Monthly Archive for April, 2008

Wie bloggig sind die Zeitungen mittlerweile geworden?

Lutz Hachmeister weist in einem Interview für den Rheinischen Merkur darauf hin, dass die Unterscheidung zwischen “Internet” hier und “Fernsehen” da möglicherweise ein Auslaufmodell ist. Eine ähnliche Konvergenz könnte man nun auch zwischen “Zeitung” und “Weblog” feststellen, zumindest wenn man die Onlineausgaben der Zeitungen betrachtet. Einige in dieser Hinsicht fortschrittliche Verlage haben bereits ihr Onlineangebot zum primären Informationskanal erklärt – die Devise lautet: “Online first“. Ich habe mir einmal die Internetangebote einiger Tages- und einer Wochenzeitung angesehen, um herauszufinden, wie “bloggig” diese Seiten schon geworden sind. Dazu habe ich 16 Merkmale untersucht, die für mich ein idealtypisches Blog ausmachen und dann einen gewichteten Index gebildet, der Auskunft darüber geben soll, wie nah ein Onlineangebot an diesem idealtypischen Blog ist. Hier zunächst das Ergebnis, dann die Erklärung der einzelnen Merkmale:

  SZ Taz FAZ NYTimes Welt Guardian Tagesspiegel Zeit
RSS + - + + + + + +
Kommentare + + + - + - + +
Stapel - - + - - - + -
Volltext - + - + + + + +
Permalinks + + + + + + + +
Tags - - - - + + - +
Autorenkat. - - - + - + - -
Trackbacks - - - - - - - -
Links - - - - - - - -
Archiv - + - + - + - -
Blogroll - - - - - - - -
Kategorien + + + + + + + +
Related + + + + + + + +
Share + - + + - + + +
Navigation - - - + + - + -
Suche + + + + + + + +
Score 10 10 12 13 14 14 15 15

Die “bloggigsten” Zeitungen sind also Die Zeit und der Tagesspiegel (beide 15), danach der Guardian und die Welt (beide 14), dann die New York Times (13) und die FAZ (12) und die Schlusslichter sind taz und Süddeutsche Zeitung (beide 10). Wenn man dieselben Kriterien für einige Weblogs betrachtet, dann kommt das Bildblog nur auf 13 Punkte, während zum Beispiel wirres.net 17 Punkt und Basic Thinking 19 Punkte erreichen, beide also deutlich mehr als die untersuchten Tageszeitungen. Einige Onlineangebote von Zeitungen kann man also auch als Blogs betrachten – freilich bezieht sich das nur auf die genannten formalen Kriterien und nicht auf die Professionalität der Autoren oder die jeweiligen Inhalte. Interessant ist auch die Heterogenität der Onlinestrategien. Keine Zeitungen haben, was diese Indikatoren betrifft, ein identisches Profil. Es scheint also noch kein Best Practice auf diesem Gebiet zu geben.

Nun kurz zu den Indikatoren, über die man sich natürlich streiten kann:

