Monthly Archive for März, 2008

Überwachen mit Twitter

twitterstats.pngIm Unterschied zu Social Networks wie Xing oder Facebook, in denen Profilinformationen und insbesondere auch Statusmeldungen je nach Sicherheitseinstellungen nur für andere Mitglieder oder sogar nur bestätigten Kontakten einsehbar sind, ist Twitter in der Praxis weitgehend ein offenes Forum. Nur eine geringe Zahl von Personen macht von der Möglichkeit gebrauch, ihr Profil für nicht bestätigte Kontakte zu sperren, so dass man im Prinzip auch als Nicht-Twitterer sehen kann, was eine bestimmte Person von den mittlerweile 860.000 Nutzern den ganzen Tag über schreibt, welche anderen Kontakte diese Person “verfolgt” (follow), welche Statusmeldungen die Person besonders interessant gefunden hat. Über Twitterholic kann man dann auch noch sehen, wie sich die Zahl der Kontakte in den letzten Tagen entwickelt hat.

Insbesondere nachdem ich diese Ratschläge gelesen habe, die beschreiben, wie man Twitter-Nutzern, zum Beispiel Konkurrenten, folgen kann, ohne dass diese es merken (würde man der Person folgen, bekäme sie eine Benachrichtigung darüber). Das führt dann so weit, dass auch noch per Twitter-Suchmaschine alle Erwähnungen einer Person regelmäßig abgefragt und per RSS-Feed verschickt werden. Ein Überwachungssystem zum Selberbasteln. Auf den ersten Blick mag man vielleicht entgegnen: Na und? Selber schuld, wer sein Privatleben in eine unbekannte Öffentlichkeit versendet. Außerdem wird der wirtschaftliche Konkurrent ja zu den selben Methoden greifen, um einen selbst zu überwachen. Solange dieses Spiel in einem geschlossenen Teilnehmerkreis stattfindet – jeder überwacht jeden – ist das im Prinzip nicht sehr weit weg von der hellhörigen Dorfgemeinschaft. Aber in dem Moment, in dem Außenstehende dazu kommen – seien es staatliche Akteure oder der eigene Vorgesetzte – wird dieses Spiel asymmetrisch und es entstehen Beobachterpositionen, die selbst unbeobachtet bleiben.

Brauchen wir eine Twitter-Ethik?



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    Sehr viel spricht dafür, mit Jose Quesada in lifehacking, productivity oder anti-procrastination einen wichtigen Trend des 21. Jahrhunderts zu sehen. Zumindest für die digitale Avantgarde, denn kaum ein BarCamp kommt ohne Getting Things Done-Unterweisungen oder ähnliche Hinweise zur Ordnung des eigenen Lebens inmitten der digitalen Unordnung aus. Obwohl die auf dieses Thema spezialisierte Publikationen in Deutschland eine eher untergeordnete Bedeutung haben (z.B. imgriff.com oder Selbstadministration) – im Gegensatz zur englischsprachigen Blogosphäre, in der es mit lifehacker, Zen Habits, lifehack.org und 43 Folders allein vier solche Blogs unter den Top 100 gibt), findet dieses Thema immer wieder Eingang in diverse Blogbeiträge. Im letzten Monat waren es immerhin fast 300.

    Ein wesentlicher Schwachpunkt der diversen Produktivitätssysteme liegt nach Quesada darin, dass sie selten konkret definieren, was Produktivität überhaupt bedeutet, insbesondere im Kontext von Wissensarbeit. Meistens geht es auch gar nicht um wissenschaftlich erprobte Verfahren, sondern um unsystematische hacks, also nicht offensichtliche Lösungen für alltägliche Probleme, die zumindest für den „Guru“ einer der üblichen Produktivitätskulte (Pavlina, Ferris, Allen oder Forster) funktioniert hat (n=1). Darüber, ob es auch für andere Menschen in anderen Situationen funktionieren muss, schweigen sich diese Anweisungen aber aus:

    But do these techniques really work? The obvious answer is: we still don’t know. Nobody has run any systematic comparison to see wheter people using these techniques are in fact more efficient or not (!). This is a very hard experiment to run, since most people won’t agree to follow certain practices just because you have assigned them to a certain treatment.

    Letztlich plädiert Quesada dann für eine wissenschaftliche Produktivitätsmessung, die der Getting-nix-done-Fraktion erprobte und zuverlässige Ratschläge dafür geben kann, wie man sein Leben in den Griff bekommt.

    Ich finde einen anderen Punkt viel spannender: Vieles weist darauf hin, dass es hier trotz des verwendeten rationalisierenden Vokabulars („Effizienz“, „Prokrastination“, „Selbstmanagement“) gar nicht so sehr um die effiziente Organisation des eigenen Lebens geht, sondern dass hier eine gewisse Ästhetik der kalten Durchbürokratisierung durchscheint. Aber auch Elemente der Gemeinschaftsformierung lassen sich beobachten, denn es handelt sich zum Beispiel bei den GTD-Anhängern gerade nicht um einzelgängerische Selbst-Tayloristen, die nur mit ihrer Inbox oder ihrem Hipster-PDA kommunizieren. Im Gegenteil: Man genießt es, sich ausführlich über seine speziellen life hacks auszutauschen und im Zweifelsfall die zeitökonomischen Ersparnisse einer straff organisierten Todo-Liste durch soziale Interaktion mehr als auszugleichen. Gar nicht so unsympathisch.



