Bitte notieren: Blogs sind keine Massenmedien

Die Zukunft wird sprechen (Goya 1803-24)

Die Zukunft wird sprechen

Was mir gestern auf dem Heimweg von dem Interview im Bayerischen Rundfunk, das natürlich mal wieder viel zu schnell vorbei gewesen ist, noch eingefallen ist: Das Thema der (mangelnden) Relevanz von Weblogs (siehe insbesondere hier, hier und diese Übersicht) zeigt eigentlich nur eines, nämlich, dass die Massenmedien das Prinzip Blog immer noch nicht annähernd verstanden haben.

Mittlerweile haben sie ein Verständnis für Onlinepublikationen entwickelt, sie lernen langsam, aber sicher das Verlinken, nutzen die Instrumente des Web 2.0. Aber von Weblogs haben sie keine Ahnung. Denn wenn man liest, an welchen Stellen aus der Sicht von Spiegel et al. Weblogs noch nicht ausgereift genug sind, um ihrer Bestimmung nachzukommen, dann wird auf einmal klar: Anerkennung würden Blogs erst dann finden, wenn sie genau so aussehen würden wie Spiegel Online, Focus Online oder Zeit Online. Mit Redaktion, professionellen Grafikern und dpa/ap-Meldungen. Ihr Erfolg würde sich dann darin messen lassen, eine ähnliche Reichweite zu besitzen wie die genannten Onlinepublikationen.

Genau darum geht es aber im Falle der Blogs gar nicht.

Nur die allerwenigsten Blogs werden jemals eine ähnliche Reichweite ausweisen können wie die großen Onlinemagazine. Das ist in den USA übrigens nicht anders. Die Blogs, die sich dann tatsächlich in Massenmedien verwandeln, werden allerdings auch nach einer ganz ähnlichen Logik arbeiten, mit einer Redaktion usw. Die meisten Blogs richten sich an sehr viel kleinere und vor allem speziellere Öffentlichkeiten zwischen 2 und 2.000 Personen. Keine Massenmedien, aber in ihrer Gesamtzahl durch die vielen sich überlappenden Öffentlichkeitsfragmente, die erreicht werden, durchaus ein Medium von Gewicht. In einigen Fällen werden dann sogar durch Vernetzung und virale Effekte Kampagnen möglich, die ein quasi-massenmediales Publikum erreichen können.

Bloggerinnen und Blogger sollten gar nicht – und in den wenigsten Fällen tun sie das – den großen Onlinemagazinen nacheifern, denn sie befinden sich historisch gesehen im Augenblick auf der richtigen Seite des Medienwandels. Ich spreche hier gerne von einem Metawandel, da es nicht nur um den Wandel einzelner Medien geht wie zum Beispiel im Fall der Onlineaktivitäten von Zeitungen und Zeitschriften, sondern weil sich meiner Ansicht nach das gesamte Koordinatensystem der Medienlandschaft ändern wird unter anderem in Richtung fragmentierte Öffentlichkeiten, kurzfristige Themenaffinität, dialogische Informations- und Wissensstrategien.

Blogs sind, was diese Themen Entwicklungen angeht, auf lange Sicht zukunftssicherer als der Versuch, die massenmediale Logik und ihre Reichweiten einfach ins Internet zu übertragen.

(Abbildung: Zeno.org)



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  • 12 Responses to “Bitte notieren: Blogs sind keine Massenmedien”


    1. 1 Björn Rohles

      Dem kann ich nur zustimmen, zumal ich bei nahezu allen Blogs, die ich interessant finde, beobachten kann, dass sie auch thematisch gar keine Massenmedien sein wollen. Sie richten sich an ein spezialisiertes Publikum, das in diesem Umfang von den Massenmedien gar nicht bedient wird. Und im Gegensatz zu den Massenmedien, bei denen man sich meist auf einige wenige beschränkt (Lieblingssender, Lieblingszeitung usw.), befinden sich in meinem RSS-Reader eine Vielzahl von Blogs. Die Stärke der Blogs liegt also in meinen Augen zum einen in ihrer Spezialisierung, zum anderen in ihrer Vernetzung mit anderen Blogs.

    2. 2 Stefan

      Ich gehe sogar soweit zu behaupten, das Internet selbst ist noch kein Massenmedium.

