Email als Elitetechnologie

Einmal mehr stellt eine Studie über die Internetnutzung fest, dass es eine erhebliche digitale Spaltung gibt: Der Branchenverband BITKOM zeigt im aktuellen Webmonitor, dass die Emailnutzung deutlich von dem Bildungsgrad abhängt. Während zwei Drittel der Personen mit Abitur oder Hochschulabschluss dieses Dialogmedium nutzen, sind es bei den Realschulabsolventen nur knapp die Hälfte und unter den Hauptschulabsolventen nur noch ein knappes Drittel. So überrascht es kaum, dass angesichts der großen Wichtigkeit von IT-Kenntnissen und der schlechten Ausstattung der deutschen Schulen eine große Bildungsinitiative gefordert wird.

Man sollte allerdings, ohne das Phänomen der digitalen Spaltung kleinreden zu wollen, einmal darüber nachdenken, dass auch das Diskursmedium Fernsehen in der Anfangszeit ein Elitenphänomen gewesen ist (vgl. dazu die Dissertation “Fernsehen und sozialstruktureller Wandel” von Rudolf Stumberger). Erst in den 1970er Jahren konnte man in Deutschland von einer Vollversorgung sprechen, in den 1950er und frühen 1960er Jahren kennzeichnete die Besitzer von Fernsehgeräten ein überdurchschnittlicher Bildungsgrad und ein relativ hohes Einkommen. Aber im Falle des Fernsehens kam es sehr schnell zu einer Umkehr: So besaßen die einkommensstärksten 12 Prozent der Bevölkerung Großbritanniens im Jahr 1947 fast die Hälfte der Fernsehgeräte, bereits sechs Jahre später standen über die Hälfte der Geräte in Haushalten der “Lower 68%” der Bevölkerung. In Deutschland fand diese Entwicklung entsprechen später statt: Zwischen 1954 und 1963 ist der Anteil der Selbständigen unter den Gerätebesitzern von 59 auf 14 Prozent gesunken, während gleichzeitig der Arbeiteranteil von 9 auf 53 Prozent gestiegen ist.

Insofern ist fraglich, ob wir es bei der digital divide im Fall von Email tatsächlich mit einem Phänomen eigener Art zu tun haben. Denkbar wäre auch eine Kombination aus den folgenden Faktoren:

  • schichtspezifische Präferenzen und Fähigkeiten, was das freie Verfassen von Texten betrifft,
  • ein ganz gewöhnlicher lag in der Diffusion von neuen Technologien
  • das “Überspringen” der Technologie Email und eine stärkere Nutzung von Chat, IM oder Direktnachrichten in Social Networks wie SchülerVZ oder Lokalisten


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  • 8 Responses to “Email als Elitetechnologie”


    1. 1 Erik

      Nu, das ganze Medium Internet ist doch ein Elitenphänomen, was sich übrigens nicht auf den innerdeutschen Vergleich beschränkt. So kann man sehr deutlich spüren, dass sich die Beschleunigung der digitalen Kommunikation in bestimmten Bereichen der Welt nicht durchwirkt.

      Das ist ein wesentlicheres Problem, als es Fernsehen der Fall sein konnte. Das konnte ich beim Nachbarn oder beim Fernsehmann im Schaufenster ansehen, digital kommunizieren, ohne zu wissen, wie das geht, kann ich vorm Schaufenster nicht!

    2. 2 amazeman

      E-Mail = neue Informationstechnologie? Ich glaub auch nicht, das Email- und TV-Nutzung vergleichen lässt. E-Mail kostet ja nichts. Wer will kann sie für 3 euro pro monat auf dem handy lesen – es gibt also keine zugangsbarrieren, da sowieso alle handies haben oder nen computer.

      Vielleicht sollte man bei der Betrachtung nicht die E-Mail, sondern ihre Funktion in den Fokus stellen. Warum brauchen Menschen mit mehr Bildungsqualifikation E-Mail? und warum die anderen weniger?

      Umgemünzt auf Transport wäre die Frage: Warum brauchen einige Menschen Flugzeuge und ander nicht? Sind die einen nachholungs- und bildungsbedürftig?

      Und ich glaube auch nicht, dass man, wenn man StudiVZ nutzt, E-Mails aber nicht, die E-Mail übersprungen hat und so die Evolution austrickste… ;-)

      Wenn man StudiVZ als spiegelung des alltäglichen Miteinander nutzt und keine langen Schriftstücke weit transportieren muss, schreibt man eben weniger E-Mails. Was die relation mit bildung (o.a.), so rund die Zahlen auch sind, erklären soll erschliesst sich mir nicht.