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    kulturbilder_325.jpgWenn man die Beobachtungen von Steve Rubel ernst nimmt, dann könnte man tatsächlich von einem baldigen Ende des Web 2.0 sprechen. Aber das neue Netz geht nicht etwa mit einem big burst zu Ende wie die große Internetblase 2000. Das Problem liegt nicht darin, das Blogs, Ajax, Social Networking und Semantic Web die überhohen Erwartungen nicht erfüllen, sondern gerade weil sie sie so gut erfüllen, dass sie zur Normalität werden.

    Das „Web 2.0“ hat sich unmerklich in das „Web“ verwandelt, weil es kaum noch „Web 1.0“ gibt. Insofern, so Rubel weiter, spielen auch spezialisierte „Berufe 2.0“ wie „Social Media Consultant“, „Social Media Manager“, Funktionsbeschreibungen wie „Internet Advertising Sales“ oder „Online Advertising Sales“ oder „Digital Talent Agents“ keine Rolle mehr. Diese Berufsbilder und Geschäftsfelder werden allmählich unter andere, allgemeinere Bezeichnungen subsummiert. Onlinewerbung oder Community Marketing und Research sind nicht mehr die Zukunft der Werbung oder des Marketing, sondern die Gegenwart.

    Insofern glaube ich auch nicht, dass Alan Patrick in seiner Antwort auf Rubel damit Recht hat, dass der Niedergang des Berufsbild des A-Bloggers nur darin gründet, dass sich das Bloggen professionalisiert und damit den klassischen Onlinemedien annähert: unternehmerisches Denken („Bloggen ist anti-unternehmerisch“, meint John Wesley), PR-Berichte als Füllmaterial, strategische Verlinkung, weniger Kritik.

    Auf der anderen Seite finden sich durchaus auch Beispiele für eine Verbloggung der Massenmedien, die von der besonderen Authentizität – und auch der geringen Produktionskosten – dieses Mediums zu sehr profitieren, um es ignorieren zu können. Bei Zeitungen wie dem „Guardian“ sind die Übergänge von klassischen journalistischen Beiträgen zu den dazugehörigen Blogs schon sehr glatt geraten, noch mehr gilt das für Hochglanzmedien wie „(More) Intelligent Life“.

    Fast hat es den Anschein, dass in vielen Publizisten und Journalisten kleine Blogger stecken, während sich zugleich in vielen Bloggern kleine Unternehmer verbergen, die auf eine günstige Gelegenheit zum Ausbrechen warten. In manchen Fällen kann das auch schon ein juveniler Rockefeller sein wie im Fall von Michael Arrington, der in einem langen Beitrag mit Manifestcharakter von einem Zusammenschluss von Bloggern träumt, der dann raubritternd durch die Medienlandschaft zieht:

    That team could take CNET apart in a year, hire the best of the survivors there, and then move on to bigger prey.



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  • Einladung zum re:publica-Workshop “Brauchen wir eine Forschungsgruppe Social Media?”

    republica1.jpgNun gibt es einen festen Termin und einen festen Ort für den re:publica-Workshop zum Thema “Forschungsgruppe Social Media”: Wir treffen uns am Donnerstag, 3. April 2008, um 10:00 in der “Radeberger-Lounge”. In dieser gemütlichen und kommunikationsanregenden Umgebung haben wir dann 90 Minuten Zeit, unsere Vorstellungen über eine “Forschungsgruppe Social Media” auszutauschen.

    Hier der Ankündigungstext für unseren re:publica-Workshop (siehe dazu auch hier und hier):

    Jedes Medium hat eine Arbeitsgemeinschaft oder Forschungsgruppe, die sich um seine Erforschung und die Erhebung von Zahlen kümmert – von IVW, ag.ma bis AGOF. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die großen Medienhäuser auch die Bedeutung des Social Web erkennen und beginnen, es zu vermessen. Nach ihren Kriterien und Interessen.

    Wäre es da nicht sinnvoll, diese Angelegenheit selbst in die Hände zu nehmen und eine Forschungsgruppe Social Media ins Leben zu rufen, in der die BloggerInnen sich selbst über die Spielregeln verständigen, mit denen Blogosphäre und Social Networks erforscht und vermessen werden? Zudem könnte eine solche Institution auch als Träger für qualitative wie quantitative Blogstudien agieren sowie als Informationsstelle, die der interessierten Öffentlichkeit zuverlässige Daten über das Web 2.0 zur Verfügung stellt.

    Auch die ewige Relevanzfrage könnte in diesem Kontext aufgegriffen werden, berufen sich die Kritiker des neuen Netzes doch immer wieder auf die im Vergleich mit Print und TV geringere Reichweite von Blogs. Doch außer der internen Verlinkung der Blogosphäre gibt es dazu kaum brauchbare Daten. Insofern wäre es auch spannend, darüber zu diskutieren, welche Möglichkeit zur Messung der gesellschaftlichen Bedeutung der Blogosphäre denkbar sind.

    Hier geht’s zur Anmeldung für die Teilnehmer



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  • Wie politisch ist die Blogosphäre?

    SPD und Union dominieren den Diskurs der politischen Blogosphäre. Bei den Jugendorganisationen ist das Bild ausgewogener.

    Vor kurzem konnte man auf Heise Online ein Interview mit Jan Schmidt zum Thema Parteien im Netz lesen. Darin stellt er fest, dass sich das Onlineengagement der deutschen Parteien im Gegensatz zu den USA noch in einer Experimentierphase befindet. Die politische Meinungsbildung bleibe demnach weiterhin stark printzentriert:

    Die überregionale Printpresse bleibt trotz aller Probleme stark. Vielleicht ist das Bedürfnis nach Alternativ-Öffentlichkeiten deshalb niedriger als anderswo.

