Interview für die Blogschau und die Parasitenthese der Blogosphäre

Aus dem ausführlichen Gespräch über Wissenschaftsblogs, das ich am Mittwoch mit Marcus Bösch geführt habe, hat es immerhin ein Satz in die aktuelle “Blogschau” der Deutschen Welle geschafft. Dass daraus dann auch noch ein virtuelles Zwiegespräch mit Marc aus der Wissenswerkstatt geworden ist, freut mich noch viel mehr.

Zugleich zeigt es doch, welche Grenzen diese Form der medialen Informationsvermittlung hat. Ganz abgesehen davon, dass aus Einzelinterviews nur mit ganz viel Glück ein wirkliches Zwiegespräch, ein Dialog, in dessen Verlauf aus einzelnen Bauteilen neue Informationen werden, zusammengestellt werden kann – das ist klar. Auch die Reaktionsmöglichkeiten sind bei Broadcastmedien selbstverständlich äußerst reduziert (obwohl man hier das Internet als Rückkanal nutzen kann).

Aus Sicht der Blogger ist mit am problematischsten, dass durch die mangelnde Verlinkung der Quellen deren Relevanz insgesamt nach wie vor unterschätzt wird. Auf der einen Seite ist es fast schon zu einem Grundgesetz der Blogosphäre geworden, die Inhalte, auf die man Bezug nimmt, zu verlinken. Dadurch werden pseudointelligente Aggregations- und Sortierdienste wie Rivva möglich. Umgekehrt verlinken Zeitungen, Onlinemagazine und Radiobeiträge nur in Ausnahmefällen (Heises Telepolis ist hier ein lobenswertes Beispiel) auf die referenzierten Blogbeiträge. Auf diese Weise wird der schiefe Eindruck verstärkt, dass die Blogosphäre andere Mediensysteme parasitiert, während Printpresse, TV und Radio ihre Inhalte aus eigener Kraft schaffen (vgl. zur Parasitenthese v.a. den Aufsatz “Are blogs a ‘parasitic’ medium?” von Robert Niles). Durch dieses auch für die empirische Forschung schwer durchsichtige (Nicht-)Linkverhalten wird die Relevanz der Blogosphäre systematisch unterschätzt.



Verwandte Artikel:
  • Patterns of mobilization in the blogosphere (English version)
  • Als der Retweet noch Trackback hieß
  • Interview zum Wissenschaftsbloggen und zur Arbeitsgemeinschaft Social Media
  • 5 Responses to “Interview für die Blogschau und die Parasitenthese der Blogosphäre”


    1. 1 Oliver

      >Auf diese Weise wird der schiefe Eindruck verstärkt, dass die Blogosphäre andere Mediensysteme parasitiert, während Printpresse, TV und Radio ihre Inhalte aus eigener Kraft schaffen

      In gewissen Kernbereichen ist dies auch so, allerdings wird doch auch oft genug die aufgenommene Information verfeinert und selbst ein profaner Link kommt letztendlich wiederum den Medien selbst zu gute. Vice versa jedoch ist es kein Geheimnis, daß z.B. SPON desöfteren markant auffiel in puncto Nutzung der Wikipedia, teils gar exakt kopierend oder lustlos paraphrasierend. Natürlich sah man wohlwollend über die Nennung der Quelle hinweg, würde dies doch ein Eingeständnis darstellen, in deren Augen wohl eine Schmälerung der “Qualität”.

    2. 2 Benedikt

      Klar, die Produktion von Informationen setzt immer Informationen voraus, die neu kombiniert oder falsch reproduziert werden. Nur geht das Argument der Parasiten-Theoretiker in die Richtung, dass die Blogosphäre in sich zusammenfallen würde, wenn sie zum Beispiel keine Zeitungen mehr zum Abschreiben oder Darüber-Aufregen hätten. Tatsächlich sind unter den rivva-Leitmedien-Top-20 Spiegel Online, heise.de, Tagesschau, Süddeutsche und FAZ. Das Problem: Für die Printmedien kann man eine derartige Liste gar nicht erstellen, da dort die Links als Quellennachweise fehlen. Das muss dann auch gar keine Bösartigkeit oder Rückständigkeit der Journalisten sein, sondern kann schlicht auf die Funktionsweise der Medien und ihre aufmerksamkeitsökonomischen Entlohnungssysteme zurückzuführen sein. Nichtsdestoweniger: Das Phänomen existiert.

    3. 3 Jena er

      Interessant, habe ich so noch nicht betrachtet! Die Blogsphäre sollte also eventuell darüber nachdenken, sogenannte “seriöse” Quellen nur noch per Angabe der unverlinkten URL zu nennen. Das hätte natürlich für diese Quellen durchaus Folgen. Sinkt doch bei ausbleibenden Links die Wahrscheinlichkeit, mit entspr. Artikeln bei Google und Co. oben gerankt zu werden.

      Letztendlich wird die Presselandschaft über kurz oder lang merken, daß sich die Welt der Medien längst gewandelt hat. Spätestens, wenn Blogs in Deutschland zu einem halbwegs wahrgenommenen Medium werden, dürfte der Umdenkprozeß anfangen.

    1. 1 Basic Thinking Blog | Zitat des Tages
    2. 2 Wissenswerkstatt | Im Fokus: Transdisziplinäre Wissensproduktion ::: Im Hörfunk: Bloggende Wissenschaftler | Werkstatt-Ticker 17

    Leave a Reply