Daily Archive for Juli 24th, 2008

Gespräch über “Deutschland, deine Blogs” im Bayerischen Rundfunk

Gleich mache ich mich auf zum Rundfunkplatz 1 (wird es irgendwann einmal auch einen Social-Media-Platz geben?), um auf on3radio, der Jugendwelle des Bayerischen Rundfunk, etwas über Politik in Weblogs und die Unterschiede zwischen Deutschland und den USA zu erzählen. Ich bin ja einmal gespannt, wieviel aus dem Fragenkatalog der Vorankündigung sich zweimal sieben Minuten Interview packen lassen:

In den USA prägen Blogs wie “Huffington Post” die Tagespolitik. In Deutschland übernehmen diese Aufgabe immer noch und fast ausnahmslos die klassischen Medien. Wenn es im Internet beachtenswerte Beiträge zu Debatten gibt, dann meist als zweitverwertete Stücke aus Radio, Fernsehen oder Zeitung. Derweil dämmern die deutschen Blogs vor sich hin, im aktuellen Spiegel werden sie als “unpolitisch und rechthaberisch, selbstbezogen und unprofessionell” bezeichnet. Wir fragen uns: Stimmt das? Und wenn ja: Woran liegt das?

Dr. Benedikt Köhler von der Universität der Bundeswehr München ist Soziologe mit Interessensschwerpunkt auf der Soziologie des Internets – und selbst Blogger. Heute ist er bei uns um Studio und wird sich mit Laury über deutsches Internet und deutsche Blogs unterhalten. Sind die deutschen Blogs, die deutschen Blogger wirklich so schlecht? Ist die Tatsache, dass in Deutschland nur wenige etablierte Journalisten ins Internet flüchten, anders beispielsweise als in Frankreich und den USA, nicht eigentlich ein Kompliment für die hiesige Medienlandschaft? Brauchen wir vielleicht gar keine Debatte im Internet, weil wir schon eine haben: in Radio, Fernsehen und Zeitung, mit Meinungen vom rechten bis zum linken Rand der politischen Lager? Wollen es die deutschen Internetnutzer vielleicht gar nicht anders, ist Politik im Internet für sie eher schnelle Information als große Diskussion? Und welche Rolle spielt das deutsche Parteiensystem, das nicht nur Demokraten und Republikaner kennt, sondern auch kleinere Parteien, die immer wieder neue Aspekte in große politische Debatten einbringen?

Eines dürfte aber klar sein: Der These, die deutschen Blogger seien “unpolitisch und rechthaberisch, selbstbezogen und unprofessionell” kann ich in dieser Form nicht zustimmen. Zumal es den deutschen Blogger oder die deutsche Bloggerin sowieso nicht gibt. Überhaupt: Je mehr sich das Medium Blog durchsetzt, desto schwieriger wird es, Gemeinsamkeiten zwischen den Nutzern zu finden. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass BloggerInnen früher oder später nicht mehr sehr viel mehr gemeinsam haben als die Briefe-Schreiber früher oder die Handynutzer heute. Was meint ihr?

Das Gespräch wird zwischen 17 und 18 Uhr hier auch online übertragen.



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    Meistens sind es gar nicht die neuen Gedanken, die einen brillianten Denker ausmachen. Oft ist es viel mehr die Fähigkeit, einen Gedanken so zu formulieren, dass seine Bedeutung, seine Folgen deutlich werden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Definition von “Kultur” wie auch “Kommunikation” (beide Begriffe gehören hier eng zusammen), wie sie Vilém Flusser vornimmt:

    Denn worum geht es in der menschlichen Kommunikation? Es geht darum, erworbene Informationen zu speichern, zu prozessieren und weiterzugeben.

    In diesem Satz steckt ein zutiefst antibiologisches Menschenbild. Der kommunizierende oder kulturschaffende Mensch lehnt sich gegen die Natur auf. Warum? Weil er damit bewusst gegen zwei Grundgesetze der Naturwissenschaften verstößt.

    Auf der einen Seite gegen den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, der besagt, dass das Universum immer wahrscheinlicher, immer gleichmäßiger verteilt wird, dass also die Unordnung oder Uninformation auf lange Sicht zunimmt. Das Speichern von Informationen ist genau das Gegenteil davon. Das steckt bereits im Begriff der In-Formation, des Einprägen einer Form in einen Gegenstand. Also: Herstellen von Ordnung.

    Auf der anderen Seite verstößt dieser Kultur- und Kommunikationsbegriff gegen die Mendelsche Regel, dass erworbene Informationen nicht genetisch weitergeben werden können. Kultur vererbt dagegen auch erworbene Informationen. Flusser bezeichnet dies treffend als Engagement gegen den eigenen Tod, so wie man auch den ersten Punkt als Engagement gegen die Unordnung – Philip K. Dick-Lesern auch als “Kipple” bekannt – lesen kann. Dennoch ist der Mensch beiden Prozessen unausweichlich ausgesetzt. In diesem tragischen Spannungsfeld findet menschliche Kommunikation statt. Kein Wunder, dass Flusser seine Kommunikologie als Forschungsfeld von universeller und grundlegender Bedeutung ansah.

    Was mich jetzt besonders interessiert und weshalb ich denke, dass es eine Philosophie der sozialen Medien geben müsste (wenn es sie nicht schon gibt): Welche Schlüsse lassen sich daraus für soziale Medien (social media) ziehen? Sind Blogs, Facebook-Profile, Twitter-Statusmeldungen und Lebensströme (man beachte den Namen!) wie Friendfeed nicht ebenfalls aus dieser Perspektive zu betrachten? Nur sind es nicht mehr außergewöhnliche Individuen (Künstler) oder professionell dafür zuständige Menschen (Journalisten), die sich um diesen anti-entropischen Prozess kümmern, sondern ganz gewöhnliche Leute.

    Welche Folgen hat diese Potenzierung der Kommunikationen? Auf der einen Seite könnte man positiv sagen, dass Computer und Internet noch viel mehr Scheinerfolge im Kampf mit der Entropie erlauben. Auf der anderen Seite ist jede derartige Ausweitung immer auch auf inflationäre Effekte zu befragen. Wird dadurch, dass ich immer mehr Handlungen meines Lebens über das Netz vermittle, nicht der Informationswert sinken? Wenn jeder bloggen würde, wäre das negative oder positive Entropie?

    Es heißt immer wieder: Das Internet vergisst nichts. Handelt es sich hier vielleicht um das bislang heroischste Projekt des Menschen in der Auseinandersetzung mit seiner eigenen condition humaine?



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