Die fröhliche Wissenschaft des Getting Things Done

Sehr viel spricht dafür, mit Jose Quesada in lifehacking, productivity oder anti-procrastination einen wichtigen Trend des 21. Jahrhunderts zu sehen. Zumindest für die digitale Avantgarde, denn kaum ein BarCamp kommt ohne Getting Things Done-Unterweisungen oder ähnliche Hinweise zur Ordnung des eigenen Lebens inmitten der digitalen Unordnung aus. Obwohl die auf dieses Thema spezialisierte Publikationen in Deutschland eine eher untergeordnete Bedeutung haben (z.B. imgriff.com oder Selbstadministration) – im Gegensatz zur englischsprachigen Blogosphäre, in der es mit lifehacker, Zen Habits, lifehack.org und 43 Folders allein vier solche Blogs unter den Top 100 gibt), findet dieses Thema immer wieder Eingang in diverse Blogbeiträge. Im letzten Monat waren es immerhin fast 300.

Ein wesentlicher Schwachpunkt der diversen Produktivitätssysteme liegt nach Quesada darin, dass sie selten konkret definieren, was Produktivität überhaupt bedeutet, insbesondere im Kontext von Wissensarbeit. Meistens geht es auch gar nicht um wissenschaftlich erprobte Verfahren, sondern um unsystematische hacks, also nicht offensichtliche Lösungen für alltägliche Probleme, die zumindest für den „Guru“ einer der üblichen Produktivitätskulte (Pavlina, Ferris, Allen oder Forster) funktioniert hat (n=1). Darüber, ob es auch für andere Menschen in anderen Situationen funktionieren muss, schweigen sich diese Anweisungen aber aus:

But do these techniques really work? The obvious answer is: we still don’t know. Nobody has run any systematic comparison to see wheter people using these techniques are in fact more efficient or not (!). This is a very hard experiment to run, since most people won’t agree to follow certain practices just because you have assigned them to a certain treatment.

Letztlich plädiert Quesada dann für eine wissenschaftliche Produktivitätsmessung, die der Getting-nix-done-Fraktion erprobte und zuverlässige Ratschläge dafür geben kann, wie man sein Leben in den Griff bekommt.

Ich finde einen anderen Punkt viel spannender: Vieles weist darauf hin, dass es hier trotz des verwendeten rationalisierenden Vokabulars („Effizienz“, „Prokrastination“, „Selbstmanagement“) gar nicht so sehr um die effiziente Organisation des eigenen Lebens geht, sondern dass hier eine gewisse Ästhetik der kalten Durchbürokratisierung durchscheint. Aber auch Elemente der Gemeinschaftsformierung lassen sich beobachten, denn es handelt sich zum Beispiel bei den GTD-Anhängern gerade nicht um einzelgängerische Selbst-Tayloristen, die nur mit ihrer Inbox oder ihrem Hipster-PDA kommunizieren. Im Gegenteil: Man genießt es, sich ausführlich über seine speziellen life hacks auszutauschen und im Zweifelsfall die zeitökonomischen Ersparnisse einer straff organisierten Todo-Liste durch soziale Interaktion mehr als auszugleichen. Gar nicht so unsympathisch.



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  • 9 Responses to “Die fröhliche Wissenschaft des Getting Things Done”


    1. 1 lars

      Ja, mit es geht hier viel mehr um die Produktion von images, oder goffmenschlichen fronts; um die Ästhetik einer Webexistenz. Du umreißt implizit Foucaults Konzeption der Selbstpraktiken (in Der Gebrauch der Lüste), in denen sich Rationalität und Ästhetik verbinden und von denen er schrieb:

      “Darunter sind gewußte und gewollte Praktiken zu verstehen, mit denen sich die Menschen nicht nur die Regeln ihres Verhaltens festlegen, sondern sich selber transformieren, sich in ihrem besonderen Sein zu modifizieren und aus ihrem Leben ein Werk zu machen suchen, das gewisse ästhetische Wert unmd gewissen Stilkriterien entspricht.”(S. 18)

    2. 2 Benedikt

      Genau das hatte ich im Sinn ;-) Wie hätte Foucault sich über die GTD-Bewegung gefreut. Thomas Waitz hat das unter dieser Perspektive in dem Aufsatz “Lifehacking. Medien und Selbsttechnologien” (pdf) dargestellt. Lesenswert und weiterverfolgenswert.

