Das Requiem auf Print

“Das Requiem auf Print ist noch nicht gesungen”, sagte Bascha Mika, Chefredakteurin der taz auf dem media coffee der dpa in Berlin. Ich befürchte fast, dass sie damit Recht hat. Aber nicht deshalb, weil ich den Untergang der Printzeitungen und -zeitschriften herbeisehnen würde – im Gegenteil! Eher sehe ich die Gefahr, dass sich gerade die gedruckten Tageszeitungen in Zombies verwandeln, untote Wesen, die nicht sterben dürfen, weil von Seiten der Zeitungsmacher zu viel Prestige, Tradition, Emotion daran hängt. So werden möglicherweise Veröffentlichungen, die längst nicht mehr relevant, ökonomisch tragfähig oder zukunftsweisend sind, jahrelang mitgeschleift, weil es einem Tabubruch gleich käme, sie zu hinterfragen.

Gerade mit Entwicklungen wie der Selbstisolation der Associated Press, die seit kurzem horrende Worthonorare dafür verlangt, dass ihre Informationen in Blogs wiedergegeben werden, spitzt sich die Situation merklich zu. Klar zu erkennen ist, dass es hierbei überhaupt nicht mehr um die Funktion der gesellschaftlichen Verbreitung von Nachrichten geht. Nachrichtenagenturen, die auf einmal mit der wachsenden Konkurrenz aus user generated news in Blogs, auf Twitter oder Friendfeed konfrontiert sind, versuchen dennoch, ihre alte Funktion als gate-keeper zu bewahren. Nur wirken gate-keeper schnell lächerlich, wenn die Mauern längst geschleift worden sind.

What has me most upset about the AP Affair is that I fear we are seeing the beginnings of its death throes. I value the AP and don’t want it to die. I want it to morph to a new model and a new future. But I am afraid that in its fights, we are seeing its inability to adapt,

schreibt Jeff Jarvis und das gilt nicht nur für Nachrichtenagenturen, sondern eigentlich die gesamte Printwelt. Nur leider lassen sich diese neuen Modelle und neuen Zukünfte zumindestens in der Welt der Zeitungsverlage noch nicht erkennen. Die Zeitungen werden zwar auf ihren Onlinepräsenzen immer “bloggiger“, binden Bewegtbilder ein, geotaggen ihre Informationen oder beginnen sogar mit dem Twittern. Aber das überzeugt als langfristiger Zukunftsentwurf noch lange nicht.



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  • 4 Responses to “Das Requiem auf Print”


    1. 1 Medienblogger

      Ich kann nur zustimmen: Überleben können nur die, die in der Lage sind, sich schnell anzupassen. Natürlich muss man nicht jeden Trend mitmachen, aber man sollte die großen Veränderungen rechtzeitig sehen und sich darauf nicht nur einstellen, sondern sie zu seinem Vorteil nutzen.

      Wer das nicht kann, merkt es meist zu spät und versucht es dann am Kunden auszulassen. Meist mit mäßigem Erfolg, denn die größte Veränderung, die mit dem Internet über die Unternehmen kam, war die Neugeburt des Konsumenten.

      Wenn gar nichts mehr hilft, versucht man eben Lobbying bei den politischen Entscheidungsträgern, frei nach dem Motto: Nicht alles was technisch geht sollte auch erlaubt sein. Was aber (meist) noch mehr Zeit und damit auch Geld kostet. Und damit meine ich ausdrücklich nicht illegale Downloads.

      Unsere Nachbarn, die Franzosen, sind übrigens ganz groß im Regulieren (Musikindustrie, Verlage, etc…), und Dailymotion ist nur die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Aber das ist ein weites Feld :-)

    2. 2 Stefan Jacobasch

      Es ist falsch, dass gedruckte Zeitungen “nicht sterben dürfen, weil von Seiten der Zeitungsmacher zu viel Prestige, Tradition, Emotion daran hängt.” Es geht vor allem ums Geld, denn gedruckte Werbung bringt immer noch im Vergleich zu Webwerbung ein Vielfaches an Umsatz. Man mag darüber streiten, ob die Zeitungen “längst nicht mehr relevant (…) oder zukunftsweisend” sind. Aber ökonomisch tragfähig sind sie derzeit auf jeden Fall! Die Verlage, die mit ihren Online-Angeboten tragfähige Gewinne machen, sind noch in der Minderheit.