    Schon vor längerem habe ich mich gefragt: Wie politisch ist die Blogosphäre? Entsprechen die politischen Einstellungen von Bloggern dem Bevölkerungsdurchschnitt? Oder tendiert die digitale Avantgarde zu liberalen, techno-utopistischen politischen Ideen? Spielen politische Parteien in der Blogosphäre überhaupt eine Rolle oder sind es andere, vernetzte Initiativen und Kampagnen, die hier relevant sind? Beispiele dafür wären zum Beispiel abgeordnetenwatch.de, der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung oder trupoli.

    Zumindest die Frage nach den politischen Parteien lässt sich mit Hilfe meines Blogbuzz-Tools beantworten, das zählt, wie oft die einzelnen Parteien in der Blogosphäre an einem bestimmten Zeitpunkt erwähnt werden. Damit ist natürlich noch nichts über die Bewertung der Parteien gesagt – ob es um Lob oder Kritik geht, lässt sich an diesen Zahlen nicht feststellen. Aber man kann erkennen, wie sich die Aufmerksamkeit auf die einzelnen Parteien verteilt, was in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie eine wichtige Währung darstellt.

    Die folgende Grafik fasst alle Parteierwähnungen des letzten Monats (Februar 2008) zusammen:

    Man erkennt hier verglichen mit der Forsa-Sonntagsfrage vom 27. Februar nahezu identische Werte für die Unionsparteien (36 Prozent Forsa vs. 35 Prozent Blogs), aber das war es auch schon an ähnlichkeiten. Die SPD ist die Partei, die im Februar am häufigsten in der Blogosphäre genannt wird – fast jeder zweite Blogeintrag, in dem eine Partei vorkommt, nennt die Sozialdemokraten. Auch die FDP schneidet mit 15 Prozent sehr stark ab, während die Grünen und die Linke hier nur ein minimales Maß an Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Die großen Volksparteien bestimmen also ganz klar die Aufmerksamkeitsökonomie der Blogosphäre, auch wenn sie in den Wahlen immer seltener die Massenbasis erreichen können. Die politische Blogosphäre ist also keineswegs ein Fünfparteiensystem.

    In der Längsschnittbetrachtung kann man einzelne blogmediale Ereignisse finden, die zu einer Aufmerksamkeitsspitze für einzelne Parteien führen. In dieser Grafik, die die Werte für den letzten Monat darstellen, kann man am 25. deutlich eine Spitze für die CDU und die Grünen finden, die sich mit den Parteiwechsel von Metzger in Verbindung lässt. Zudem erkennt man einen ebensolchen peak für die CSU am 3. und 4. März – hier hat in der Blogosphäre die Aufbereitung der bayerischen Kommunalwahlen stattgefunden:

    Bei den politischen Jugendorganisationen ist das Bild schon etwas ausgeglichener. Hier schneiden insbesondere die Grüne Jugend und die Linksjugend ['solid] im selben Zeitraum deutlich besser ab als entsprechenden Parteien, denen sie nahestehen. Auch die Jungen Liberalen sind etwas stärker vertreten. Dennoch sind auch hier die Jusos mit Abstand am stärksten. Über 40 Prozent der Nennungen von politischen Jugendorganisationen entfallen auf die Jungsozialisten, während die Junge Union nur in gut einem Fünftel der Beiträge genannt wird.

    Insgesamt waren es 365 Nennungen in dem untersuchten Zeitraum, wobei Beiträge, in denen zwei Jugendorganisationen erwähnt werden, auch doppelt gezählt wurden. Dagegen findet man bei der Suche nach den politischen Parteien für den Februar 26.149 Nennungen. Auch wenn die Blogosphärenbevölkerung jünger ist als der Bevölkerungsdurchschnitt, liegt der Fokus eindeutig auf den Parteien, während die Jugendorganisationen nur eine marginale Rolle spielen. In dieser Hinsicht besteht also noch Nachholbedarf. Gerade wenn zutrifft, was Jan Schmidt im Heise-Interview feststellt, nämlich “dass vor allem junge, höher gebildete und internetaffine Menschen für Online-Wahlkämpfe zugänglicher sind” könnten die Jugendorganisationen noch viel präsenter in den Blogosphärenkonversationen sein.

    Auf der re:publica werde ich übrigens zum Thema digitaler politischer Aktivismus zusammen mit Marc Scheloske (Wissenswerkstatt, die heute ihren ersten Geburtstag feiert) noch ein paar Thesen präsentieren, die sich auf die Ergebnisse der Burma-Studie (siehe auch hier) stützen, die wir letzten Herbst durchgeführt hatte.



