Was heißt Social Media?

Häufig wird das Buzzword “Social Media” (die deutsche Übersetzung “soziale Medien” klingt leider etwas missverständlich) verwendet, um zu die Veränderungen in der Medienlandschaft gegen Anfang des 21. Jahrhunderts zu beschreiben. Wikipedia definiert den Begriff im Augenblick wie folgt:

Social Media (auch Soziale Medien) ist ein Schlagwort mit dem Webdienste und Plattformen zum gegenseitigen Austausch von Meinungen, Eindrücken und Erfahrungen beschrieben werden. Als Kommunikationsmittel wird dabei Text, Bild, Audio oder Video verwendet. Populäre Medien sind dabei Internetforen, Mailinglisten, Weblogs, Podcasting, Vlogs, Wikis, und Social-Bookmarking-Dienste.

Diese Definition stellt also im Wesentlichen auf die Dialogfähigkeit der Anwendungen ab (“gegenseitiger Austausch”). Also gehören nicht nur die genannten Phänomene dazu, sondern auch ICQ, Chat und IM müssten dieser Definition nach soziale Medien sein. Auf der anderen Seite ist nicht ganz mir nicht ganz klar, inwiefern Podcasts tatsächlich als Dialogmedien betrachtet werden sollten, oder nicht viel mehr als eine demokratisierte Weiterentwicklung des Radios mit sehr viel niedrigeren Zugangsbarrieren. Das Konzept “gegenseitiger Austausch” scheint also nicht zu genügen, um Social Media zu definieren. Robert Scoble hat vor etwa einem Jahr eine Neun-Punkte-Liste für die Definition des Begriffs zur Diskussion gestellt. Seiner Meinung lassen sich soziale Medien wie folgt definieren:

  • Veränderbarkeit: Einträge in Blogs u.ä. lassen sich schnell revidieren oder aktualisieren, falls sich der Wissensstand in der Zwischenzeit geändert hat.
  • Interaktivität: Das zielt in dieselbe Richtung wie die Wikipedia-Definition. Scoble vergisst allerdings zu erwähnen, dass es nicht nur um Interaktivität als solche geht (“Leserbrief”), sondern darum, dass die Reaktionen in demselben Medium stattfinden können (siehe auch hier).
  • Granulare Erfolgsmessung in Echtzeit: Bei Inhalten, die in sozialen Medien publiziert werden, kann die Popularität z.B. anhand von Kommentaren oder Backlinks nahezu in Echtzeit erfasst werden. Dabei ist allerdings umstritten, welche Maße für welche Zwecke angewendet werden sollen.
  • Leichte Zugänglichkeit der Archive: Bei diesem Kriterium wäre ich vorsichtig, da nicht klar ist, was ein “leichter” Zugang sein soll. Außerdem dürften Microblogging-Dienste nach diesem Kriterium eigentlich nicht zu den sozialen Medien gerechnet werden – sie haben zwar Archive, die sind aber nur schwer zugänglich.
  • Medienmischung: In sozialen Medien können unterschiedliche Medien wie Text oder Bewegtbilder kombiniert werden. Dabei wird allerdings der Medienbegriff problematisch. Was sind in diesem Fall die sozialen Medien? Die Inhalt allein oder erst eine spezifische Form ihrer Kombination?
  • Unmittelbare Publikation: Anders als in klassischen Medien (= “asoziale Medien”?) steht zwischen der Produktion von Inhalten und ihrer Publikation keine Instanz wie z.B. ein Herausgeber, der darüber entscheidet, wann und in welcher Form eine Veröffentlichung vorgesehen ist.
  • Unbegrenzte Länge und Quantität: Ein weiterer spannender Punkt, der sehr gut zu Weinbergers Konzept “Everything is miscellaneous” passt. Social Media-Inhalte können sich über die üblichen Restriktionen bezüglich Länge, Quantität und Sortierung hinwegsetzen. So kann man Youtube nicht sinnvoll mit einem Fernsehsender vergleichen, wird doch an einem einzigen Tag mehr Filmmaterial auf die Server hochgeladen als ein Mensch in seinem gesamten Leben ansehen könnte.
  • Syndizierbarkeit und Verlinkbarkeit: Social Media zeichnen sich auch dadurch aus, dass die Inhalte leicht weiterverwertet werden können, entweder durch die Verlinkung oder die automatische Wiedergabe der Inhalte in einem anderen Kontexte. Dieser Punkt ist insbesonder deshalb spannend, weil damit die klassischen Messverfahren der Reichweitenfeststellung beeinträchtigt sind. Dadurch, dass die Inhalte so leicht reproduziert werden können, erscheint ein integrierter Multi-Site-Ansatz notwendig, um Relevanz und Wirkung von Social Media-Inhalten wirklich schlüssig nachweisen zu können. Dies ist ein wichtiges Aktionsfeld der neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft Social Media.
  • Vermischung mit Daten aus anderen Quellen: Nicht nur können die Inhalte an anderen Orten reproduziert werden, sondern es können auch Daten aus anderen Quellen einbezogen werden. Social Media sind mashable.

So verführerisch diese Auflistung von Merkmalen erscheint, es fehlt nach wie vor eine schlüssige theoretische Grundlage, die einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Eigenschaften herstellt oder verdeutlicht, welche der Punkte notwendige bzw. hinreichende Kriterien darstellen.