  • RSS: Die Verfügbarkeit eines RSS- oder Atom-Feeds. Fast alle Zeitungen bieten dies an, in der Regel auch für einzelne Ressorts.
  • Kommentare: Die Möglichkeit, einen Eintrag zu kommentieren. Dieses Feature findet man bei allen deutschsprachigen, nicht aber bei den englischsprachigen Zeitungen.
  • Stapel: Die Organisation der Homepage als ein Stapel, bei dem die neuesten Beiträge oben eingefügt werden, während ältere Beiträge unten herausfallen (bzw. ins Archiv wandern).
  • Volltext: Die Verfügbarkeit aller Texte aus den Printausgaben.
  • Permalinks: Die Möglichkeit, einen Artikel über eine stabile URL zu erreichen. Alle Zeitungen haben dieses Feature.
  • Tags: Die Verschlagwortung eines Artikels mit horizontalen Tags. Ein Tag kann auf mehrere Artikel verweisen, ein Artikel kann mehrere Tags haben.
  • Autorenkategorie: Die Möglichkeit, sich nur Beiträge eines bestimmten Autors anzusehen.
  • Trackbacks: Die Registrierung einkommender Trackbacklinks. Dieses Feature, das eine wesentliche Grundlage der intensiven Vernetzung der Blogosphäre ist, findet man bei keinem Onlineangebot.
  • Links: Auch externe Links findet man nur in Ausnahmefällen (Werbung). Zeitungen verlinken auf in der Zeitachse, d.h. auf eigene Beiträge.
  • Archiv: Ein Archiv, in dem man blättern kann und sich z.B. alle Beiträge anzeigen lassen kann, die im letzten Januar erschienen sind.
  • Blogroll: Auch die Anzeige von interessanten Blogs ist ein Blog-exklusives Feature.
  • Kategorien: Die Möglichkeit, sich Beiträge einer bestimmten Kategorie anzuzeigen, haben alle Zeitungen – unter dem Namen “Ressort”.
  • Related Items: Alle Onlineausgaben zeigen interne Links an, die zu einem bestimmten Beitrag inhaltlich passen.
  • Share: Die Möglichkeit, einen Beitrag bei del.icio.us, Mr. Wong etc. abzuspeichern und für andere verfügbar zu machen.
  • Artikelnavigation: Die Möglichkeit von einem Artikel zum vorherigen bzw. nächsten zu surfen.
  • Suche: Auch das ist ein ubiquitäres Feature.

Doppelt gewertet wurden die ersten sechs Merkmale, da ich sie für besonders wesentlich für Blogs halte.



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  • Stau in der metaroll: Technorati-API auf 500 Anfragen limitiert

    Leider komme ich zur Zeit überhaupt nicht hinterher, die neuen Blogs in die metaroll einzutragen. Für die Neuenträge hole ich mir die aktuellen Metadaten über ein Blog für gewöhnlich über das Technorati-API. Zugleich aktualisiere ich auch die Technorati-Authority für die metaroll-Channels (Wissenschaft, Medien, Jobs und Genuss) über dieses API. Aber ich kann über meinen API-Key nur 500 Anfragen machen:

    You can make up to 500 Technorati API calls per day, and there is no charge.

    Hat jemand Erfahrungen damit, welche Möglichkeiten es gibt, dieses Limit etwas zu erhöhen? Es darf auch etwas kosten, aber bei Technorati habe ich dazu keine Angaben gefunden und auf Anfragen scheint man dort auch nicht allzu eifrig zu reagieren (sprich: keine Antwort).



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    Innerhalb der deutschsprachigen Blogosophäre gibt es ein ziemliche großes Cluster von Job-, Karriere- und Produktivitätsblogs, an denen man allerdings “vorbeilesen” kann, wenn man gerade nicht auf der Suche nach ein paar Rhetoriktricks, Getting-Things-Done-Weisheiten oder nach einem Karriereberater ist. Ich habe mich in dieser Subcommunity einmal umgesehen – dabei war mir diese umfangreiche Liste eine große Hilfe – und habe Links für die metaroll gesammelt. Auch für diese Blogs lässt sich eine Blogcloud erstellen, die anzeigt, welche der Blogs in den letzten sieben Tagen (für die vollen 30 liegen mir noch keine Daten vor) am dynamischsten gewachsen sind. Fröhliches Selbstmanagement!

    Blogcloud der 25 dynamischsten Jobblogs

    Hier geht es zu den 25 dynamischsten Wissenschaftsblogs und Medienblogs.