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    Wittgenstein 2.0:
    Was sich überhaupt sagen läßt,
    läßt sich twittern.

    off_the_record (via Twitter)

    Jan Schmidt hat (z.B. hier) für seine Analysen der Blogosphäre ein Analyseraster entwickelt, das drei Grundfunktionen von Social Media im Allgemeinen und Blogs im Besonderen unterscheidet:

    • Identitätsmanagement: Meistens ist das persönliche Blog, sofern es nicht anonym geführt wird, einer der ersten Treffer bei der Googlesuche nach einer Person (der bekannte Blogbias der Suchmaschinenöffentlichkeit). Deshalb spielen die dort präsentierten Informationen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, sich ein Bild dieser Person zu machen. Blogs sind also ein Instrument der Selbstdarstellung. Mit ihrer Hilfe kann man sich so darstellen, wie man nach außen wirken möchte (bei Goffman heißt das “presentation of self in everyday life“). Das gilt natürlich auch für andere digitale Identitäten von der klassischen Homepage über das Xingprofil bis zum Lifefeed, aber aufgrund der großen Sichtbarkeit und einfachen Aktualisierung haben Blogs hier eine prominente Bedeutung erlangt.
    • Beziehungsmanagement: Dieser Punkt lässt sich aus dem vorangegangenen Punkt ableiten. Selbstdarstellung ist immer ein sozialer Akt. Sie bedarf eines Publikums, einer Bühne. Weblogs dienen deshalb schon in ihrer einfachsten Erscheinungsform als digitales Tagebuch als Beziehungswerkzeug. Denn auch wenn man nicht explizit für ein Publikum schreibt, die Wahl des Internets als Medium der Selbstdarstellung nimmt Sozialität zumindest in Kauf. Die sich in der Blogosphäre entwickelte Kultur der Verlinkung (culture of links) fördert diesen Charakter noch, insbesondere durch das automatisierte Setzen von Referenzen (Trackbacks und Pingbacks) sowie die Neigung vieler Blogger, ihr soziales Kapital, das mit Angeboten wie Technorati direkt quantifizierbar scheint, zu vermehren.
    • Informations- oder Wissensmanagement: Die beiden ersten Punkte skizzieren die Entwicklung vom digitalen Tagebuch zur entwickelten, gut vernetzten Blogosphäre. Aber man kann die Geschichte der Weblogs auch von einem anderen Startpunkt aus erzählen: der kommentierten Linkliste. In viele frühen Noch-nicht-ganz-Blogs wie zum Beispiel denen von Tim Berners-Lee oder Marc Andreessen bestanden die Einträge aus einer Sammlung Hyperlinks, die teilweise mit kurzen Kommentaren versehen waren, in etwas so wie die gegenwärtigen del.icio.us-Feeds. Hier geht es weniger um Identität oder soziale Beziehung, sondern der Fokus liegt hier auf dem Archivieren und Dokumentieren von Wissen. Diese Funktion findet man auch in vielen zeitgenössischen Weblogs wieder, so lassen sich meine viralmythen auch als elektronischer Zettelkasten betrachten und dienen auch der Vermittlung und Vernetzung von Wissen.

    Keine der drei Funktionen ist neu. Die eigene Identität lässt sich auch über ein papiernes Tagebuch konstruieren, Beziehungen per Visitenkartenaustausch pflegen und Wissen lässt sich in Büchern speichern oder in Briefen austauschen. Weblogs sind jedoch eine ungewöhnliche Kulturtechnik, in der diese drei Funktionen konvergieren und sich gegenseitig steigern lassen.

    Nun stellt sich die Frage, ob das alles auch für Mikrobloggingtechniken wie Twitter, Pownce oder Jaiku gilt. Also: Wie sehen Identitäts-, Beziehungs- und Wissensmanagement im mikrobloggerischen Kontext aus?

    • Identitätsmanagement: Ebenso wie mit Blogs lässt sich auch per Twitter die eigene Identität konstruieren und repräsentieren. Nur: 140 Zeichen sind natürlich viel zu wenig, um komplexe Gedankengänge auszudrücken, so dass es hier meist bei stenographischen Äußerungen bleibt, die sich immer wieder auf neue Technologien, Orte, Fernsehsendungen und Internetseiten beziehen. Viele Twitterati stellen ihre eigene Identität dementsprechend als technikkompetente, hypermobile, prokrastinierende Internetavantgarde mit einem chronisch untererfüllten Schlafbedürfnis dar (“3 Stunden Schlaf ist einfach zu wenig auf Dauer”).

      Bemerkenswert ist die Tatsache, dass man sich hier weniger als das Darstellt, was man ist oder erreicht hat (vergleiche die doch recht konventionellen Lebensläufe bei Facebook oder Xing), sondern als das, was man im Moment tut oder denkt. Für Psychologen ist es nichts neues, aber hier kann man das ganz konkret erfahren: Identität als Prozess.

    • Beziehungsmanagement: Mikrobloggen ist sozial. Vielleicht sogar etwas zu sozial. Denn wenn man nur die Statusmeldungen (“Tweets”) einer Person beobachtet (“follow”), dann wird man schnell bemerken, dass diese für sich nicht entschlüsselbar sind. Immer wieder (unter meinen Twitterkontakten variiert zwischen 1/5 und 1/4 liegen) taucht das Zeichen “@” auf, das für Reaktionen auf andere Tweets steht. Ohne die Ursprungsnachrichten sind diese Tweets unverständlich.

      Insofern besteht ein epistemologischer Anreiz zur Sozialität: Je mehr Kontakten man followt, desto mehr vollständigere Konversationen bekommt man mit (dem ist natürlich aufgrund der Netzwerkstruktur nicht so, denn mit jedem neuen Kontakt kommen neue unvollständigere Gespräche dazu). Mit Twitter lässt sich aber auch eine basale Kontaktpflege betreiben, da es die Grundfunktionen eines Social Networks besitzt (Profil, Kontakte hinzufügen und bestätigen, Avatare).

