Sechs Beobachtungen zur Zukunft der Nachrichten

Schon des öfteren habe ich die These vertreten, dass Print nicht tot ist, genauso wenig wie Nachrichten tot sind. Aber die enge Verbindung von Print und News, wie sie sich beispielhaft in den großen Tageszeitungen beobachten lässt, verliert angesichts der in nahezu jedem Fall größeren Aktualität von Onlinenews oder der ungefilterten Nachrichtenkanälen wie Twitter oder Blogs stetig an Bedeutung (mittlerweile experimentieren auch Tageszeitungen wie Welt-Kompakt oder die Hamburger Morgenpost mit dem Instantmedium Twitter).

Das sollte aber nicht verwechselt werden mit einer Demokratisierung der Nachrichtenproduktion und -distribution. Auf der einen Seite bestehen tatsächlich neue Möglichkeiten einer Nachrichtenproduktion und -distribution im Long Tail des WWW, die im Übrigen noch deutlich zu wenig genutzt werden. Auf der anderen Seite gibt es Anhaltspunkte dafür, dass die Onlinenachrichtenquellen sehr viel stärker konzentriert sind als es in der Printwelt der Fall gewesen ist. Zu diesem Ergebnis kommt auch der “State of the News Media“-Bericht des Project for Excellence in Journalism:

Online, for instance, the top 10 news Web sites, drawing mostly from old brands, are more of an oligarchy, commanding a larger share of audience than they did in the legacy media. The verdict on citizen media for now suggests limitations. And research shows blogs and public affairs Web sites attract a smaller audience than expected and are produced by people with even more elite backgrounds than journalists.

Der Bericht skizziert sechs Trends in der Entwicklung der Nachrichtenmedien, die sich 2008 zumindest in den USA schon deutlich abgezeichnet haben:

  • Nachrichten verwandeln sich von einem Produkt in eine Dienstleistung. Dazu gehört auch der Trend zu einer Art perpetual beta-Nachrichten: immer wieder kleine Updates anstelle der klassischen (Morgen- und Abend-)Ausgaben. Das heißt aber auch, dass der aktuelle Nachrichten-Release nur ein Zwischenstand ist, der später ergänzt oder korrigiert werden muss. Das ist freilich nicht neu, wurde aber durch das Erscheinungsbild einer Zeitung als fertiges Produkt überdeckt.
  • Nachrichtenseiten sind nicht mehr Endpunkte, sondern Zwischenstationen. Nachrichtenportale sind keine walled gardens mehr. Die dort publizierten Meldungen können syndiziert, kommentiert, geokodiert, auf Facebook gepostet, gediggt oder geyiggt werden. Sie werden zu einem unter vielen Rohstoffen in digitalen Mashups. Anders ausgedrückt: news is a river.
  • Nutzergenerierter Content spielt (noch) keine große Rolle. Obwohl die Nutzer im Web 2.0 Nachrichten remixen können, spielt die eigene Produktion von Nachrichten wie es die Bürgerjournalismus-Idee will nur eine untergeordnete Rolle. Hier formuliert der Bericht eine interessante Pointe: die Graswurzelnachrichten in Blogs sind sehr viel geschlossener und altmodischer als die großen Nachrichtenportale: “In short, rather than rejecting the ‘gatekeeper’ role of traditional journalism, for now citizen journalists and bloggers appear for now to be recreating it in other places.”
  • Die Rückkehr des Newsroom. Verkündete man vor 10 Jahren noch das Ende des Newsroom, so ist das Nachrichtenressort mittlerweile sehr viel weniger umstritten als z.B. die Verlagsseite (fehlende Monetarisierungsmodelle für Online) oder die Meinungsseite (Blogger machen das, gerade in den USA, häufig besser).
  • Einengung der Agenda. Trotz der Pluralisierung von Nachrichtenquellen und -kanälen ist in jüngster Zeit die Nachrichtenagenda weiter geschrumpft. Irakkrieg und Präsidentenwahl sind die Themen, die ein Viertel der Nachrichtenmeldungen in den USA bestimmten.
  • Die Werbeagenturen sind ratlos. Hier halten sich die alten Formen, so dass der Leidensdruck für die alten Medien dadurch noch eine Weile niedrig gehalten wird. Aber auch hier sieht das Project for Excellency in Journalismus früher oder später eine drastische Veränderung: “But the losses could begin to accelerate when answers come. The question of whether, and how, advertising and news will remain partners is unresolved.”

Zugespitzt formuliert: Die Nachrichtenindustrie ist ein Zombie, der sich im Halbschlaf befindet und nur deshalb nicht bemerkt, dass das Suchmaschinenzeitalter längst begonnen hat. Deshalb wird in Zukunft von großer Bedeutung sein, nach welchen Kriterien die großen Player Google und Yahoo den Zugang zu Nachrichtenmeldungen herstellen. Schon jetzt zeigen sich unterschiedliche Gewichtungen von Quellen und Themen – ein Problem sehe ich aber darin, dass diese Gewichtung nicht mehr auf Menschen und ihre politische Agenda zurechenbar ist, sondern von Algorithmen abhängt, die von außen nicht durchschaubar sind.



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  • 1 Response to “Sechs Beobachtungen zur Zukunft der Nachrichten”


    1. 1 Methusalem

      Hallo Benedikt,

      die Frage nach der Zukunft der Nachrichten… ein interessantes Thema. Manches klingt für mich erstmal wie ein böhmisches Dorf (Twitter z.B. war mir ein völlig neuer Begriff). Das Print tot ist, glaube ich auch nicht und ich glaube auch, dass das Bedürfnis nach Information nicht tot ist. Es gibt aber noch einen Aspekt, der entscheidend über die Nachrichtenlandschaft mitbestimmen wird – das Verhalten der Leser nämlich. Feeds geben ja die Möglichkeit, Nahcrichten nach bestimmten Themenfeldern auszusuchen, also wegzugehen von einer umfassenden Information, die alle möglichen Themen anspricht, hin zu einer gezielten Auswahl der Nachrichten, für die sich jemand gerade interessiert. Medienportale bieten die Chance, Interessen zu vertiefen und anderes außer Acht zu lassen. Logisch wäre dann eine zunehmende Spezialisierung, in der so manches vertiefter dargestellt werden kann, was in den früheren Nachrichtensendungen im Fernsehen nur gestreift werden konnte.
      Dabei stellt sich dann aber auch die Frage der Organisation von Zugangswegen – wer sich informieren will, sieht sich mit neuen Anforderungen konfrontiert, muss zunächst herausfinden, wo welche Informationen zu finden sind. Und da es immer mehr Informationsmöglichkeiten gibt, braucht der Leser auch ausgefeiltere Filtermechanismen, um unwichtige oder (im Moment oder generell) uninteressante Nachrichten auszublenden. Das alles ist nicht einfach, bietet aber auch Chancen, das Nachrichtengeschehen stärker als einen Interaktionsprozess zu betrachten und zu gestalten… eine Entwicklung, an die ich mich offen gestanden erst noch gewöhnen muss.
      Das alles wirft viele Fragen auf… ich bin gespannt auf weitere Beiträge!

      lg Methusalem

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