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  • Interview zum Wissenschaftsbloggen und zur Arbeitsgemeinschaft Social Media

    Okay, ich muss zugeben, dass die Formulierung “Bücher liest ja keiner mehr” ein bisschen arg zugespitzt ist. Ich merke es aber an mir selbst: In meiner wissenschaftlichen Arbeit rezipiere ich immer mehr online verfügbare Texte – ganz gleich ob es um die sogenannte “graue Literatur”, Aufsätze in Onlineausgaben von Fachjournals (am besten Open Access) oder um digitale Buchausgaben geht. Aber auch Blogs spielen für mich als Ideengeber eine immer wichtigere Rolle. Soweit als kurze Vorbemerkung zu dem folgenden Interview, das turi2-Mitarbeiter Peter Schwierz am Rande der re:publica mit mir geführt hat.

    Zur Arbeitsgemeinschaft Social Media geht’s übrigens da lang.



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  • Die Datenbank der Wünsche, Folksonomies und Trampelpfade

    [Der Wildbach] wühlt sich sein Bette selbst und bricht sich Bahn,
    nicht des gemessnen Pfades achtet er.
    Schiller

    Clay Shirkys aktuelles Buch “Here Comes Everybody: The Power of Organizing Without Organizations” ist nicht nur ein gut lesbarer Einstieg in die Organisationsforschung – oder besser: Un-Organisationsforschung -, sondern macht insbesondere einen Punkt immer wieder deutlich: Das neue Netz (oder Web 2.0) stellt technische Hilfsmittel bereit, mit denen neue Formen des kollektiven Handelns möglich werden, die weder durch spontane Zusammenschlüsse von Personen möglich waren (zu großer Maßstab bzw. zu hoher Koordinierungsaufwand) noch durch Organisationen bereitgestellt werden konnten (zu hohe Overheadkosten).

    Anschauliche Beispiele sind die Wikipedia als größte Enzyklopädie in der Geschichte der Menschheit, aber auch die “Datenbank der Wünsche” (Battelle), die mit jeder Google-Suchanfrage erweitert und aktualisiert wird – im Übrigen: Ist es nicht langsam es an der Zeit, dass wir einen API-Zugang zu diesem neuen Weltwissen bekommen? Auch die visuell-semantischen Bedeutungsnetzwerke, die durch das Vergeben von Flickr-Tags entstehen, sind eine ähnliche Leistung. Welches Unternehmen könnte in jeder Minute 2.000 mit Tags versehen?

    Etwas anders gelagert ist das Phänomen, das hinter diesen Fotos steckt. Abgebildet sind sogenannte “Wunschpfade”, also Wege, die von Planern nicht vorgesehen waren, sich aber durch das ständige Begehen allmählich in die Landschaft einschreiben. Auch hier sind es weder Organisationen noch irgendwelche Gruppen, die diese rebellischen Trampelpfade schaffen, sondern das Ergebnis ist auch hier eine kumulierte Nebenfolge des individuellen Handelns. Nur: mit moderner Technologie hat das nicht viel zu tun und auch die hohen Organisationskosten waren hier nicht die Ursache dafür, die Pfade nicht von Anfang an einzuplanen.

    Dennoch halte ich diese Bilder für ein anschauliches visuell-räumliches Pendant zu Folksonomies, also den emergenten Wissensordnungen die sich aus der individuellen Vergabe von Schlagwörten (Tags) entwickeln. (via)

    (Abbildung: “Three Mills Green” von LoopZilla, CC-Lizenz)



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  • Die 25 dynamischsten Wissenschaftsblogs

    Klar, was man für die Medienblogs machen kann, lässt sich auch für die Wissenschaftsblogs anstellen. Hier also die Blogcloud der “heißesten” Wissenschaftsblogs der deutschsprachigen Blogosphäre. Je größer der Name, desto größer das Wachstum in den letzten 30 Tagen:

    Die 25 dynamischsten Wissenschaftsblogs

    Insbesondere das starke Wachstum der Scienceblogs ist bemerkenswert. Am Anfang des Monats waren viele von ihnen noch im einstelligen Authority-Bereich. Jetzt findet man sie schon unter den 25 bestplatzierten Wissenschaftsblogs. Ich bin gespannt, wie das weitergeht. Wenn jemand noch ein deutschsprachiges Wissenschaftsblog kennt, das hier fehlt – bitte in die Kommentar schreiben, ich nehme es dann möglichst bald in die Liste auf.