    • Wissensmanagement: Die Funktion des Wissensmanagements lässt sich mit Twitter, so hat es zunächst den Anschein, denkbar schlecht erfüllen. Denn es gibt nur rudimentäre Möglichkeiten, eigene oder fremde Nachrichten zu speichern und vor allem wiederzufinden. Die einzige Möglichkeit, die Twitter von sich aus mitbringt: Man kann bestimmte Nachrichten anderer Twitterati als Favorit abspeichern. Mittlerweile hat sich aber auch das Taggen von Nachrichten mit Hashtags (z.B. “#politik“) durchgesetzt und wird von Drittanbietern unterstützt, die sich der Twitter-Datenschnittstelle (API) bedienen. Dasselbe gilt für die Suche, auch hierfür gibt es mittlerweile Lösungen. Dennoch: Als digitales Notizbuch lässt sich Twitter schon aufgrund der Beschränkung auf 140 Zeichen nur schwer einsetzen.

      Aber: denkt man nicht nur in den klassischen Kategorien von Informationsspeicherung und -retrieval, dann lässt sich hier doch ein interessantes Potential von Twitter und anderen Mikroblogs erkennen: Die fragmenarischen, oft aphoristischen Meldungen sind immer wieder für Irritationen oder Anregungen gut (bisweilen erinnert das an Brian Enos Oblique Strategies), zudem erhält man auf diese Weise, je nachdem wer die eigenen Kontakt sind, täglich unzählige Links auf andere Internetseiten (Wissen in Gestalt von Hyperlinks). Die unvollständige Sozialität hat auch Folgen für das Wissensmanagement, denn oft sind interessante Gedanken erst in der Abfolge mehrerer – und vor allem verteilter! – Tweets erkennbar. Es kommt zu einer Sozialisierung des Wissens, einem sozialen sechsten Sinn, der sich durchaus in Richtung des Teilhard’schen Noosphäre denken lässt.

    Letztlich lässt sich, glaube ich, recht plausibel die These vertreten, dass auch per Twitter, Pownce und Jaiku Identitäts-, Beziehungs- und Wissensmanagement möglich sind. Aber die Einschränkung auf 140 Zeichen, die nur rudimentäre Vernetzung (es gibt zwar Permalinks, aber Antworten werden auf Personen, nicht Nachrichten bezogen, außerdem fehlen Track- und Pingbacks) sowie das nur wenig ausgearbeite Informationsretrieval lassen das Microblogging zunächst als defizitäre Variante des richtigen “Voll-Bloggens” erscheinen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass in diesen Einschränkungen gerade auch der Reiz und die Innovativität dieses Systems liegen, die Schlagworte lauten: Identität als Prozess, unvollständige Sozialität, aphoristisch-fragmentarisches Wissen. Für Twitter-Soziologen scheint genügend Material da zu sein.

    Nebenbei: Hier geht’s zu meinem Twitter-Feed



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    Mark Glase hat in seinem Blog Mediashift bereits vor einiger Zeit einen interessanten Beitrag verfasst, der verschiedene Spielarten hyperlokaler Nachrichtensysteme präsentiert und ihre Vor- und Nachteile gegenüberstellt. Zunächst zu dem Begriff: Was sind hyperlokale Nachrichten? Im Prinzip um Nachrichten, die von so begrenzter Bedeutung sind, dass sie nicht einmal im Regionalteil der Tageszeitungen vorkommen, ganz zu schweigen von überregionalen Medien:

    Hyper-local news is the information relevant to small communities or neighborhoods that has been overlooked by traditional news outlets. Thanks to cheap self-publishing and communication online, independent hyper-local news sites have sprung up to serve these communities, while traditional media has tried their own initiatives to cover what they’ve missed.

    Dabei geht es nicht nur darum, Nachrichten in den öffentlichen Diskurs einzuspeisen, die aufgrund ihrer begrenzten Relevanz keine Zeitung veröffentlichen würde. Zugleich besteht aber auch ein enger Zusammenhang mit der Herausbildung oder Festigung kleinräumlicher Gemeinschaften. Schon Benedict Anderson hat immer wieder auf die Bedeutung der Printpresse für die Herausbildung eines Gemeinschaftsgefühl (“imagined communities”) hingewiesen. Durch hyperlokale Nachrichten, so könnte man das Argument übertragen, entstehen hyperlokale Gemeinschaften, die zwar – im Gegensatz zu Staaten – noch zu einem großen Teil von face-to-face-Begegnungen getragen sind, aber dennoch von ihrer nachrichtlichen Integration profitieren. Eine wichtige Funktion hyperlokaler Nachrichten ist also auch “bringing like-minded people together online”. Oder wie Jan Schaffer es formuliert:

    News organizations need to construct the hub that will enable ordinary people with passions and expertise to commit acts of news and information. You need to be on a constant lookout for the best of these efforts, trawling the blogosphere, hyperlocal news sites, nonprofits, advocacy groups, journalism schools and neighborhood listservs. Your goal is to give a megaphone to those with responsible momentum, recruit them to be part of your network, and even help support them with micro-grants.

    Oftmals wird das Prinzip durch Onlineportale verwirklicht, in die jede Bürgerin “ihre” Nachrichten einstellen kann – ähnlich wie bei Digg oder Yigg, nur eben mit einer starken Lokalisierung der Meldungen. Eine konkrete Vorstellung davon bekommt man, wenn man sich für die USA die Northwest Voice (Bakersfield, California) oder YourHub (Denver) ansieht.