      Du schreibst über die Agentur AP: “Klar zu erkennen ist, dass es hierbei überhaupt nicht mehr um die Funktion der gesellschaftlichen Verbreitung von Nachrichten geht.” Wieso, bitte, sollte es AP um die gesellschaftliche Verbreitung von Nachrichten gehen? Das ist zuerst einmal ein Wirtschaftsbetrieb, der Gewinn machen will und muss. Welches Interesse soll er haben, Blogger zu beschenken?

      Dann lese ich hier noch von “Nachrichtenagenturen, die auf einmal mit der wachsenden Konkurrenz aus user generated news in Blogs, auf Twitter oder Friendfeed konfrontiert sind” – ja hallo, meinst Du das im Ernst? Die Mehrheit der Blogs bietet keine eigenen News, sondern zitiert und kommentiert. Das ist auch okay so. Aber damit käuen die Autoren lediglich wieder, was sie in den etablierten Medien gelesen haben.

      Deine Begeisterung für Twitter schließlich kann ich nur bestaunen. Bei allem Respekt für die sehr guten lesenswerten “viralmythen” ist doch Dein eigenes Twitter-Angebot ein gutes Beispiel dafür, dass dieser Dienst weit davon entfernt ist, irgendwelchen News-Angeboten Konkurrenz zu machen. Mit Twitter mögen viele nette Dinge möglich sein – auf der Ebene der Mikrokommunikation. Aber was davon ist denn auch nur annähernd vergleichbar mit Journalismus, Nachrichtenagenturen oder Verlagswesen?

    3. 3 Wolf

      Wenn Print nur wegen “Prestige, Tradition, Emotion” erhalten bleibt, kann ich mich damit durchaus abfinden. Die Gesellschaft leistet sich so manches Relikt aus nostalgischen oder anderen Gründen.

      Die AP ist ein Wirtschaftsbetrieb, der die gesellschaftliche Verbreitung von Nachrichten zur Funktion hat. Das geht beides und ist nur oberflächlich betrachtet ein Widerspruch.
      “Welches Interesse soll er haben, Blogger zu beschenken?”
      Jedenfalls sollte das, was derzeit passiert, nicht in seinem Interesse liegen. Darüberhinaus sind im Web offenbar Dienstleister erfolgreich, die mit einer Eisbergspitze aus hochwertigem und kostenlosem Inhalt von sich und dem was unter der Oberfläche befindlich ist überzeugen.

      “Aber damit käuen die Autoren lediglich wieder, was sie in den etablierten Medien gelesen haben.” Womit sie sich doch perfekt in die etablierten Medien einreihen. An Selbstreferentialität tun sich beide nicht viel. Finde ich im Übrigen auch nicht schlimm. So – nämlich durch Wiederholung – werden Themen “nach oben gespült”, wie man so schön sagt.

    4. 4 Benedikt

      Natürlich sind Blogs nicht die besseren Zeitungen und Bloggerinnen nicht die besseren Journalisten. Wahrscheinlich kann man für diejenigen, die das versuchen, auch schon ein Requiem anstimmen ;-)

      Ich denke vielmehr, dass sich generell der Umgang und die Bedarfe nach Informationen verändern. Während im Kleinen, also im Bezugsrahmen der Printzeitungen, vieles konstant bleiben mag und immer noch dieselben Konkurrenzkämpfe ausgefochten werden, verändern sich momentan die Spielregeln auf einem viel umfassenderen Spielfeld. Man könnte hier von einem Metawandel sprechen: Die Zeitungsverlage spielen nach wie vor Dame gegeneinander und begreifen einfach nicht, dass andere Akteure längst begonnen haben, auf demselben Spielfeld eine Partie Schach zu eröffnen (das Bild stammt von Ulrich Beck, der es freilich auf ein anderes Phänomen, nämlich Globalisierung und Kosmopolitisierung, bezieht).

      Man muss sich doch einfach einmal ansehen, wie die digital natives mit Informationen umgehen, um die Tragweite des gegenwärtigen Mediennutzungswandels zu erkennen.

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