Daily Archive for April 14th, 2008

Stapelverarbeitung – 14.04.2008

Wenn ich nur alles ausführlich verbloggen könnte, was mir da tagtäglich durch den Feedreader rutscht … Dann würde ich mich zum Beispiel den folgenden Beiträgen widmen:

  • Robert Scoble stößt einmal mehr eine Diskussion über die Zukunft der Blogosphäre an. Er ist sich nämlich ziemlich sicher, die “era when bloggers could control where the discussion of their stuff took place is totally over.” Dienste wie FriendFeed verteilen die Gespräche nämlich dezentral. Eine wirkliche Beschreibung dieses spannenden Phänomens ist damit aber noch lange nicht erreicht.
  • 1.0, 2.0, 3.0 oder gar 4.0? Diese Frage kann man nicht nur auf das Web beziehen, sondern auch auf die Zukunft der Bibliothek. René Schneider (FH Genf) hat nun die Folien auf Slideshare gestellt, mit denen er die Evolution vom klassischen OPAC über das nutzerorientierte Web 2.0 und das semantischen Netz bis zum künstlich-intelligenten Web 4.0 skizziert. Mich würde interessieren, wie weit man mit Begriffen wie “Bibliothek 4.0” vom bibliothekswissenschaftlichen Mainstream ist? (netbib, Steuereule)
  • Kai-Uwe Hellmann nimmt ausführlich einen klassischen Text (pdf) von Barry Wellman, dem Pionier der Netzwerkanalyse, auseinander und kann der Wellmanschen Idee eines “vernetzten Individualismus” als neue Gemeinschaftsform nicht viel abgewinnen. Zurecht. Hellmanns Fazit sollte man sich im Zeitalter des Social Graph ruhig einmal auf der Zunge zergehen lassen: “Unstrittig ist: Jede ‘Community‘ ist ein ‘social network’, dies gilt umgekehrt
    aber keineswegs.”

  • Mit Amateurvideos gegen den Staat? Das berlin Institute aus, nun, Berlin versucht diesen Trick und hat ein “Video zur fragwürdigen Unabhängigkeit von Tagesschau und NDR-Rundfunkratins Netz gestellt. Das Ziel ist eine möglichst weitläufige virale Ausbreitung des Materials, mit dem nachgewiesen werden soll, dass das gegenwärtige Rundfunkkontrollsystem nicht funktioniert und mehr Transparenz und Expertise verdient hätte. Bis jetzt sieht es ganz gut aus – zumindest was die Viralität betrifft.
  • Weblog-Geringverdiener Jeff Jarvis zeichnet die Zukunft von Medien und Nachrichten in sein Blog. Der alte Filter der Presse – zwischen der Welt und uns – wird ersetzt durch eine heterogene und pluralisierte “Presse-Sphäre”, in der viele Quellen zur individuellen Konstruktion einer Story herangezogen werden können und Feeds dafür sorgen, dass wir auf dem Laufenden bleiben. Der große Unterschied zwischen Print und Online: “In print, the process leads to a product. Online, the process is the product.” Die neuen Nachrichten sind nicht mehr in Ressorts organisiert, sondern um Themen, Tags oder Geschichten, “because the notion of a section is as out of date as the Dewey Decimal System“.
  • Solche Listen werden wir in Zukunft noch häufiger sehen: Josh Bernoff hat neun Gründe gesammelt, warum Menschen Social Media nutzen: Freundschaften pflegen, neue Freunde finden, sozialer Druck, seinen Beitrag leisten, Altruismus, Exhibitionismus, Kreativität, Selbstbestätigung und Affinität. Daraus folgt ein wichtiger Hinweis an die Macher von Social Software: “Respect this diversity.”
  • Auch der Altmeister der Medienkonvergenztheorie, Henry Jenkins, meldet sich wieder zu Wort und erörtert auf dem C3-Blog das Thema: “Why academics should blog…” Er betont insbesondere die Bedeutung von Weblogs für die Sichtbarkeit junger Forscher: “increasingly, younger researchers are using blogs as resources for reputation building, especially in cutting-edge fields that lack established authorities.” Außerdem ermöglichen Wissenschaftlerblogs eine proaktive Haltung gegenüber den Massenmedien: Wir bloggende Wissenschaftler warten nicht mehr, bis wir von Journalisten zu einem Thema befragt werden, sondern reden einfach los. “Just-in-time-Scholarship” nennt Jenkins das.


