Der heilige Gral der Konsumkulturen

parziv_cgm19_50v.jpgAndreas Göldi hat im Medienkonvergenzblog einen äußerst lesenswerten Beitrag über Amazon.com geschrieben. Seine These: Amazon.com ist wichtiger als Google, iTunes, Facebook und eBay. Er spricht dabei auch die related items-Funktion an:

Und noch interessanter: Aus dem Kaufverhalten ergibt sich eine Art implizites soziales Netzwerk von Geschmacksgenossen. Für mein Shoppingerlebnis ist das “Andere Leute, die sich dieses Produkt gekauft haben, haben auch folgende Produkte gekauft” von Amazon viel wichtiger als die ziemlich ungefilterten (und darum bisher grandios erfolglosen) Produktempfehlungen auf Facebook. Nur weil ich mit jemandem bekannt bin, heisst das noch lange nicht, dass ich auch den gleichen Geschmack habe wie diese Person — oder unbedingt wissen will, was die Person gut findet.

Ich würde hier noch weiter gehen und von dieser Funktion und vor allem der Möglichkeit, die Daten über APIs abzugreifen, als eine Art “heiliger Gral der Erforschung von Online Konsumkulturen” sprechen. Gerade die Diversifizierung des Unternehmens, das nicht nur Bücher anbietet, sondern auch Computer, Küchengeräte, Spielzeug – so ziemlich alles, was man sich in seine Wohnung stellen kann -, ermöglicht es, holistische Konsumkulturen zu erforschen.

Das Ergebnis ist also viel mehr als einfache Produktempfehlungen à la “wer X kauft, kauft mit einer Wahrscheinlichkeit von Z auch Y” bzw. Konsumentenverhalten, sondern Lebensstile. Das aus diesen Daten ableitbare Netz der Dinge lässt sich z.B. im Sinne der Southern School of Marketing (Cova, Badot) als postmoderne neotribale Gemeinschaften deuten – als Blaupause für Commercial Communities. Und zum Teil auch als materieller Kontext für die neuen “digital empowered consumers”, hinter denen die Marktforscher derzeit her sind.

Der große Vorteil liegt dabei nicht nur in der großen Zahl von Produktbeziehungen, die in der Amazon-Datenbank abgespeichert sind, sondern in ihrer automatisierbaren Verarbeitung. Ich hatte vor einiger Zeit mit der Entwicklung eines Analysetools begonnen, das genau diese Produktnetzwerke – das lässt sich aber ohne Probleme auf Markennetzwerke übertragen – abruft und visualisiert wie z.B. hier für den “Stamm derer vom iPod Touch” (Klick zum Vergrößern):

(Anmerkung: Besonders interessant finde ich diese Grafik vor dem Hintergrund der Durchsetzung der Blue-ray Disc als Nachfolger der DVD. Zumindest für dieses Netzwerk ist die Verbindung deutlich: Apple – Playstation – Blue-ray. Keine Spur von HD-DVD.)

Noch scheint dieser enorme vernetzte Wissenspool weder von der akademischen noch der privatwirtschaftlichen Konsum- und Markenforschung angezapft zu werden. Ich vermute jedoch, dass sich das sehr schnell ändern wird, gerade als Ergänzung für die eher qualitativ-textanalytisch ausgerichteten ethnographischen Verfahren der Onlinemarktforschung.



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  • 3 Response to “Der heilige Gral der Konsumkulturen”


    1. 1 Marc Trömel

      Hi,
      ich schaue immer mal wieder in dieses Blog. Und ich muss sagen, von diesem Artikel bin ich begeistert. Er trifft genau das, was ich seit Jahren zur Entwicklung der räumlich verstreuten Konsumkulturen im Sinne vom Martin Evans, Kozinets, Albert M Muniz Jr oder Eric Arnold predige. Gerade der Paradigmenwechsel von der Zielgruppe hin zu einer Szene, einer Gemeinschaft, einem Konsumentenstamm oder einer ganzen Konsumkultur ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten Schritte, den die Marktforschung und das Marketing in den nächsten Jahren dringend vollziehen muss.

      Neben der Ethnologie kann dies eigentlich nur die Netnography oder eine Kombination aus semantischen Analysen und tiefgehender qualitativer Forschung im Web 2.0 leisten. Die einfache Analyse von sozialen Netzwerken geht hier deutlich nicht weit genug. Wenn man das Thema verstehen will, muss man sich u.a viel mehr mit sozialen Rollen, Symbolen und Kommunikationsprozessen beschäftigen.

      Gerne können wir uns hierzu auch einmal außerhalb des Blogs austauschen.

      Viele Grüße
      Marc Trömel

    1. 1 der presseschauer » Andreas Göldi über Amazon
    2. 2 22.04.2008 « Frank sein Blog wo jetzt auch!

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