Kleiner lustiger Nachtrag zum Thema Manipulation digitaler Inhalte:

      http://www.stoibaer.de/die-wahrheit-ueber-die-erste-mondlandung.html

      Gruß

    28. 28 Kroatien

      Ich bin gerade erst auf diesen Blog gestossen und finde die Diskussion über die Zukunft der Medien und der Art der Berichterstattung sehr spannend. Es wird sich letztlich zeigen, wie qualitativ neue Medien wirklich sind. Wenn ich mir viele you tube Videos ansehe, fällt oft deren Trivialität und Unprofessionalität auf. Gleichzeitig aber verschwindet das Monopol der klassischen Medien. Dieser Prozess bringt völlig neue Produkte und Kommunikationsformen mit sich. Die Frage die sich dabei aber stellt, ist, werden nicht auch diese neuen Medien wieder instrumentalisiert und zur ausschlisslichen Vermarktung benutzt?

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