    3. 3 Oliver

      Elite hört sich doch ein wenig schräg an, teils ist es doch einfach so das der nicht vorhandene Computer per se das eigentliche Problem darstellt bzw. der nicht vorhandene Nutzen. Ich weiß, die halbe Welt “benötigt” das Internet, aber letztendlich ist es nur eine Art “Hilfsmittel” Informationen/Wissen etc. zu transportieren. Solange die anderen Wege existieren, ist die Relevanz für einige einfach nicht gegeben. Da herrscht auch eine gewisse Arroganz der Internet-Nutzenden, “wir können nicht mehr ohne Leben, wo also ist das Problem bei den anderen?”. Schaue ich mich zudem an Universitäten um, so wird dieser Umstand auch bestätigt, viele dort nutzen Email oder gar den Computer nur rudimentär, sprich es fehlt für den eigenen Bereich die Killeranwendung. Die Email ist also bei gewissen Teilen der Bevölkerung einfach Mittel zum Zweck, weil die ohnehin vorhandene massive Beschäftigung mit dem Netz dieses Nutzung nahelegt. Aber warum sollte der Schreiner beispielsweise intensiv Mail nutzen? 8h läuft dort ein Handwerk, der Computer spielt allenfalls für FiBu eine Rolle. Mehr Effizienz? Wage ich teils zu bezweifeln.

    4. 4 Benedikt

      @Erik: Tatsächlich sehen die Zahlen für die Internetnutzung insgesamt fast genauso aus. 42% der Hauptschulabsolventen, 66% der Absolventen weiterführender Schulen und 82% der Abiturienten sind online. Dabei lässt sich aber ein “Fahrstuhleffekt” beobachten: Der Abstand zwischen den Bildungsschichten bleibt erhalten, aber in jeder Gruppe nimmt die Internetnutzung über die Zeit zu.

      @amazeman: Dass es wohl kaum an der Bildungsbedürftigkeit liegen wird, zeigt die Tatsache, dass gerade die Schüler (also junge Leute ohne offiziellem Bildungskapital) anteilsmäßig die stärksten Onliner sind (über 90%).

      @Oliver: Oft ist es in der Tat interessanter, zu untersuchen, warum eine bestimmte Technologie nicht genutzt wird als nach den Nutzungsmotiven oder der Verbreitung zu fragen. Dass Unternehmen aus dem Bereich Internet sehr schnell zu einer Defizitperspektive kommen – “Der Staat muss den Armen und Ungebildeten helfen, damit sie auch Emails schreiben können” – ist keine Überraschung. Die Frage, Wozu überhaupt Email?, ist also durchaus berechtigt. Allerdings kann es mitunter lange dauern, bis sich eine Antwort darauf etabliert. So dachte man zunächst das Telefon als Broadcastmedium (gesprochene Zeitung) und konnte sich nicht vorstellen, dass das eine breite Masse interessieren sollte. Oder in der Frühphase der Handynutzung konnte man immer wieder hören: “Ständige Erreichbarkeit? Was soll ich damit.” Aktuell geht in einigen Ländern die Handydurchdringung in Richtung 90%, so dass diese Frage kaum noch relevant erscheint.

      Abgesehen davon sind alle Schreiner, die ich kenne, auch per Email erreichbar ;-) Der Unterschied zwischen Berufstätigen und Nicht-Berufstätigen dürfte größer sein als die Differenzen zwischen Berufsgruppen.

    5. 5 Björn

      Und wer E-Mail NICHT MEHR nutzt, ist dann über alle akademischen Grade erhaben :-)

    6. 6 Klaus Eck

      Ob es ausreicht, die Nutzung der private E-Mail als solche zu messen, ist doch mehr als fraglich. Die Aussagekraft ist nicht sehr groß. Schließlich gibt es zahlreiche Alternativen für die Online-Kommunikation, die auch ganz richtig benennst.

      Mich würde ein weiterer Aspekt mehr interessieren. Wie intensiv nutzen die jeweiligen Gruppen die E-Mail? Während unserereiner froh ist, wenn er nur 2 bis 3 Stunden am Tag E-Mails liest und verschickt, dürfte das bei den Jüngeren sich inzwischen anders darstellen. Viele lesen ihre E-Mail ohnehin anscheinend gar nicht einmal täglich, sondern nur alle paar Wochen. Dadurch wird die Verlässlichkeit der E-Mail zumindest im Privaten ein Stück weit in Frage gestellt.

    1. 1 der presseschauer » eliteVZ - eine Abhandlung
    2. 2 FreieNetze.de » Links für den 23.04.2008

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