    3. 3 lars

      Das hatte ich mir fast schon gedacht. Allerdings schwankte Foucault ja immer etwas in der Beurteilung dieser Selbsttechnologien.

    4. 4 Karrierebibel

      ach, so untergeordnet ist das gar nicht. in den blogcharts befinden sich ja schon einige blogs, die sich mit dem thema beschäftigen. und bei meinen recherchen habe ich inzwischen eine liste mit rund 80 deutschsprachigen blogs dazu zusammengesammelt.
      falls der verweis erlaubt ist – hier:
      http://karrierebibel.de/die-liste-50-blogs-und-websseiten-fuer-job-und-karriere/

    5. 5 Rolf F. Katzenberger

      Na, eine “Ästhetik der kalten Durchbürokratisierung” sehe ich nicht. Eher umgekehrt: vor lauter Hinterherhecheln hinter Software, Moleskines und Websites wird tendenziell eher wenig wirklich erledigt.

      Dass der ganze Rummel unter dem Stichwort “Produktivität” firmiert, ist ein ganz besonderer Fall von Ironie.

      “Zeitlose Ressourcen zur Selbstorganisation” ist deswegen das Motto meines Blogs http://www.evomend.net, und das letzte, was ich dort breit treten würde sind die 200 neuesten Tastaturkürzel oder der 957. Outlook-Hack.

      Wie oben von Lars angesprochen finde ich es wichtiger, aus dem Leben ein “Werk” zu machen. Das verkauft sich aber weniger gut als ein ständiges Bombardement mit “Lifehacks”, wie ich neidvoll anerkennen muss…

    6. 6 erwin

      was das gtd ding angeht.
      in meiner funktion als bauleitender vor ort tauchen bei mir immer mehr trupps von jungen architekten bzw. planern auf die alle mit dem nötigsten gtd zeugs ausgestattet sind wobei die fachkompetenz und planung sehr zu wünschen übrig lässt. weniger GTD Hype und mehr Sachkompetenz währen echt sehr von Vorteil :-)

    7. 7 Benedikt

      @Karrierebibel: Danke für den Hinweis. Tatsächlich eine ganze Menge Blogs zu diesem Thema.

      @Rolf: Genau das wollte ich mit der Ästhetik der kalten Durchbürokratisierung auch ausdrücken. Es geht mehr um die Ästhetik als darum, tatsächlich etwas erledigt zu bekommen. Ich finde das nicht unbedingt negativ, aber interessant.

      @Erwin: Spannend, ich dachte, das wäre ein typisches Computeraffine-Geeks-Phänomen. Ich wusste noch nicht, dass GTD schon auf den Baustellen angekommen ist.

    8. 8 erwin

      @benedikt
      ja,ja so eine Hype macht auch vor Baustellen nicht halt :-)
      wenn man wie ich dann mitkriegt wie die jungs vor lauter listen und to-do s nicht mehr ihre Arbeit zum laufen bekommen da kommen echt zweifel auf wie das ganze denn nun weitergehen soll.Was meiner Meinung nach am Schlimmsten ist,das das ganze zu einem angeblich unfehlbaren System hochgelobt wird.Mir ist es schon passiert das ich in die Ecke gestellt wurde weil ich mich nicht in das GTD ding eingeklinkt habe und weiter mein in 40 Berufsjahren getestetes System beibehalten habe.Da bilden sich jetzt schon so kleine GTD-Grüppchen die ein gewisses Eigenleben entwickeln nach dem Motto die Anderen haben eh keinen Plan (das Amerikanische Zeug hat eh immer den Anspruch Gottes Segen zu haben ;-) )

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