Die kommunistische Enteignungsmaschine

Klar, Heribert Prantl ist Jurist. Insofern liegt ihm das Urheberrecht am Herzen und die “Kommunikationswelt des 21. Jahrhundert” mit ihren digitalen Vervielfältigungsmöglichkeiten kann da nur als große Bedrohung wahrgenommen werden. Dass Wissen immer nur eine mehr oder weniger originelle Kombination aus bisherigem Wissen bzw. glücklicher Fehler darstellt und dass man sich mit jedem Satz auf die Schultern von Riesen stellt, passt da nicht hinein; postmoderne Überlegungen zum Tod des Autors ebensowenig. Gerade in Deutschland glaubt man also nach wie vor an das großartig-romantische schöpferische Individuum.

Zu der beschleunigten und entgrenzten Welt des Internetzeitalters, in der sich Individuen weniger über ihre Essenz als vielmehr über die für sie einzigartige Kombination sozialer Kreise definieren – der vernetzte Mensch – mag diese Vorstellung so überhaupt nicht mehr passen. Die Creative Commons-Lizenzen, obwohl in Sachen Urheberrecht konservativ, versuchen immerhin in Sachen Nutzungsrechten der Copy-Paste-Kultur einen großen Schritt entgegenzukommen.

Dass Prantl als Festredner der VG Wort das Internet als urheberrechtsfreien Raum skizziert, ist nur zu verständlich. Die VG Wort hat(te) die Absicht eine Mauer zu bauen (“Mauer aus Paragraphen”), nun wird sie durch die seltsam anonym bleibende “kommunistische” “Enteignungsmaschine Internet” eingerissen. Aber warum muss Prantl, der anderswo immer wieder als Grundrechteverteidiger gefeiert wird, dann das Internet einmal mehr als narzisstisches Entblößungsmedium zeichnen, in dem es nur den “Befriedigern sexueller Bedürfnisse” vergönnt sei, dort Geld zu verdienen. Insgesamt ist das Internet nach Prantl dadurch geprägt, dass man dort “alles macht, was man sonst nicht macht.”

Bitte, welche Seiten surft Herr Prantl denn im Internet an, um zu einem derartigen Eindruck zu gelangen? Was macht er im Internet? Ich habe das Gefühl, dass sich meine und seine Browserhistory doch ziemlich unterscheiden.

[UPDATE:] Die Auflösung ist ziemlich einfach: Wahrscheinlich surft er auf sueddeutsche.de.



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  • 11 Responses to “Die kommunistische Enteignungsmaschine”


    1. 1 Markus

      Es ist immer schlimm, wenn Menschen über Dinge schreiben, von denen sie entweder nichts verstehen, oder von denen sie nur ein partielles Wissen haben. Offensichtlich gehört auch Heribert Prantl dazu, zumindest was das Internet anbelangt.

      Jetzt könnte man sagen: macht nichts, er weiß es halt nicht besser. Schlimm nur, dass so etwas abgedruckt wird und die Meinung von sich informieren wollenden Leserinnen und Lesern beeinflusst.

      Auf längere Sicht haben die das Internet Niederschreibenden keine Chance, kurzfristig erschweren sie die Überzeugungsarbeit all jener, die für einen sinnvollen Einsatz des Internets plädieren. Mittelfristig machen sie sich lächerlich.

    2. 2 Tapio Liller

      Prantls Grantlerei ist nicht mehr als die Fortsetzung des Pfeifens im Walde, mit dem sich die selbsternannten Qualitätmedien gegenseitig Mut machen. Aus solchen Kommentaren spricht m.E. die Angst, schneller vom unvermeidlichen Wandel der publiszistischen Geschäftmodelle überrollt zu werden, als man selbst das Rentenalter erreicht.

      @Markus: Dass so etwas abgedruckt wird ist mitnichten schlimm, das ist publizistische Meinungsvielfalt, auf die ich auch angesichts der bockigen Zornesausbrüche gutenberg’sch geprägter Altvorderer nicht verzichten will.

