Eine der Institutionen der Web 2.0-Medienwelt ist schon seit einiger Zeit der turi2-Köpfe-Fragebogen. Wer hat dort nicht schon alles geistreiche, humorvolle oder einfach nur interessante Antworten gegeben. Felix Schwenzel war da, ebenso Mercedes Bunz und Christoph Keese sowie gerade eben erst Robert Basic. Auf der re:publica hat es dann fast wie aus heiterem Himmel mich erwischt. Ich hatte das Geistreiche-Antworten-für-den-Videofragebogen-Ausdenken zwar schon auf meiner Todo-Liste, aber da ich kein allzu großer Getting-Things-Done-Fan bin, ist dieser Punkt aus dem Blick geraten. Insofern kann ich hier nur 5 Minuten Improvisation eines “bloggenden Soziologen aus München” anbieten:

Eine Antwort möchte ich nachträglich ergänzen, denn ich werde meinen Kindern auf jedenfall den Rat mitgeben, sich auf den turi2-Videofragebogen gut vorzubereiten.
Das die Soziologie ein Imageproblem hat ist kein Geheimnis. Nach wie vor ist sicher ein großer Teil der Bevölkerung der Auffassung, “Soziologie” sei nur ein weiteres Synonym für “Sozialismus”. Alismus oder Ologie, ist doch beides dasselbe.
Ein Blick auf die aktuell veröffentlichten Wissenschaftsindikatoren der US-amerikanischen National Science Foundation zeigt das ganze Grauen: Nicht nur sind gerade einmal 8 Prozent der Befragten davon überzeugt, die Soziologie sei “sehr wissenschaftlich” (für die Medizin sagen das 81 Prozent). Nein, 8 Prozent der Befragten können mit dem Begriff Soziologie überhaupt nichts anfangen:
| Table 7-12 |
| Perceptions of scientific nature of various fields: 2006 |
| (Percent) |
| |
| Field |
|
Very
scientific |
|
Pretty
scientific |
|
Not too
scientific |
|
Not at all
scientific |
|
Haven’t
heard
of field |
|
Don’t know |
| |
| Medicine |
|
81 |
|
16 |
|
1 |
|
— |
|
— |
|
1 |
| Biology |
|
70 |
|
24 |
|
2 |
|
1 |
|
— |
|
2 |
| Physics |
|
69 |
|
21 |
|
3 |
|
1 |
|
2 |
|
4 |
| Engineering |
|
45 |
|
32 |
|
11 |
|
7 |
|
— |
|
4 |
| Economics |
|
16 |
|
35 |
|
31 |
|
13 |
|
1 |
|
3 |
| Sociology |
|
8 |
|
41 |
|
29 |
|
9 |
|
8 |
|
6 |
| Accounting |
|
13 |
|
21 |
|
31 |
|
32 |
|
— |
|
3 |
| History |
|
10 |
|
21 |
|
37 |
|
29 |
|
— |
|
3 |
| |
|
— = ≤0.5% responded
NOTES: Responses to: How scientific is [field]? Detail may not add to total because of rounding.
SOURCE: University of Chicago, National Opinion Research Center, General Social Survey (2006). See appendix table 7-27.
Science and Engineering Indicators 2008
|
Obwohl, wenn man diejenigen dazuzählt, die der Soziologie immerhin einigermaßen Wissenschaftlichkeit zugestehen (“pretty scientific”), dann sind es schon 49 Prozent. Die Accounting Studies halten nur 34 Prozent für sehr oder etwas wissenschaftlich, die Geschichtswissenschaften nur 31 Prozent. Aber diese beiden kennt man wenigstens in den USA. Hat jemand zufällig vergleichbare Zahlen für Deutschland parat? (via)
Übrigens: die Deutsche Gesellschaft für Soziologie hat eine neue Homepage. Das Motto: Es geht auch ohne Layout und so neumodischen Schnickschnack wie RSS. Mal sehen, was Tina dazu sagt.
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Wieder ein paar subjektive Lesenotizen zu den jüngsten Äußerungen aus meinem Feedreader. Eine Verneigung vor einem der beiden Ursprüngen des Bloggens.
- Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers hat sich in einer Studie dem Thema Social Networks gewidmet. Die Ergebnisse in Kurzform: 85 Prozent der Internetintensivnutzer sind Mitglied in sozialen Netzwerken. 70 Prozent der Befragten sehen ihre Mitgliedschaft als langfristiges Commitment und wollen ihrem wichtigsten Netzwerk “für immer” bleiben. Mitgliedsbeiträge werden dabei weniger akzeptiert als Werbeeinblendungen. Das Durchschnittsalter der Communities liegt zwischen 23 und 47 Jahren. Etwas verwunderlich: Die Forscher kommen auf ein SchülerVZ-Durchschnittsalter von 23 Jahren – handelt es sich in Wirklichkeit um ein Abendschüler-Verzeichnis?