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    Die üblichen Medienblogcharts, die sich an der Technorati-Authority (also der Anzahl der eingehenden Verlinkungen in den letzten sechs Monaten) liefern nur selten überraschende Ergebnisse. Mal kommt ein neues Blog hinzu, mal fällt ein anderes aus der Liste. Aber vorne stehen immer dieselben. Bildblog, Niggemeier, Indiskretion Ehrensache, Blogbar und die Medienlese.

    Sehr viel spannender erscheint mir die Frage, welches Blog gerade im Aufwind ist; welches Blog gerade in den letzten 30 Tagen besonders viele neue Links gewonnen hat. In den metaroll-Channels für Medien-, Wissenschafts-, Karriere- und Genussblogs kann man sich schon seit einiger Zeit an den Sparklines (also diesen Minidiagrammen vor dem Blognamen: ) orientieren.

    Man kann diese Daten jedoch auch automatisch auswerten, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie stark sich ein Blog in einem bestimmten Zeitabschnitt verbessert oder verschlechtert hat. Für die Medienblogs ergibt sich dann folgendes Bild – als Visualisierung habe ich die Form der Tagcloud gewählt, also: je größer der Eintrag, desto stärker das Wachstum in den letzten 30 Tagen.

    Die 25 dynamischsten Medienblogs

    Hier geht’s weiter mit den Wissenschaftsblogs.



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    Nachdem die Wissenswerkstatt schon seit ich damit angefangen habe im tagesaktuellen metaroll-Wissenschaftschannel ganz oben anzutreffen ist, hat mein Lieblingswissenschaftsblog nun einen weiteren Sprung getan und taucht seit ein paar Tagen auch in den Deutschen Blogcharts auf:

    Diese Liste setzt sich zusammen aus den 100 deutschsprachigen Weblogs mit der höchsten Technorati-Authority (Verlinkung durch andere Feedmedien). Damit ist es das erste zweite Mal einem wissenschaftlichen Weblog gelungen, in die A-Liste der deutschsprachigen Blogosphäre vorzudringen. Zwar momentan erst auf Platz 98, aber wenn ich mir die Entwicklung der letzten Zeit ansehe (die Sparkline am Anfang), ist da noch mehr drin.

    Herzlichen Glückwunsch, Marc!



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    Einmal mehr stellt eine Studie über die Internetnutzung fest, dass es eine erhebliche digitale Spaltung gibt: Der Branchenverband BITKOM zeigt im aktuellen Webmonitor, dass die Emailnutzung deutlich von dem Bildungsgrad abhängt. Während zwei Drittel der Personen mit Abitur oder Hochschulabschluss dieses Dialogmedium nutzen, sind es bei den Realschulabsolventen nur knapp die Hälfte und unter den Hauptschulabsolventen nur noch ein knappes Drittel. So überrascht es kaum, dass angesichts der großen Wichtigkeit von IT-Kenntnissen und der schlechten Ausstattung der deutschen Schulen eine große Bildungsinitiative gefordert wird.

