Tyler Brûlé und der Scheingegensatz von Blogs und Zeitungen

375779781_44482dc707_m.jpgWieder einmal spricht die Blogosphäre über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem klassischen Zeitungsjournalismus und Weblogs. Tyler Brûlé, Herausgeber einer der schönsten Zeitschriften zur Zeit, lobt auf der einen Seite den demokratisierenden Charakter der Blogs, stellt aber auch fest, dass viele Blogger keine eigenen Stories im Sinne des investigativen Journalismus produzieren und in Zweifelsfällen nicht so viel riskieren können, weil ihnen ein starkes Verlagshaus fehlt, das sie finanziell und juristisch unterstützen kann (Stichwort: Abmahnwellen).

Ich denke, Brûlés “Kritik”, die eigentlich gar keine ist, trifft zu, allerdings nicht nur für Weblogs, sondern jegliche Art von Bürgerjournalismus oder Amateur-Publizistik. Wobei es auch Ausnahmen gibt, wie zum Beispiel den Fall des US-Bloggers Joshua Marshall, der sich mit der Entlassung von Bundesstaatsanwälten auseinandersetzte und dort auf UnRegelmäßigkeiten gestoßen ist, oder den “Journalisten 2.0″ Matt Drudge. Dieses (seltene) Beispiel für investigativen Blogjournalismus wurde mit dem George-Polk-Preis für Berichterstattung im Justizbereich ausgezeichnet. Es klappt also doch, wobei es in Deutschland auf Grund der Rechtslage noch schwieriger sein dürfte, derart brisantes Material in einem Blog zu veröffentlichen.

Weblogs und Tageszeitungen unterscheiden sich also gar nicht so sehr in den Themen oder der Selbstreferentialität. Genauso wie Zeitungen selbstreferentiellen Klatsch über die Zeitungswelt veröffentlichen können, sind Blogger in der Lage, spannende Stories zu recherchieren und zu schreiben. Voraussetzung dafür sind jedoch die entsprechenden Rahmenbedingungen. Dazu gehören dann vielleicht die folgenden Punkte:

  • Finanzielle Anerkennung des Bloggens. Denn aufwändige Recherchearbeit muss erst einmal finanziert werden. Dasselbe gilt allerdings auch für den Zeitungsjournalismus, denn auch hier sieht man, wie die Qualität der Recherche im Fall unterbezahlter Freier ohne “festangestellte Rolls-Royce-Gesichter” leidet. Womöglich wäre auch für Blog-Artikel ein Recherche-Stiftungsmodell à la Robert Rosenthal praktikabel?
  • Juristische Unterstützung. Also so eine Art Blogger-Rechtsschutzversicherung oder -fonds, um auch dann noch investigativ recherchieren zu können, wenn große und finanzstarke Konzerne davon betroffen sind. Die Stärke des Formats “Weblog” liegt in der Publikation von Meinungen und Analysen, im Idealfall auch unbequemen Meinungen. Das geht aber nur, wenn die Möglichkeiten, Blogger unter Druck zu setzen nicht allzu groß sind
  • Vielleicht auch Blogger-Presseausweise? Damit könnten sich auch Blogger bei offiziellen Veranstaltungen akkreditieren lassen. Diesen Punkt sehe ich allerdings als unproblematisch, da immer mehr Veranstalter auch Blogger akkreditieren und zudem der Presseausweis immer mehr zu einer Rabattkarte für schreibende Schnäppchenjäger wird.

Wenn man sich das steigende Vertrauen gerade der “Meinungsführer” in soziale Medien wie Weblogs betrachtet – nach einer aktuellen Umfrage ist in den USA das “Internet damit erstmals zum klar dominierenden News-Medium geworden” -, wird die Frage immer wichtiger, wie die Blogger mit diesem Vertrauensvorschuss umgehen. Beziehungsweise nach den strukturellen Grundlagen dafür, diesem Vertrauen gerecht zu werden.