    3. 3 Christiane

      Ich glaube, ich hätte das Internet noch lieber, wenn ich tatsächlich für meine vielen geklauten Texte irgendwann einmal irgendetwas in Form einer Anerkennungsleistung erhalten hätte. (woher kommen die nahezu 100.000 Suchmaschinentreffer auf meinen Namen? – mind. 90 Prozent geklaut!) So aber kann ich Prantl schon verstehen – die Medienkrise ist manifest, eine Lösung nicht in Sicht. Da kann und darf man als Autor schon pessimistisch werden. Dabei ist er noch angestellt und nicht frei! Als Wissenschaftler wiederum darf man das alles spannend finden. Man ist ja nicht bedroht, nein: man darf sich ein höchst dynamisches Forschungsfeld erschließen. Wie war das mit den “ach, zwei Herzen in meiner Brust”? :)

    4. 4 Markus

      @Tapio Liller: Du hast natürlich vollkommen Recht auf die publizistische Meinungsvielfalt hinzuweisen, da habe ich mich missverständlich ausgedrückt. Natürlich bin ich gegen Zensur, und natürlich darf und sollte so etwas abgedruckt werden. Was ich jedoch bedenklich finde, ist, wenn die Berichterstattung über das Netz in einzelnen Publikationen regelmäßig in die Richtung geht, im Internet ein Medium zu sehen, vor dem es zu warnen gilt und dass es zu diskreditieren gilt. Das ist es, was ich schlimm finde.

    5. 5 Tapio Liller

      @Markus: Absolut einverstanden. Die SZ ist da nicht gerade ein Hort der Diskursfreude. Für mich übrigens auch ein Qualitätsmerkmal für eine Zeitung.

    6. 6 Michael Kostic

      @Benedikt:

      Mir fällt seit sehr langem auf das die Diskussion um das Internet und seine teilweise sehr destruktiven Konsequenzen, von keinem der Betroffenen sachlich geführt werden will. Deine Verherrlichung eines Mediums welches dazu beiträgt das mein Nachwuchs sich nicht mehr frei bewegen kann, ist ebenso irrational wie die Ansichten div. kernkonservativen Bewahrer. Dies ist weder konstruktiv, noch seriös. Es ist das “gezicke” von Menschen die vergessen haben ihre Pubertät zu überwinden. Beleidigungen, Nötigungen und Anmaßungen. Auch all dies ist das Internet. Schaff dir ein paar Kinder an, die z.B. in 20 Jahren Karriere machen wollen. Es wird ihnen mit dem derzeitigen “rechtsfreien” Raum Internet,www und “Sozial Network” nicht gelingen eine echte Jungend oder Kindheit zu haben. Schon im zarten Alter von 14 muss man heutzutage aufpassen wie man “auftritt”. An jeder Ecke kann einer stehen der dich filmt u./o. Fotografiert. Du kannst in “diesem” Netz eben nicht dein Recht am eigenen Bild schützen. Allein der Zeitaufwand täglich nach dir selbst zu Suchen, ist kaum mehr zu bewältigen. Es gibt mittlerweile Unternehmen deren Geschäftsmodell darauf beruht Recherchen zu Personen im Netz zu betreiben. Angebot und Nachfrage. Heute noch teuer, morgen ein Centprodukt. Ihr macht es euch alle viel zu leicht. Wahrscheinlich weil ihr allesamt nicht über die Tellerränder hinausschauen wollt…

      Wie war der Spruch?:

      “Und siehst Du wohl den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge siehst Du nicht!”

      Ich wünsche euch allen in diesem Sinne ein schönes beobachtetes Wochenende…

    7. 7 Benedikt

      @Michael: Fast alles, was du schreibts, würde ich auch unterzeichnen. Ich bin überzeugt davon, dass wir gerade einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel erleben, der sich nicht darauf beschränken wird, dass man mit dem Internet eine neue Wissensressource hat (Web 1.0). Es geht um viel mehr. Die Veränderungen des Alltagslebens, von Sozialität, Politik etc. halte ich ähnlich wie Clay Shirky für ähnlich gravierend wie die Industrielle Revolution. Jede derartige Umwälzung hat ihre Kosten und die werden auch in diesem Fall erheblich sein. Wie sagte Niklas Luhmann es einmal so schön? In der Gegenwart ist vieles sehr viel besser als früher und vieles sehr viel schlechter.

