Wolkige Semantik – Clouds und Grids

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Dein Reich ist in den Wolken
und nicht von dieser Erde
(Brentano)

In einem sehr informativen Beitrag beschreibt Martin Weigert das Phänomen des „Cloud Computing“. Was ist darunter zu verstehen?

Als Cloud Computing wird ein Zustand bezeichnet, bei dem Anbieter von Internetdiensten die benötigte Software und Hardware nicht mehr selber betreiben, sondern an externe Dienstleister auslagern. Diese verfügen über leistungsstarke Datencenter und stellen Webunternehmen die gewünschten/benötigten Ressourcen für ihre Applikationen gegen Entgelt bereit.

Viele der Webservices wie Gmail oder YouTube funktionieren bereits auf der Grundlage von Clouds: die Daten werden nicht auf dem heimischen Rechner gespeichert und auch nicht unbedingt auf dem Rechner, auf dem die Internetanwendung läuft – häufig ist dieser selbst gar nicht mehr eindeutig identifizierbar, sondern die Anwendungen arbeiten gewissermaßen auf einem verteilten Netz von Rechnern. Die Vorteile sind: Ausfallsicherheit und Skalierbarkeit.

Damit wird das Grundprinzip (und Erfolgsgeheimnis) des Internet überhaupt fortgesetzt: die mehr oder weniger willkürliche Verteilung von Aufgaben auf ein Netzwerk. Schon das Protokollpaar TCP/IP funktioniert so, dass bei einer einzelnen Internetanfrage nur Start- und Zielpunkt klar identifizierbar sind, nicht aber die zahlreichen Stationen, über die eine Nachricht durch das Netz geleitet wird. Das Netz ist eine Black Box, in der zahlreiche Mikroeinheiten selbständig entscheiden, auf welchen Weg eine Nachricht weitergereicht wird.

Mit dem Cloud Computing wird auch der Zielpunkt von Anfragen unscharf, denn dieser Rechner leitet ebenfalls nur Anfragen an ein weiteres Netzwerk – die Cloud (z.B. Amazons EC2 oder Mosso) – weiter, in der dann tatsächlich die Datenabfragen stattfinden. Im alten Netz war es tatsächlich eine Ressource, die ich abfragen konnte. Eine Textdatei, die dann physisch auf meinen Rechner transferiert („abgerufen“) wurde. Wenn jemand diese Datei gelöscht hat, war sie nicht mehr abrufbar. Mit der „Vercloudung“ des Netz wird auch diese Datei zum Simulacrum. Gleichzeitig verliert auch der Ausgangspunkt der Ressource an Bedeutung: Das Betriebssystem ist selbst eine Cloud und findet online statt. Martin nennt icloud, Cloudo, eyeOS, ajaxWindows, myGoya und jooce als frühe Beispiele – Google, Facebook und Microsoft werden vielleicht folgen.

Doch möglicherweise ist das Cloud Computing nur der Übergang zu einer noch viel grundlegenderen Auflösung: dem Grid-Computing oder Grid-Hosting(siehe auch hier). Denn man kann einzelne Clouds wie zum Beispiel die einzelnen Datencenter von Google oder Amazon immer noch identifizieren – zwar nicht der Nutzer aber die Programmierer, die auf die Clouds zurückgreifen. Der Begriff trifft es eigentlich recht gut: Wolken kann man zumindest kurzzeitig klar voneinander abgrenzen, allerdings neigen sie dazu, ihr Erscheinungsbild über die Zeit zu verändern, sich zu teilen oder zu verschmelzen.

Im Grid geht diese wenigstens vorübergehende Unterscheidbarkeit ebenfalls verloren und das Grid „entscheidet“ selbst, welche Schritte der Datenverarbeitung auf welchen Rechnern oder eben Clouds ausgeführt werden – ähnlich wie das TCP/IP-Protokoll. Das Netz wird zum eigenständigen Akteur bzw. einer nicht-deterministischen Maschine im Sinne Heinz von Foersters: Man kann Inputs und Outputs noch einigermaßen feststellen, doch davon nicht auf die Prozesse schließen, die im Inneren der Black Box abgelaufen sind, um die Inputs in Outputs zu verwandeln.

Aktuell kenne ich aber nicht besonders viele brauchbare Anwendungsfälle des Cloud/Grid-Computing. Eine spannende Sache ist das Zusammenschalten von mehreren Wörterbüchern im Wörterbuchnetz. Was gibt es da noch?

(Abbildung “Power Grid” von JeffersonDavis)



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