    Interessanterweise sind diese Nachrichtenportale trotz ihrer Fokussierung auf lokale Geschichten beschränkter Relevanz von der
    ganzen Welt aus erreichbar. Ein Bakersfielder, der in eine andere Stadt, in ein anderes Land gezogen ist, kann damit also weiterhin bis in die kleinsten Details über das Leben in seiner Heimatstadt informiert bleiben. Hyperlokalität ist also eine Spielart von
    Glokalität, ein Begriff, mit dessen Hilfe Sozialwissenschaftler die vielfältigen Ausprägungsformen der Dialektik global/lokal beschreiben. Man könnte auch sagen, Hyperlokalität ist die räumliche Manifestation des long tail.

    Mark nennt folgende Grundtypen hyperlokaler Nachrichtenseiten:

    • Selbstmoderierte Bürgermedien (citizen media), die ähnlich wie Digg funktionieren
    • An Zeitungsverlage angeschlossene Bürgermedien, die ausgewählte Beiträge auch in die Printausgaben übernehmen (reverse publishing)
    • Lokalblogs oder “Placeblogs” – auch in der deutschsprachigen Blogosphäre gibt es zahlreiche Städte- oder Regionenblogs
    • Aggregationsportale, die aus zahlreichen anderen Medien von Zeitungen bis Blogs, alle Nachrichten herausfiltern, die sich auf einen bestimmten Ort beziehen
    • Kommentierte Karten – ein prominentes Beispiel ist das Mashup ChicagoCrime, das Verbrechen in Chicago geolokalisiert, aber auch Qype könnte man hier einordnen
    • Mobiler Journalismus, also Journalisten mit Laptop, Fotohandy etc., die von unterwegs Nachrichten sammeln und veröffentlichen
    • Emaillisten und Foren, zum Beispiel von Bürgerinitiativen

    Welche Beispiele gibt es noch für hyperlokale Nachrichtenseiten in Deutschland? Wenn Nico Lummas Prognose, “Hyperlocal News erstaunt Tageszeitungen und bringt den lokalen Anzeigenmarkt durcheinander” für das Jahr 2008 zutreffen sollte, müssten man bereits die ersten Ansätze erkennen können.

    Erfreulicherweise gibt es zu dem Thema auch ein Podium, u.a. mit Steffen Büffel, auf der re:publica: “Von Placeblogging und Stadtwikis: Bürgerjournalismus und -kollaboration auf kommunaler Ebene” (via)



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    180px-juergenhabermas.jpgJürgen Habermas betont in seiner vielbeachteten Rede zur politischen Kommunikation in der Mediengesellschaft, die gerade eben auch in einem Suhrkamp-Bändchen abgedruckt wurde, die Wichtigkeit einer Feedbackschleife zwischen Politik und Zivilgesellschaft. Nur so können die Grundprinzipien der deliberativen Demokratie verwirklicht werden, die anders als die liberale (Freiheit) oder republikanische (Partizipation) auf eine wahrnehmbare öffentliche Meinung als Öffnung der Politik für die Gesellschaft setzt. Die veröffentlichten Meinungen dienen als “networks for wild flows of messages” als Deliberationsarena auf politischer Grassroots-Ebene.

    Natürlich ist die Unabhängigkeit und Selbst-Regulierung des Mediensystems eine wesentliche Bedingung für einen unverzerrten öffentlichen Diskurs — Gegenbeispiel sind Banalisierung (Berlusconi) oder Verfälschung (Irakkrieg) der Medienberichterstattung. Insofern müssten doch eigentlich die vielen Weblogs ein wertvolles deliberatives Element in der Mediengesellschaft darstellen, oder? Habermas sieht das in dem Fall gegeben, wenn es gegen die autoritäre geht: Weblogs können hier einen zusätzlichen, authentischen Nachrichten- und Meinungskanal eröffnen und der öffentlichen Meinung zur Veröffentlichung helfen (das hält auch Jeff Jarvis für ein wichtiges Element einer “Open Source-Demokratie”).

    Dann kommt aber Habermas kritische Einschränkung: In liberalen Regimen mit unabhängigen Mediensystemen ist diese Funktion überflüssig und Grassrootsmedien wie Weblogs sind eher eine bedrohliche Erscheinung, da sie zur Fragmentierung der politischen Öffentlichkeit in zahlreiche Mikroöffentlichkeiten beitragen. Mit Jan Schmidt kann man dieses Phänomen auch als “persönliche Öffentlichkeiten” beschreieben, also winzige Gruppen von zum Teil namentlich bekannten Personen, für die manche Mikropublisher schreiben.

    friendfeed.pngVerstärkt wird dieses Phänomen zudem durch die Syndizierungsmöglichkeiten von Web 2.0-Inhalten. Mittels RSS- und Atom-Feeds können Bloginhalte nicht mehr nur auf der Bloghomepage selber gelesen werden, sondern auch mit Feedreadern online und offline. Dienste wie FriendFeeds ermöglichen darüber hinaus auch noch, die Feeds an anderer Stelle – eben auf dem eigenen FriendFeed – zu kommentieren: “Verlagerung der Diskussionen” lautet mittlerweile die gängige Formel dafür. Die Diskussion über die in einem Blogpost vertretene Meinung wird damit noch weiter fragmentiert, so dass die Autorin teilweise gar nicht mehr mitbekommt, ob und wo über ihren Beitrag diskutiert wird. Habermas würde das nicht gefallen. Denn so wird nicht nur die politische Öffentlichkeit “into a huge number of isolated issue publics” zersplittert, sondern auch der Diskurs in eine große Zahl isolierter Diskursfädchen. Niemand hat mehr einen Überblick über den Stand der Debatte, so dass die Aufmerksamkeit in dieser Mikrokultur zunehmend zerfasert.