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  • 7 Responses to “Tyler Brûlé und der Scheingegensatz von Blogs und Zeitungen”


    1. 1 Michael Kostic

      Hallo,

      besonders faszinierend finde ich die Möglichkeit hier über die Zeitachse Informationen miteinander zu verknüpfen. Eine kleine Kontroverse, bezüglich eines Beitrages, kann auch Wochen und Monate später noch fortgeführt resp. inhaltlich informell erweitert/gewandelt werden. Da bleibt die Tageszeitung auf der Strecke ;-)

      Gruß

    2. 2 Benedikt

      @Michael: Da ist etwas dran. Obwohl ich das nicht unbedingt als prinzipiellen Unterschied sehen würde. Viele Journalisten, die gedacht haben, sie schreiben für die nächste Ausgabe und dann ist ihr Artikel wieder vergessen, sind jetzt auf einmal durch Digitalisierungswellen gegenwärtig geworden (z.B. wissen.spiegel.de). Das beschreibt Klaus Jarchow hier sehr anschaulich. Was sich allerdings in der Tat verändert hat: Wenn jemand einen monate- oder gar jahrealten Gedanken wieder aufgreift, ist bei Weblogs die Wahrscheinlichkeit deutlich größer, dass der Verfasser des Ursprungsartikels das auch mitbekommt (Trackback, Pingback). So kann sich dann ein Dialog entfalten.

    3. 3 Marc | Wissenswerkstatt

      @Michael und Benedikt:

      Jep! Ich sehe diesen Vorteil – die Tatsache, daß bestimmte Topics über längere Zeit verfolgt werden und auch nachvollzogen werden können – ebenfalls auf seiten der Blogs. Die gedruckte Zeitung ist hier niemals konkurrenzfähig, wobei natürlich Onlineportale das auch könnten, wenn sie denn vernünftigerweise sowas wie Trackbacks integrieren würden.

      Ansonsten zu Benedikts angesprochenen Punkten: ja, wer qualitativ hochwertige Blogs will, die mehr sind als Verweismaschinen, der sollte bereit sein, die Recherchen zu bezahlen und im Notfall auch juristische Schützenhilfe geben. Wie oft hab ich das schon gesagt?! ;-)

    4. 4 Michael Kostic

      @Benedikt:

      “Wenn jemand einen monate- oder gar jahrealten Gedanken wieder aufgreift, ist bei Weblogs die Wahrscheinlichkeit deutlich größer, dass der Verfasser des Ursprungsartikels das auch mitbekommt (Trackback, Pingback). So kann sich dann ein Dialog entfalten.”

      Na dann schauen wir doch mal ob das bei dir funktionert :-)

      Bei vielen anderen funktioniert es übrigens nicht. Die Aufmerksamkeitsspanne ist halt schnell überschritten ;-)

      Gruß

    5. 5 Benedikt

      @Michael: Man darf aber Wahrscheinlichkeit nicht mit Gewissheit verwechseln. Wenn ich hier einen SZ-Kommentar (16.03.2007) von Heribert Prantl zitiere, in dem er gesagt hat, dass das Internet den Kommunismus wieder eingeführt hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er das mitbekommt, relativ gering. Wenn ich einen genauso alten Blogbeitrag anpinge, ist die Wahrscheinlichkeit sehr viel größer.

    6. 6 Michael Kostic

      @Benedikt,

      da hast Du sicher recht. Jedoch ist ja auch relevant ob der Betreiber eines Blogs auch auf diese Art der Kommunikation eingeht. Mir ist eben aufgefallen das viele Blogbetreiber lediglich entweder sich selbst, oder “etwas” darstellen, aber einer substanziellen Diskusssion dann ausweichen, wenn eben dies offensichtlich würde. Beispiel via Mail wenn Du magst :-)

      Mal am Rande:

      Ich lese deine Beiträge sehr gern, aber diese merkwürdig verwaschene Textfarbentiefe macht mir arg zu schaffen. Ist das gewollt, oder schlicht noch nicht auffällig geworden?

      Gruß

    1. 1 Mjays Planet
      Trackback on Mrz 4th, 2008 at 03:55

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