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  • Das lange 19. Jahrhundert der Zeitungsmacher

    Der gerade eben veröffentlichte Medien-Trendmonitor liefert wieder einmal spannende Einblicke in die Überzeugungen der Journalisten und Redakteure. Eine Frage ist besonders schön, da sie einen tiefen Glaubensinhalt des Printjournalismus betrifft: Die Frage nach dem Leitmedium.

    Man muss sich das in etwa so vorstellen: Unabhängig von kleineren Veränderungen und Verschiebungen gibt es große gesellschaftliche Trends, was den öffentlichen (oder: veröffentlichten) Diskurs betrifft. Luthers Zeitgenossen haben sich noch Flugschriften bedient, wenn sie eine relevante Öffentlichkeit erreichen wollten, 100 Jahre später konnte man sich mit gelehrten Büchern an die Öffentlichkeit wenden. Im 19. Jahrhundert begann dann die Ära der Zeitung, genauer: der Massenpresse, die durch neue Drucktechnologien möglich wurde. Und danach? Nichts mehr. Der Medien-Trendmonitor formuliert es wie folgt:

    Das Ergebnis ist eindeutig: Die gedruckte Zeitung bleibt weiterhin das maßgebliche Leitmedium. Diese Meinung zieht sich durch alle Berufsgruppen sowie Medienbereiche.

    Kein Radio, kein TV, kein World Wide Web, ja nicht einmal die Onlineausgaben der Tageszeitungen und Zeitschriften spielen hier eine Rolle. Nur 3,8 Prozent der 3093 online-befragten Redakteure und freien Journalisten sind der Meinung, dass das Internet die Zeitung als Leitmedium bereits abgelöst hat. Noch weniger sind es in den Redaktionen der Tageszeitungen. Verständlich. Da überrascht es auch nicht, dass das Web 2.0 (was auch immer darunter verstanden wird) für zwei Drittel der Befragten nur eine geringe oder gar keine Relevanz für die journalistische Arbeit hat. Zum Glück ist es nur von untergeordneter Wichtigkeit, was die Zeitungsmacher selbst für relevant halten oder als Leitmedium empfinden. Viel wichtiger ist die gesellschaftliche Relevanz, die allerdings mangels zuverlässiger Zahlen und Forschung noch nicht hinreichend belegt werden kann.

    Einschränkend muss man dazu sagen, dass die gedruckte Zeitung hier nur mit dem Internet verglichen wurde und nicht mit den Leitmedien des 20. Jahrhundert Radio und TV, die was Glaubwürdigkeit und Verbreitung betrifft, gerade bei den jüngeren Mediennutzern die Zeitung schon seit längerem abgelöst haben. Aktuelle Studien zeigen, dass dort mittlerweile auch das Internet schon vor den Zeitungen liegt. (via Martin Welker)



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    Wieder ein Video mit viralen Qualitäten: sehr elegant produziert, einfache Sprache und klare Aussagen zu Themen wie erneuerbare Energien, grüne Chemie, Nachhaltigkeit, Zero Waste und geschlossene Produktionskreisläufe: “The Story of Stuff”, präsentiert von Annie Leonard. Wenn ich da an unsere Lehrfilme im Biologieunterricht denke …