- Small News – Big News. Schon einen Tag später gibt es die erste Antwort auf Jeff Jarvis’ “Pressesphärenmodell” (siehe gestern). Steve Boriss ist wenig überzeugt davon, dass wir uns nun alle in “Nachrichtenathleten” verwandeln, die aktiv nach Nachrichten suchen und dabei “a taste for the work of amateurs – amateurs in their topic areas and in their writing skills” ausbilden. Seiner Meinung nach bleibt der Einfluss von Social Software auf “small news” begrenzt, also auf Nachrichten aus Familie oder Freundeskreis, wie sie z.B. per Facebookstatusmeldungen verbreitet werden. “Big news” werden sich nur insofern verändern, als die Aufgabe und Verantwortung der “middlemen” komplexer wird: Nachrichten verbreiten kann jeder – in der Schaffung von Mehrwert liegt die Herausforderung. Das ist richtig, aber die Konvergenz von Tageszeitungen und Blogs geht weiter und schafft neue “dialogische Inseln” in der Nachrichtenwelt.
- Die Antwort auf die Relevanzfrage lautet: Acht. Zumindest für SevenOne Media, die Relevanz als Antwort auf die Frage, “Wie viele Internet-Seiten gibt es, die sie regelmäßig besuchen?”, operationalisieren. Das Ergebnis: “Deutsche besuchen acht Seiten regelmäßig”. Männer sind etwas experimentierfreudiger: fast ein Viertel besucht regelmäßig 11 und mehr Seiten im Internet. Ebenfalls interessant: mit steigendem Alter wächst der Anteil derjenigen, die über Zeitung und Zeitschriften auf neue Internetseiten aufmerksam werden. Zugleich sinkt der Anteil der Empfehlungen durch Bekannte, Freunde und Kollegen. Das Internet der Jugendlichen ist sozial eingebettet.
- Wieder eine Twitter-ist-das-neue-Email-Meldung: Diesmal von Marcus Bösch (Deutsche Welle), der mit extensivem Namedropping seine subkulturelle Kompetenz demonstriert. Aber wenn immer wieder von dem “weltweite[n] vielstimmige[n] Gezwitscher und Geschnatter” die Rede ist, merkt man, dass hier das wesentliche nicht begriffen wurde: bei Twitter geht es nicht um die weltweite Reichweite, sondern darum, seine Stammesgenossen zu erreichen. Twitter ist digitaler Neotribalismus.
- Und noch etwas zum Thema Twitter: Cem Basman hat acht Interviews mit leidenschaftlichen Twitterern geführt, um hinter das Geheimnis dieser neuen Kommunikationsform zu kommen. Sein Vorschlag: “Twitter findet in den Köpfen statt. Nicht in der Software.” Als Neal Stephenson-Fan könnte man natürlich auch formulieren: “Twitter ist die Kommandozeile für die Schwarmintelligenz”.
- Löschversuch: Jan Schmidt weist im Berliner Journalisten darauf hin, dass sich nur ein geringer Teil der Blogger als Konkurrenz zum professionellen Journalisten sieht. Der größte Teil begnügt sich damit, “persönlich Öffentlichkeiten” zu erreichen, beschränkt sich also auf die oben erwähnten “small news”. Sein Fazit: “Eine Überhöhung von Weblogs zur gesellschaftlichen Gegenöffentlichkeit wie umgekehrt die Banalisierung ihre Inhalte als ‘Laienjournalismus’ hilft deswegen nicht weiter, sondern erschwert den Blick auf die tatsächlichen Veränderungen in den vernetzten und individualisierten Öffentlichkeiten des Internets.” Dieses “Bürgerbloggen” ist aber nur eine Seite Medaille. Daneben kann man auch die allmähliche Verbloggung des Journalismus betrachten. Dann werden genau die semi-professionellen Blogs interessant, die Jan ausklammert.
- Zum Schluss noch eine kurze Meldung in eigener Sache: In der Arbeitsgemeinschaft Social Media (Facebook-Gruppe) arbeiten nun etwa 40 Personen aus Wissenschaft, Marktforschung, Werbeagenturen, werbetreibenden Unternehmen und BloggerInnen in einem Wiki gemeinsam an einer Satzung für eine “Arbeitsgemeinschaft Social Media e.V.” Nach der Gründung wird eine technische Arbeitsgruppe das schon in Grundzügen bereitstehende Basisvokabular Social Media für eine technische Erfassung operationalisieren. Anfragen bitte per Email an
kontakt (at) ag-sm.de.
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