Daily Archive for März 3rd, 2008

Galerie 2.0 oder: Schon einmal einen Rupprecht Geiger gejpged?

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Jori Finkel beschreibt in der New York-Times in dem Artikel “You’ve Seen the E-Mail, Now Buy the Art” einen starken Trend zur Galerie 2.0. So könnte man nämlich das Phänomen beschreiben, dass in US-Galerien wie der Gagosian oder Cheim & Read mittlerweile ganze Ausstellungen noch vor der Vernissage verkauft werden – per Email-Ankündigungen und JPEG-Bildergalerien. Auch die Kunstszene hat sich also an die digitalen Medien gewöhnt, dass das Betrachten einer JPEG-Abbildung als ausreichender Beurteilungsmaßstab gilt, um mehrere 100.000 USD auszugeben. Die Folge ist eine ungeahnte Beschleunigung der Kunstmarkttransaktionen:

It’s another sign of the acceleration of the contemporary art market: New works, even in the six-figure range, are selling by digital image alone. For the Friedman show, Gagosian set up a private section on its Web site, accessible only by a password sent via e-mail message to select collectors.

Klar, es handelt sich hier streng genommen nicht um eine digitale Ökonomie, denn gekauft und verkauft werden nach wie vor materielle Objekte und keine JPEG-Dateien. Aber dennoch finde ich es spannend, welche Rolle digitale Informationen mittlerweile in diesem Sektor spielt, in dem doch eigentlich die Aura der Gemälde und ihre Materialität so wichtig ist. Interessant ist auch die bereits im Titel dieses Blogposts angesprochene Veränderung der Kunstsprache:

Lisa Schiff, a New York art consultant, agreed, saying that “99 percent” of her sales now involve a JPEG at one stage or another. “It’s changed the way we all do business,” she said. “People have begun using JPEG as a verb: JPEG me this work.” (On the resale market, where many art consultants operate, JPEGs can be shopped so widely that a seller can find himself in the puzzling position of being offered his own work.)

(Abbildung: “Bild:Gasteig Muenchen-2.jpg” von Rufus46, GNU FDL)



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  • Tyler Brûlé und der Scheingegensatz von Blogs und Zeitungen

    375779781_44482dc707_m.jpgWieder einmal spricht die Blogosphäre über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem klassischen Zeitungsjournalismus und Weblogs. Tyler Brûlé, Herausgeber einer der schönsten Zeitschriften zur Zeit, lobt auf der einen Seite den demokratisierenden Charakter der Blogs, stellt aber auch fest, dass viele Blogger keine eigenen Stories im Sinne des investigativen Journalismus produzieren und in Zweifelsfällen nicht so viel riskieren können, weil ihnen ein starkes Verlagshaus fehlt, das sie finanziell und juristisch unterstützen kann (Stichwort: Abmahnwellen).

    Ich denke, Brûlés “Kritik”, die eigentlich gar keine ist, trifft zu, allerdings nicht nur für Weblogs, sondern jegliche Art von Bürgerjournalismus oder Amateur-Publizistik. Wobei es auch Ausnahmen gibt, wie zum Beispiel den Fall des US-Bloggers Joshua Marshall, der sich mit der Entlassung von Bundesstaatsanwälten auseinandersetzte und dort auf UnRegelmäßigkeiten gestoßen ist, oder den “Journalisten 2.0″ Matt Drudge. Dieses (seltene) Beispiel für investigativen Blogjournalismus wurde mit dem George-Polk-Preis für Berichterstattung im Justizbereich ausgezeichnet. Es klappt also doch, wobei es in Deutschland auf Grund der Rechtslage noch schwieriger sein dürfte, derart brisantes Material in einem Blog zu veröffentlichen.

    Weblogs und Tageszeitungen unterscheiden sich also gar nicht so sehr in den Themen oder der Selbstreferentialität. Genauso wie Zeitungen selbstreferentiellen Klatsch über die Zeitungswelt veröffentlichen können, sind Blogger in der Lage, spannende Stories zu recherchieren und zu schreiben. Voraussetzung dafür sind jedoch die entsprechenden Rahmenbedingungen. Dazu gehören dann vielleicht die folgenden Punkte:

    • Finanzielle Anerkennung des Bloggens. Denn aufwändige Recherchearbeit muss erst einmal finanziert werden. Dasselbe gilt allerdings auch für den Zeitungsjournalismus, denn auch hier sieht man, wie die Qualität der Recherche im Fall unterbezahlter Freier ohne “festangestellte Rolls-Royce-Gesichter” leidet. Womöglich wäre auch für Blog-Artikel ein Recherche-Stiftungsmodell à la Robert Rosenthal praktikabel?
    • Juristische Unterstützung. Also so eine Art Blogger-Rechtsschutzversicherung oder -fonds, um auch dann noch investigativ recherchieren zu können, wenn große und finanzstarke Konzerne davon betroffen sind. Die Stärke des Formats “Weblog” liegt in der Publikation von Meinungen und Analysen, im Idealfall auch unbequemen Meinungen. Das geht aber nur, wenn die Möglichkeiten, Blogger unter Druck zu setzen nicht allzu groß sind
    • Vielleicht auch Blogger-Presseausweise? Damit könnten sich auch Blogger bei offiziellen Veranstaltungen akkreditieren lassen. Diesen Punkt sehe ich allerdings als unproblematisch, da immer mehr Veranstalter auch Blogger akkreditieren und zudem der Presseausweis immer mehr zu einer Rabattkarte für schreibende Schnäppchenjäger wird.

    Wenn man sich das steigende Vertrauen gerade der “Meinungsführer” in soziale Medien wie Weblogs betrachtet – nach einer aktuellen Umfrage ist in den USA das “Internet damit erstmals zum klar dominierenden News-Medium geworden” -, wird die Frage immer wichtiger, wie die Blogger mit diesem Vertrauensvorschuss umgehen. Beziehungsweise nach den strukturellen Grundlagen dafür, diesem Vertrauen gerecht zu werden.



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    Nach zwei Tagen ist der Buzz um das neue Netzwerk meinVZ auch schon wieder vorüber. Auch die damit verbundenen Netzwerke studiVZ und schülerVZ, die ebenfalls von dem Buzz profitieren konnten sind wieder auf ihre normalen Werte zurück, wie der Blick auf das aktuelle Diagramm zeigt:

    Nun liegt wieder MySpace als meistdiskutiertes Netzwerk vorne, gefolgt von Facebook. Bemerkenswert ist allerdings, dass es die deutschsprachige Internationalisierung von Facebook nahezu überhaupt nicht geschaft hat, die Blogosphäre zum Brummen zu bringen. Vielleicht hat sich der meinVZ-Buzz schon allein deshalb für die Holtzbrinck-Gruppe gelohnt, weil er diese Nachricht der Konkurrenz “auslöschen” konnte? Da sich mit dem hier verwendeten Tool leider noch keine Aussagen treffen lassen, ob es ein positiver oder negativer Buzz ist, gibt es auch keine Auskunft darüber, ob sich an den Imageproblemen von studiVZ und schülerVZ, die ethority herausgefunden haben, etwas geändert hat.



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