    Man sollte allerdings, ohne das Phänomen der digitalen Spaltung kleinreden zu wollen, einmal darüber nachdenken, dass auch das Diskursmedium Fernsehen in der Anfangszeit ein Elitenphänomen gewesen ist (vgl. dazu die Dissertation “Fernsehen und sozialstruktureller Wandel” von Rudolf Stumberger). Erst in den 1970er Jahren konnte man in Deutschland von einer Vollversorgung sprechen, in den 1950er und frühen 1960er Jahren kennzeichnete die Besitzer von Fernsehgeräten ein überdurchschnittlicher Bildungsgrad und ein relativ hohes Einkommen. Aber im Falle des Fernsehens kam es sehr schnell zu einer Umkehr: So besaßen die einkommensstärksten 12 Prozent der Bevölkerung Großbritanniens im Jahr 1947 fast die Hälfte der Fernsehgeräte, bereits sechs Jahre später standen über die Hälfte der Geräte in Haushalten der “Lower 68%” der Bevölkerung. In Deutschland fand diese Entwicklung entsprechen später statt: Zwischen 1954 und 1963 ist der Anteil der Selbständigen unter den Gerätebesitzern von 59 auf 14 Prozent gesunken, während gleichzeitig der Arbeiteranteil von 9 auf 53 Prozent gestiegen ist.

    Insofern ist fraglich, ob wir es bei der digital divide im Fall von Email tatsächlich mit einem Phänomen eigener Art zu tun haben. Denkbar wäre auch eine Kombination aus den folgenden Faktoren:

    • schichtspezifische Präferenzen und Fähigkeiten, was das freie Verfassen von Texten betrifft,
    • ein ganz gewöhnlicher lag in der Diffusion von neuen Technologien
    • das “Überspringen” der Technologie Email und eine stärkere Nutzung von Chat, IM oder Direktnachrichten in Social Networks wie SchülerVZ oder Lokalisten


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  • Was heißt Social Media?

    Häufig wird das Buzzword “Social Media” (die deutsche Übersetzung “soziale Medien” klingt leider etwas missverständlich) verwendet, um zu die Veränderungen in der Medienlandschaft gegen Anfang des 21. Jahrhunderts zu beschreiben. Wikipedia definiert den Begriff im Augenblick wie folgt:

    Social Media (auch Soziale Medien) ist ein Schlagwort mit dem Webdienste und Plattformen zum gegenseitigen Austausch von Meinungen, Eindrücken und Erfahrungen beschrieben werden. Als Kommunikationsmittel wird dabei Text, Bild, Audio oder Video verwendet. Populäre Medien sind dabei Internetforen, Mailinglisten, Weblogs, Podcasting, Vlogs, Wikis, und Social-Bookmarking-Dienste.

    Diese Definition stellt also im Wesentlichen auf die Dialogfähigkeit der Anwendungen ab (“gegenseitiger Austausch”). Also gehören nicht nur die genannten Phänomene dazu, sondern auch ICQ, Chat und IM müssten dieser Definition nach soziale Medien sein. Auf der anderen Seite ist nicht ganz mir nicht ganz klar, inwiefern Podcasts tatsächlich als Dialogmedien betrachtet werden sollten, oder nicht viel mehr als eine demokratisierte Weiterentwicklung des Radios mit sehr viel niedrigeren Zugangsbarrieren. Das Konzept “gegenseitiger Austausch” scheint also nicht zu genügen, um Social Media zu definieren. Robert Scoble hat vor etwa einem Jahr eine Neun-Punkte-Liste für die Definition des Begriffs zur Diskussion gestellt. Seiner Meinung lassen sich soziale Medien wie folgt definieren:

