Blogs als Diskurs- und Dialogmedien

Eine grundlegende medientheoretische Unterscheidung schlägt Vilém Flusser mit seiner Differenzierung zwischen Diskurs- und Dialogmedien vor. Bei den Dialogmedien geht es um die kollaborative Produktion von neuen Informationen: “Um Informationen zu erzeugen, tauschen Menschen verschiedene bestehende Informationen aus, in der Hoffnund, aus diesem Tausch eine neue Information zu synthetisieren.” Diskursmedien dagegen zielen auf die Speicherung und Verteilung von Informationen: “Um Informationen zu bewahren, verteilen Menschen bestehende Informationen, in der Hoffnung, daß die so verteilten Informationen der entropischen Wirkung der Natur besser widerstehen” (Kommunikologie, 1996).

Beide Formen bedingen dabei einander: Um Informationen diskursiv verteilen zu können, müssen sie zunächst dialogisch produziert worden sein. Aber der Dialog wiederum setzt als Rohstoff diskursiv verteilte alte Informationen voraus. Das Fernsehen oder die Tageszeitung sind typische Diskursmedien: die Zuschauer oder Leser haben keine Möglichkeit, im selben Medium auf die präsentierten Informationen zu reagieren: man kann bei einem Fernsehsender anrufen oder der Zeitung einen Leserbrief schreiben, aber nicht mit einer anderen Fernsehsendung oder einer alternativen Zeitung antworten. Anders beim Telefon: Hier ist der Austausch möglich. Nur der Austausch, denn das Telefonnetz, das auf Eins-zu-eins-Verbindungen beruht, eignet sich nicht zur gezielten Verbreitung von Informationen in einer großen Menschenmenge.

Wendet man sich auf Grundlage dieser Unterscheidung zwischen Dialog- und Diskursmedien der Blogosphäre zu, so entdeckt man zunächst zahlreiche dialogische Merkmale: Weblogs charakterisiert, das man auf Beiträge per Kommentarfunktion direkt reagieren kann. Auch die Möglichkeit von Trackbacks oder Pings erleichtern eine kollaborative Produktion neuer Informationen. Zugleich bestehen dennoch deutliche Unterschiede zu typischen Dialogmedien wie dem Telefon oder auch der SMS: obwohl die Möglichkeit des Kommentierens besteht, macht nur ein geringer Teil der Leser davon Gebrauch. Der größte Teil verwendet die Blogosphäre genauso wie man eine Tageszeitung oder ein Fernsehprogramm verwendet: rezipierend. Blogs haben also auch eine diskursive Persona.

Viele kleine Blogs im Long Tail der Blogosphäre sind im Prinzip nichts anderes als digitale Zusammentreffen befreundeter Personen, bei denen sie sich austauschen. Dagegen gibt es große Blogs wie das Bildblog oder Blogs mit einer klaren Agenda wie z.B. Filmblogs, bei denen es um die Vermittlung von (Fach-)Informationen geht — eine Struktur, die den klassischen Massenmedien sehr ähnlich ist.

Durch diese dialogisch-diskursive Doppelfunktion von Weblogs ist auch der ewige Streit zwischen Bloggern und Journalisten nicht besonders gewinnbringend. Wollte man Journalisten erklären, was es sich mit Blogs auf sich hat, müsste man ihnen zunächst die dialogischen Bestandteile näherbringen. Blogs sind eben nicht nur — und in einigen Fällen fast überhaupt nicht — Verbreitung von Informationen wie die gedruckte Zeitung, sondern diese Verbreitungsfunktion ist durchmischt mit dialogischen Elementen, wie sie Journalisten z.B. in ihren Redaktionskonferenzen regelmäßig erfahren.



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