    Auf der Internetseite zum Film (natürlich auch mit Blog) gibt es nicht nur alles, was eine virale Kampagne im Netz braucht – Youtube-Ausschnitte, den gesamten Film in guter Qualität zum Herunterladen und jede Menge Bilder und Banner. Darüber hinaus versucht die Tides Foundation, die für die Produktion des Filmes verantwortlich war, die Kampagne in die real world zu bringen und stellt Poster, Einladungskarten und Diskussionsmaterialien für Aufführungen des Films zu Hause zur Verfügung. Lizenziert ist das alles mit einer Creative Commons-Lizenz. (via)



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    Eine grundlegende medientheoretische Unterscheidung schlägt Vilém Flusser mit seiner Differenzierung zwischen Diskurs- und Dialogmedien vor. Bei den Dialogmedien geht es um die kollaborative Produktion von neuen Informationen: “Um Informationen zu erzeugen, tauschen Menschen verschiedene bestehende Informationen aus, in der Hoffnund, aus diesem Tausch eine neue Information zu synthetisieren.” Diskursmedien dagegen zielen auf die Speicherung und Verteilung von Informationen: “Um Informationen zu bewahren, verteilen Menschen bestehende Informationen, in der Hoffnung, daß die so verteilten Informationen der entropischen Wirkung der Natur besser widerstehen” (Kommunikologie, 1996).

    Beide Formen bedingen dabei einander: Um Informationen diskursiv verteilen zu können, müssen sie zunächst dialogisch produziert worden sein. Aber der Dialog wiederum setzt als Rohstoff diskursiv verteilte alte Informationen voraus. Das Fernsehen oder die Tageszeitung sind typische Diskursmedien: die Zuschauer oder Leser haben keine Möglichkeit, im selben Medium auf die präsentierten Informationen zu reagieren: man kann bei einem Fernsehsender anrufen oder der Zeitung einen Leserbrief schreiben, aber nicht mit einer anderen Fernsehsendung oder einer alternativen Zeitung antworten. Anders beim Telefon: Hier ist der Austausch möglich. Nur der Austausch, denn das Telefonnetz, das auf Eins-zu-eins-Verbindungen beruht, eignet sich nicht zur gezielten Verbreitung von Informationen in einer großen Menschenmenge.

    Wendet man sich auf Grundlage dieser Unterscheidung zwischen Dialog- und Diskursmedien der Blogosphäre zu, so entdeckt man zunächst zahlreiche dialogische Merkmale: Weblogs charakterisiert, das man auf Beiträge per Kommentarfunktion direkt reagieren kann. Auch die Möglichkeit von Trackbacks oder Pings erleichtern eine kollaborative Produktion neuer Informationen. Zugleich bestehen dennoch deutliche Unterschiede zu typischen Dialogmedien wie dem Telefon oder auch der SMS: obwohl die Möglichkeit des Kommentierens besteht, macht nur ein geringer Teil der Leser davon Gebrauch. Der größte Teil verwendet die Blogosphäre genauso wie man eine Tageszeitung oder ein Fernsehprogramm verwendet: rezipierend. Blogs haben also auch eine diskursive Persona.

    Viele kleine Blogs im Long Tail der Blogosphäre sind im Prinzip nichts anderes als digitale Zusammentreffen befreundeter Personen, bei denen sie sich austauschen. Dagegen gibt es große Blogs wie das Bildblog oder Blogs mit einer klaren Agenda wie z.B. Filmblogs, bei denen es um die Vermittlung von (Fach-)Informationen geht — eine Struktur, die den klassischen Massenmedien sehr ähnlich ist.

    Durch diese dialogisch-diskursive Doppelfunktion von Weblogs ist auch der ewige Streit zwischen Bloggern und Journalisten nicht besonders gewinnbringend. Wollte man Journalisten erklären, was es sich mit Blogs auf sich hat, müsste man ihnen zunächst die dialogischen Bestandteile näherbringen. Blogs sind eben nicht nur — und in einigen Fällen fast überhaupt nicht — Verbreitung von Informationen wie die gedruckte Zeitung, sondern diese Verbreitungsfunktion ist durchmischt mit dialogischen Elementen, wie sie Journalisten z.B. in ihren Redaktionskonferenzen regelmäßig erfahren.



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