    Aber diese Entwicklung lässt sich womöglich auch ins Positive wenden. Ein wesentliches Hindernis für die Entfaltung wirklich freier Konversationen in der Blogosphäre ist die Kommentarhaftung des Betreibers. In Kurzform: Wenn jemand in einem Kommentar auf einen Blogpost das Maß überschreitet, wird nicht diese Person selbst zur Verantwortung gezogen, sondern der Betreiber muss für seine Ausfälle haften. So als müsste für eine Beleidigung im Landtag der Landtagspräsident die Konsequenzen tragen. Viele Blogger werden dadurch unfreiwillig in Blogwarte oder breitschultrige Türsteher verwandelt, was im Gegensatz zu einer medienmündigen “sich-selbst-veröffentlichenden Gesellschaft” steht.

    Ich fürchte, die Rechtslage diesbezüglich ist noch nicht geklärt, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich für die Äußerungen anderer Personen in “meinem” FriendFeed, SocialThing oder Noserub oder anderen derartigen Diensten verantwortlich gemacht werden kann. Insofern bietet die Fragmentierung der Kommunikation den Vorteil, auch kontroverse Artikel an einem “sicheren Diskurshafen” diskutieren zu können. Könnten nicht zum Beispiel Niggemeiers CallActive-Beiträge, bei denen aus nachvollziehbaren Gründen die Kommentarfunktion deaktiviert ist, dort einem öffentlichen Diskurs zugänglich gemacht werden?

    Eigentlich müsste es doch möglich sein, ein WordPress-Plugin zu entwickeln, das die verteilten Kommentare aus FriendFeed, del.icio.us oder Digg einsammelt und mit dem Blogeintrag zusammen anzeigt. Oder gibt es das schon?

    (Bild: “Jürgen Habermas”, Quelle: Wikipedia, CC-Lizenz)



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    Vor einiger Zeit hatte ich an dieser Stelle die Frage gestellt, ob wir eine “Arbeitsgemeinschaft Blog- und Communityforschung” bzw. eine “Forschungsgruppe Social Media” oder wie auch immer der Namen lauten könnte (Vorschläge sind sehr willkommen) brauchen, um das Erforschen und Vermessen der Blogosphäre nicht den großen Publishern zu überlassen, sondern selbst in die Hand zu nehmen. Ich könnte mir gut vorstellen, für diesen Zweck einen Verein zu gründen, der dann nicht nur wissenschaftliche Studien zur Blog- und Social Media-Forschung durchführen bzw. beratend daran mitwirken könnte, sondern auch so eine Art öffentliche Informationsstelle für die deutschsprachige Blogosphäre werden könnte. Gerade auch um den vielen Vorurteilen und Fehlinformationen darüber entgegenzuwirken. Aber auch die Lobbyarbeit für BloggerInnen könnte eine Perspektive für einen solchen Verein sein.

    Da die Reaktionen per Kommentar, in anderen Blogs und per Email größtenteils positiv, in einigen Fällen sogar enthusiastisch waren, würde ich gerne etwas konkreter mit euch über dieses Thema diskutieren. Markus hat uns – besten Dank dafür! – in Aussicht gestellt, für diesen Zweck einen Workshop-Slot auf der re:publica in Berlin zu erhalten, entweder am Mittwoch, 2.4. um 20:00 oder Donnerstag, 3.4. um 10:00 oder 20:00. In guter Web 2.0-Tradition habe ich für die diesbezügliche Terminplanung ein Doodle eingerichtet und würde alle Interessenten bitten, sich dort möglichst bald mit Name und Terminwunsch einzutragen (dauert nur ein paar Sekunden und geht ohne Anmeldung):

    blogforschung.png

    Bleibt außerdem noch zu klären, welche Themen es auf einer solchen Sitzung zu besprechen gibt. Mich würden schon einmal die folgenden Dinge interessieren:

    • Perspektiven der Blog- und Social Media-Forschung: Was wissen wir? Was wollen wir alles wissen?
    • Qualitätsindikatoren: Wie misst man die Qualität eines Weblogs?
    • Ratings, Charts und Toplists: Ökonomisierung oder Professionalisierung der Blogosphäre?
    • Welche Aufgaben könnte ein Verein / eine Forschungsgruppe / eine Arbeitsgruppe zur Blogforschung oder Social Media-Analyse übernehmen?
    • Blogger oder Micropublisher: Wie breit, wie eng sollte der Fokus einer solchen Forschungsgruppe angelegt werden?
    • Wie könnte Öffentlichkeitsarbeit oder Lobbyarbeit für Blogger und andere Micropublisher aussehen?

    Soviel erst einmal von meiner Seite. Welche Themen interessieren euch noch – aus wissenschaftlicher, politischer oder sonstiger Perspektive?



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  • Prof. Dr. WordPress

    Die Frage, wo denn die ganzen bloggenden Professoren, Forscher und Dozenten seien, hatten wir ja schon mehrere Male hier oder an anderen Orten ausgiebig diskutiert (auch die Netzeitung hatte das Thema seinerzeit aufgegriffen). Mit dem Wissenschafts-Spartenkanal der metaroll lässt sich nun ein erstes Gesamtbild der wissenschaftlichen Subblogosphäre zeichnen.