      Was in der Tagesschau im Ersten verkündet wird, hätte man wissen können. Wer auf die zugestaute Autobahn fährt, weil er keinen Verkehrsfunk gehört hat, ist auch selbst schuld.

      Aber welchen Internetseiten könnte man denn heute schon zugestehen, einen gesellschaftlichen Wissenshintergrund herzustellen?

      Jeder Internet-Nutzer surft mindestens einmal am Tag bei Google vorbei. Danach biegen man ab zu Ebay, YouTube, YouPorn oder Wikipedia – verkürzt: zu Pornografie und Katzencontent.

      Nein, nein, das Internet ist meiner Meinung nach kein Massen- sondern ein Individualmedium – und ich bezweifle stark, das sich das in naher Zukunft ändert.

    3. 3 Stefan

      Bitte das Plugin “WP Ajax Edit Comments” einbauen – dann kann ich meine Schreibfehler demnächst selbst korrigieren! :-)

    4. 4 Richard Joerges

      Professionelle Blogs {seesmic_video:{“url_thumbnail”:{“value”:”http://t.seesmic.com/thumbnail/ZSrQrsTNkR_th1.jpg”}”title”:{“value”:”Professionelle Blogs ”}”videoUri”:{“value”:”http://www.seesmic.com/video/UOnnykuab7″}}}

    5. 5 Nils Hitze

      Seesmic ist sowas von cool.

    6. 6 Richard Joerges

      @Nils Hitze: Yo, das isses! Aber es ist nicht ganz leicht punktgenau das zu sagen, was man sagen will. Beim Schreiben kann man sich schnell korrigieren. Bei seesmic muss man gleich den ganzen Kommentar neu aufnehmen.

    7. 7 Benedikt

      @Richard: Wie viele Anläufe hast du gebraucht? Vielleicht gibt’s irgendwann einmal auch eine Seesmic-Outtakes-Funktion.

    8. 8 Richard Joerges

      @Benedikt: Nur zwei. Aber ich habe gerade ein Seesmic-Video aufgenommen, bei dem ich acht oder neuen Takes gebraucht habe. Einmal hat das Fax losgerattert, dann kam mein Kollege plötzlich ins Zimmer, Twitter hat sich mehrmals mit einem lauten “Bling” gemeldet und das Telefon hat geläutet plus die ganzen Versprecher :-)

    9. 9 dfn

      Guten Morgen,

      bin via turi2 einmal hier gelandet und schaue seitdem öfter vorbei, um einen wissenschaftlichen und wie ich finde sehr interessanten Blick auf die Blogosphäre zu bekommen – auch wenn ich als (selbstverorteter) Nischenblogger eine derart professionelle Herangehensweise ans Bloggen entbehre.

      Der obige Artikel hat mir sehr gut gefallen, weil er dem Rechnung trägt und die Perspektive in favorem Bloggershausen gerade rückt: den Massenmediumanspruch, der im Spiegelartikel als Messlatte an den Tag gelegt wird, finde ich geradezu absurd, denn er verkennt u.a die genuine Motivation vieler Blogger, einfach aus Spaß an Kreativität (der eigenen wie auch der anderer) zu veröffentlichen – das auch die großen Online-Magazine diesem Element Rechnung tragen, zeigen die eingebauten Videos + sonstigen Snippets auf ihren Seiten, freilich immer ein wenig mit angezogener Handbremse, so dass man (aus Reputationsgründen+anderen Sachzwängen) an die anarchische Kreativität von Blogs nicht heranreicht. Der Vorwurf der unpolitischen Selbstreferenz ist für mich ein Totschlagargument – wer braucht schon vierzig Spiegel-Klone ?

    10. 10 /sms ;-)

      yeap! die huch!professionellen schurnalisten gegen “die” blogger. eine langweilige diskussion, welche wichtig ist, intensiv zu führen. weiterhin viel elan ;-)

    11. 11 Jörg

      @ Benedikt: sehr schöner Artikel – ich kann nur zustimmen.
      mich würde allerdings interessieren, inwiefern blogs interessant für PR, genauer Online Relations, sein können. Geht der mediale Wandel nicht soweit, dass die Massenmedien zunehmend an Relevanz verlieren?

    1. 1 web-funk.de » Die Selbstfindung der Blogosphäre «

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