    • Veränderbarkeit: Einträge in Blogs u.ä. lassen sich schnell revidieren oder aktualisieren, falls sich der Wissensstand in der Zwischenzeit geändert hat.
    • Interaktivität: Das zielt in dieselbe Richtung wie die Wikipedia-Definition. Scoble vergisst allerdings zu erwähnen, dass es nicht nur um Interaktivität als solche geht (“Leserbrief”), sondern darum, dass die Reaktionen in demselben Medium stattfinden können (siehe auch hier).
    • Granulare Erfolgsmessung in Echtzeit: Bei Inhalten, die in sozialen Medien publiziert werden, kann die Popularität z.B. anhand von Kommentaren oder Backlinks nahezu in Echtzeit erfasst werden. Dabei ist allerdings umstritten, welche Maße für welche Zwecke angewendet werden sollen.
    • Leichte Zugänglichkeit der Archive: Bei diesem Kriterium wäre ich vorsichtig, da nicht klar ist, was ein “leichter” Zugang sein soll. Außerdem dürften Microblogging-Dienste nach diesem Kriterium eigentlich nicht zu den sozialen Medien gerechnet werden – sie haben zwar Archive, die sind aber nur schwer zugänglich.
    • Medienmischung: In sozialen Medien können unterschiedliche Medien wie Text oder Bewegtbilder kombiniert werden. Dabei wird allerdings der Medienbegriff problematisch. Was sind in diesem Fall die sozialen Medien? Die Inhalt allein oder erst eine spezifische Form ihrer Kombination?
    • Unmittelbare Publikation: Anders als in klassischen Medien (= “asoziale Medien”?) steht zwischen der Produktion von Inhalten und ihrer Publikation keine Instanz wie z.B. ein Herausgeber, der darüber entscheidet, wann und in welcher Form eine Veröffentlichung vorgesehen ist.
    • Unbegrenzte Länge und Quantität: Ein weiterer spannender Punkt, der sehr gut zu Weinbergers Konzept “Everything is miscellaneous” passt. Social Media-Inhalte können sich über die üblichen Restriktionen bezüglich Länge, Quantität und Sortierung hinwegsetzen. So kann man Youtube nicht sinnvoll mit einem Fernsehsender vergleichen, wird doch an einem einzigen Tag mehr Filmmaterial auf die Server hochgeladen als ein Mensch in seinem gesamten Leben ansehen könnte.
    • Syndizierbarkeit und Verlinkbarkeit: Social Media zeichnen sich auch dadurch aus, dass die Inhalte leicht weiterverwertet werden können, entweder durch die Verlinkung oder die automatische Wiedergabe der Inhalte in einem anderen Kontexte. Dieser Punkt ist insbesonder deshalb spannend, weil damit die klassischen Messverfahren der Reichweitenfeststellung beeinträchtigt sind. Dadurch, dass die Inhalte so leicht reproduziert werden können, erscheint ein integrierter Multi-Site-Ansatz notwendig, um Relevanz und Wirkung von Social Media-Inhalten wirklich schlüssig nachweisen zu können. Dies ist ein wichtiges Aktionsfeld der neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft Social Media.
    • Vermischung mit Daten aus anderen Quellen: Nicht nur können die Inhalte an anderen Orten reproduziert werden, sondern es können auch Daten aus anderen Quellen einbezogen werden. Social Media sind mashable.

    So verführerisch diese Auflistung von Merkmalen erscheint, es fehlt nach wie vor eine schlüssige theoretische Grundlage, die einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Eigenschaften herstellt oder verdeutlicht, welche der Punkte notwendige bzw. hinreichende Kriterien darstellen.

    Für mich ist ein wichtiger Punkt die Theatralität von Social Media-Kommunikationen. Im Unterschied zu klassischen Dialogmedien wie dem Telefon finden hier die Gespräche auf einer Art Bühne statt, die von anderen Personen beobachtbar ist. Im Social Web wird der dialogische Austausch sendefähig und kann ein quasi-massenmediales Publikum erreichen. Diese Publikum kann allerdings jederzeit die passive Rezipientenrolle verlassen und die Bühne betreten, z.B. indem man einen Kommentar verfasst oder sich mit dem @-Symbol in eine Twitter-Unterhaltung einmischt. Ebenfalls sehr wichtig: Der mit Social Media verknüpfte Medienwandel lässt sich nicht auf ebendiese Medien beschränken, sondern verändert den gesamten Bezugsrahmen für die Beurteilung von Medienwirkungen. Social Media verändern also auch die klassischen Medien. Auch die Printzeitung nach Social Media ist eine andere als davor – und das nicht nur indem Redaktionen zu twittern anfangen oder mit Quick-Response-Codes experimentiert wird.



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