    Zunächst die frohe Botschaft: es gibt sie, die bloggenden WissenschaftlerInnen und Wissenschaftlerblogs und es sind mehr als man denkt. Mehr als 200, aber wahrscheinlich noch weniger als 300 dürften es alles in allem sein. Wenn man überlegt, dass noch vor einem Jahrzehnt “Homepages” eine Besonderheit von Informatik-Lehrstühlen darstellte (ich hatte damals selbst einige Lehrstuhlhomepage-Premieren verwirklicht), ist das doch ein recht ordentliches Ergebnis.

    Interessant ist auch die Tatsache, dass es bei den Wissenschaftsblogs gar keinen so ausgeprägten Long Tail gibt, wie man auf in dieser Grafik gut erkennen kann (aufgezeichnet ist die Anzahl der Verlinkungen in den letzten 6 Monaten, Technorati-Authority):

    Es gibt einige Blogs, die sehr oft verlinkt werden, dann ein recht breites Mittelfeld und schließlich einige Blogs, die nie oder fast gar nicht verlinkt werden. Aber das sind nicht so viele wie in der “großen” Blogosphäre. Beim Durchforsten der Blogrolls nach Wissenschaftsblogs bin ich wieder auf einige Blogs gestoßen, die ich noch gar nicht kannte, was einmal mehr das Zweite Grundgesetz der Blogosphäre bestätigt:

    Zu jedem Thema gibt es immer noch mindestens ein Blog, das man noch nicht kennt.

    Deshalb liebe Kollegen Wissenschaftsblogger: vernetzt euch, verlinkt euch, kommt ins Gespräch, quer zu den Disziplinen, quer zu den politischen Orientierungen! Denn mit der internen Vernetzung steigt auch die externe Vernetzung und Sichtbarkeit.

    Um nicht nur die Topblogs zu verlinken, hier ein paar interessante Wissenschaftsblogs aus den “hinteren Bereichen” der Liste:

    • Im GeDICKicht wirft Richard Zinken bloggerisch einen wissenschaftlich geprägten Blick auf Gedichte. Es geht dabei weniger als um eine Analyse der Lyrik als vielmehr um das frei-assoziative Erkunden von Verbindungen zwischen den Welten der Poesie und der Wissenschaft. Etwas ähnliches machen wir auch in unserer Molekularküche – dort geht es aber um das Terrain zwischen der Kochkunst und der Wissenschaft. Er sollte nur bald einmal wieder etwas schreiben, der Herr Zinken!
    • Von interaktive Lernumgebungen über eAssessments bis hin zum eMobbing reicht die Themenvielfalt des Blogs von Karsten D. Wolf, der an der Uni Bremen zum Thema “Didaktische Gestaltung multimedialer Lernumgebungen” forscht und lehrt.
    • BlogSchafftWissen ist ein spannendes naturwissenschaftlich ausgerichtetes Blog, das ruhig etwas mehr Beachtung finden dürfte. Dort bloggt Klaus Delueg von Südtirol aus immer wieder interessante Beiträge über den Klimawandel.
    • Seit Januar bloggt Tobias Eberwein vom Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund auf coolepark.de zu journalistisch-medienwissenschaftlichen Themen. Da werde ich auf jeden Fall öfters einmal hineinsehen.
    • Ich kann es kaum glauben, aber dem Archiv nach gibt es das Blog von Karl-Heinz Pazzini, Erziehungswissenschaftler an der Uni Hamburg, schon seit 1996. Die Postingfrequenz ist zwar sehr gering (z.T. nur zwei Beiträge im Jahr), aber dafür findet man dort einige spannende Videos zur Zukunft der akademischen Lehre.
    • ePUSH ist der Selbstbeschreibung nach “ist Vernetzungs- und Integrationsprojekt, das innerhalb der Laufzeit von zwei Jahren Strukturen der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft [der Uni Hamburg, BK] zusammenführen, entwickeln und nachhaltig etablieren soll.” Hier ist das Projektblog dazu.
    • Hier bloggt der homo sociologicus Martin Booker über … richtig! Soziologie. Gehört natürlich auch in jeden gut sortierten sozialwissenschaftlichen Feedreader.
    • Ebenfalls erst seit gerade eben in meinem Feedreader ist “Hobohms Library and Information Science Blog“, in dem Hans-Christoph Hobohm von der FH Potsdam über Social Software im Bibliothekswesen bloggt.
    • Fast schon vor meiner Haustür gibt es dann auch noch das Piazza-Blog des Instituts für Kommunikationswissenschaften der LMU, für das sowohl Professoren und Instituts-Mitarbeiter als auch Studenten und Alumni schreiben. Klasse Idee. Auch dieses Blog kannte ich bisher nicht, es ist nicht einmal bei Technorati verzeichnet.
    • Außerdem interessant: “Nach der Uni ist vor der Uni“, ein klassisches PhD-Blog von Barbara Rampf, Doktorandin am gerade erwähnten Institut für Kommunikationswissenschaften der LMU.

    Viele der Wissenschaftsblogs in der Liste findet man auch im Wissenschafts-Café, wo man demnächst vielleicht sogar spartenbezogene Feeds abonnieren kann. Ansonsten sei auf die noch jungen Portale Scienceblogs.de und die Scilogs verwiesen, in denen sich viele sehr interessante Blogs finden, von denen es sicher einige ganz nach oben schaffen werden.

    Weitere Hinweise auf Wissenschaftsblogs, die in der metaroll-Liste noch nicht verzeichnet sind, bitte in die Kommentare. Danke!



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