      Insofern ist auch meine Kritik an der alten Zeitungswelt nicht so zu interpretieren, dass ich mir ihren Untergang herbeisehne. Weit gefehlt. Aber aus nostalgisch-sentimentalischen, egoistischen oder gewohnheitsmäßigen Beweggründen an einer Zeit festzuhalten, die vorbei ist, habe ich noch nie mögen können. Der Zeitung verdanken wir viel – vom Nationalismus bis zum gut verpackten Fisch -, aber man sollte doch die Frage stellen, welche Bedeutung gedrucktes Papier in einer digitalen Wissensgesellschaft noch hat.

      Ich halte es aber für sehr gefährlich und fahrlässig, diese Veränderungen zu ignorieren und so zu tun, als könnte man mit denselben Regulierungsformen weitermachen wie bisher – und das suggeriert Prantl mit seinen Zitaten. Was man gerade am Beispiel des Urheberrechts gut erkennt: Geschichte ist kontingent. Dinge, die wir für selbstverständlich halten, wurden irgendwann einmal erfunden und haben auch nur eine begrenzte Lebenszeit. Das Urheberrecht kommt aus dem 18. Jahrhundert. Es kann sein, dass es tatsächlich in einer hochgradig vernetzten Wissensgesellschaft dysfunktional wird und endet.

      Die Aufgabe der Sozialwissenschaften sehe ich darin, derartige Entwicklungen durchzubuchstabieren, zu fragen: Was ändert sich? Welche Folgen hat das? Vielleicht auch noch: Welche Reaktionsmöglichkeiten gibt es? Das Blog hier ist natürlich nur eine sehr begrenzte und persönliche Perspektive. Es ist wildes Denken, Dinge, wie man sie etwa in einem Interview von sich geben würde, nicht aber in einem Fachjournal. Insofern kann es durchaus – soll es durchaus! – ab und zu einseitig und zugespitzt zugehen. Das wichtigste ist doch, dass man anfängt, darüber zu reden, ganz unabhängig von den Balken im eigenen Auge.

    8. 8 Michael Kostic

      @Benedikt:

      “Das wichtigste ist doch, dass man anfängt, darüber zu reden, ganz unabhängig von den Balken im eigenen Auge.”

      Wenn es denn wirklich einmal geschieht wäre das sicher sehr positiv :-)

      “…aber man sollte doch die Frage stellen, welche Bedeutung gedrucktes Papier in einer digitalen Wissensgesellschaft noch hat…..”

      Ich denke die welche hier unterwegs sind (ähnlich mir), sollten sich einmal fragen wer diese Wissensgesellschaft ist/sein will, wodurch, bzw. wer speziell tatsächlich definiert.

      “Ich halte es aber für sehr gefährlich und fahrlässig, diese Veränderungen zu ignorieren und so zu tun, als könnte man mit denselben Regulierungsformen weitermachen wie bisher – und das suggeriert Prantl mit seinen Zitaten.”

      Natürlich. Er wendet das an was er glaubt zu verstehen. Diese Menschen befinden sich nicht nur in der Defensive. Sie stehen mit dem Rücken in einer Ecke. Doch es ist eine sehr alte Weisheit einem (vermeintlichen) Gegner dann einen Ausweg einzuräumen, wenn man ihn nicht auslöschen will. Doch gerade dies geschieht hier nicht. Ganz im Gegenteil glauben nach wie vor einige verirrte Geister, das man die finanziellen Interessen derart Besiegen kann. Dies führt schon jetzt dazu das sich echte Feindbilder materialisieren. Ein Verzweifelter Gegner wird eben bis zum letzten, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln kämpfen. Selbst und gerade dann, wenn er sich seines Untergangs durchaus bewusst ist. Für die Schäden zeichnen daher jene verantwortlich, die nie gelernt haben eine Interessenkonfrontation ordentlich argumentativ auszufechten.

      “…Das Urheberrecht kommt aus dem 18. Jahrhundert. Es kann sein, dass es tatsächlich in einer hochgradig vernetzten Wissensgesellschaft dysfunktional wird und endet….”

      Ja. Nur muss dabei eben auch bedacht werden das es gänzlich unsinnig ist den vorhandenen Protagonisten den existenten Boden unter den Füßen einfach hinwegzuziehen.

