Daily Archive for März 29th, 2008

Die fröhliche Wissenschaft des Getting Things Done

Sehr viel spricht dafür, mit Jose Quesada in lifehacking, productivity oder anti-procrastination einen wichtigen Trend des 21. Jahrhunderts zu sehen. Zumindest für die digitale Avantgarde, denn kaum ein BarCamp kommt ohne Getting Things Done-Unterweisungen oder ähnliche Hinweise zur Ordnung des eigenen Lebens inmitten der digitalen Unordnung aus. Obwohl die auf dieses Thema spezialisierte Publikationen in Deutschland eine eher untergeordnete Bedeutung haben (z.B. imgriff.com oder Selbstadministration) – im Gegensatz zur englischsprachigen Blogosphäre, in der es mit lifehacker, Zen Habits, lifehack.org und 43 Folders allein vier solche Blogs unter den Top 100 gibt), findet dieses Thema immer wieder Eingang in diverse Blogbeiträge. Im letzten Monat waren es immerhin fast 300.

Ein wesentlicher Schwachpunkt der diversen Produktivitätssysteme liegt nach Quesada darin, dass sie selten konkret definieren, was Produktivität überhaupt bedeutet, insbesondere im Kontext von Wissensarbeit. Meistens geht es auch gar nicht um wissenschaftlich erprobte Verfahren, sondern um unsystematische hacks, also nicht offensichtliche Lösungen für alltägliche Probleme, die zumindest für den „Guru“ einer der üblichen Produktivitätskulte (Pavlina, Ferris, Allen oder Forster) funktioniert hat (n=1). Darüber, ob es auch für andere Menschen in anderen Situationen funktionieren muss, schweigen sich diese Anweisungen aber aus:

But do these techniques really work? The obvious answer is: we still don’t know. Nobody has run any systematic comparison to see wheter people using these techniques are in fact more efficient or not (!). This is a very hard experiment to run, since most people won’t agree to follow certain practices just because you have assigned them to a certain treatment.

Letztlich plädiert Quesada dann für eine wissenschaftliche Produktivitätsmessung, die der Getting-nix-done-Fraktion erprobte und zuverlässige Ratschläge dafür geben kann, wie man sein Leben in den Griff bekommt.

Ich finde einen anderen Punkt viel spannender: Vieles weist darauf hin, dass es hier trotz des verwendeten rationalisierenden Vokabulars („Effizienz“, „Prokrastination“, „Selbstmanagement“) gar nicht so sehr um die effiziente Organisation des eigenen Lebens geht, sondern dass hier eine gewisse Ästhetik der kalten Durchbürokratisierung durchscheint. Aber auch Elemente der Gemeinschaftsformierung lassen sich beobachten, denn es handelt sich zum Beispiel bei den GTD-Anhängern gerade nicht um einzelgängerische Selbst-Tayloristen, die nur mit ihrer Inbox oder ihrem Hipster-PDA kommunizieren. Im Gegenteil: Man genießt es, sich ausführlich über seine speziellen life hacks auszutauschen und im Zweifelsfall die zeitökonomischen Ersparnisse einer straff organisierten Todo-Liste durch soziale Interaktion mehr als auszugleichen. Gar nicht so unsympathisch.



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    kulturbilder_325.jpgWenn man die Beobachtungen von Steve Rubel ernst nimmt, dann könnte man tatsächlich von einem baldigen Ende des Web 2.0 sprechen. Aber das neue Netz geht nicht etwa mit einem big burst zu Ende wie die große Internetblase 2000. Das Problem liegt nicht darin, das Blogs, Ajax, Social Networking und Semantic Web die überhohen Erwartungen nicht erfüllen, sondern gerade weil sie sie so gut erfüllen, dass sie zur Normalität werden.

    Das „Web 2.0“ hat sich unmerklich in das „Web“ verwandelt, weil es kaum noch „Web 1.0“ gibt. Insofern, so Rubel weiter, spielen auch spezialisierte „Berufe 2.0“ wie „Social Media Consultant“, „Social Media Manager“, Funktionsbeschreibungen wie „Internet Advertising Sales“ oder „Online Advertising Sales“ oder „Digital Talent Agents“ keine Rolle mehr. Diese Berufsbilder und Geschäftsfelder werden allmählich unter andere, allgemeinere Bezeichnungen subsummiert. Onlinewerbung oder Community Marketing und Research sind nicht mehr die Zukunft der Werbung oder des Marketing, sondern die Gegenwart.

    Insofern glaube ich auch nicht, dass Alan Patrick in seiner Antwort auf Rubel damit Recht hat, dass der Niedergang des Berufsbild des A-Bloggers nur darin gründet, dass sich das Bloggen professionalisiert und damit den klassischen Onlinemedien annähert: unternehmerisches Denken („Bloggen ist anti-unternehmerisch“, meint John Wesley), PR-Berichte als Füllmaterial, strategische Verlinkung, weniger Kritik.

    Auf der anderen Seite finden sich durchaus auch Beispiele für eine Verbloggung der Massenmedien, die von der besonderen Authentizität – und auch der geringen Produktionskosten – dieses Mediums zu sehr profitieren, um es ignorieren zu können. Bei Zeitungen wie dem „Guardian“ sind die Übergänge von klassischen journalistischen Beiträgen zu den dazugehörigen Blogs schon sehr glatt geraten, noch mehr gilt das für Hochglanzmedien wie „(More) Intelligent Life“.

    Fast hat es den Anschein, dass in vielen Publizisten und Journalisten kleine Blogger stecken, während sich zugleich in vielen Bloggern kleine Unternehmer verbergen, die auf eine günstige Gelegenheit zum Ausbrechen warten. In manchen Fällen kann das auch schon ein juveniler Rockefeller sein wie im Fall von Michael Arrington, der in einem langen Beitrag mit Manifestcharakter von einem Zusammenschluss von Bloggern träumt, der dann raubritternd durch die Medienlandschaft zieht:

    That team could take CNET apart in a year, hire the best of the survivors there, and then move on to bigger prey.



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