Die Datenbank der Wünsche, Folksonomies und Trampelpfade

[Der Wildbach] wühlt sich sein Bette selbst und bricht sich Bahn,
nicht des gemessnen Pfades achtet er.
Schiller

Clay Shirkys aktuelles Buch “Here Comes Everybody: The Power of Organizing Without Organizations” ist nicht nur ein gut lesbarer Einstieg in die Organisationsforschung – oder besser: Un-Organisationsforschung -, sondern macht insbesondere einen Punkt immer wieder deutlich: Das neue Netz (oder Web 2.0) stellt technische Hilfsmittel bereit, mit denen neue Formen des kollektiven Handelns möglich werden, die weder durch spontane Zusammenschlüsse von Personen möglich waren (zu großer Maßstab bzw. zu hoher Koordinierungsaufwand) noch durch Organisationen bereitgestellt werden konnten (zu hohe Overheadkosten).

Anschauliche Beispiele sind die Wikipedia als größte Enzyklopädie in der Geschichte der Menschheit, aber auch die “Datenbank der Wünsche” (Battelle), die mit jeder Google-Suchanfrage erweitert und aktualisiert wird – im Übrigen: Ist es nicht langsam es an der Zeit, dass wir einen API-Zugang zu diesem neuen Weltwissen bekommen? Auch die visuell-semantischen Bedeutungsnetzwerke, die durch das Vergeben von Flickr-Tags entstehen, sind eine ähnliche Leistung. Welches Unternehmen könnte in jeder Minute 2.000 mit Tags versehen?

Etwas anders gelagert ist das Phänomen, das hinter diesen Fotos steckt. Abgebildet sind sogenannte “Wunschpfade”, also Wege, die von Planern nicht vorgesehen waren, sich aber durch das ständige Begehen allmählich in die Landschaft einschreiben. Auch hier sind es weder Organisationen noch irgendwelche Gruppen, die diese rebellischen Trampelpfade schaffen, sondern das Ergebnis ist auch hier eine kumulierte Nebenfolge des individuellen Handelns. Nur: mit moderner Technologie hat das nicht viel zu tun und auch die hohen Organisationskosten waren hier nicht die Ursache dafür, die Pfade nicht von Anfang an einzuplanen.

Dennoch halte ich diese Bilder für ein anschauliches visuell-räumliches Pendant zu Folksonomies, also den emergenten Wissensordnungen die sich aus der individuellen Vergabe von Schlagwörten (Tags) entwickeln. (via)

(Abbildung: “Three Mills Green” von LoopZilla, CC-Lizenz)



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    1. 1 Michael Kostic

      Hallo,

      ich mag diese Wege sehr. Meinen Kindern konnte ich z.B. anhand dieser erklären, dass vorgegebene Wege nicht zwingend die optimalen sind. Es lohnt immer darüber nachzudenken ob nicht auch mal ein alternativer (nicht vorgegebener) Weg sinnvoller ist.

      Sie zeigen aber mE nach auch auf wie schnell wir bereit sind den leichteren, kürzeren bzw. bequemeren Weg einzuschlagen, wenn sich die generelle Option hierzu ergibt.

      Ganz ähnliches beobachte ich schon seit langem im sog. I-Netz. Unerheblich dessen ob es nun Vers. 1, 2 oder 2.5 Beta genannt wird ;-)

      Gruß

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