      “Die Aufgabe der Sozialwissenschaften sehe ich darin, derartige Entwicklungen durchzubuchstabieren, zu fragen: Was ändert sich? Welche Folgen hat das? Vielleicht auch noch: Welche Reaktionsmöglichkeiten gibt es?…”

      Wie wäre es mit:

      Wem nutzt es wirklich? Wem schadet es wie es ist? Wer sind die Menschen die diesen Schaden wollen? Warum wollen sie ihn? Welchen Nutzen versprechen sie sich von einem solchen Wandel?

      Verstehe es bitte nicht falsch. Wenn Menschen in Europa von Wissensgesellschaft reden und gleichzeitig US Amerikanischen Zuständen hofieren, stelle ich mir immer die Frage ob diese Menschen jemals ein Lehrbuch aus dieser Region der Welt in den Fingern hatten (die Fähigkeit zum Verstehen der Sprache vorausgesetzt). Gerade hier in Europa denkt kaum ein Nutzer des Netzes (und am aller wenigsten leider die Akademiker) darüber nach, warum diese Technologie sich so derart schnell in US verbreiten konnte (fast schon musste). Wem ist denn bitte wirklich bewusst das dieses Netz, in einem Land in dem Bildung und Kultur einen plastischen/materiellen Wert besitzt, gänzlich differente Auswirkungen haben muss?

      “…Das Blog hier ist natürlich nur eine sehr begrenzte und persönliche Perspektive. Es ist wildes Denken, Dinge, wie man sie etwa in einem Interview von sich geben würde, nicht aber in einem Fachjournal. Insofern kann es durchaus – soll es durchaus! – ab und zu einseitig und zugespitzt zugehen….”

      Erledigt :-)

      “…Das wichtigste ist doch, dass man anfängt, darüber zu reden, ganz unabhängig von den Balken im eigenen Auge….”

      Dazu müssen zunächst einmal die technischen Rahmenbedingungen geschaffen werden ;-)

    9. 9 Björn

      Ich glaube, dieser Artikel ist dir eher misslungen, Benedikt, weil zu unsachlich. Ich habe zwar den Herrn Prantl nicht gelesen, weil er meistens zu polemisch ist. Was er auch vom Internet halten möge – es hat ein großes Freiheitspotenzial, wenn auch ein prekäres. Eigentum ist beispielsweise so eine Dimension individueller Freiheit. Insofern haben alle Kreativen etwas zu verlieren, wenn sich andere ihr Eigentum aneignen und – im krassesten Fall – es auf eigene Kasse verkaufen. So etwas ist ja kein Einzelfall.
      Dieses Thema braucht also gut ausgewogene Regulierungen, die nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Meine größte Präferenz dabei ist individuelle Freiheit. Die kann man auch nicht mit dem Verweis auf irgendwelche (eh gescheiterten) postmodernen Definitionen beiseite schieben.

    10. 10 Benedikt

      @Björn: Unsachlich würde ich den Artikel nicht nennen, er befasst sich genau mit einer Sache (dem verzerrten Internetbild von Prantl) und ist trotz aller Zuspitzung nicht unbedingt emotionalisiert. Davon abgesehen gilt auch für die Urheberrechtsfrage das, was ich oben angedeutet habe: Die Entwicklung zu einer Copy-Paste-Kultur hat viel befreiendes, zugleich aber auch hohe Kosten. Klar! Aber wie fatal es ist, an überholten Modellen festzuhalten sieht man doch nur zu deutlich in der Musikindustrie. Seit der Digitalisierung lässt sich das freie Kopieren in unbeeinträchtigter Qualität faktisch nicht mehr unterbinden. Die Büchse bleibt offen. Jetzt geht es doch darum, sich neue Wege zu überlegen, mit deren Hilfe die kreative Produktion aufrechterhalten werden kann. Sich hinzustellen und das Internet und die Möglichkeiten des Filesharing laut zu verfluchen, dürfte eine der eher wirkschwächeren Handlungsmöglichkeiten sein, oder?

    11. 11 Peter

      Super einfach einen Artikel zusammenzufassen und einfach mal nicht weiter zu recherchieren!
      Arm der Herr Prantl!

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