Für mich ist ein wichtiger Punkt die Theatralität von Social Media-Kommunikationen. Im Unterschied zu klassischen Dialogmedien wie dem Telefon finden hier die Gespräche auf einer Art Bühne statt, die von anderen Personen beobachtbar ist. Im Social Web wird der dialogische Austausch sendefähig und kann ein quasi-massenmediales Publikum erreichen. Diese Publikum kann allerdings jederzeit die passive Rezipientenrolle verlassen und die Bühne betreten, z.B. indem man einen Kommentar verfasst oder sich mit dem @-Symbol in eine Twitter-Unterhaltung einmischt. Ebenfalls sehr wichtig: Der mit Social Media verknüpfte Medienwandel lässt sich nicht auf ebendiese Medien beschränken, sondern verändert den gesamten Bezugsrahmen für die Beurteilung von Medienwirkungen. Social Media verändern also auch die klassischen Medien. Auch die Printzeitung nach Social Media ist eine andere als davor – und das nicht nur indem Redaktionen zu twittern anfangen oder mit Quick-Response-Codes experimentiert wird.



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  • 12 Responses to “Was heißt Social Media?”


    1. 1 Cherubino

      Kennst du schon das CrossRef Citation Plugin für Blogger?

    2. 2 KMTO

      Was mich zu meiner Definition zurükbringt: Medien, die im gemeinsamen Austausch entstehen.
      Die Scoble Definition meint Soziale Online Medien. Aus seiner Sicht verständlich. Aber eben nur eine sehr eingeschränkte.
      Da alles Medium ist, was Kommunikation ermöglicht, wird durch diese Eingrenzung das Verständnis nicht eben erleichtert.
      IM ist z.B. nicht per se ein soziales Medium, sondern erst, wenn es dazu benutzt wird. Ansonsten ist es direkte persönliche Kommunikation (90% der Fälle?).
      Soziales Medium meint den gleichzeitigen Austausch, wobei im Web die Gleichzeitigkeit virtuell ist, also so lange, wie sie in meinem Kopf als gleichzeitig erlebt wird. Bei einem Event ist es direkt gleichzeitig, kann aber online “gestreckt” werden.
      (“Virtuell – der Ort an dem wir uns während eines Telefonates befinden.” aus den 50igern)
      Michael
      -> http://blog.kmto.de/article/definition-von-social-media

    3. 3 David

      Endlich bin ich mal auf Definitionsversuche (-resultate) gestossen. Ich bin immer auf der Suche nach Definitionen bzgl. der Thematik “SocialWeb/SocialMedia und möchte vor allem die Wandelbarkeit und unterschiedlichen subjektiven Betrachtungsweisen herausstellen.

      Eingangs schreibst Du, dass die deutsche Übersetzung “missverständlich” klingt, meint aber dasselbe wie im engl. “SocialMedia”. Wie könnte man denn die deutsche Begrifflichkeit entsprechend abgrenzen? In meinem Blog zum Forschungsseminar versuchen wir diesen u.a. Fragen nachzugehen. Würde mich über Antwort und interessante Gedanken diesbzgl. freuen.

    4. 4 Lurki

      Ein wirklicher toller Artikel zum Thema Social Media. Gerade der Punkt zur Theatralität von Social Media-Kommunikation finde ich gelungen, wobei man immer bedenken muss, dass manche Personen, die “die Bühne betreten” sich dennoch hinter einem Pseudonym verstecken können (gerade in Blogkommentaren gerne genutzt um den Autor schlechtzumachen).

    5. 5 KMTO

      @Lurki – Ich denke, Leute mit Pseydonym und negativen Beiträgen machen zuerst sich selbst schlecht. Als Leser nehme ich das jedenfalls so wahr. Wer echte Kritik möchte, zeigt sich auch, oder?

    6. 6 Lurki

      @KMTO: Das stimmt natürlich und man kann meist auch recht leicht erkennen wenn ein Kommentar einfach nur den Artikel/Blog schlechtmachen möchte. Wo es dann allerdings gefährlich für den Blogbetreiber wird ist, wenn der Kommentar eine Person oder Firma schlechtmacht. Da gab es vor kurzem, soweit ich mich erinnere, einen Fall, in dem ein Blogbetreiber aufgrund eines Kommentars, der nur wenige Stunden online war, abgemahnt wurde (aber natürlich kann man sich vor sowas ja durch bestimmte Maßnahmen auch schützen).

    7. 7 Gu

      Hallo alle zusammen,

      das ist eine sehr ausführliche Auflistung der Eigenschaften von Social Media. Oft werden aber auch die Begriffe Web 2.0, Social Software mit Social Media gleichgesetzt, was jedoch nicht ganz korrekt ist.

      Ich habe ebenfalls einen Beitrag zum Thema Social Media geschrieben. Darin beschreibe ich neben einer Definition und der Differenzierung von den aufgeführten Begriffen auch den Unterschied von Social Media zu klassischen Medien. Ich habe dazu auch Grafiken erstellt, die das klar darstellen sollen. Also falls jemand sich dafür interessiert oder mehr erfahren möchte, ist herzlich eingeladen sich das anzuschauen. Vielleicht hilft das auch weiter…

      Fast vergessen :D Link zum Artikel:

      http://alles-online-marketing.de/was-ist-social-media/

      Weiterhin viel Spaß beim Lesen und danke ;)

      BG

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